Briefspiel:Im Auge des Chaos/Rahastes: Unterschied zwischen den Versionen
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„Soll ich den hohen Gästen ein paar Decken besorgen?“ fragte der Diener freundlich. Adaon nickte. „Ja bitte. Und wenn es geht, ruft doch meinen Großonkel [[Nepolemo di Malavista|Nepolemo]], sollte er da sein.“ „Er ist da, aber wie das so mit Personen Mitte 90 ist, es könnte etwas dauern, bis sein Geist an solchen Tagen klar genug für ein Gespräch ist. Gibt es sonst jemanden, der euer frühmorgendliches Anliegen bedienen kann?“ | „Soll ich den hohen Gästen ein paar Decken besorgen?“ fragte der Diener freundlich. Adaon nickte. „Ja bitte. Und wenn es geht, ruft doch meinen Großonkel [[Nepolemo di Malavista|Nepolemo]], sollte er da sein.“ „Er ist da, aber wie das so mit Personen Mitte 90 ist, es könnte etwas dauern, bis sein Geist an solchen Tagen klar genug für ein Gespräch ist. Gibt es sonst jemanden, der euer frühmorgendliches Anliegen bedienen kann?“ | ||
„Uns wurde [[Madolina ya Pirras]] nahegelegt.“ Fror nun auch Daria sichtbar. „Die Fachfrau für die Fachrichtung Familienhistorie, sehr wohl…“ Der Diener trat ab, während sich die drei in Richtung eines Kamins machten. Er war aus, denn schließlich war es Hochsommer. Aber es gab zumindest ein paar Sitzgelegenheiten und Bücher, in denen man schmökern konnte, bis Madolina oder Nepolemo eintrafen. | „Uns wurde [[Madolina ya Pirras]] nahegelegt.“ Fror nun auch Daria sichtbar. „Die Fachfrau für die Fachrichtung Familienhistorie, sehr wohl…“ Der Diener trat ab, während sich die drei in Richtung eines Kamins machten. Er war aus, denn schließlich war es Hochsommer. Aber es gab zumindest ein paar Sitzgelegenheiten und Bücher, in denen man schmökern konnte, bis Madolina oder Nepolemo eintrafen. | ||
Nevinia hörte langsam auf zu zittern als ihre völlig durchnässte weiße Robe sich langsam wieder erwärmte, woraufhin sich ihre Gedanken von eisiger Kälte und einem mit zerplatzen Leichenteilen gepflasterten Weg wieder anderen Dingen zuwandten. Wie hatte Praiodan von Weißfels einmal gesagt: “Es wird nie wieder einen besseren Moment geben das Werk Praios zu tun als diesen.” Also begann sie, da sie immer noch Horasierin war, die Einladungen zum Praiosdienst zum ersten seines Monats zu entwerfen. Es würde ja eh noch einige Zeit dauern, bis sie den anderen würde helfen können und bis dahin würde sie die Einladungen schreiben, die vielleicht dafür sorgen würden das so etwas nie wieder geschehen würde. <br> | |||
Daria glitt leise zu der jüngeren, recht angespannten Frau und warf einen Blick über ihre Schulter. Ihr Alter hatte sie nicht weniger neugierig gemacht. Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Das war etwas mit dem sie sich auskannte und es schadet nie, mit einer Priesterin auf gutem Fuß zu stehen. Bei Praioten ergab sich da nur selten eine Gelegenheit. “Möchtet ihr etwas Gesellschaft Donata Lumini?” <br> | |||
=== Erste Risse === | === Erste Risse === | ||
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Eine Etage tiefer hatten Nita, Rahjabella und Vigo inzwischen Rhymeo erreicht umd ln der Gerberstadt Avedane und Tharinda zusammengeführt. Auch sie waren nicht trocken geblieben, da der Sturzregen natürlich auch in die Höhle geflossen war und so die ein oder andere Stelle so hoch mit Wasser flutete, dass man durchwaten musste. Das Wasser war ihnen dabei teilweise bis zur Brust geschlossen. Nun aber waren sie nahe der Stadtmauer in der Gerberstadt. Und aus den Kanälen dieses Ortes roch es nach dem täglichen Handwerk der Bewohner. Ammoniak. Die fünf hielten sich parfümierte Tücher vor den Mund, doch den Geruch des steten Unrats konnte es kaum überdecken. Die Frage kam auf, ob [[Tarquinio della Pena|Tarquinio]] die Leute überhaupt empfangen würde, wenn sie rochen wie frisch gegerbtes Leder, aber Rhymeo versicherte ihnen, dass er seinem Vetter die Tür nicht verschließen würde. <br> | Eine