Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja I: Unterschied zwischen den Versionen
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==Travia und Rahja== | ==Travia und Rahja I – Vor dem Bankett== | ||
''4. Firun [[1046 BF]] abends, im Schlosshof [[Mortecervi]]s'' | ''4. Firun [[1046 BF]] abends, im Schlosshof [[Mortecervi]]s'' | ||
''' | '''Autoren:''' [[Benutzer:Gonfaloniere|Gonfaloniere]], [[Benutzer:Fürst Federkiel|Fürst Federkiel]], [[Benutzer:VivionaYaPirras|VivionaYaPirras]], [[Benutzer:Erlan|Erlan]] | ||
[[Bild:Auricanius von Urbet.jpg|thumb|200px|Am vierten Jagdtag vielfach gefordert: [[Auricanius von Urbet]]]] | [[Bild:Auricanius von Urbet.jpg|thumb|200px|left|Am vierten Jagdtag vielfach gefordert: [[Auricanius von Urbet]]]] | ||
[[Auricanius von Urbet|Auricanius]] atmete einmal tief ein – und einen Moment später wieder lang aus. Als er es tat, kondensierte vor ihm sichtbar sein Atem. Der Wintereinbruch hatte an diesem Tag vieles verändert …<br> | [[Auricanius von Urbet|Auricanius]] atmete einmal tief ein – und einen Moment später wieder lang aus. Als er es tat, kondensierte vor ihm sichtbar sein Atem. Der Wintereinbruch hatte an diesem Tag vieles verändert …<br> | ||
An eine Beteiligung an der Jagd hatte er schon nach der frühen Entscheidung, entgegen voriger Pläne an diesem Abend [[Mortecervi]] anzusteuern, keinen Gedanken mehr verschwendet. Stattdessen war er schnellstens selbst zum Jagdanwesen [[Haus Urbet|seiner Familie]] geeilt und hatte das Gesinde angeleitet, alle irgendwie sinnvollen und überhaupt noch möglichen Vorbereitungen zu treffen – bevor nach und nach der Tross eintraf und er sich dann mehr und mehr zum Vermittler zwischen den Quartiermeistern des [[kaiser]]lichen Hofstaats und aller anderen anwesenden Bediensteten, die glaubten, dass sie selbst von größerer Bedeutung waren, degradiert sah. Allein das Gefeilsche, welcher [[Hochadel|Hochadlige]] denn nun welches überhaupt zur Verfügung stehende Schlafgemach bekommen sollte, ließ ihm auch jetzt, Stunden später, noch Schauder des Grauens über den Rücken laufen.<br> | An eine Beteiligung an der Jagd hatte er schon nach der frühen Entscheidung, entgegen voriger Pläne an diesem Abend [[Mortecervi]] anzusteuern, keinen Gedanken mehr verschwendet. Stattdessen war er schnellstens selbst zum Jagdanwesen [[Haus Urbet|seiner Familie]] geeilt und hatte das Gesinde angeleitet, alle irgendwie sinnvollen und überhaupt noch möglichen Vorbereitungen zu treffen – bevor nach und nach der Tross eintraf und er sich dann mehr und mehr zum Vermittler zwischen den Quartiermeistern des [[kaiser]]lichen Hofstaats und aller anderen anwesenden Bediensteten, die glaubten, dass sie selbst von größerer Bedeutung waren, degradiert sah. Allein das Gefeilsche, welcher [[Hochadel|Hochadlige]] denn nun welches überhaupt zur Verfügung stehende Schlafgemach bekommen sollte, ließ ihm auch jetzt, Stunden später, noch Schauder des Grauens über den Rücken laufen.<br> | ||
Dass er es trotzdem geschafft hatte, auch sein eigenes 'Salonzelt' wieder aufstellen zu lassen, winterfest zu machen und sogar noch etwas zu vergrößern, mutete ihm fast wie ein Wunder für sich an. Das große Zelt stand zudem in sehr prominenter Lage, direkt rechts der Freitreppe zum Saalflügel im großen Schlosshof Mortecervis. Einen der Säle für sich zu beanspruchen, hatte er nicht gewagt – selbst wenn sie eigentlich allesamt seiner Familie gehörten …<br> | Dass er es trotzdem geschafft hatte, auch sein eigenes 'Salonzelt' wieder aufstellen zu lassen, winterfest zu machen und sogar noch etwas zu vergrößern, mutete ihm fast wie ein Wunder für sich an. Das große Zelt stand zudem in sehr prominenter Lage, direkt rechts der Freitreppe zum Saalflügel im großen Schlosshof Mortecervis. Einen der Säle für sich zu beanspruchen, hatte er nicht gewagt – selbst wenn sie eigentlich allesamt seiner Familie gehörten …<br> | ||
