Briefspiel:Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung: Unterschied zwischen den Versionen

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|Ird. Datum=ab Juli 2025
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''"Selbstverständlich Protektorin, ich werde mit den Schreibern der Kanzlei heute noch alle notwendigen Dokumente vorbereiten."'' Er lächelte in einer servilen Geste. Sein Blick machte jedoch deutlich, dass er vermutlich bereits alles vorbereitet hatte, aber seine neue Dienstherrin mit seiner Tatkraft nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte.
''"Selbstverständlich Protektorin, ich werde mit den Schreibern der Kanzlei heute noch alle notwendigen Dokumente vorbereiten."'' Er lächelte in einer servilen Geste. Sein Blick machte jedoch deutlich, dass er vermutlich bereits alles vorbereitet hatte, aber seine neue Dienstherrin mit seiner Tatkraft nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte.


===[[Lianara von Streitebeck]]===
[[Bild:Lianara von Streitebeck.jpg|thumb|left|200px|Eine stolze Rechtsgelehrte in Diensten von Herzögen und Baronen - Lianara von Streitebeck]]
Eine Dienerin brachte ihr einen kleinen Mittagsimbiss, etwas Leichtes zu essen und zu trinken. Die anstrengenden Gespräche forderten ihren Tribut, ihr Genick war verspannt, ihr Kopf schmerzte. Also erhob sich Amelthona hinter ihrem Schreibtisch und ging ein paar Schritte durch das Arbeitszimmer. Sie öffnete auch eines der Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Nachdenklich schaute sie hinaus über die Parkanlage des Schlosses. Konnte [[Schloss Sewadâl]] der würdige Sitz des nächsten Barons oder der nächsten Baronin werden? [[Sewadâl]] war verglichen mit [[Sewamund]] nur ein kleines Dorf, nicht einmal 500 Einwohner - doch mit Sicherheit würde es wachsen, wenn es einen Baron beherbergte.
Nun, vor dieser Entscheidung standen noch einige weitere. Amelthona streckte ihren Rücken durch, ihre Arme, und sog die frische winterliche Luft durch ihre Nase ein. Dann trat sie einen Schritt vom Fenster zurück und schloss die Läden.
Einen Menschen hatte sie zu ihrem Bedauern enttäuschen müssen. Einen anderen hatte sie dafür äußerst zufrieden gemacht. Das nun anstehende Gespräch mochte entweder eines der leichteren oder eines der schwierigeren werden. In jeden Fall benötigte die Protektorin einen kühlen Kopf.
Kurze Zeit später saß sie als Protektorin Sewamunds wieder hinter dem Schreibtisch, in ihrem Herrschaftsbereich. Eine Dienerin führte die Richterin der Baronie Sewamund in das Amtszimmer und wollte ihr schon den Arm anbieten, den die mittlerweile über 80jährige Rechtsgelehrte rüde ablehnte und auf einen Gehstock gestützt, aber immer noch würdevoll aufrecht, ohne Hilfe zum Schreibtisch ging und sich unaufgefordert setzte.
Die Richterin hatte Platz genommen. Nicht hastig, nicht zögerlich, sondern mit jener knappen Selbstverständlichkeit, die aus jahrzehntelanger Autorität geboren wird. Der Gehstock ruhte nun quer über ihren Knien, beide Hände darauf gelegt, sehnig, von Altersflecken gezeichnet, doch ruhig und würdevoll.
Lianara von Streitebeck trug Schwarz. Nicht das matte Schwarz der Trauer, sondern jenes tiefe, würdige Dunkel welches in [[Phecadien]] so populär war. Ihr Kleid war altmodisch geschnitten, hochgeschlossen, mit schmalem Spitzenbesatz am Kragen und an den Handgelenken. Kein Schmuck, der um Aufmerksamkeit bat. Nur eine goldene Kette, daran ein Siegelmedaillon, schlicht gearbeitet, das Emblem von [[Praios]] kaum mehr als eine Andeutung. Es lag flach auf ihrer Brust.
Ihr Haar war vollständig ergraut, streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, den ein unscheinbares Netz hielt. Kein loses Haar, keine Nachlässigkeit. Ihr Gesicht war scharf geschnitten, die Wangen eingefallen, die Lippen dünn und fest geschlossen. Tiefe Falten durchzogen Stirn und Mundwinkel, doch nichts an ihr wirkte würdelos.
Die Augen, grau und kühl, musterten Amelthona nicht neugierig, sondern prüfend. Kein offener Widerstand, keine unterwürfige Geste. Der unerschütterliche Stolz einer Juristin, die dem [[Herzog von Grangor|Herzog von Grangorien]] bereits gedient hatte, ehe viele der heutigen Würdenträger überhaupt geboren waren, und die fast zwanzig Jahre lang Recht in Sewamund gesprochen hatte.
''"Protektorin"'', sagte Lianara schließlich. Ihre Stimme war trocken, überraschend klar für ihr Alter, ohne Zittern, ohne Wärme.
Ihre Haltung war aufrecht, trotz der über achtzig Jahre, trotz der offensichtlichen Gebrechlichkeit, die sich nur im langsamen Atem und in der Stütze des Gehstocks zeigte. Selbst im Sitzen wirkte sie unbeweglich, wie eine Statue, die man nicht versetzen kann, sondern um die man herumgehen muss.
Ihre Ausstrahlung war kühl, exakt, unversöhnlich mit Unordnung. Kein Trost ging von ihr aus, keine Milde. Aber auch keine Willkür.
''"Man sagte mir, Ihr wünscht ein Gespräch"'', stellte sie fest. Es war keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung.
Und sie machte deutlich: Dieses Gespräch würde nicht leicht werden.
