Chronik Ramaúds/Alynias Meisterkurs/Begrüßung

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Dieser Text entstand im Rahmen des Briefspiels in Ramaúd und schildert die Ankunft Alynia Sanja ya Malachis' auf Schloss Ramaúd im Peraine 1041 BF.

Alynia ya Malachis war aufgeregt. Es war das erste Mal, dass sie allein auf Reisen war. Von Marudret bis Vinsalt hatte ihr Onkel sie noch begleitet, aber ab der Kapitale war sie auf sich gestellt gewesen, denn dort banden den Onkel politische Geschäfte. Alynia kam sich gleichzeitig sehr erwachsen und unheimlich unsicher vor.
Sie hatte versucht, in der rumpelnden Kutsche ein wenig zu dösen. Als sie sich nun aber ihrem Ziel näherte, blickte sie doch neugierig und aufmerksam aus dem Fenster.

Das Schloss, auf dem die Familie ya Ramaúd lebte, lag ein gutes Stück außerhalb der gleichnamigen Stadt, durch hohe Dünen und die dahinter verlaufende Küstenstraße vom Meer getrennt. Ein kleiner Fluss, der in den östlich gelegenen Sümpfen entsprang, war aufgestaut, um das Schloss mit einem See zu umgeben. An dessen Ufer lag eine kleine Siedlung, teils Gesindehäuser, teils ein Weiler, dessen Einwohner am Wandel und Handel des Adelssitzes teilhatten.
Alynias Kutsche war an der von der Siedlung hinüber zum Schloss führenden Brücke von vier gelangweilten Wachen mit dem goldenen Dreimaster auf der Brust angehalten worden. Die Nennung ihres Namens hatte ein nicht unfreundliches „Ihr seid willkommen“ erbracht, und der Einspänner durch insgesamt drei Tore rumpeln dürfen. Das eigentliche Schloss lag im innersten Mauerring und war vergleichsweise klein.
Doch Zeit für genauere Beobachtungen der Bauweise war keine. Ein Bediensteter im blau-goldenen Wappenrock begrüßte Alynia gleich nach dem Aussteigen, ein gut aussehender Lockenkopf mit gepflegten Manieren: „Im Namen des Barons ya Ramaúd und seiner Gemahlin begrüße ich, der Herold Poldoron ya Papilio, Euch hier im Schloss Ramaúd, Frouwelîn. Ich hoffe, Ihr hattet eine Anreise ohne Mühen und Zwischenfälle.“

Das Gästezimmer, das der Herold Alynia in einem der oberen Geschosse zuwies, erwies sich als durchaus gemütlich: „Das Svelinyazimmer”, öffnete Poldoron die Türe, „benannt nach der Schutzheiligen der Schönheit und Musik.“ In der Tat war hier alles in einem zu der Rahjaheiligen passenden Stil ausgestattet – bis hin zu einer urbasischen Gambe als Dekoration an der Wand.
Auf einem Waschtisch aus Zedernholz stand eine Schüssel mit warmem Wasser bereit (leicht nach Blüten duftend), Kern- und Duftseife, frische Tücher, eine pflegende Salbe und allerlei Utensilien, um sich nach der Reise zu erfrischen. Auf einem Sekretär – Alynia vermutete Rosenholz als Material – war eine Schale mit verschiedenen, eingelegten Früchten bereitgestellt, dazu ein Picker, um die Häppchen ohne klebrige Finger zu verspeisen.
„Sobald Ihr Euch erfrischt habt, zieht an diesem Glockenzug“, wies Poldoron auf einen Griff neben der Türe hin. „Ich werde Euch holen kommen – Kusine Rahjada empfängt Euch zum Nachmittagstee.“ Damit verabschiedete er sich förmlich.

