Briefspiel:Kaiserjagd/Erinnerung an das Tikalener Kochduell: Unterschied zwischen den Versionen

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===Wenn der Falke nicht steigt===
Der Morgen kam kühl und klar, das erste Licht kroch durch die Zeltbahn, grau und zurückhaltend, und brachte die Gerüche der Nacht wieder: Rauch, feuchte Erde, ein Hauch von Eisen. Rieka regte sich, blieb einen Moment liegen, lauschte, als müsse sie sich vergewissern, dass die Welt dieselbe war wie am Abend zuvor. Dann setzte sie sich auf, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und verzog etwas das Gesicht, als ihre Finger über die nun raue Haut glitten.<br>
[[Leonora Tribêc von Trebesco|Leonora]] war bereits wach und saß am Rand ihres Lagers, ruhig, beinahe unbewegt, als hätte sie die Nacht nur unterbrochen, nicht wirklich geschlafen. In ihren Händen lag der Handschuh, an dem sie Leder, Nähte und Schnallen prüfte.<br>
''„Ihr habt kaum geschlafen“'', sagte [[Rieka die Köchin|Rieka]] leise, mehr Feststellung als Frage.<br>
''„Genug für die Jagd“'', antwortete Leonora, ohne aufzusehen. Draußen war der Wald noch still. Ein dünner Nebel hing zwischen den Stämmen, das Licht war so weich, dass es kaum Schatten warf.<br>
Sie kleideten sich ohne viele Worte, Schicht um Schicht, Stoff über Haut, Leder über Stoff. Rieka band sich den Vorratsbeutel um, prüfte den Inhalt, Fleischreste vom Vortag, Äpfel, etwas Brot, ein kleiner Gewürzbeutel, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Leonora streifte den Handschuh über.<br>
Der Falke saß auf der Stange nahe dem Zelteingang und war bereits wach, als Leonora nach draußen trat. Als Leonora sich näherte und den Arm hob, kam er wie gewohnt auf den Handschuh. Sein Gewicht wirkte anders, die Krallen griffen fester als nötig, der Kopf zuckte in kurzen, unruhigen Bewegungen.<br>
''„Du bist ungeduldig“'', murmelte sie. Rieka trat neben sie, hielt kurz inne. ''„Er sieht dich an, als würdest du ihm gehören“'', sagte sie. Leonora erwiderte: ''„Acci gehört nur sich selbst.“'' Acci, der Falke, ließ ein leises Geräusch hören, wie zur Bestätigung.<br>
''„Er ist unruhig“'', sagte Rieka leise. Leonora antwortete nicht gleich. Sie hob den Arm ein wenig an, ließ Acci die Umgebung mustern. Der Vogel schlug einmal kurz mit den Flügeln, als wolle er sich vergewissern, dass er sich gut bewegen konnte.<br>
''„Oder ich bin es“'', sagte sie schließlich.<br>
Rieka sah sie von der Seite an. ''„Macht das einen Unterschied?“''<br>
Leonora zog den Handschuh fester. ''„Für ihn schon.“''<br>
Draußen begann das Lager zu erwachen. Falkner riefen sich Befehle zu, Metall klirrte, Pferde scharrten ungeduldig. Die Beizjagd war kein stilles Vergnügen, sie war ein Schauspiel, und heute, mit dem ausgelobten Preis des Horas, ein besonders lautes.<br>
Rieka trat einen Schritt näher. ''„Ihr müsst nicht mit ihnen gehen“'', sagte sie, vorsichtig, aber ohne Zögern.<br>
Leonora ließ den Blick über das Lager schweifen. Über die Banner, die sich im kalten Morgenwind spannten. Über die Gruppen von Adligen, die sich bereits sammelten, die Stimmen, das Lachen. Dann sah sie wieder auf Acci. Der Falke hatte den Kopf leicht gesenkt, die Augen halb auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Wach, aber nicht ruhig.<br>
''„Wenn ich ihn heute zwinge“'', sagte Leonora, ''„wird er mir morgen nicht mehr vertrauen.“''<br>
