Archiv:Die Puntas und die Torrem (BB 28): Unterschied zwischen den Versionen
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Vor der Sicht der Cavaliera [[Aliesa di Punta|Aliesa von Sikras]] tat sich das [[Malur]]ische Land auf. In schweren Hügelkämmen staute sich der dichten Wälder schwarzes Grün, davor sanfte Felder und Schafweiden aber, im trägen Lichte des Sommers stehend, wie breite Striche von hellem Gras vor Stämme und Blättertracht sich lagerten. Wollten hier nicht Travia und Hesinde selbst die Weilstatt nehmen, vereint im süßen Sung des Friedens? Ein bescheidener Weg querte entlang einer Anordnung von Pappeln die in sich verschlafene Landschaft, und allseits in jenem lieblichen Himmelsstrich regte sich allein ein schwebendes Allerlei von Schmetterlingen und Faltern, allwelche jedoch wie fremd und seltsam abwesend wirken wollten in jener ländlichen Stille und gar milden Ruhe. Nur der Hufschlag in dem Geleise klapperte ebenmäßig vom Kiesgrund des Weges herauf und schloß, durch das aus dem Grasessaum empordringende Zirpen der Grillen ergänzt, in einem leisen Schottern der fortspringenden Steinchen ab. Die Cavaliera, Abstand wahrend, wurde endlich nachgefolgt von einer Kutsche, die wundersam fern rumpelnd über den Weg fuhr, gesäumt von einigen berittenen Knechten in der roten Liberei der Puntas. Mochte es auch auch manchem unziemlich erscheinen, so genoss sie doch die Reise zu Pferde. Sie spürte den Wind in ihrem Haar, sog tief die frische, blütenduftschwangere Luft ein und spürte den wärmenden Praios zu spätem Tage auf ihrer zarten Haut. Wie sie die Ausritte auf dem Landgute vermisste, war es doch zuvor ihrem Gevatter zu eigen! Manchen Sommer hatte sie hier zugebracht, vereint mit ihrem geliebten Bruder Ruban. Ihr Blick aber wanderte nach hinten, die aufschließende Kutsche sichtend, in der sich, neben ihrer Leibzofe Isdara, nur noch ihr Kämmerling fand. Es ging gegen das turrianische Landgut zu Vendramin. <br> | Vor der Sicht der Cavaliera [[Aliesa di Punta|Aliesa von Sikras]] tat sich das [[Malur]]ische Land auf. In schweren Hügelkämmen staute sich der dichten Wälder schwarzes Grün, davor sanfte Felder und Schafweiden aber, im trägen Lichte des Sommers stehend, wie breite Striche von hellem Gras vor Stämme und Blättertracht sich lagerten. Wollten hier nicht Travia und Hesinde selbst die Weilstatt nehmen, vereint im süßen Sung des Friedens? Ein bescheidener Weg querte entlang einer Anordnung von Pappeln die in sich verschlafene Landschaft, und allseits in jenem lieblichen Himmelsstrich regte sich allein ein schwebendes Allerlei von Schmetterlingen und Faltern, allwelche jedoch wie fremd und seltsam abwesend wirken wollten in jener ländlichen Stille und gar milden Ruhe. Nur der Hufschlag in dem Geleise klapperte ebenmäßig vom Kiesgrund des Weges herauf und schloß, durch das aus dem Grasessaum empordringende Zirpen der Grillen ergänzt, in einem leisen Schottern der fortspringenden Steinchen ab. Die Cavaliera, Abstand wahrend, wurde endlich nachgefolgt von einer Kutsche, die wundersam fern rumpelnd über den Weg fuhr, gesäumt von einigen berittenen Knechten in der roten Liberei der Puntas. Mochte es auch auch manchem unziemlich erscheinen, so genoss sie doch die Reise zu Pferde. Sie spürte den Wind in ihrem Haar, sog tief die frische, blütenduftschwangere Luft ein und spürte den wärmenden Praios zu spätem Tage auf ihrer zarten Haut. Wie sie die Ausritte auf dem Landgute vermisste, war es doch zuvor ihrem Gevatter zu eigen! Manchen Sommer hatte sie hier zugebracht, vereint mit ihrem geliebten Bruder Ruban. Ihr Blick aber wanderte nach hinten, die aufschließende Kutsche sichtend, in der sich, neben ihrer Leibzofe Isdara, nur noch ihr Kämmerling fand. Es ging gegen das turrianische Landgut zu Vendramin. <br> | ||