Amelthona hatte die Richterin, die seit 18 Jahren das Amt der Richterin der [[Baronie Sewamund]] ausübte, betrachtet, versucht, sie einzuschätzen. Doch all das half nichts, sie durfte das Gespräch nicht aufschieben. ''"Signora Lianara, ich danke Euch für Euer Kommen."'' Die alte Richterin schnaubte. Amelthona ignorierte diese non-verbale Erwiderung. ''"Gut, ich denke, wir sollten gleich zum Kern dieses Termins vordringen."'' Die Protektorin, die knapp 30 Jahre jünger war als die Richterin, die auf ein bewegtes Leben und viele erfolgreiche Aufgaben, darunter gar am Herzogenhof, zurückblicken konnte, schaute ihr Gegenüber mit klarem und offenem Blick direkt in die Augen. ''"Euer Verwandter [[Irion von Streitebeck]] wurde als Baron seines Lehens enthoben. [[Cusimo Garlischgrötz|Comto Cusimo]], der [[Herzog von Grangor]], wird in absehbarer Zeit entscheiden und verkünden, wer den Thron der Baronie erhalten wird. Es wird nur kein Streitebeck sein."''
Lianara von Streitebeck ließ die Worte der Protektorin einen Moment lang im Raum schweben. Ihr schnaubendes Atemholen war kein Zeichen von Überraschung, eher von Missbilligung über eine allzu einfache Schlussfolgerung. Ihre grauen Augen verengten sich kaum merklich.
''"Das"'', sagte sie schließlich, ''"ist eine mögliche Einschätzung."''
Eine winzige Pause. ''"Jedoch nicht zwingend eine zutreffende."''
Sie nahm die rechte Hand vom Gehstock, glättete eine Falte ihres Ärmels, als ordne sie dabei zugleich ihre Gedanken. Die Bewegung war ruhig, kontrolliert, und sie erinnerte daran, dass diese Frau Jahrzehnte lang in Gerichtssälen sprach, in denen Männer und Frauen mit mehr Rang als Geduld gesessen hatten.
''"Ich will Eure Position nicht in Frage stellen, Protektorin"'', fuhr sie fort, und der Tonfall machte klar, dass genau dies nun geschah. ''"Der Herzog entscheidet. Das ist unstrittig. Ebenso unstrittig ist, dass Irion von Streitebeck als Baron abgesetzt wurde."'' Ein leichtes Nicken. ''"Das habe ich zur Kenntnis genommen."''
Amelthona hob die Arme, stellte sie aufgestützt auf die Ellenbögen auf den Tisch und legte ihre spinnengleich schlanken Finger aneinander. Sie mühte sich, den Blick nicht abzuwenden, sie würde nicht diejenige sein, die sich geschlagen gab.
Dann hob Lianara den Blick wieder, geradewegs, kühl.
''"Was ich jedoch nicht teile, ist die Annahme, dass damit jede streitebecksche Anspruchslinie erloschen sei."'' Ein Hauch von etwas, das beinahe Spott war, lag in ihrem Mundwinkel.
Die Protektorin erwiderte den Spott nicht, mühte sich um eine weiterhin ruhige, beinahe stoische Mine, um einen kühlen Gesichtsausdruck.
Sie lehnte sich minimal zurück, ohne ihre aufrechte Haltung zu verlieren.
''"[[Rondrarich von Streitebeck|Rondrarich Khadanio von Streitebeck]]"'', sagte sie nun, und der Name fiel mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er längst in einem Protokoll gestanden. ''"Adoptivsohn des letzten Barons, anerkannt, erzogen, vorbereitet. In den Augen des Rechts – und wichtiger noch: in den Augen der Baronie – ist er der einzig natürliche Kandidat."''
Ihre Stimme blieb trocken, fast nüchtern, doch darunter lag Überzeugung wie gehärteter Stahl.
''"Er ist nicht belastet durch die Entscheidungen seines Vaters, trat sogar in einem Akt übermütiger Rebellion den Rängen seiner Gegner bei."''
Sie hob eine Braue, kaum sichtbar, aber bewusst gesetzt.
''"Alles andere"'', fügte sie hinzu, ''"mag von Emporkömmlingen und Neidern diskutiert werden. Juristisch ist es zumindest...angreifbar."'' Ein Wort wie ein sauber geführter Schnitt. ''"Und vor allem unnötig."''
Für einen Moment ruhte ihr Blick fest auf Amelthona.
Diese schwieg einige Augenblicke, den Blick aus den eigenen Augen immer noch auf die Richterin gerichtet.
Dann...
''"Nun, Signora, Eure Argumentation mag logisch sein und sicherlich auch fundiert überlegt, wie ich es bei einer Person Eurer Kompetenz annehmen darf."'' Amelthona behielt den ruhigen, sachlichen Tonfall bei, den sie eigens für genau dieses Gespräch zurechtgelegt hatte. ''"Ihr mögt wirklich glauben, dass Rondrarich von Streitebeck einen Anspruch auf das neue Sewamund erheben könnte."'' Sie ließ diese Worte für einen kurzen Moment wirken. Dann löste sie die Finger voneinander, legte ihre Hände flach auf den Tisch und verschränkte die Finger ineinander. ''"Ich tue dies nicht. Welchen Nutzen hätte denn Comto Cusimo davon, nach diesen ganzen Konflikten, nach diesen Intrigen und vor allem nach dem Götterurteil in Gestalt der [[Götterurteil am Norderkoog|Schlacht von Sewamund]] einen Streitebeck durch einen anderen zu ersetzen? Genau."'' Sie kniff nun die Augen für einen kurzen Moment zusammen. ''"Nichts."'' Dann schüttelte sie kurz den Kopf.
Lianara von Streitebeck sagte nichts, nur ihr Mundwinkel zuckte kurz. Es war offensichtlich, dass die Sachlage völlig anders bewertete.