Rieka nickte. Leonora atmete tief durch, ließ die kalte Luft ihre Lungen füllen.<br>
''„Wir gehen trotzdem“'', sagte sie, ''„aber nicht zu ihnen.“''<br>
Rieka zog den Beutel über die Schulter. ''„Ein Spaziergang also.“''<br>
''„Ein Spaziergang“'', bestätigte Leonora, ''„ist gut für die Verdauung.“''<br>
Sie verließen das Lager, bevor sich die ersten Gruppen in Bewegung setzten. Kein Aufbruch mit den anderen, nur zwei Gestalten, die sich zwischen den Zelten hindurchschoben und den Waldrand suchten. Der Boden war gefroren, die Luft klar, jeder Schritt hörbar, jedes Geräusch schärfer als gewöhnlich. Hinter ihnen verblasste das Stimmengewirr, wurde zu einem Murmeln. Acci blieb auf Leonoras Hand, sein Körper war gespannt, als würde er etwas erwarten, das sich nicht zeigte.<br>
Sie gingen eine Weile schweigend. Dann blieb Leonora stehen.<br>
''„Hier trennen wir uns“'', sagte sie.<br>
Rieka sah sie an, überrascht, aber nicht widersprechend. ''„Ihr wollt allein gehen.“''<br>
Leonora sah noch einmal auf Acci, spürte die Spannung im Körper des Vogels und ihre eigene.<br>
''„Ja“'', sagte sie leise. ''„Ich will sehen, ob er sich ohne mich beruhigt.“''<br>
Ein kurzer Blick, Rieka nickte. Leonora drehte den Arm leicht, Rieka trat heran. ''„Nehmt ihn.“''<br>
Rieka zögerte, dann streifte sie den Handschuh über und ließ den Falken auf ihre Hand wechseln. Acci blieb unruhig, aber er blieb.<br>
''„Ich gehe allein zurück“'', sagte Leonora, ''„bring Acci zu Tante [[Tsaida Tribêc|Tsaida]]. Vielleicht komme sie auf den Geschmack.“''<br>
Ein kurzer Blick, ein Nicken von Rieka, dann trennten sie sich. Leonora kehrte zum Jagdzelt zurück.


===Auf der Suche nach der Schwester===
===Auf der Suche nach der Schwester===
[[Bild:Leonora Tribec von Trebesco.jpg|thumb|200px|Sucht vergeblich ... und findet etwas anderes: Baronessa Leonora]]
[[Bild:Leonora Trebesco Jagd.png|thumb|200px|Sucht vergeblich ... und findet etwas anderes: Baronessa Leonora]]
Ein scharfer Luftzug ließ den Eingang ihres Jagdzelts erzittern. [[Firun]] war in diesem Jahr früh gekommen, die feuchten Nebel des [[Yaquir]]tals hatten sich zu klirrender Kälte verdichtet. [[Leonora Tribêc von Trebesco|Leonora]] saß auf einem schlichten Hocker neben der kleinen Feuerstelle, die kaum genug Glut hatte, um die Kälte zu vertreiben. Die Geräusche der Kaiserjagd hallten fern durch das Lager: das Schnauben von Pferden, das Knarzen der Sattelgurte, gedämpfte Rufe in der Dämmerung. Doch in ihrem Kopf war es nicht die Kälte, nicht das Jagdgetöse, das ihre Gedanken füllte, sondern der Duft von gebackenen Quitten.<br>
Ein scharfer Luftzug ließ den Eingang ihres Jagdzelts erzittern. [[Firun]] war in diesem Jahr früh gekommen, die feuchten Nebel des [[Yaquir]]tals hatten sich zu klirrender Kälte verdichtet. [[Leonora Tribêc von Trebesco|Leonora]] saß auf einem schlichten Hocker neben der kleinen Feuerstelle, die kaum genug Glut hatte, um die Kälte zu vertreiben. Die Geräusche der Kaiserjagd hallten fern durch das Lager: das Schnauben von Pferden, das Knarzen der Sattelgurte, gedämpfte Rufe in der Dämmerung. Doch in ihrem Kopf war es nicht die Kälte, nicht das Jagdgetöse, das ihre Gedanken füllte, sondern der Duft von gebackenen Quitten.<br>
Sie legte die Hände um die Schale mit dampfender Kräuterbrühe und sah ins Feuer, während sich der Abend um das Zelt senkte. Ihre Gedanken wanderten zurück, zurück zum Tikalener Kochduell vor drei Monden.