Indem sie eine Hügelkuppe gewahrte, hielt die Cavaliera von Sikras inne und zog mit weiblicher Bedacht die Zügel herum, das Roß zum Stehen zu bringen. Was sie erspähte, das also war ihr wohlvertraut. Dort, in einem mattroten und bräunlichen Schein von Ziegeln, von der hellen Praiosscheibe umgilbt, erhob sich mit wenigen Dächern die Ortschaft [[Vendramin]]. Ob man die Häusergruppe zwar auch als Dörfchen hätte bezeichnen können, so verlieh ihr doch ein kleines Schlößchen, welches gewiß für eine schlichte Herrschaft taugen wollte, zur linken Flanke eine sichere Prominenz auf dem Hügel, eine Geballtheit von hellem Mauerwerk, umsäumt von einer geregelten Terrasse. Endlich aber wich auch jenes Schlößchen im Abstieg des Hanges einer Obstpflanzung unter alten Bäumen und geduckten Stauden, bis das freie Gefild der Talsohle den Anblick wieder abschloß. Die Cavaliera nun, da sie nach Gebühr ansichtig, führte ihr Pferd erneut zu festem Gange herauf und lenkte das Tier in einem gemessenen, edlen und sich selbst bewussten Schritt gegen die kleine Ansiedlung. Wie nobel und edelgeboren mußte da wohl das Roß der Cavaliera Aliesa von Sikras erscheinen, da hier ein ansässiger Bauer mit seinem groben Paßgänger des Weges passierte, dort eine Glucke wie gehetzt und lächerlich davonsprang? | Indem sie eine Hügelkuppe gewahrte, hielt die Cavaliera von Sikras inne und zog mit weiblicher Bedacht die Zügel herum, das Roß zum Stehen zu bringen. Was sie erspähte, das also war ihr wohlvertraut. Dort, in einem mattroten und bräunlichen Schein von Ziegeln, von der hellen Praiosscheibe umgilbt, erhob sich mit wenigen Dächern die Ortschaft [[Vendramin]]. Ob man die Häusergruppe zwar auch als Dörfchen hätte bezeichnen können, so verlieh ihr doch ein kleines Schlößchen, welches gewiß für eine schlichte Herrschaft taugen wollte, zur linken Flanke eine sichere Prominenz auf dem Hügel, eine Geballtheit von hellem Mauerwerk, umsäumt von einer geregelten Terrasse. Endlich aber wich auch jenes Schlößchen im Abstieg des Hanges einer Obstpflanzung unter alten Bäumen und geduckten Stauden, bis das freie Gefild der Talsohle den Anblick wieder abschloß. Die Cavaliera nun, da sie nach Gebühr ansichtig, führte ihr Pferd erneut zu festem Gange herauf und lenkte das Tier in einem gemessenen, edlen und sich selbst bewussten Schritt gegen die kleine Ansiedlung. Wie nobel und edelgeboren mußte da wohl das Roß der Cavaliera Aliesa von Sikras erscheinen, da hier ein ansässiger Bauer mit seinem groben Paßgänger des Weges passierte, dort eine Glucke wie gehetzt und lächerlich davonsprang? | ||
Die Magion di Vendramin [Schloß zu Vendramin], da sie erreicht, schloß mit seiner Front beinahe übergangslos an den von ihm dominierten Dorfplatz an. Allein, eine kleine Freitreppe, welche sich kurz und mit entschlossenen Zügen in einen letzten Anstieg der Hügelkuppe und eines Erdaushubes fügte, stellte sich dem Zuritt entgegen und lenkte vielmehr einen schmalen und geschwungenen Weg an sich vorüber, allwo jener auf Hof und Wirtschaftsgebäude zustreben würde. So also ritt die Cavaliera, da sie die Freitreppe nicht wollte nutzen, allgemach an der Hauptfront aus glatter Mauerfügung und schwarzmarmornen Fensterreihungen entlang. An beiden Flanken des Gebäudes und auch im Zentrum, wo ein besonderes Gewicht zu thronen schien, ergänzte sich, turmartig abgesetzt, mit einem eher stillen Prunk ein zweites Obergeschoß. Die Fenster, dort wie bleiern und schwärzlich