Als er nun genüsslich ein- und wieder ausatmete, stieg die Vorfreude auf den für ihn bedeutendsten – und heute wahrscheinlich auch mehr als sonst noch angenehmsten – Teil des Tages. Aus dem Inneren des Zelts schwappte ihm wohlige Wärme entgegen, die ihn den Schnee drumherum beinahe vergessen ließ. Dazu hörte er bereits mehrere Stimmen von Gästen, die ihm, dem Gastgeber, schon zuvorgekommen waren. | Als er nun genüsslich ein- und wieder ausatmete, stieg die Vorfreude auf den für ihn bedeutendsten – und heute wahrscheinlich auch mehr als sonst noch angenehmsten – Teil des Tages. Aus dem Inneren des Zelts schwappte ihm wohlige Wärme entgegen, die ihn den Schnee drumherum beinahe vergessen ließ. Dazu hörte er bereits mehrere Stimmen von Gästen, die ihm, dem Gastgeber, schon zuvorgekommen waren. | ||
Ein weiterer großer Schritt ließ | |||
Darunter war die Stimme von [[Timor d'Antara]] zu vernehmen, der sich bereits für [[Travia]] positionierte – und selbstbewusster auftrat als an den bisherigen Abenden. Bruchstücke der Schilderung [[Briefspiel:Kaiserjagd/Einbruch im Eis|eines Vorfalls]], die der junge d'Antara vortrug, drangen bis vors Zelt. Die Worte 'Travia' und 'Rettung' stachen daraus hervor. | |||
Ein weiterer großer Schritt ließ Auricanius dann ins Zelt treten – wo ihm eine junge, sich noch orientierende Dame beinahe vor die Brust lief.<br> | |||
Sie war etwa einen halben Spann kleiner als er, trug das schwarze Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten – und sah ihn ob seines plötzlichen Auftauchens etwas erschrocken an.<br> | Sie war etwa einen halben Spann kleiner als er, trug das schwarze Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten – und sah ihn ob seines plötzlichen Auftauchens etwas erschrocken an.<br> | ||
''„Verzeiht, Signora, es war nicht meine Absicht euch über den Haufen zu laufen“'', begrüßte der [[Praios]]-Geweihte sie. So er sich nicht täuschte, war sie an den vergangenen Abenden noch nicht Teil seiner Gäste gewesen. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen her – meinte sie der [[Herzogtum Grangor|Grangorer]], vor allem [[Sewamund]]er Jagdgesellschaft zuordnen zu können.<br> | ''„Verzeiht, Signora, es war nicht meine Absicht euch über den Haufen zu laufen“'', begrüßte der [[Praios]]-Geweihte sie. So er sich nicht täuschte, war sie an den vergangenen Abenden noch nicht Teil seiner Gäste gewesen. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen her – meinte sie der [[Herzogtum Grangor|Grangorer]], vor allem [[Sewamund]]er Jagdgesellschaft zuordnen zu können.<br> | ||
''„Ihr seht ein wenig nach einer Richtung suchend aus“'', fügte er an, ''„vielleicht kann ich euch helfen. Mein Name ist Auricanius … von Urbet … der Gastgeber des Salons zum Götterpaar | ''„Ihr seht ein wenig nach einer Richtung suchend aus“'', fügte er an, ''„vielleicht kann ich euch helfen. Mein Name ist Auricanius … von Urbet … der Gastgeber des Salons zum Götterpaar Travia und [[Rahja]] an diesem Abend.“''<br> | ||
Dabei deutete er eine Verbeugung an. | Dabei deutete er eine Verbeugung an. | ||
''[ | [[Bild:Orleane ya Pirras.jpg|thumb|180px|Zur falschen Zeit am richtigen Ort: [[Orleane ya Pirras|Dottora Orleane]]]] | ||