''"Und genau aus diesem Grund muss ich als Protektorin eine Zäsur vornehmen. Ihr versteht sicherlich, dass aus politischen Gründen und aus Gründen der Neutralität, ein derart wichtiges Amt wie das der Richterin der Baronie Sewamund  nicht mit einem Mitglied des [[Haus Streitebeck|Hauses Streitebeck]] besetzt sein kann?"'' Amelthona sprach klar und ruhig, kein Affront, kein Zorn, keine Herablassung lagen in ihrer Stimme, sie mühte sich um kühle Sachlichkeit.
Die alte Juristin ließ die Worte der Protektorin an sich abgleiten, als habe sie sie bereits erwartet. Kein Zucken, kein sichtbarer Ärger. Nur ein langsames, bedachtes Einatmen, das die Stille im Raum verdichtete.
Dann nickte sie. Ein einziges Mal.
''"Ich verstehe Eure Argumentation"'', sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, trocken, von jener Sachlichkeit, die nicht um Zustimmung wirbt. ''"Und ich erkenne sie als konsequent innerhalb des Rahmens an, in dem Ihr Euch bewegt."''
Sie hob den Kopf ein wenig, gerade so weit, dass ihre Haltung nicht mehr bloß sitzend, sondern wieder richtend wirkte.
''"Ich teile sie jedoch nicht."''
Der Satz fiel ohne Schärfe, ohne Polemik. Amelthona zeigte sich daher nicht überrascht. Sie zuckte nicht, sie lächelte nicht, sie neigte nur leicht den Kopf, neugierig, was nun folgen würde.
''"Neutralität"'', fuhr sie fort, ''"ist ein politisches Ideal. Recht hingegen ist ein praiosgefälliges Handwerk."'' Ein schmaler Zug um ihre Lippen. ''"Ich habe mein Leben damit verbracht, beides auseinanderzuhalten, wo andere es vermengen."''
Ihre grauen Augen ruhten fest auf Amelthona.
''"Dass meine Herkunft aus dem Hause Streitebeck nun als unvereinbar mit dem Richteramt betrachtet wird, ist..."'' Sie suchte kurz nach dem passenden Wort. ''"...folgerichtig. Nicht zwingend notwendig, aber folgerichtig."'' Ein leises, kaum hörbares Ausatmen. ''"Die Zeiten verlangen nach symbolischen Handlungen."''
Sie legte beide Hände fester auf den Gehstock.
''"Ich werde mich Eurer Entscheidung beugen."'' Der Tonfall machte unmissverständlich klar, dass dies kein persönliches Zugeständnis war, sondern ein Akt der Anerkennung von Autorität. ''"Nicht, weil ich sie für rechtlich überlegen hielte, sondern weil Ihr sie in Ausübung einer Befugnis trefft, die Euch vom Herzog selbst verliehen wurde."''
Ein winziger Funke Stolz blitzte auf.
''"Und ich habe lange genug am Hochgericht in Farsid gedient, um zu wissen, wann ein Urteil endgültig ist, selbst wenn es einem nicht gefällt."''
Sie richtete sich minimal auf, so weit es ihr Körper noch zuließ.
''"Ich habe achtzehn Jahre über die Baronie Sewamund gerichtet"'', sagte sie nun leiser, fast nüchtern. ''"Ich kenne die Menschen, die Konflikte, die Grauzonen. Wenn Ihr glaubt, dass ein Bruch notwendig ist, um Vertrauen zu schaffen, dann soll es so sein."''
Ein kühles, kontrolliertes Lächeln trat auf ihr Gesicht. Sie senkte den Blick einen Herzschlag lang, nicht als Zeichen von Unterwerfung, sondern der formalen Anerkennung.
Amelthona erwiderte diesen Blick klar. Auch wenn ihr bewusst war, auch wenn sie wusste, dass Lianara nicht ihre Kompetenz anerkannte, sondern lediglich die Befugnisse aus ihrer derzeitigen Position. War es eine Herabwürdigung Amelthonas? Möglicherweise. ''"Ihr mögt meine Argumentation nicht für überlegen halten. Das ist Eure Einschätzung. Ich mag dagegen halten, dass Eure Argumentation nicht mehr der neuen politischen Realität entspricht, die das Haus Streitebeck unter anderem selbst herbeigeführt hat."'' Sie winkte mit ihrer Hand, als wedelte sie einige unliebsame Insekten fort. ''"Einerlei."'' Sie hob den Blick wieder, den sie kurz beim Handwedeln gesenkt hatte, und schaute die alte Richterin an.
''"Mir geht es nicht darum, das Haus Streitebeck zu demütigen. Ich setze als vom Herzog aufgrund ihrer Kompetenz..."'' Sie betonte dieses Wort, als wollte sie sich bewusst rechtfertigen. ''"... ernannte Protektorin Sewakiens diese neue politische Realität um. Und ja, ich halte es für einen geordneten Übergang notwendig."'' Amelthona erhob sich nun selbst von ihrem Stuhl, das weite Kleid rauschte leise. ''"Für Euren weiteren Weg wünsche ich Euch nur das Beste."'' schloss sie nüchtern - und mit diesen Worten war mehr als nur ein Wunsch verbunden, sondern ein Abschluss, eine Verabschiedung.
Die nun ehemalige Richterin erhob sich langsam, streckte ihren alten Körper, hob ihr Kinn ein letztes Mal. ''"Vielen Dank, Signora Protektorin. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei Eurem herzoglichen Auftrag. Gehabt Euch wohl und möge der Götterfürst Euch stets den rechten Weg weisen."'' Sie deutete die Verneigung nur an, wandte sich dann wortlos um und verließ den Raum, ohne noch einmal zurückzublicken.