gegen die weiße Fassade opponierend, herunten aber zu ebener Erde auch in Gitter gefaßt, wollten wie schwarze Steinbrocken auf einer weißen und sonnenstarken Sandfläche erscheinen. <br> | Die [[Magion di Vendramin]] [Schloß zu Vendramin], da sie erreicht, schloß mit seiner Front beinahe übergangslos an den von ihm dominierten Dorfplatz an. Allein, eine kleine Freitreppe, welche sich kurz und mit entschlossenen Zügen in einen letzten Anstieg der Hügelkuppe und eines Erdaushubes fügte, stellte sich dem Zuritt entgegen und lenkte vielmehr einen schmalen und geschwungenen Weg an sich vorüber, allwo jener auf Hof und Wirtschaftsgebäude zustreben würde. So also ritt die Cavaliera, da sie die Freitreppe nicht wollte nutzen, allgemach an der Hauptfront aus glatter Mauerfügung und schwarzmarmornen Fensterreihungen entlang. An beiden Flanken des Gebäudes und auch im Zentrum, wo ein besonderes Gewicht zu thronen schien, ergänzte sich, turmartig abgesetzt, mit einem eher stillen Prunk ein zweites Obergeschoß. Die Fenster, dort wie bleiern und schwärzlich gegen die weiße Fassade opponierend, herunten aber zu ebener Erde auch in Gitter gefaßt, wollten wie schwarze Steinbrocken auf einer weißen und sonnenstarken Sandfläche erscheinen. <br> | ||
Bevor aber die Cavaliera, die sich etwas fragend umblickte, hätte passieren können, da eilte ihr aus Richtung des Portals ein Knecht des Anwesens hinterdrein, und er brachte bescheidene Zurufe vor. <br> | Bevor aber die Cavaliera, die sich etwas fragend umblickte, hätte passieren können, da eilte ihr aus Richtung des Portals ein Knecht des Anwesens hinterdrein, und er brachte bescheidene Zurufe vor. <br> | ||
- "Wohlgeboren, ach, dass ich submiss bitten darf -," sprach jener, ein alter Mann, und sodann ergriff er unter einer Verbeugung das Pferd am Zaume und avisierte der Cavaliera stumm den Haupteingang. Man kannte sich. Er, der schütterhäuptige Veltro, war ein alter Knecht eines ihrer Anverwandten, welcher vordem im Namen des [[Haus Berlînghan|Hauses Berlînghan]] über Vendramin geboten, bevor jene Besitzungen auf das [[Haus Torrem]] kamen. War es ihm durchaus eine Freude, die Cavaliera wiederzusehen? Er kannte sie doch von einst und noch aus ihren Kindertagen, bevor nach Vinsalt sie geschickt ward von ihrem Vater, die Juristerei mit Fleiß zu erlernen. Der Knecht aber verband sich noch immer mit diesem kleinen Schlösschen, wie auch ein Wurzelstock dem gewachsenen Stamme treu bleibt. <br> | - "Wohlgeboren, ach, dass ich submiss bitten darf -," sprach jener, ein alter Mann, und sodann ergriff er unter einer Verbeugung das Pferd am Zaume und avisierte der Cavaliera stumm den Haupteingang. Man kannte sich. Er, der schütterhäuptige Veltro, war ein alter Knecht eines ihrer Anverwandten, welcher vordem im Namen des [[Haus Berlînghan|Hauses Berlînghan]] über Vendramin geboten, bevor jene Besitzungen auf das [[Haus Torrem]] kamen. War es ihm durchaus eine Freude, die Cavaliera wiederzusehen? Er kannte sie doch von einst und noch aus ihren Kindertagen, bevor nach Vinsalt sie geschickt ward von ihrem Vater, die Juristerei mit Fleiß zu erlernen. Der Knecht aber verband sich noch immer mit diesem kleinen Schlösschen, wie auch ein Wurzelstock dem gewachsenen Stamme treu bleibt. <br> | ||