Sie legte die Hände um die Schale mit dampfender Kräuterbrühe und sah ins Feuer, während sich der Abend um das Zelt senkte. Ihre Gedanken wanderten zurück, zurück zum Tikalener Kochduell vor drei Monden.


:Die Vorratshalle war erfüllt gewesen vom dichten Aroma gebräunter Butter, dem rauchigen Duft von Wacholderbeeren und der fruchtigen Süße der Spätsommerernte. Es war ein warmer Nachmittag gewesen, die Fenster standen offen, das Sonnenlicht fiel golden auf die Tische. Sie hatte wie immer keine Schürze getragen, sondern einfach die Ärmel hochgekrempelt und das Haar unter einem Tuch verborgen.
:Die Vorratshalle war erfüllt gewesen vom dichten Aroma gebräunter Butter, dem rauchigen Duft von Wacholderbeeren und der fruchtigen Süße der Spätsommerernte. Es war ein warmer Nachmittag gewesen, die Fenster standen offen, das Sonnenlicht fiel golden auf die Tische. Sie hatte wie immer keine Schürze getragen, sondern einfach die Ärmel hochgekrempelt und das Haar unter einem Tuch verborgen.
:Am gegenüberliegenden Tisch hatte Jorano der Wurstmacher fluchend versucht, seine Wildschweinpastete zu retten, während Mairas Tochter Rieka mit kritischem Blick die Farbe ihres Quittenkompotts beäugte. Es war ein freundlicher Wettbewerb, doch in [[Baronie Tikalen|Tikalen]] nahm man ihn ernst. Ehre, Handwerk, Stolz, das Kochen war hier kein Zeitvertreib, sondern ein Ausdruck von Können und Herkunft.
:Am gegenüberliegenden Tisch hatte [[Jorano der Wurstmacher]] fluchend versucht, seine Wildschweinpastete zu retten, während Mairas Tochter [[Rieka die Köchin|Rieka]] mit kritischem Blick die Farbe ihres Quittenkompotts beäugte. Es war ein freundlicher Wettbewerb, doch in [[Baronie Tikalen|Tikalen]] nahm man ihn ernst. Ehre, Handwerk, Stolz, das Kochen war hier kein Zeitvertreib, sondern ein Ausdruck von Können und Herkunft.
:Leonora erinnerte sich noch gut, wie sie das Reh zerlegt hatte. Mit ruhiger Hand, die sie sich einst am Übungsschwert antrainiert hatte. Wie sie das Fleisch mit Brombeerwein und Rosmarin marinierte, das Ragout mit Zwiebeln und Nelken verfeinerte, die Soße abschmeckte und wie sie am Ende selbst überrascht war, wie rund der Geschmack geworden war.
:Leonora erinnerte sich noch gut, wie sie das Reh zerlegt hatte. Mit ruhiger Hand, die sie sich einst am Übungsschwert antrainiert hatte. Wie sie das Fleisch mit Brombeerwein und Rosmarin marinierte, das Ragout mit Zwiebeln und Nelken verfeinerte, die Soße abschmeckte und wie sie am Ende selbst überrascht war, wie rund der Geschmack geworden war.
:''„Erinnert mich an Vaters Küche, im ersten Jahr nach Mutters Tod“'', hatte sie damals zu Borgo Naritzi gesagt, der am Rande saß und wie immer nicht mit Lob geizte, wenn er es ernst meinte. Und diesmal hatte er genickt. Nur genickt. Das genügte.
:''„Erinnert mich an Vaters Küche, im ersten Jahr nach Mutters Tod“'', hatte sie damals zu Borgo Naritzi gesagt, der am Rande saß und wie immer nicht mit Lob geizte, wenn er es ernst meinte. Und diesmal hatte er genickt. Nur genickt. Das genügte.