===[[Luidolf von Streitebeck]]===
[[Bild:Luidolf von Streitebeck.jpg|thumb|right|200px|Diplomat und Kronkonventspolitiker - Luidolf von Streitebeck]]
Unterbrochen von einer längeren Pause, die Amelthona dringend benötigte und die sie nicht nur für das Abendessen, sondern einen ausgedehnten Spaziergang über die Anlagen des Schlosses Sewadâl nutzte, folgte erst am Abend das letzte Gespräch dieses Tages. War schon der Termin mit Lianara von Streitebeck nicht angenehm gewesen, auch wenn sich die alte Richterin als erstaunlich fügsam erwiesen hatte - was nicht unbedingt an Amelthonas Überzeugungsarbeit, sondern eher an Lianaras Pragmatismus gelegen hatte - so würde mit Sicherheit der folgende Termin mit Luidolf von Streitebeck nicht besser werden.
Zurück im Arbeitszimmer, Solvolio war immer noch damit beschäftigt sich in der Kanzlei mit dem derzeitigen Stand der Herrschaften Sewadâl und Rigolmund vertraut zu machen, nutzte die Protektorin die Gelegenheit, um ihre Notizen zu Luidolf von Streitebeck noch einmal durchzusehen.
Sanft massierte sie sich dabei die linke Schläfe der Kopfschmerz wurde schlimmer, der Tag war anstrengend gewesen, und es wartete noch mehr Arbeit auf sie. Signor Luidolf war lange Zeit wohl Gesandter des [[Herzogtum Grangor|Herzogtums Grangor]] im mittelreichischen Herzogtum Nordmarken gewesen. Amelthona runzelte die Stirn und dachte nach. Weshalb war er abberufen worden? Was hatte ihn dazu bewogen, zurückzukehren und sich an den Hof seines Neffen zweiten Grades Irion von Streitebeck zu begeben. Vom herzoglichen Gesandten zum Delegierten des Barons von Sewamund im [[Kronkonvent]] erschien auf dem ersten Blick jetzt nicht unbedingt ein großartiger Karrieresprung zu sein.
Seit diesen Tagen hatte Luidolf als Delegierter vertreten und für die Baronie Sewamund die Privilegien von Sitz, Wort und Stimme im Kronkonvent ausgeübt. Sie wusste als Kronvögtin, dass gerade diese Rechte durchaus einträglich sein konnten. Nicht direkt in Gold sichtbar, sondern in Kontakten und Beziehungen - und diese Ressource, dieser Reichtum war beileibe nicht zu unterschätzen. Wenn Signor Luidolf nur irgendetwas von seinen Aufgaben verstand, dann war er nicht schadlos daraus hervorgegangen. Und was sie über den Delegierten vernommen hatte, ließ bereits erahnen, dass er ein durchaus erfahrener Diplomat und Politiker war, der sicher auf dem glatten Parkett der höchsten höfischen Gesellschaft zu tanzen vermochte.
Und jetzt? Sie starrte auf ihre Notizen. Irion von Streitebeck war nach seiner Absetzung als [[Baron]] von Cusimo Garlischgrötz zum [[Baronet]] erhoben worden, nur äußerst kurze Zeit nach dem [[Götterurteil am Norderkoog]]. Somit verblieben ihm zumindest ein Sitz im Kronkonvent. Amelthonas Finger blieb auf einem Wort liegen. Allerdings war Irion von Streitebeck auch als Gesandter des Herzogs nach [[Almada]] gesandt worden - war dies eine Ehre oder eine Verbannung? So oder so wurde Irion von Streitebeck erst einmal aus der Rotzenkugelfluglinie genommen, womöglich eine Gelegenheit, sich fernab potentieller Konfliktherde zu rehabilitieren. Oder am Fürstenhofe Almadas zu profilieren.
Sie nahm die Hand von ihrer Schläfe und starrte in den Raum. Ob Signor Irion seinen Verwandten bat, weiterhin als sein Delegierter zu fungieren? An sich war das eine Degradierung: von einem Delegierten eines Barons mit Sitz, Wort und Stimme zu dem eines Baronets nur mit Sitz. Dennoch konnte jemand mit entsprechendem Geschick bereits die Anwesenheit durch die Gespräche außerhalb der Sitzungen für sich gewinnbringend nutzen.
“Ach, es hilft doch nichts.” schalt sich die Protektorin selbst. ''"Was rätsele ich hier herum, ich kriege nur Kopfschmerzen von diesen Spekulationen."''
Kurz darauf saß sie wieder hinter dem Schreibtisch, der ihr mehr und mehr zu ihrem Schutzraum wurde und ließ die Dienerin den Delegierten Luidolf von Streitebeck eintreten. Natürlich gewährte sie auch ihm ihr freundliches, wenngleich distanziert-professionelles Lächeln. ''"Signor von Streitebeck, ich danke Euch für Euer Kommen, bitte, nehmt doch Platz."'' Sie deutete auf den Stuhl ihr gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches.
Luidolf von Streitebeck trat ein und sein Schritt war ruhig, kontrolliert, nicht eilig, nicht zögernd. Er wirkte wie jemand, der gelernt hatte, sich in Räumen zu bewegen, in denen jedes Wort Gewicht trug und jedes Zögern bemerkt wurde.
Er war um die vierzig, vielleicht ein wenig darüber, mit jener reifen Ausstrahlung, die weder Jugend noch Alter verleugnete. Dunkles, dicht gelocktes Haar rahmte sein Gesicht, an den Schläfen bereits leicht aufgehellt. Der Bart war kurz gehalten, gepflegt, mehr Kontur als Schmuck. Sein Gesicht war markant, von feinen Linien durchzogen, die weniger vom Alter als von Denken und Abwägen erzählten. Die Augen, hell und aufmerksam, ruhten nie lange auf einem Punkt.
Seine Kleidung war von ausgesuchter Qualität. Ein schwerer, dunkler Rock aus fein gemustertem Stoff, am Kragen und an den Schultern mit dezentem Pelzbesatz, darunter ein Wams in gedämpften Farben, reich gearbeitet, aber nicht protzig. Die Knöpfe waren kunstvoll, die Stickereien präzise. An seiner rechten Hand ein Ring, schlicht, doch von Gewicht. Kein Erbstück, sondern ein bewusst getragenes Symbol.