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- „Der Herr, … mein Herr, der Herr von Toricum, also Wohlgeboren …, er bittet Euch zu trefflicher Unterredung. Es ist soeben, dass er von seinem Ausritte heimgekehrt, und so sucht er Euch die Zusammenkunft über mein geringes Erscheinen zu notifizieren.“ - Der alte Knecht, er bog den Mundwinkel zu einem etwas verlegenen Lächeln, verbeugte sich alsodann und fuhr sich wohl auch wie aus Versehen mit der Hand durch das schüttere Haar. Wurde er gewahr, wie sehr die Cavaliera [[Aliesa di Punta]], einst ein ungestümes Mädchen, zur Frau gereift war? Wir wissen es nicht. Da aber stand sie, gehüllt in tiefblaue Seide, wo zuvor ein ledernes Reitgewand gewesen, und erstrahlte in einiger Pracht. Leise raschelte der Faltenzug der Schöße, da sie sich erhob, und gab das Schimmern des Kerzenlichtes wieder, dass auch einige güldene Stickereien sich hervorhoben. Glänzte seiden ihr Haar, gehalten nur von einem Haarnetz, gewirkt von Gold und Perlen. Mochte, da sich einige blonde Locken ringelten, der alte Knecht den Duft des Haares vernehmen? Eisblau übertraf ihrer Augen Funkeln den Widerschein der Juwelen, welche entlang einer Halskette sich über den ruhenden und schimmerden Busen legte. Gewahrte er wohl nicht recht, wie die Cavaliera ihn, längst in Erwartung weiterer Worte, lächelnd anblickte? Endlich, da er sie wohl einen langen Augenblick angestarrt, senkte er den Blick, verlegen. <br> | - „Der Herr, … mein Herr, der Herr von Toricum, also Wohlgeboren …, er bittet Euch zu trefflicher Unterredung. Es ist soeben, dass er von seinem Ausritte heimgekehrt, und so sucht er Euch die Zusammenkunft über mein geringes Erscheinen zu notifizieren.“ - Der alte Knecht, er bog den Mundwinkel zu einem etwas verlegenen Lächeln, verbeugte sich alsodann und fuhr sich wohl auch wie aus Versehen mit der Hand durch das schüttere Haar. Wurde er gewahr, wie sehr die Cavaliera [[Aliesa di Punta]], einst ein ungestümes Mädchen, zur Frau gereift war? Wir wissen es nicht. Da aber stand sie, gehüllt in tiefblaue Seide, wo zuvor ein ledernes Reitgewand gewesen, und erstrahlte in einiger Pracht. Leise raschelte der Faltenzug der Schöße, da sie sich erhob, und gab das Schimmern des Kerzenlichtes wieder, dass auch einige güldene Stickereien sich hervorhoben. Glänzte seiden ihr Haar, gehalten nur von einem Haarnetz, gewirkt von Gold und Perlen. Mochte, da sich einige blonde Locken ringelten, der alte Knecht den Duft des Haares vernehmen? Eisblau übertraf ihrer Augen Funkeln den Widerschein der Juwelen, welche entlang einer Halskette sich über den ruhenden und schimmerden Busen legte. Gewahrte er wohl nicht recht, wie die Cavaliera ihn, längst in Erwartung weiterer Worte, lächelnd anblickte? Endlich, da er sie wohl einen langen Augenblick angestarrt, senkte er den Blick, verlegen. <br> | ||
- "Bringe mich doch bitte nun zu deinem Herren." Die junge Frau, sie lächelte noch immer. <br> | - "Bringe mich doch bitte nun zu deinem Herren." Die junge Frau, sie lächelte noch immer. <br> | ||
- "Sehr wohl.", stammelte da der alte Veltro, gewiß erfreut ob der kleinen Indulgenz, dass die Cavaliera auf solche Unziemlichkeit nicht eingegangen war. Ob er an ihre Mutter sich erinnert fühlte, welche, ob sie zwar früh im Wochenbett verstorben, noch lange Zeit in Öl zu bewundern war? Zumindest aber war es, wie er wissen musste, still in der Magion di Vendramin geworden. - Man sagte, seit der Signore [[Reon Torrem]] die Herrschaft übernommen hatte, erfülle kein Kinderlachen mehr die Gänge, woge nicht mehr der Klang von herrschaftlichem Tanze aus den Mauern. Der Herr, er galt für genügsam und schwerblütig, darüber jedoch auch für seltsam hochfahrend und in Rondras Tugenden für sehr exaltiert. Hatte er sich nicht mit seinen Duellforderungen nach dem letzten [[Cron-Convent]] zum Gegenstand des Gespöttes gemacht? Und nun gar ging das Gerücht, er habe seine Gattin umbringen lassen, welche zudem eine Base des Herzogs von