Briefspiel:Consigliowahl 1035 BF/Im Palazzo Zorgazo

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Praios 1035 BF Schauplatz: Stadt Urbasi, vor allem der Magistratspalast Entstehungszeitraum: April bis Juni 2013
Protagonisten: alle Mitglieder der Signoria Urbasis Autoren/Beteiligte: Aspoldo, Brahl, Dellapena, Di onerdi, Flaviora, Gonfaloniere, Horasio, Luntfeld, Macrin, Marakain, Novacasa, Ranfaran, Rondrastein, Storai, Toshy, Turani, ZarinaWinterkalt
Zyklus: Übersicht · Im Palazzo Broinho · Im Garten des Gonfaloniere · In dunklen Gewölben · Von Treppen und Pavillons · Im Fechtsaal · Im Palazzo Zorgazo · Im Studiolo · Turani-Reaktionen · Im Palazzo Zorgazo II · Bei den Dalidions · Darions Besuche


Vor der Wahl im Palazzo Zorgazo

Autor: Toshy

Duridanya schritt durch den L-förmigen Eingangstunnel unter dem großen Turm des Palazzos in den Innenhof. Zwei junge Burschen in grün-schwarz-goldenen Waffenröcken und mit Hellebarde bewaffnet standen genau auf der Linie, wo der Schatten des Turms der Sonne wich, die den gepflasterten Innenhof bestrahlte.
Duridanya war nachdenklich an diesem schönen Praiostag und hatte keine Augen für die zu voller Pracht erblühten Kletterrosen an den Mauern des Palazzo. Auch nicht für die Pferde, die sie sehr mochte, und die sie durch die beiden geöffneten Flügeltüren des Stalles anblickten, während sie von einem dicklichen Rotschopf und einem dürren Stallburschen gestriegelt wurden.
Sie hielt kurz inne und betrachtete die Gesichter der jungen Wachmänner, an denen sie soeben vorbeigeschritten war.
'Noch jünger als ich', fuhr es ihr durch den Kopf, 'und genauso verloren.'
Beide Wachen waren einst von Varosja Zorgazo aufgenommene Waisenkinder gewesen. Sie waren weder kriegserfahren, noch hatten sie je gesehen wie jemand diese Welt verließ und zu Boron auffuhr. Aber loyal waren sie allemal.
"Und darauf kommt es doch in diesen Tagen besonders an!" Murmelte sie vor sich hin und setze ihren Weg mit gesenktem Kopf fort. "Loyalität".

Statue der Schnitterin

Wieder schreckte sie aus ihren Gedanken. Sie hatte sich dabei erwischt wie sie dem Schatten der "Schnitterin" auswich. Jener Bronzestatue, die mitten im Innenhof des Palazzo Zorgazo stand und eine Art Wahrzeichen darstellte. Über diese nicht sonderlich furchteinflössende Abbildung einer rundlichen Frau mit freundlichem Gesicht gab es eine ganze Reihe Geschichten. Und eine davon fürchterlicher als die andere. Duridanya blickte auf das Gesicht der Frau. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass diese toten, bronzenen Augen sie beobachteten. Dass die verschlossenen Lippen sie anlächelten.
'Aber das ist ja auch kein Wunder', dachte sich Duridanya, denn ihre Büder hatten sich damals einen Spaß daraus gemacht und ihr eine dieser Geschichten erzählt, damals als ihr Vater sie das erste Mal mit nach Urbasi nahm. Fünf Jahre alt war sie gewesen, und musste sich von ihren Brüder eine Geschichte anhören, von 13 kopflosen Männern, die man eines Nachts um die Schnitterin gefunden hatte. Und das Blut, dass noch auf der Sichel klebte. Duridanya musste unwillkürlich auf die Sichel starren, die die abgebildete Bäuerin zur Ernte benutzte.
Warum machen Brüder so etwas? Warum erzählen sie ihrer kleinen Schwester vorm Schlafengehen eine Geschichte über eine Statue, die lebendig wird und Männer enthauptet? Und warum ließ sie sich als erwachsene Frau immer noch derart davon beeindrucken, dass sie sich nicht traute, auf den Schatten dieser Statue zu treten?
Sie schüttelte die unheimlichen Gedanken von sich und maschierte zielstrebig, wie es ihre Art war, auf die kleine Treppe rechts neben dem imposanten Geschlechterturm zu. Die Tür oberhalb der wenigen Stufen, die sie hastig hinauf schritt, war im Gegensatz zu der zweiflügeligen Tür des Geschlechterturms beinahe unscheinbar.

Ein lautes Knarren verriet ihre Absicht und ihr Schatten fiel ihr voraus, in einen mit Regalen, Büchern und ein paar Tischen voll gestellten Raum.
Ein alter Mann, in eine Robe gehüllt und auf einen Stock gestützt, beugte sich über die Schulter eines am Tisch sitzenden Burschen. Er nickte zufrieden, und in seinem faltigen Gesicht regte sich ein Lächeln.
"Gut gemacht", meinte er mit ruhiger, sanfter Stimme. "Aber nun lass mich und Signora Duridanya alleine. Wie es aussieht bedarf sie meines Rates. Und der ist nichts für die Ohren eines jungen Studioso."
"Natürlich, Meister Morales", verabschiedete sich der vielleicht Fünfzehnjährige. Er nickte Duridanya zu und murmelte eine Grußformel die sie jeden Tag so oft zu hören bekam, dass sie sie nicht mehr wahrnahm.
Sie zog ihre dunkelgrünen Seidenhandschuhe aus und schloss die knarrende Tür.