Die junge Dame erwiderte ihrerseits die Verbeugung.<br> | |||
''“Es ist mir eine Freude und Ehre Euch als Gastgeber dieser illusteren Gesellschaft kennenzulernen, Euer Hochwürden. Ich bin [[Orleane ya Pirras]], Dottora in Diensten des Ordensritters [[Dareius Amarinto]].”''<br> | |||
Kurz ließ sie ihre Worte wirken, suchte ein Erkennen in der Mimik ihres Gegenübers.<br> | |||
''“Aber zu meiner Schande muss ich gestehen zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Travia und Rahja sind wahrlich eine interessante Debatte wert, aber ich war eher an der über [[Peraine]] und [[Boron]] interessiert. Anscheinend habe ich mich wohl am Tag vertan, wurde mir soeben mitgeteilt.”'' | |||
Der Praios-Geweihte nickte bei der Vorstellung Orleanes, reagierte jedoch schließlich zuerst auf ihre letzte Feststellung: ''„In der Tat, Signora, den beiden der Zwölfe, die unter der Heilkundigen Hände um unser aller Leben und Sterben ringen, wollen wir uns am morgigen Abend widmen.“''<br> | |||
Er lächelte dabei freundlich.<br> | |||
''„Und ich würde mich freuen, euch dann begrüßen zu dürfen, wenn euch dieser Dualismus stärker bewegt. Das Zelt wird dasselbe sein.“''<br> | |||
Er machte eine kurze Pause.<br> | |||
''„In Diensten der Amarinto …“'', sinnierte er dann. ''„Ich dachte schon, euch als Teil der Sewamunder Jagdgesellschaft gesehen zu haben. Auch wenn euer [[Haus ya Pirras|Familienname]] ja anderes vermuten ließe. Nun, richtet eurem Herrn gerne die besten Grüße des Hauses Urbet aus, von einem [[Kriegeradel|Kriegeradligen]] zum anderen gewissermaßen. Und auch eine Einladung zur heutigen Götterdebatte, wenn es euch gefällt. Sein Standpunkt dazu könnte ein interessanter sein.“''<br> | |||
Mit einem kurzen, für unaufmerksamere Gegenüber leicht zu übersehenden Zwinkern gab er der [[Efferdas|Efferdierin]] den Weg frei und deutete dann nochmal eine Verbeugung an. | |||
''“Gerne werde ich meinem Herrn Eure Grüße und auch die Einladung ausrichten, sofern ich ihn noch zu Angesicht bekomme, da meine Eltern aus Efferdas mich erwarten. Ich werde Eure Worte anderweitig übermitteln lassen.”''<br> | |||
Sie verbeugte sich zum Abschied. ''“Ich freue mich auf den morgigen Abend, Hochwürden.”''<br> | |||
Sie verließ das Zelt und begann über die Worte des Geweihten nachzudenken. | |||
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===Erlans Ankunft=== | |||
Als [[Erlan Sirensteen]] von dem philosophischen Salon zu Travia und Rahja vernommen hatte, war sein Interesse geweckt. Besonders reizte ihn die Sichtweise des Auricanius von Urbet. Und auch die Perspektive der [[Aldigonenser]] schien ihm von Gewicht. Vielleicht, so ging es ihm durch den Sinn, sollte er dies bei Gelegenheit im Orden selbst zur Sprache bringen.<br> | |||
'Ein schönes Schloss', dachte er bei sich, als er in den Innenhof zurückkehrte.<br> | |||
Für einen Moment hatte er sich dem Trubel entzogen – ohne Knappen, ohne Verwandte, ohne Verpflichtung. Solche Augenblicke waren selten genug.<br> | |||
Vor ihm erhob sich das Zelt, in welchem der Salon stattfinden sollte. Gedämpfte Stimmen drangen bereits nach außen, vermischt mit leisem Lachen. Als er eintrat, sah er, dass sich die meisten Gäste noch an der Rückseite sammelten, wo Getränke und kleine Speisen gereicht wurden. Einzelne hatten sich bereits in Gespräche vertieft. Noch hatte die eigentliche Veranstaltung nicht begonnen, er war auch etwas zu früh vor Ort.<br> | |||
Erlan suchte sich einen Platz abseits, von dem aus er den noch freien vorderen Bereich des Zeltes überblicken konnte. Er suchte nicht das Gespräch – doch wer ihm begegnete, wurde mit einem höflichen Nicken bedacht.<br> | |||