Methumis gewesen. Aliesa, obschon bewährt in vielem, würde nun also auf einen jener wilden Wölfe treffen, welche in kalter Wut durch den Tempelhain des Reiches strichen. Der Signore [[Reon Torrem]] war von äußerst übler Reputation. Wußte der Gransignore von Urbetien bei aller Durchtriebenheit noch die Form zu wahren, so war dieser hier, kauzig und finster, wahrlich kein Mann | - "Sehr wohl.", stammelte da der alte Veltro, gewiß erfreut ob der kleinen Indulgenz, dass die Cavaliera auf solche Unziemlichkeit nicht eingegangen war. Ob er an ihre Mutter sich erinnert fühlte, welche, ob sie zwar früh im Wochenbett verstorben, noch lange Zeit in Öl zu bewundern war? Zumindest aber war es, wie er wissen musste, still in der [[Magion di Vendramin]] geworden. - Man sagte, seit der Signore [[Reon Torrem]] die Herrschaft übernommen hatte, erfülle kein Kinderlachen mehr die Gänge, woge nicht mehr der Klang von herrschaftlichem Tanze aus den Mauern. Der Herr, er galt für genügsam und schwerblütig, darüber jedoch auch für seltsam hochfahrend und in Rondras Tugenden für sehr exaltiert. Hatte er sich nicht mit seinen Duellforderungen nach dem letzten [[Cron-Convent]] zum Gegenstand des Gespöttes gemacht? Und nun gar ging das Gerücht, er habe seine Gattin umbringen lassen, welche zudem eine Base des Herzogs von Methumis gewesen. Aliesa, obschon bewährt in vielem, würde nun also auf einen jener wilden Wölfe treffen, welche in kalter Wut durch den Tempelhain des Reiches strichen. Der Signore [[Reon Torrem]] war von äußerst übler Reputation. Wußte der Gransignore von Urbetien bei aller Durchtriebenheit noch die Form zu wahren, so war dieser hier, kauzig und finster, wahrlich kein Mann [[Vinsalt]]s. <br> | ||
Cavaliera Aliesa di Punta folgte dem alten Veltro, welcher einen kleinen Kandelaber vorauftrug, durch die Gänge der Magion di Vendramin. Wenig nur hatte der neue Herr verändert. Lediglich das Bilderzimmer, wo vordem Aliesas Gevatter sich geschmückt, wirkte kahl und ausgestorben in seinen weißen Flächen. Dieser Mangel aber ließ die Gedanken der jungen Frau recht eigentlich zu den Orten ihrer ersten Kindheit schweifen, als ihr Leben noch unbeschwert und ohne jene Begebenheiten war, welche seither vorgefallen. Feucht schimmerten ihre Augen, da sie des ersten Balles an diesem Orte gedachte. Und wieder verspürte sie jenes warme Kribbeln, welches damals, als sie in die Gesellschaft eingeführt, ob des Anblickes eines jungen Edelmannes sie durchfahren hatte. Hatte damals doch ihr Herz gepocht, als jener Jüngling aus dem Hause Hohensteyn-Corden seinen Arm zum Tanze bot! Gab es auf jenem Balle denn einen hübscheren Edelmann? „O Maricio, warum haben sie dich so früh geholt, die Götter?“ sprach in Wehmut ihr Herz, dass ihr Busen in einem leisen Krampf sich rührte. Es hätten bittere Zähren über die Wangen rinnen können, - doch nicht jetzt. Und dennoch: Wie oft hatte sich die Cavaliera in Gedanken schon gewunden, war doch ihr Sohn das Einzige, was ihr von jenem ersten Gemahl geblieben. Und weiter schweiften ihre Gedanken umher, hin zu ihrem zweiten Gatten, zu jenem Silem Torrem. Kaum hatte sie ihn gekannt, stand doch allein der Zwang übler Begebenheiten und Händel mit ihnen vor der Frau Travia [BB#25]. Signor [[Reon Torrem]]! Den, der das gewirkt, sollte sie nun treffen! Doch war Silem nun, wie man mit Evidenz vermuten musste, zu Brabak tot mit seiner Mutter geblieben … - Hatte sie je um ihn getrauert? Nun, ganz unversehens war an seiner Seite sie zur Herrin von Sikras geworden. Ihre Tränen, die geflossen, sie hatten doch nur dem Witwenstand gegolten, der zum zweiten Mal sie traf, da