Alynia ließ sich seufzend aufs Bett fallen. Sie war da und hatte den Erstkontakt gut überstanden. Nun ja, zumindest mit dem Herold.
Ihr Zimmer gefiel ihr. Besonders begeistert war sie von dem kleinen Spiegel aus echtem Glas, der direkt neben der Waschschüssel hing.
Schnell wusch sie sich den Reisestaub von Händen und Gesicht und richtete ihre dunkelblonden Haare. Da sie die Locken ihrer Mutter leider nicht geerbt hatte, neigte ihre Frisur dazu einfach zu zerfleddern. Als ein Page ihr Gepäck brachte, erinnerte sie sich auch wieder daran, dass es wohl angezeigt war, für den Empfang bei der Baronin ein frisches Kleid anzuziehen. Allerdings nahm Alynia zunächst einmal ihre Violine aus ihrem Kasten, überprüfte und stimmte die Saiten. Erst als sie sicher war, dass ihr Instrument die Reise gut überstanden hatte, kümmerte sie sich im ihr Äußeres.

Zur angekündigten Zeit tat sich vor Alynia die Doppeltüre in einen Salon auf. Sie trat ein und der Herold schlug einen kleinen Gong. Ein abgedämpfter Saitenton lenkte ihre Aufmerksamkeit sogleich zu einer Sitzecke, aus der heraus drei Augenpaare auf ihr ruhten. Signora Rahjada re Kust, die Hausherrin, hatte sie bereits beim Gastspiel auf Gut Zweiflingen gesehen. Die beiden etwa Dreijährigen, ein Mädchen und ein Junge, die zu ihren Füßen saßen und spielten, mussten ihre Zwillinge Madalinya und Kusmaro sein. Beide schauten die junge Musikantin neugierig an.
Ein viertes Augenpaar gehörte einem Kleinkind, das im Arm seiner Mutter saß und auf einer Holzfigur nagte – sicher der kleine Phecardin. Ein fünftes, das hinter Bernsteingläsern verborgen war, ihrem künftigen Lehrmeister. Ogdan Zahin saß in einem Armsessel, hielt eine Rebec in der Hand und schien in den Raum zu lauschen.
„Ich stelle vor: Alynia ya Malachis, angehende Virtuosin aus Marudret“, teilte der hübsche Herold dem Grüppchen mit.
Rahjada war sicher schon fast so alt wie Mama Adastria, dachte Alynia. Trotzdem wirkte die Baronsgemahlin in ihrem Kleid aus grauer Seide etwas scheu und zögerte, bevor sie die junge Geigerin zu sich winkte und mit leiser Stimme sagte: „Willkommen auf Schloss Ramaúd. Mein Gemahl, Baron Gishtan, ist leider nicht zugegen. Poldoron hat dir deine Unterkunft für die nächsten Monate gezeigt? Ich selbst habe danach geschaut, dass sie so eingerichtet ist, dass das Zimmer dir hoffentlich gefällt“, ergänzte sie wie zur Entschuldigung.
„Magst du etwas zu trinken? Minztee? Schwarzen Tee? Oder etwas Exotischeres? Kaffee? Tschokolattl? Und möchtest du vielleicht ein wenig über dich erzählen? Viel gesprochen haben wir bei deinem schönen Vorspiel im Park von Zweiflingen ja nicht.“
Alynia erinnerte sich, dass Rahjada neben ihrem jovialen Gemahl Gishtan und dem etwas unheimlichen Ogdan seinerzeit fast unsichtbar gewesen war und kaum drei Worte gesagt hatte. Sie wollte gleich einen guten Eindruck machen und begann zu berichten: „Danke, Euer Hochwohlgeboren, das Zimmer ist wunderbar. Viel größer und heller als mein eigenes und sogar mit Spiegel. Ich finde auch das Bett sehr bequem, zumindest erschien mir das nach dem Geschaukel in der Kutsche so. Aber ich bin mir sehr sicher, dort auch gut schlafen zu können. Tschokolattl habe ich noch nie gekostet. Aber ich habe schon davon gehört. Stammt es nicht aus Uthuria?"
Hier unterbrach Alynia, zum einen weil sie Luft holen musste - auch einer geschulten Stimme geht irgendwann die Puste aus - zum anderen, da ihr einfiel, dass man wohl zuerst knickste, was sie nun errötend und tief nachholte. "Oh.. ähm... und natürlich bedanke ich mich für die herzliche Aufnahme in Euer Haus und freue mich sehr, hier sein zu dürfen. Ich hoffe, ich werde mich als würdige Schülerin erweisen. Ich bin mir der Auszeichnung wohl bewusst. Außerdem soll ich Grüße bestellen von meiner Familie, insbesondere von meinem Onkel Fulvian ya Malachis und meiner Mutter Adastria."
Für ihren jugendlichen Redeschwall erntete sie von der Baronin wieder ein feines Lächeln, das tatsächlich nun weniger scheu wirkte. "Bitte setz dich doch zu uns. Und bitte sag nicht Hochwohlgeboren, ich bin doch keine Gräfin. Nicht einmal Baronin vom eigenen Recht. Signora Rahjada genügt, falls du förmlich sein möchtest." Die Hausherrin deutete auf einen freien Sessel. Alynia nahm Platz und wurde kurz von den Zwillingen abgelenkt, die sie neugierig begrüßten und ihr eine Puppe und ein Holzpferd namentlich vorstellten.
Als sie wieder hoch blickte, stand bereits eine Tasse mit einer dunkelbraunen, leicht dampfenden Flüssigkeit vor ihr, die sehr aromatisch duftete. "Tschokolattl", erläuterte die Hausherrin. "Versuch es ruhig, aber verbrenn dich nicht, es ist heiß."
"Oh! Aber, das schmeckt ja wie eine Sonate!", rief Alynia nach dem ersten vorsichtigen Schluck begeistert aus.