Etage tiefer hatten Nita, Rahjabella und Vigo inzwischen Rhymeo erreicht umd ln der Gerberstadt Avedane und Tharinda zusammengeführt. Auch sie waren nicht trocken geblieben, da der Sturzregen natürlich auch in die Höhle geflossen war und so die ein oder andere Stelle so hoch mit Wasser flutete, dass man durchwaten musste. Das Wasser war ihnen dabei teilweise bis zur Brust geschlossen. Nun aber waren sie nahe der Stadtmauer in der Gerberstadt. Und aus den Kanälen dieses Ortes roch es nach dem täglichen Handwerk der Bewohner. Ammoniak. Die fünf hielten sich parfümierte Tücher vor den Mund, doch den Geruch des steten Unrats konnte es kaum überdecken. Die Frage kam auf, ob [[Tarquinio della Pena|Tarquinio]] die Leute überhaupt empfangen würde, wenn sie rochen wie frisch gegerbtes Leder, aber Rhymeo versicherte ihnen, dass er seinem Vetter die Tür nicht verschließen würde. <br> | ||
Zum Glück hatte sich der Rahjageweihte auch bereit erklärt, das Gespräch mit Tarquinio zu suchen und sah die Chancen in der Tat nicht als Hoffnungslos an. Er war sich sicher, wenn man ihm nur erzählen würden, was hinter den Mauern, die er bewachte geschehen würde, dann würde er die Seiten wechseln. Und wenn das geschähe, dann wäre dieser Putsch endlich beendet. Doch bis dahin musste man erst einmal ankommen. Möglichst, ohne sich zu übergeben. Angesicht des Gestanks eine wahre Geronsaufgabe. “Los gehts…” ging Nita nach vorne. Der Rest folgte ihr…zögerlich. | Zum Glück hatte sich der Rahjageweihte auch bereit erklärt, das Gespräch mit Tarquinio zu suchen und sah die Chancen in der Tat nicht als Hoffnungslos an. Er war sich sicher, wenn man ihm nur erzählen würden, was hinter den Mauern, die er bewachte geschehen würde, dann würde er die Seiten wechseln. Und wenn das geschähe, dann wäre dieser Putsch endlich beendet. Doch bis dahin musste man erst einmal ankommen. Möglichst, ohne sich zu übergeben. Angesicht des Gestanks eine wahre Geronsaufgabe. “Los gehts…” ging Nita nach vorne. Der Rest folgte ihr…zögerlich. | ||
Noch bevor der Ausgang in Sicht kam, kündigte er sich durch einen leichten Windhauch an. Kurz darauf stolperten sie ins Freie. "Du hast es geschafft!" Rahjabella umarmte die Verwandte ihres Stiefvaters überschwänglich. Die Leidensgenossen seufzten kollektiv erleichtert auf und gönnten sich ein, zwei Augenblicke, um in das ungewohnt helle Licht zu blinzeln und die frische, reine Luft zu inhalieren. Instinktiv griff Rahjabella in ihre Tasche, um ihr Parfümfläschchen hervorzukramen und den ekelerregenden Gestank, der überall an ihr klebte, etwas zu überdecken, doch sie musste es irgendwo verloren haben. "Dahinten ist das Lager.", bemerkte derweil Vigo Tarquinio della Penas Heer als erster. Die vier Adligen mussten nicht lange laufen, da kam ihnen eine gelangweilte Zweierpatroullie entgegen. Die Söldner zogen ihre Schwerter, als sie auf fünf Schritt herangekommen waren. "Halt! Wer seid ihr und was wollt ihr hier?" Der andere rümpfte die Nase. "Aus welchem Loch sind die denn gekrochen?" <br> | |||
Rhymeo trat nach vorne. "Das sind Signora [[Nita Origan]], Signor [[Vigo di Camaro]], Signora [[Rahjabella Solivino]] und ich bin Signor [[Rhymeo della Pena]], Vetter des Befehlshabers dieses Heeres. Ich verlange sofortigen Einlass ins Lager und eine Audienz bei meinem Vetter [[Tarquinio della Pena|Tarquinio]]. Die Audienz muss nicht sofort sein, in der Zwischenzeit würden meine Gefährten und ich ein Bad in Anspruch nehmen und uns etwas stärken. Ein Becher Wein wäre auch nicht schlecht." Die beiden lachten schallend los. "Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch das abnehmen.", rief der eine. "Ich glaube, der will uns sagen, dass sie aus der Stadt sind und einen ganz dringenden Todeswunsch hegen." Er kam mit gezücktem Schwert näher, da hielt ihn sein Kumpane am Arm fest. "He, warte mal, irgendwie... irgendwie sieht er Signor Tarquinio ähnlich." "Das liegt nur an dem Schnurrbart! Wenn ich mir so einen wachsen lassen würde, sähe ich ihm auch ähnlich." | |||