sie erst 27 Götterläufe zählte. Ob nun aber der Signor [[Reon Torrem]] wahrlich so kalt geblieben war, wie man sagte, da er von seinem Sohne und von Boron hörte? Diesen Reon aber würde sie nun treffen, einen wilden Wolf in kalter Wut … <br> | Cavaliera Aliesa di Punta folgte dem alten Veltro, welcher einen kleinen Kandelaber vorauftrug, durch die Gänge der [[Magion di Vendramin]]. Wenig nur hatte der neue Herr verändert. Lediglich das Bilderzimmer, wo vordem Aliesas Gevatter sich geschmückt, wirkte kahl und ausgestorben in seinen weißen Flächen. Dieser Mangel aber ließ die Gedanken der jungen Frau recht eigentlich zu den Orten ihrer ersten Kindheit schweifen, als ihr Leben noch unbeschwert und ohne jene Begebenheiten war, welche seither vorgefallen. Feucht schimmerten ihre Augen, da sie des ersten Balles an diesem Orte gedachte. Und wieder verspürte sie jenes warme Kribbeln, welches damals, als sie in die Gesellschaft eingeführt, ob des Anblickes eines jungen Edelmannes sie durchfahren hatte. Hatte damals doch ihr Herz gepocht, als jener Jüngling aus dem Hause Hohensteyn-Corden seinen Arm zum Tanze bot! Gab es auf jenem Balle denn einen hübscheren Edelmann? „O Maricio, warum haben sie dich so früh geholt, die Götter?“ sprach in Wehmut ihr Herz, dass ihr Busen in einem leisen Krampf sich rührte. Es hätten bittere Zähren über die Wangen rinnen können, - doch nicht jetzt. Und dennoch: Wie oft hatte sich die Cavaliera in Gedanken schon gewunden, war doch ihr Sohn das Einzige, was ihr von jenem ersten Gemahl geblieben. Und weiter schweiften ihre Gedanken umher, hin zu ihrem zweiten Gatten, zu jenem Silem Torrem. Kaum hatte sie ihn gekannt, stand doch allein der Zwang übler Begebenheiten und Händel mit ihnen vor der Frau Travia [BB#25]. Signor [[Reon Torrem]]! Den, der das gewirkt, sollte sie nun treffen! Doch war Silem nun, wie man mit Evidenz vermuten musste, zu Brabak tot mit seiner Mutter geblieben … - Hatte sie je um ihn getrauert? Nun, ganz unversehens war an seiner Seite sie zur Herrin von Sikras geworden. Ihre Tränen, die geflossen, sie hatten doch nur dem Witwenstand gegolten, der zum zweiten Mal sie traf, da sie erst 27 Götterläufe zählte. Ob nun aber der Signor [[Reon Torrem]] wahrlich so kalt geblieben war, wie man sagte, da er von seinem Sohne und von Boron hörte? Diesen Reon aber würde sie nun treffen, einen wilden Wolf in kalter Wut … <br> | ||
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Man war die Treppen herabgeschritten, welche hinter dem kalten Hauptportal die Teile der Anlage verbanden, und verfügte sich, das Rauchkabinett anstrebend, durch den schweigenden Festsaal. Das Kleid rauschte. Doch ach! Ob es ein Fehler war, ein Ballkleid zu tragen, nicht die gebotene Trauergewandung? Nun, der Tod des [[Silem Torrem]] war ja noch keine Gewissheit, der Gemahl galt allenfalls für abwesend, bestenfalls für verschollen … Welch ein Trost! <br> | Man war die Treppen herabgeschritten, welche hinter dem kalten Hauptportal die Teile der Anlage verbanden, und verfügte sich, das Rauchkabinett anstrebend, durch den schweigenden Festsaal. Das Kleid rauschte. Doch ach! Ob es ein Fehler war, ein Ballkleid zu tragen, nicht die gebotene Trauergewandung? Nun, der Tod des [[Silem Torrem]] war ja noch keine Gewissheit, der Gemahl galt allenfalls für abwesend, bestenfalls für verschollen … Welch ein Trost! <br> | ||