Er verneigte sich in makelloser Etikette.
''"Protektorin d’Illumnesto"'', sagte er, und seine Stimme passte zu seinem Auftreten: ruhig, warm, wohlgesetzt, mit jener leichten Resonanz, die auch in großen Räumen trägt. „Ich danke Euch für die Einladung. Es ist mir eine Ehre.“
Er wartete, bis sie ihm den Platz zuwies, und setzte sich dann mit geschmeidiger Ruhe. Keine Nervosität, kein überflüssiges Räuspern.
Sein Blick ruhte auf Amelthona mit freundlicher Aufmerksamkeit. Ein feines Lächeln lag auf seinen Lippen, höflich, gebildet, und doch kontrolliert.
''"Ich nehme an"'', begann er ruhig, ''"dass die gegenwärtigen Umstände der Baronie Sewamund auch die Vertretung im Kronkonvent betreffen."'' Kein Vorwurf lag darin, kein Widerstand. Nur das sachliche Benennen eines Umstands. ''"Dies ist eine Zeit der Umwälzung in Phecadien."''
Er hob leicht die rechte Hand, als ordne er Gedanken, nicht als wolle er unterbrechen.
''"Gestattet mir, Protektorin, eines vorwegzusagen."'' Er neigte den Kopf minimal. ''"Was immer Ihr entscheidet, ich erkenne Eure Befugnisse selbstverständlich an. Der Herzog hat Euch nicht ohne Grund eingesetzt."'' Die Worte waren klug gewählt, eine höfische Verbeugung vor der Macht, ohne sich selbst zu verkleinern. ''"Mein Anliegen ist es nicht, Vergangenes festzuhalten, sondern zu verstehen, ob und wie ich künftig zu Diensten sein kann."''
Seine Stimme gewann nun einen Hauch von Energie, nicht laut, aber entschlossen.
''"Die Arbeit im [[Haus der Edlen]]"'', fuhr er fort, ''"wirkt selten in Münzen oder Titeln. Sie wirkt in Gesprächen und in Türen, die sich öffnen oder schließen, lange bevor formale Entscheidungen fallen."'' Ein feiner, kaum sichtbarer Zug lag in seinen Augen. ''"In [[Vinsalt]] habe ich über Jahre Netzwerke aufgebaut, Vertrauen, Verpflichtungen. All das ist wertvoll, das muss ich Euch nicht erklären. Ich bin kein Mann, der sich an Ämter klammert, Protektorin"'', sagte er sanft. ''"Aber ich bin einer, der ungern mühsam erbautes brachliegen lässt."''
Dann schwieg er, die Hände locker auf den Knien, Haltung aufrecht, präsent, bereit. Ein Diplomat durch und durch.
Amelthona lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihr Gesicht war höflich, ihr Lächeln professionell, aber distanziert. Er war ein gutaussehender Mann und mit Sicherheit war er sich dieses Umstandes auch bewusst, wie sein charmantes Lächeln verriet. Wäre sie zehn oder zwanzig Jahre jünger, hätte dieses Lächeln sicherlich warme Gefühle in ihr geweckt, doch für derartige Liebeleien war sie zu alt. Ihr Blick aus den grünen Augen war wach, sie ließ den Verwandten sowohl des vormaligen Barons als auch der vormaligen Richterin Sewamunds nicht aus den Augen. So wie Signora Lianara 18 Jahre Richterin der Baronie gewesen war, hatte Signor Luidolf acht Jahre lang den Baron von Sewamund im Kronkonvent vertreten. Was er sagte, war weder gelogen noch übertrieben - mit Sicherheit besaß er ein umfassendes und weitreichendes Netzwerk aus Kontakten in die horasische Nobilitat und das [[Patriziat]], vielleicht sogar ins [[Comitat]].
''"Ich danke Euch für Eure offenen Worte, Signor Luidolf."'' erwiderte sie mit ruhiger, leichter Stimme. ''"Es ist unbestritten, dass Ihr als Delegierter Signor Irions über Jahre hinweg die Baronie würdig vertreten habt. Ich wäre enttäuscht, wenn Ihr nicht das von Euch beschriebene Netzwerk aufgebaut hättet."'' Sie schenkte ihm ein schwer deutbares Lächeln. ''"Wie Ihr aber sagtet, Phecadien befindet sich gerade in der Umwälzung."'' Sie wackelte mit dem Kopf. ''"Woran Signor Irion von Streitebeck auch nicht ganz unschuldig ist."'' Die Protektorin wurde wieder eine Spur ernster. ''"Sagt, Signor Luidolf, Eurer politischen Einschätzung nach angesichts der gerade eintretenden phecadischen Umwälzungen, erschiene es Euch opportun den Verwandten des vormaligen Barons als Delegierten des neuen Barons oder der neuen Baronin beizubehalten?"'' Sie schaute ihn offen an, ein wenig auffordernd, vielleicht auch abwägend.
Luidolf von Streitebeck ließ die Frage einen Augenblick im Raum stehen. Als er sprach, war seine Stimme ruhig, wohlausbalanciert, getragen von jener Selbstverständlichkeit, die aus jahrelanger Übung im höfischen Umgang erwuchs.
''"Protektorin"'', begann er, ''"Eure Frage ist berechtigt."'' Ein kaum wahrnehmbares Lächeln zog an seinem Mundwinkel entlang, höflich, kontrolliert.
Er legte die Fingerspitzen locker aneinander, ohne den Blick von Amelthona zu nehmen.