Ein Diener reichte ihm Wein, den er mit einem leichten Neigen des Kopfes entgegennahm. Rahja war bei solchen Anlässen selten fern.<br> | |||
Langsam öffnete er sein [[Vinsalter Ei]]. Zweimal ließ er den Mechanismus einrasten, ehe er es erneut aufklappte. Die kunstvolle Mechanik trat zurück – und machte der Illusion Platz, die eine kundige Magierin in das Werk gebannt hatte. | |||
[[Bild:Erlan_Sirensteen_Kaiserjagd_Vinsalter_Ei.jpg|thumb|300px|left|[[Erlan Sirensteen]] im philosophischen Salon beim Blick auf das (magische) [[Vinsalter Ei]]]] | |||
Das Ziffernblatt verschwand.<br> | |||
Stattdessen sah er [[Shahane Sirensteen|Shahane]]. Und sich selbst. Jünger. Unbeschwerter.<br> | |||
Er wusste sofort, wann dies gewesen war. Nicht ihre erste Begegnung – nicht jener vorsichtige Anfang. Nein. Es war die Reise auf die [[Zyklopeninseln]]. Ein Augenblick, der mehr gewesen war als bloße Erinnerung.<br> | |||
Ein Lächeln.<br> | |||
Ein Blick.<br> | |||
Und die Entscheidung, diesem nachzugeben.<br> | |||
Was dort begonnen hatte, war nicht aus Kalkül geboren worden. Kein Bündnis, kein wohlüberlegter Schritt im Geflecht von Erwartungen und Verpflichtungen.<br> | |||
Es war gewachsen. Und später – [[Briefspiel:Rahjenbund beider Yaquirien|unter den Augen der Götter]] – besiegelt worden. Rahja hatte den Anfang geschenkt. Travia hatte ihm Bestand verliehen.<br> | |||
Erlan ließ den Blick noch einen Moment auf der kleinen Darstellung ruhen, ehe er das Vinsalter Ei wieder schloss.<br> | |||
Als er sich umwandte, hatten sich weitere Gäste eingefunden. Die Stimmen im Zelt waren zahlreicher geworden, die Gespräche lebhafter.<br> | |||
Während er wartete, verweilte sein Gedanke noch einen Augenblick bei den beiden Göttinnen.<br> | |||
''„Rahja mag den Funken schenken. Doch was bleiben soll, gehört Travia.“'' | |||
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===Eine Unterbrechung=== | |||
''Eine ganze Weile später:'' | ''Eine ganze Weile später:'' | ||
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Selbst Auricanius wurde nun aber ungeduldig und erhob sich mit einem lauten Räuspern.<br> | Selbst Auricanius wurde nun aber ungeduldig und erhob sich mit einem lauten Räuspern.<br> | ||
''„Cavalliere, es dauert mich sehr, euch an dieser Stelle unterbrechen zu müssen. Ihr habt einen durchaus diskussionswürdigen Standpunkt aufgebracht, den ich später gerne weiter zum Thema der Debatte machen würde. Doch das Bankett des Kaisers steht bevor, wie mir soeben noch einmal versichert wurde … und ich denke, dass niemand hier sich dieses entgehen lassen will …“''<br> | ''„Cavalliere, es dauert mich sehr, euch an dieser Stelle unterbrechen zu müssen. Ihr habt einen durchaus diskussionswürdigen Standpunkt aufgebracht, den ich später gerne weiter zum Thema der Debatte machen würde. Doch das Bankett des Kaisers steht bevor, wie mir soeben noch einmal versichert wurde … und ich denke, dass niemand hier sich dieses entgehen lassen will …“''<br> | ||
Zur Überraschung des Praios-Geweihten war es jetzt gerade auch der angesprochene Cavalliere, der seine Anwesenheit an anderem Orte plötzlich für wichtiger befand. Potulino schien den anstehenden Höhepunkt des Abends fast vergessen zu haben – und drehte sich, noch während Auricanius sprach, zum ihm nächsten Ausgang des Zeltes um.<br> | Zur Überraschung des Praios-Geweihten war es jetzt gerade auch der angesprochene Cavalliere, der seine Anwesenheit an anderem Orte plötzlich für wichtiger befand. Potulino schien den anstehenden Höhepunkt des Abends fast vergessen zu haben – und drehte sich, noch während Auricanius sprach, zum ihm nächsten Ausgang des Zeltes um. | ||