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- „Wir sind abgeneigt, weitere Angebote zu unterbreiten. So schalte also jeder mit seinem eigenen Phex.“ Signor [[Reon Torrem|Reon Phalaxan XXIV. Torrem]] von Toricum, in conspectu einer solch offensiven Antwort sichtlich von Ernst durchfahren, leutete mit einem Tischglöckchen. Da der Diener erschien, der alte Veltro, gab er kund: „Avisiere die Reitknechte und die Bedeckung, dass wir den morgigen Tag uns gegen Toricum zu verfügen geruhen.“ Endlich sprach der Signore von Toricum, indem er sich mit den Fingerkuppen etwas über den Kragen fuhr, gewandt zu der jungen Cavaliera [[Aliesa di Punta]]: „Eure Worte waren sehr kühn, und ich bin ein Torrem.“ Die Cavaliera erhob sich bei diesen Worten. Ein ungutes Gefühl hatte sich in ihr breit gemacht. - "Es dauert mich, dass unser Gespräch nun ein solches Ende gefunden hat. Ich danke Euch für eure Gastfreundschaft. Mögen die Zwölfe mit euch sein." Aliesa verbeugte sich knapp vor ihrem Schwärvater und verließ das Rauchkabinett. <br> | - „Wir sind abgeneigt, weitere Angebote zu unterbreiten. So schalte also jeder mit seinem eigenen Phex.“ Signor [[Reon Torrem|Reon Phalaxan XXIV. Torrem]] von Toricum, in conspectu einer solch offensiven Antwort sichtlich von Ernst durchfahren, leutete mit einem Tischglöckchen. Da der Diener erschien, der alte Veltro, gab er kund: „Avisiere die Reitknechte und die Bedeckung, dass wir den morgigen Tag uns gegen Toricum zu verfügen geruhen.“ Endlich sprach der Signore von Toricum, indem er sich mit den Fingerkuppen etwas über den Kragen fuhr, gewandt zu der jungen Cavaliera [[Aliesa di Punta]]: „Eure Worte waren sehr kühn, und ich bin ein Torrem.“ Die Cavaliera erhob sich bei diesen Worten. Ein ungutes Gefühl hatte sich in ihr breit gemacht. - "Es dauert mich, dass unser Gespräch nun ein solches Ende gefunden hat. Ich danke Euch für eure Gastfreundschaft. Mögen die Zwölfe mit euch sein." Aliesa verbeugte sich knapp vor ihrem Schwärvater und verließ das Rauchkabinett. <br> | ||
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In aller Frühe machte sich die Cavaliera samt ihrem Gefolge auf den Weg gegen Sikras, und dieses Mal bevorzugte sie das herrschaftliche Gefährt. Eilig trieb der Kutscher die Pferde an, endlich froh war die Cavaliera, diesen Ort zu verlassen. Auf der Hügelkuppe, an der sie bereits auf der Hinreise Halt gemacht hatte, gebot sie, kurz innezuhalten. Aus dem Verschlag der Kutsche warf sie einen letzten wehmütigen Blick auf die Magion di Vendramin. In weiter Ferne lagen nun die Erinnerungen der glücklichen Momente ihrer Jugend und hatten den Sorgen einer unsicheren, gefahrvollen Zukunft Platz bereitet. Sie schüttelte die düsteren Gedanken ab und gab dem Kutscher den Wink, die Pferde wieder anzutreiben. Man würde noch zu Toricum die Brücke über den [[Sikram]] nutzen müssen, doch hatte sie, Aliesa, ebenso am Vorabend Toricum getrotzt. | In aller Frühe machte sich die Cavaliera samt ihrem Gefolge auf den Weg gegen Sikras, und dieses Mal bevorzugte sie das herrschaftliche Gefährt. Eilig trieb der Kutscher die Pferde an, endlich froh war die Cavaliera, diesen Ort zu verlassen. Auf der Hügelkuppe, an der sie bereits auf der Hinreise Halt gemacht hatte, gebot sie, kurz innezuhalten. Aus dem Verschlag der Kutsche warf sie einen letzten wehmütigen Blick auf die [[Magion di Vendramin]]. In weiter Ferne lagen nun die Erinnerungen der glücklichen Momente ihrer Jugend und hatten den Sorgen einer unsicheren, gefahrvollen Zukunft Platz bereitet. Sie schüttelte die düsteren Gedanken ab und gab dem Kutscher den Wink, die Pferde wieder anzutreiben. Man würde noch zu Toricum die Brücke über den [[Sikram]] nutzen müssen, doch hatte sie, Aliesa, ebenso am Vorabend Toricum getrotzt. | ||
[[Kategorie:Bosparanisches Blatt Nr. 28]] | [[Kategorie:Bosparanisches Blatt Nr. 28]] | ||