''"Zunächst"'', fuhr er fort, ''"ist festzuhalten, dass noch keine Entscheidung gefallen ist. Weder über den neuen Baron noch über die Linie, die er oder sie künftig vertreten wird."'' Ein sanftes Schulterzucken, mehr Andeutung als Geste. Die Protektorin nickte - bestätigend? Der Delegierte hatte damit durchaus recht, auch wenn sie es selbst für unwahrscheinlich hielt, dass erneut ein Vertreter des Hauses Streitebeck den Baronsthron von Sewamund erhalten würde. Es schien schon beinahe eine Tradition zu sein, dass die Herrschaft über die Baronie Sewamund nicht regulär über den Erbfall innerhalb einer Linie wechselte, sondern immer wieder neu vergeben wurde. Werden musste. Konnte dies Praios gefällig sein? Sie musste mit [[Aldigon d'Illumnesto|Aldigon]] darüber sprechen.
Er hob leicht die rechte Hand, als wolle er einzelne Möglichkeiten ordnen.
''"Sollte Rondrarich von Streitebeck zum Baron von Sewamund ernannt werden – was ich nicht bewerte, sondern lediglich festhalte –, so wäre eine Fortsetzung meiner Tätigkeit als Delegierter kaum erklärungsbedürftig. Kontinuität würde in diesem Fall Stabilität bedeuten, und Stabilität ist nach den letzten Monden ein Gut, das niemand gering schätzen sollte."''
Ein kurzer Atemzug, dann setzte er nach, ohne Hast.
''"Sollte jedoch ein Mitglied des Hauses Garlischgrötz oder ein anderer Gefolgsmann des Herzogs die Baronie übernehmen, so sehe ich darin keinen automatischen Widerspruch zu meiner Person."'' Sein Ton blieb höflich, doch nun lag ein Hauch von Festigkeit darin. ''"Das Haus Streitebeck hat den Herzögen von Grangorien über Generationen hinweg treu gedient – in Verwaltung, in der Ausübung der herzoglichen Macht und im Krieg. Diese Loyalität ist bekannt, sie ist belegt, und sie ist nicht an einzelne Personen gebunden."'' Er legte die Fingerspitzen wieder aneinander. ''"Darüber hinaus"'', sagte er ruhig, ''"ist meine Familie mit mehreren Häusern freundschaftlich verbunden, die selbst als Kandidaten oder Unterstützer eines künftigen Barons in Frage kommen könnten."''
Sein Blick wurde einen Hauch wärmer, fast verbindlich.
''"Ich erlaube mir daher die Einschätzung"'', schloss er, ''"dass meine Person weniger ein Hindernis als vielmehr ein Brückenelement sein könnte – vorausgesetzt, man misst mich nicht an den Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit, sondern an der Arbeit, die in den Götterläufen davor geleistet wurde."''
Die Protektorin unterdrückte ein Lächeln. Amelthona fiel auf, welch wohlgesetzte Worte er nutzte - eine Fähigkeit, eine Kompetenz, welche er sicherlich in den letzten Jahren als Delegierter der nicht gerade an Einfluss armen Baronie Sewamund im Kronkonvent hatte erlernen und verfeinern können. Sie enthielten durchaus Wahrheit oder zumindest Körnchen von Wahrheit, das konnte sie nicht leugnen. Ebenso konnte sie nicht leugnen, dass Luidolf äußerst nützlich war. Sich äußerst nützlich gemacht und unersetzbar gemacht hatte.
Dann neigte er den Kopf erneut, diesmal einen Deut tiefer.
''"Am Ende jedoch"'', fügte er hinzu, ''"ist es Eure Aufgabe als Protektorin, diese Abwägung zu treffen. Ich werde jede Entscheidung respektieren. Meine Bitte ist lediglich, sie nicht vorschnell zu einer Frage des Namens zu machen, wo sie in Wahrheit doch eine Frage der Nützlichkeit ist."''
Er schwieg und ließ die Hände wieder ruhig auf den Knien ruhen. Er sah es nicht, doch Amelthonas Gedanken rasten. Sie wog seine Argumente gegen politische Notwendigkeiten und die Anforderungen an ihre derzeitige Position gegeneinander ab. 'Ist es zielführend, sich das ganze Haus Streitebeck zum Gegner zu machen?' fragte sie sich selbst.  Gleich ob sie als Protektorin ihre Entscheidungen traf, so würde es immer Amelthona d’Illumnesto sein, die in dieser Funktion Entscheidungen getroffen hatte.
Luidolf sah nur, wie Amelthona sich in dem Stuhl aufrichtete, sich etwas zurücklehnte, die Hände ineinander verschränkte und auf den Tisch legte. Es waren nur wenige Augenblicke, in denen die Protektorin ihr Gegenüber schweigend angesehen hatte. Ihre grasgrünen Augen trafen auf seine hellen Augen, ein stummes Duell oder ein stummes Abwägen?
''"Signor Luidolf."''  unterbrach ihre klare Alt-Stimme diese Augenblicke der Stille. ''"Ich weiß nicht, welche Entscheidungen der neue Baron oder die neue Baronin treffen wird."'' Sie lachte kurz auf. ''"Ich weiß noch nicht einmal, wer neuer Baron oder neue Baronin werden wird."'' Auch wenn sie sich ebenso wie Luidolf ihre Gedanken machte und versuchte, Informationen einzuholen, soweit es in ihrer Einflusssphäre lag - die als [[Pertakis|pertakiser]] Patrizierin in Sewamund doch begrenzt waren. ''"Aber ich weiß, dass ich als Protektorin Sewakiens eine funktionierende Baronieverwaltung benötige. Und dafür brauche ich Euch."'' Sie lächelte. ''"Ich gehe davon aus, dass ich mich als Protektorin Sewakiens als Delegierten im Kronkonvent auf Euch verlassen kann."'' Keine Frage. Eine Feststellung. Vielleicht auch eine Forderung.
Luidolf von Streitebeck nahm diese Worte auf wie ein erfahrener Fechter eine gegnerische Attacke: nicht, um auszuweichen, sondern um sie elegant aufzunehmen und dabei die eigene Haltung zu wahren.