Der Gastgeber hatte es nicht so eilig und musste schmunzeln. So schnell wie nun hatte sich sein Salonzelt während der ganzen Kaiserjagd noch nie geleert. Er selbst atmete hingegen – überhaupt erst zum zweiten Mal an diesem Tag? – in aller Ruhe einmal ein und wieder aus, bevor er zum noch halbvollen Weinglas des (zuvor von [[Rahjesco Solivino|Cavalliere Rahjesco]] persönlich als Vertreter der rahjagläubigen [[Familie Solivino]]) kredenzten Cassieners vor sich griff und auch dieses mit geschlossenen Augen leerte.<br> | |||
[[Bild:Timor d Antara bei der Kaiserjagd.jpg|thumb|180px|Sieht in Potulino einen Gleichgesinnten: Timor d'Antara]] | |||
Timor d'Antara, der ruhig den Ausbruch des Cavalliere verfolgt hatte, erhob sich nun ebenfalls, warf seinen Mantel um die Schultern und nickte dem Gastgeber der Debatte noch einmal schnell zu.<br> | |||
Mit raschen Schritten holte er den Methumier ein.<br> | |||
''„Cavalliere!“'', rief er gedämpft, doch bestimmt.<br> | |||
Potulino blieb stehen, drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch.<br> | |||
Timor neigte respektvoll den Kopf.<br> | |||
''„Erlaubt mir, euch nachträglich beizupflichten. Eure Worte eben — sie waren vielleicht etwas … leidenschaftlich vorgetragen, doch im Kern zutreffend.“''<br> | |||
Er legte eine Hand auf die Brust, wo unter dem Wintermantel das gestickte Zeichen seiner Familie zu erahnen war.<br> | |||
''„Auch das Haus d'Antara hält große Stücke auf die Gebote der Gütigen Mutter Travia. Wir wurden so erzogen, die Wärme des Herdes über die flüchtigen Flammen anderer Leidenschaften zu stellen.“''<br> | |||
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, als wolle er damit andeuten, dass er sich der Delikatesse dieses Themas durchaus bewusst war — gerade an einem Abend, der zugleich Rahja geweiht sein sollte.<br> | |||
''„Mein Vater pflegt zu sagen: Ein Eid vor Travia bindet nicht nur zwei Menschen, sondern ganze Generationen. Man darf ihn nicht leichtfertig gegen … modischere Auffassungen ausspielen.“''<br> | |||
Potulino nickte unvermittelt und beipflichtend, sichtlich erfreut.<br> | |||
''„Ihr sprecht wie ein Mann von Verstand, Signor d'Antara.“''<br> | |||
Timor ließ den Blick noch einmal kurz zurück in das sich rasch leerende Salonzelt schweifen. Stimmen verklangen, Diener löschten bereits einige der kleineren Lampen, und aus der Ferne wehte Musik herüber — ein deutlicher Hinweis auf das nahende Bankett.<br> | |||
''„Dennoch“'', fügte er leiser hinzu, ''„fürchte ich, dass wir mit solchen Ansichten heute nicht überall auf Zustimmung stoßen werden.“''<br> | |||
Ein kaum wahrnehmbares Frösteln lief über seinen Rücken — und diesmal hatte es wenig mit der Winterkälte draußen zu tun.<br> | |||
Dann straffte er sich.<br> | |||
''„Doch vielleicht ist dies gerade deshalb der richtige Zeitpunkt, Präsenz zu zeigen.“''<br> | |||
Mit einer höflichen Geste deutete er Potulino den Weg in Richtung der Freitreppe, vor der Timor stehen blieb. Potulino hingegen setzte noch zwei Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass sein Gesprächspartner nicht mehr neben ihm ging. Er drehte sich halb um.<br> | |||
''„Nun, Signor d'Antara?“''<br> | |||
Timor lächelte höflich — ein wenig zu ruhig vielleicht.<br> | |||
''„Ich fürchte, hier trennen sich für diesen Abend unsere Wege, Cavalliere.“''<br> | |||
Er neigte leicht den Kopf in Richtung der Treppe.<br> | |||