"Nein, der könnte wirklich verwandt mit ihm sein. Guck doch mal hin..." "Meine Herren", schaltete Rhymeo sich ein. "Lasst das doch meinen geschätzten Vetter entscheiden. Wenn ich gelogen habe, könnt ihr immer noch mit uns verfahren, wie ihr wünscht. Aber wenn nicht, wollt Ihr dann wirklich diejenigen sein, die den Verwandten Eures Anführers umgebracht haben?" Rahjabella hielt den Atem an. Man konnte beinahe zusehen, wie sich die Rädchen drehten, als die Söldner nachdachten. "Na gut, mitkommen.”, knurrte der erste “Und nur dass das klar ist: Wenn einer zu fliehen versucht, dann seid ihr tot, auch wenn Ihr der Vetter des Horas wärt." Natürlich kam keiner auf die Idee, auszutesten, wie ernst der Söldner es meinte. <br> | |||
Rahjabella fühlte sich nach einem Bad gleich viel besser. Man hatte ihr ein kleines Zelt, etwas Zeit für sich, eine Wanne, ein Stück Seife und schlichte neue Kleidung zur Verfügung gestellt, weil keiner der Söldner Lust hatte, sie mit ihrem jetzigen Gestank vor ihren Anführer zu schleifen. Der dunkelrote Stoff kratzte ein bisschen und hatte einen Alptraum von einem Schnitt, doch sie war froh, ihr zum Himmel stinkendes Kleid los zu sein. Als sie ihr Rahja-Amulett wieder umgelegt hatte, verließ sie das Zelt. | |||
"Folgt mir zu Signor della Pena, Signora.", sagte die Söldnerin, die vor ihrem Zeot postiert war. Dass sie es in freundlichem Tonfall sagte, machte es nicht weniger zu einem Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Doch immerhin wusste diese Söldnerin sich deutlich besser zu benehmen als die Söldner, denen sie eben gerade oder zuvor in Efferdas begegnet war. Sie nickte und folgte ihr. <br> | |||
Tarquinios Zelt war von Weitem durch die Größe im Vergleich zu den umstehenden Zelten zu erkennen. Vor dem Eingang steckte eine Standarte mit dem Wappen seiner Familie in der Erde. Zwei Söldner standen Wache und hielten Rahjabella nach einem knappen Nicken der begleitenden Söldnerin die Zeltplane auf. Sie war die letzte von ihnen. Nita, Vigo und Rhymeo hatten schon Tarquinio gegenüber Platz genommen. Alle Blicke folgten ihr, als sie sich vor dem Heerführer verneigte, 'Rahja zum Gruße' murmelte und sich dann auf dem letzten freien Stuhl niederließ. Tarquinio studierte sie einen Wimpernschlag lang von Kopf bis Fuß und blieb dabei an dem noch gut sichtbaren Bluterguss auf ihrer Wange hängen. <br> | |||
"Nun, da wir vollzählig sind, fahre doch fort, mein geschätzter Vetter.", sagte er dann an Rhymeo gewandt. "Und, Signora Solivino, bedient Euch gerne am Obst und am Wein, wie ich es auch Euren Freunden bereits angeboten habe." Er wies auf einen kleinen Tisch, auf dem eine Obstschale mit Äpfeln, Birnen, Pfirsichen und Trauben sowie eine Weinkaraffe und vier Becher bereitstanden. Erst jetzt merkte Rahjabella, wie hungrig und durstig sie war, also ließ sie sich das nicht zweimal sagen. Sie schenkte sich Wein ein und als sie den ersten Schluck kostete, hätte sie vor Entzücken beinahe aufschluchzen können. Es war Cassianti, der süßlich herbe Geschmack nach Heimat und Geborgenheit, der Wein ihrer Familie. Völlig überwältigt suchte sie Tarquinios Blick. Hätte sie doch nur aufmerksamer zugehört, als ihr Onkel Rahdrigo vor langer Zeit einmal erklärt hatte, dass jedes scheinbar zufällige Detail, jedes freundliche Wort, jede Höflichkeit einen Zweck für den Urheber hatte. Dann könnte sie jetzt vielleicht herausfinden, was für einen Zweck Tarquinio mit diesem Detail verfolgte. Doch sein Lächeln war unergründlich. <br> | |||
"Liebster Vetter, du kannst dir nicht vorstellen, was innerhalb der Stadtmauern passiert.", begann derweil Rhymeo. "Die [[Rondrikan-Löwen]] haben den Rahja-Tempel niedergebrannt!" Für einen Herzschlag hielten alle den Atem an. Von Tarquinios Reaktion hing jetzt alles ab. | |||
=== Irgendwo im Quarto Novo === | === Irgendwo im Quarto Novo === | ||