"Ihr seid weit über Achtzig und fast blind", sagte Sie mit unfreundlichem Ton. "Woran habt ihr mich erkannt, Tremante?"
Der alte Mann schmunzelte und drehte sich ihr zu: "Ihr seht 'IHR' sehr ähnlich."
"Ihr meint meine Urgroßmutter Savinya?", fragte sie und kam auf ihn zu.
"Wen denn sonst, du Dummerchen? Ich war zwar erst zehn, als sie diese Welt verließ, aber ich träume immer noch jede Nacht von ihr. Sie war eine imposante Frau, genau wie du es bist." Sagte er und ein kurzes Schweigen erfüllte den Raum.
"Also, was will mein Mädchen von einem alten Mann wie mir?"
Tremante Morales wahr wohl der einzige, der Duridanya ungestraft derart anreden durfte. Sie lächelte, schob ihm einen gepolsterten Stuhl hin und nahm sich ebenfalls einen.
"Bevor ihr zu Boron gerufen werdet, werde ich euch irgendwann eure freche Zunge abtrennen." Sagte sie lächelnd und sah ihrem einzigen Freund in sein mit tiefen Falten durchzogenes Gesicht.
"Die Wahl natürlich", sagte sie direkt wie immer und Meister Morales hob seine buschigen Augenbrauen.
"Ich dachte du hast deine Wahl getroffen?" meinte er väterlich. "Panthino war deine erste Wahl und Tarquinio hat die Unterstützung des Hauses wegen deines Cousins. Oder hat sich an deinen Ansichten etwas geändert?"
Sie überlegte lange.
"Panthino stammt aus einer großen Familie. Er bekam das Herrschen praktisch mit der Muttermilch", sie erwiderte Tremante Morales' Schmunzeln.
"Aber ich teile weder seine Ängste noch seine Visionen." Sie strich sich ihr Kleid glatt. "Und ob man ihm trauen kann?" Sie hob achselzuckend die Hände. "Dennoch denke ich, dass ich ihm folgen könnte. Er wäre eine gute Wahl. Und dennoch habe ich Bedenken."
Wieder schwieg sie. Doch als Tremante sich weigerte das Wort zu ergreifen, fuhr sie fort.
"Jedenfalls eine bessere Wahl als dieser Taugenichts, mit dem mein Cousin Abelmir so gern auf Falkenjagd geht. Von dem halte ich nicht sonderlich viel. Aber Abelmir setzt sich für ihn ein. Nunja, wir wissen alle, was passiert, wenn Abelmir jemandem die Treue schwört."*
Duridanya verzog einen Moment das Gesicht, als hätte sie auf etwas Saures gebissen.
"Tarquinio della Pena hat auch Panthinos Unterstützung, wenn ich mich da nicht täusche", brachte der alte Secretario der Familie als Einwand ein.
"Leomar oder Romualdo sollten wir unterstützen, die machen wenigstens etwas her", sagte Duridanya süffisant. "Aber die Urbet-Marvinko und die Salsavûr benehmen sich ja wie zwei Kinder, die sich um ihr Lieblingsspielzeug zanken. Jeder von beiden hat Angst, dass ihn der jeweils andere mit seinen Truppen den Sikram runter treibt."
Duridanya lachte.
"Männer und ihre Spielsachen! Als ob diese Stadt keine anderen Probleme hätte!" Sie seufzte. "Romualdo ist wenigstens ein Ehrenmann. Auch wenn die meist zuerst an Borons Tafel speisen."
Meister Morales strich sich durch sein wirres, graues Haar. "Willst du wirklich deine Loyalität mit einem der Männer brechen, dem du sie zugesagt hast, und die dir auch ihre Loyalität entgegen bringen?"
Sein Appell klang eindringlich und Duridanya wirkte einen Moment unsicher.
"Manche Loyalität muss man sich verdienen! Manche Loyalität ist käuflich, und wieder andere Loyalität sollte man benutzen um auch an sich selbst zu denken."
Der gebückt auf dem Stuhl hockende alte Mann lachte laut auf. "Du bist wahrlich die Nachfahrin der großen Savinya Zorgazo. Zu schade, dass ich nicht mehr lang genug leben werde um zu sehen, wie du zu einer wahrhaft großen Politikerin aufsteigst. Hör einfach auf deinen scharfen Verstand, dann wirst du es zu was bringen."
Duridanya lächelte ihm zu, legte ihre Hand auf die Schulter des Mannes, der mehr ein Vater für sie war als ihr eigener und schwieg. Während draußen im Innenhof die Sonne den Schatten der Schnitterin länger werden ließ.


*) Anspielung auf Abelmirs Treuegelöbnis gegenüber Fürst Traviano

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