Für den Bruchteil eines Augenblicks senkte er den Blick, in jener kontrollierten Demut, die man sich als Diplomat an Höfen aneignet wie eine zweite Haut. Als er ihn wieder hob, war darin ein feiner Glanz zu erkennen – nicht Triumph, sondern das ruhige Wissen, dass eine Tür sich soeben nicht geschlossen hatte.
Er erhob sich leicht aus dem Stuhl, nicht vollständig, nur so weit, dass seine Haltung die Antwort unterstrich, und verneigte sich.
''"Protektorin"'', sagte er ruhig, mit jener warmen, tragenden Stimme, die ebenso gut in einem Ratssaal wie in einem privaten Arbeitszimmer Bestand hatte, ''"ich danke Euch für das Vertrauen, das Ihr mir damit aussprecht. Ihr könnt Euch meiner Loyalität gewiss sein"'', fuhr er fort, nun wieder sitzend, die Hände ruhig gefaltet. ''"Gegenüber der Baronie Sewamund, ihrer Ordnung und ihrer Stellung im Gefüge des Reiches."''
Ein feines, kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht, kontrolliert wie alles an ihm.
''"Die Rolle eines Delegierten ist oft nicht die eines einfachen Parteigängers, sondern die eines… Vermittlers der Wirklichkeit."'' Seine Finger berührten sich leicht, als schlösse sich ein Gedankenkreis. ''"Ich werde im Kronkonvent nicht als Stimme eines Hauses auftreten, sondern als Stimme einer Baronie im Übergang."''
Er neigte den Kopf erneut, diesmal einen Hauch persönlicher.
''"Und wenn der Tag kommt, an dem ein neuer Baron oder eine neue Baronin den Thron besteigt, so wird er oder sie bereits eingebettet sein in ein Geflecht aus Kontakten, Verständnis und – wenn ich es mir erlauben darf – wohlwollender Erwartung."''
Ein kurzer Atemzug.
''"Bis dahin, Protektorin, diene ich Euch – mit der gebotenen Zurückhaltung, aber auch mit der nötigen Entschlossenheit."''
===Interludium III===
[[Bild:Solvolio d'Illumnesto.jpg|thumb|links|200px|Unterwegs in Diensten seiner Mutter - Solvolio d'Illumnesto]]
Während seine Mutter mit den Gesprächen beschäftigt war - eine Aufgabe, für die er sie gerade nicht beneidete, auch wenn ihm bewusst war, dass dereinst ähnliche Aufgabe auf ihn zukommen würden - suchte [[Solvolio d'Illumnesto]] die Kanzlei auf. Vor nicht einmal wenigen Wochen hatten sich hier nur die Bücher und Aufzeichnungen der [[Herrschaft Sewadâl]] befunden, jetzt aber befand sich hier auch die Verwaltung der Baronie. Seine Mutter hatte daher kurzerhand einige angrenzende Räume akquiriert und zu weiteren Schreibstuben umfunktioniert, um die Verwaltung von Baronie und Herrschaft ganz im Sinne von Praios' Ordnung sauber voneinander trennen zu können. Nicht auszudenken, wenn die Unterlagen und Schriftwechsel durcheinanderkommen würden. Ihr unmissverständlicher Befehl an die Sekretäre und Kanzleibeamten - sowohl jene, die bereits hier auf Schloss Sewadâl für den Baron die Ländereien um das Dorf herum verwaltet hatten, als auch jene, welche aus [[Schloss Corello]] übergewechselt waren - war es daher gewesen, sämtliche Unterlagen ordnungsgemäß zuzuordnen und in der jeweiligen Verwaltung zu überstellen.
Es war Solvolios Vorschlag einer neuen Registratur, eines erweiterten Registratursystems gewesen, der sowohl von der Protektorin als auch von den Sekretären dankbar aufgenommen und - vielleicht ein wenig undankbarer, da arbeitsintensiv - umgesetzt worden war.
Jetzt stand er selbst in der hochtrabend Kanzlei genannten Schreibstube, in der die Verwaltung der Herrschaft Sewadâl erfolgte. Einer der Sekretäre, ''Nemolus ter Hulst'', ein junger eifriger Mann aus einer sewamunder Buchhalterfamilie, trat auf ihn zu. ''"Signor d’Illumnesto, was kann ich für Euch tun?"'' Solvolio richtete sich noch einmal auf und präsentierte dem Sekretär die Urkunde, die seine Mutter als Protektorin Sewakiens aufgesetzt hatte und die ihn als Vogt Sewadâls und Rigolmunds auswies.
''"Sekretär ter Hulst, die Protektorin Sewakiens hat mich zum Vogt der Herrschaften Sewadâl und Rigolmund ernannt. Ich möchte, dass Ihr mich in den aktuellen Stand einweist."''
Der Sekretär nickte und hob dann den Blick. ''"Signor, natürlich, sofort."'' Er trat an den Schreibtisch zurück, an dem er gerade über ein paar Buchungen gesessen hatte, blieb dann aber kurz stehen. ''"Bitte verzeiht mir die Frage, Signor d'Illumnesto, was bedeutet dies für Signor [[Ludolfo Bleywercker]]?"''
[[Bild:Ludolfo Bleywercker.jpg|thumb|rechts|200px|Hofmagier und Untervogt - Ludolfo Bleywercker]]
Solvolio stutzte. Dann … ja natürlich. Der von [[Pandrigo ya Diamero]], welcher Vogt von Sewadâl und Rigolmund gewesen war, eingesetzte Stellvertreter. Was für ein Praios nicht gefälliges Chaos. Signor ya Diamero war direkt nach dem [[Straßenschlacht von Sewamund]] geflohen, wohin war noch nicht bekannt, aber das würde man schon herausbekommen. Er war einfach auf und davon. Und der Hofmagus Ludolfo Bleywercker war Untervogt in Vertretung für diesen Vogt gewesen. ''"Sagt, Sekretär ter Hulst, hält sich Signor Bleywercker noch in Sewadâl auf?"''