Meister Ogdan

Die Bernsteingläser waren die gesamte Zeit schon auf sie gerichtet gewesen. Erst nach dieser Bemerkung aber sprach Meister Ogdan: „Sag, Schülerin, kannst du den Geschmack hören?“
Augenblicklich wurde Alynia rot vor Verlegenheit. Sie zog ein wenig den Kopf ein, so als hätte man sie auf frischer Tat ertappt, und antwortete unsicher: „Eigentlich nicht, Meister Oktan. Ein Getränk hat ja keinen Klang. Aber manchmal, wenn ich etwas sehe oder schmecke oder auch fühle, dann habe ich dazu eine Melodie in meinem Kopf. Sie taucht einfach auf und nun… gibt dem Geschmack seine ganz besondere Note.“
Alynia zuckte hilflos mit den Schultern besser konnte sie das Phänomen nicht erklären. Besorgt blickte sie ihren neuen Lehrmeister und ihre Gastgeberin an. Würden sie sie für verrückt halten?
Dem schien nicht so: Die Signora wahrte ihren freundlich-zurückhaltenden Blick und schien immer mehr mit ihrem Sitz zu verschmelzen, nun da der Musicus das Wort ergriffen hatte. Und der hagere Ogdan strich sich lediglich durch seinen grauen Kinnbart, eher er seine Interpretation eines Lächelns zeigte: „Ich weiß. Geschmack gibt Töne. Töne geben Farben. Das ist ein Geschenk, das Xeledon nur wenigen Menschen macht. Einem von 25 vielleicht. Man kann es nicht lernen, wohl aber verlernen. Und viele Beschenkte tun Letzteres, noch bevor sie erwachsen sind. Aber man kann üben, es als Künstler zu nutzen. Und auch das wollen wir tun, solange du bei mir bist.“
Er griff Rebec und Bogen vom Tisch und stand auf: „Signora Rahjada, ich gehe mit Alynia in den westlichen Turm“, teilte er ohne Höflichkeitsfloskeln mit. „Trink aus, Mädchen, und merk dir die Note. Wir werden unsere Instrumente auf diese Schwingung stimmen und bis zum Abendbrot eine Tschokolattl-Elegie komponieren. Bist du bereit?“
„Aber ja...“ Eilig trank Alynia in großen Zügen von dem bittersüßen Getränk. Doch dieses mal blieben die Töne aus. Verdutzt runzelte sie die Stirn und hielt inne. Ihre Tasse war fast leer. So schloss Alynia die Augen und nahm ihren nächsten Schluck ganz bewusst, ließ ihn über die Zunge gleiten, spürte dem Geschmack - nach und augenblicklich entfaltete sich in ihrem Kopf wieder die Melodie, die wohl zu dem Kakau gehörte. „... jetzt bin ich soweit.“
Lächelnd stellte das Mädchen seine Tasse ab und erhob sich leise summend vom Tisch, um ihrem neuen Lehrmeister zu folgen. Dabei vergaß sie ganz, sich bei der Gastgeberin abzumelden. Nur schien es diese auch nicht zu stören.

(ka, wus)

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