''„Das Bankett des Kaisers ist … nicht für jeden bestimmt. Mein Name steht auf anderen Listen.“''<br> | |||
Seine Stimme klang weder bitter noch klagend. Eher sachlich — wie die Feststellung einer Naturgegebenheit, die seit Generationen Bestand hatte.<br> | |||
''„Als [[Nobile]] meines Standes wäre es vermessen, die Freitreppe hinaufzusteigen. Man erwartet mich in den unteren Sälen — und ehrlich gesagt fühle ich mich dort auch freier zu sprechen.“''<br> | |||
Ein leiser Anflug von Selbstironie lag in seinen Worten.<br> | |||
Potulino musterte ihn einen Moment lang, zuckte dann aber mit den Schultern.<br> | |||
''„Standesgrenzen sind eine eigene Jagdgesellschaft“'', murmelte er. ''„Manchmal gefährlicher als die im Wald.“''<br> | |||
Timor ließ ein kurzes, zustimmendes Lachen hören – obschon er sich nicht sicher war, ob die letzte Bemerkung Potulinos nicht nur eine Floskel darstellte.<br> | |||
''„Und doch jagen wir alle im selben Revier, Cavalliere“'', antwortete er dennoch überzeugt.<br> | |||
Er trat einen halben Schritt zurück, ließ Potulino den Vortritt. ''„Geht nur. Zeigt Flagge für Travia — dort oben wird man euch hören.“''<br> | |||
Dann verbeugte er sich knapp.<br> | |||
Während Potulino die Stufen hinaufstieg und bald im Licht der großen Portale verschwand, wandte Timor sich wieder dem Rückweg zu. | |||
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===Der Baron und die Herzogin=== | |||
''Währenddessen im Urbeter Zelt:'' | |||
Auricanius, der Gastgeber, hatte es nicht so eilig wie seine Gäste und musste schmunzeln. So schnell wie nun hatte sich sein Salonzelt während der ganzen Kaiserjagd noch nie geleert. Er selbst atmete hingegen – überhaupt erst zum zweiten Mal an diesem Tag? – in aller Ruhe einmal ein und wieder aus, bevor er zum noch halbvollen Weinglas des (zuvor von [[Rahjesco Solivino|Cavalliere Rahjesco]] persönlich als Vertreter der rahjagläubigen [[Familie Solivino]]) kredenzten Cassieners vor sich griff und auch dieses mit geschlossenen Augen leerte.<br> | |||
Dann rückte er einige der als Dekoration auf dem Tisch vor ihm verteilten Devotionalien zurecht und überlegte, ob er das überhaupt heute zum ersten Mal zusätzlich zur Ausschmückung verwendete [[Curriculum Vitae|Spiel der Tugenden]] vor einer späteren Gesprächsrunde erstmal wieder zur sechseckigen Pyramide zusammenklappen sollte … als er bemerkte, dass er gar nicht allein im Zelt war, wie er inzwischen angenommen hatte …<br> | Dann rückte er einige der als Dekoration auf dem Tisch vor ihm verteilten Devotionalien zurecht und überlegte, ob er das überhaupt heute zum ersten Mal zusätzlich zur Ausschmückung verwendete [[Curriculum Vitae|Spiel der Tugenden]] vor einer späteren Gesprächsrunde erstmal wieder zur sechseckigen Pyramide zusammenklappen sollte … als er bemerkte, dass er gar nicht allein im Zelt war, wie er inzwischen angenommen hatte …<br> | ||
''„Euer Hoheit, entschuldigt bitte, dass ich in meinen Gedanken versunken war“'', sprach er die [[Heldora vom Großen Fluss|Herzogin Heldora]] an und machte dabei eine tiefe Verbeugung.<br> | ''„Euer Hoheit, entschuldigt bitte, dass ich in meinen Gedanken versunken war“'', sprach er die [[Heldora vom Großen Fluss|Herzogin Heldora]] an und machte dabei eine tiefe Verbeugung.<br> | ||
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''„… eure Nichte hat das Schloss verschenkt.“'' | ''„… eure Nichte hat das Schloss verschenkt.“'' | ||
[[Kategorie:Kaiserjagd 1046 BF|Travia und Rahja]] | [[Kategorie:Kaiserjagd 1046 BF|Travia und Rahja I]] | ||