Nemolus ter Hulst blinzelte kurz, dann nickte er eifrig. Seine Haltung war korrekt, beinahe ein wenig zu korrekt.
''"Ja, Signor"'', antwortete er prompt. ''"Signor Ludolfo hält sich weiterhin in [[Sewadâl]] auf."'' Er räusperte sich leise, ein Geräusch zwischen Pflichtbewusstsein und vorsichtiger Distanz. ''"Genauer gesagt residiert er nach wie vor in der [[Villa Cantile]] am Marktplatz. Dort..."'' Er zögerte einen Herzschlag, suchte offenbar nach einer Formulierung, die weder wertend noch anklagend klang. ''"...geht er seinen magischen Studien nach."''
Ter Hulst verschränkte die Hände hinter dem Rücken, ein wenig steifer als nötig.
[[Bild:Villa Cantile.jpg|thumb|links|200px|Residenz der Vögte von Sewadâl - die Villa Cantile]]
''"Ihr müsste wissen, Signor"'', fuhr er fort, ''"Signor Bleywercker hat bereits seit seiner Ernennung zum Untervogt den Großteil seiner Zeit dort verbracht."'' Ein schmaler, fast entschuldigender Blick. ''"Er erschien unregelmäßig im Schloss Corello, meist auf Anforderung, und beschränkte sich auf jene Angelegenheiten, die seiner Einschätzung nach eine arkane Expertise erforderten."''
Er machte eine kleine, hilflose Handbewegung.
''"Die laufende Verwaltung der Herrschaften, Abgaben, Investitionen, Pachtfragen, Gerichtsbarkeiten...all das wurde de facto von der Kanzlei getragen."'' Ein winziger Stolz schwang mit. ''"Unter persönlicher Aufsicht von Signor ya Diamero, solange dieser noch anwesend war."''
Ein kurzer Moment der Stille folgte. Dann neigte der Sekretär den Kopf ein wenig, senkte die Stimme.
''"Wenn ich mir eine Anmerkung erlauben darf, Signor..."'' Er wartete einen Wimpernschlag, als wolle er sicherstellen, dass diese Vertraulichkeit gestattet war. ''"Signor Bleywercker ist zweifellos ein gelehrter Mann."'' Die Worte waren sehr sorgfältig gewählt. ''"Doch sein Interesse an Verwaltung war stets sehr begrenzt."''
Solvolio schenkte dem jungen Mann ein Lächeln. ''"Danke sehr für Eure Erklärungen, Sekretär ter Hulst."'' Er ließ seinen Blick durch die Amtsstube schweifen, als erwarte er hier einen Hinweis auf die Arbeit des Adeptus finden zu können, schaute dann jedoch wieder auf den Sekretär. ''"Dann wird es sicherlich eine Erleichterung für ihn sein, wenn er von dieser Pflicht entbunden wird."'' Obwohl er durchaus bezweifelte, war das Amt eines Untervogtes doch zumindest mit gewissen Einnahmen verbunden. Stirnrunzelnd wandte sich er wieder an Nemolus. ''"Er war auch der Hofmagus Signor Irions als Baron von Sewamund, korrekt?"''
''"Das ist korrekt, Signor. Jedoch ließ sich Baron Irion von Streitebeck in der Regel in magischen Angelegenheiten lieber von seiner Adoptivtochter Baronessa [[Isidora von Streitebeck|Isidora von Veliris]] beraten. Jedoch wurde die magische Expertise des Signor Bleywercker zuweilen von Signor ya Diamero zu Rate gezogen.”''
''"Ich verstehe."'' Solvolio rieb sich nachdenklich das Kinn mit dem sorgsam gestutzten und gepflegten Bart. ''"Dann wird sich die Protektorin Sewakiens auch um diese Besetzung kümmern müssen. Vielleicht finden wir eine andere Beschäftigung für ihn, ansonsten wird er auch die Villa Cantile verlassen müssen."'' Der [[Esquirio]] seufzte und schloss für einen Moment die Augen. Ein wenig verstand er nun, vor welchen Aufgaben seine Mutter stand, allein die Übernahme der [[Herrschaft Sewadâl]] barg Überraschungen. Und über die [[Herrschaft Rigolmund]] hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Er öffnete die Augen wieder und strich sich das schulterlange braune Haar zurück. ''"Einerlei."'' Er machte eine wedelnde Handbewegung, als wollte er hartnäckige Mücken verscheuchen. ''"Sekretär ter Hulst, ich möchte, dass Ihr erstens einen Diener mit einer Nachricht für Adeptus minor Ludolfo Bleywercker schickt, ich möchte den Gelehrten Herrn unverzüglich sprechen."'' Nemolus fiel auf, dass Solvolio nicht vom Untervogt sprach, nicht vom Hofmagus, sondern vom Adeptus minor. ''"Und zum anderen möchte ich, dass Ihr mir einen Überblick über die Finanzen der Herrschaft Sewadâl vermittelt. Einnahmen, Ausgaben, Fehlbeträge, Gewinne, alles, was ich als Vogt wissen muss, um handlungs- und entscheidungsfähig zu sein."''
''"Selbstverständlich Signor, Ihr erlaubt dass ich mich entferne und den Boten anweise? Dann werde ich schnellstmöglich mit den entsprechenden Unterlagen zu Euch zurückkehren."''
Solvolio nickte. ''"Tut dies. Wir haben einiges zu tun und ich vertraue auf Euch."'' Nemolus verbeugte sich und entschwand beinahe lautlos, während Solvolio sich erneut in der Schreibstube umsah und versuchte, eine erste mögliche Baustelle ausfindig zu machen, mit der er beginnen würde. Beginnen konnte.
===...und neue Aufgaben===


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