Briefspiel:Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung: Unterschied zwischen den Versionen

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''"Selbstverständlich Protektorin, ich werde mit den Schreibern der Kanzlei heute noch alle notwendigen Dokumente vorbereiten."'' Er lächelte in einer servilen Geste. Sein Blick machte jedoch deutlich, dass er vermutlich bereits alles vorbereitet hatte, aber seine neue Dienstherrin mit seiner Tatkraft nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte.
''"Selbstverständlich Protektorin, ich werde mit den Schreibern der Kanzlei heute noch alle notwendigen Dokumente vorbereiten."'' Er lächelte in einer servilen Geste. Sein Blick machte jedoch deutlich, dass er vermutlich bereits alles vorbereitet hatte, aber seine neue Dienstherrin mit seiner Tatkraft nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte.


===[[Lianara von Streitebeck]]===
[[Bild:Lianara von Streitebeck.jpg|thumb|left|200px|Eine stolze Rechtsgelehrte in Diensten von Herzögen und Baronen - Lianara von Streitebeck]]
Eine Dienerin brachte ihr einen kleinen Mittagsimbiss, etwas Leichtes zu essen und zu trinken. Die anstrengenden Gespräche forderten ihren Tribut, ihr Genick war verspannt, ihr Kopf schmerzte. Also erhob sich Amelthona hinter ihrem Schreibtisch und ging ein paar Schritte durch das Arbeitszimmer. Sie öffnete auch eines der Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Nachdenklich schaute sie hinaus über die Parkanlage des Schlosses. Konnte [[Schloss Sewadâl]] der würdige Sitz des nächsten Barons oder der nächsten Baronin werden? [[Sewadâl]] war verglichen mit [[Sewamund]] nur ein kleines Dorf, nicht einmal 500 Einwohner - doch mit Sicherheit würde es wachsen, wenn es einen Baron beherbergte.
Nun, vor dieser Entscheidung standen noch einige weitere. Amelthona streckte ihren Rücken durch, ihre Arme, und sog die frische winterliche Luft durch ihre Nase ein. Dann trat sie einen Schritt vom Fenster zurück und schloss die Läden.
Einen Menschen hatte sie zu ihrem Bedauern enttäuschen müssen. Einen anderen hatte sie dafür äußerst zufrieden gemacht. Das nun anstehende Gespräch mochte entweder eines der leichteren oder eines der schwierigeren werden. In jeden Fall benötigte die Protektorin einen kühlen Kopf.
Kurze Zeit später saß sie als Protektorin Sewamunds wieder hinter dem Schreibtisch, in ihrem Herrschaftsbereich. Eine Dienerin führte die Richterin der Baronie Sewamund in das Amtszimmer und wollte ihr schon den Arm anbieten, den die mittlerweile über 80jährige Rechtsgelehrte rüde ablehnte und auf einen Gehstock gestützt, aber immer noch würdevoll aufrecht, ohne Hilfe zum Schreibtisch ging und sich unaufgefordert setzte.
Die Richterin hatte Platz genommen. Nicht hastig, nicht zögerlich, sondern mit jener knappen Selbstverständlichkeit, die aus jahrzehntelanger Autorität geboren wird. Der Gehstock ruhte nun quer über ihren Knien, beide Hände darauf gelegt, sehnig, von Altersflecken gezeichnet, doch ruhig und würdevoll.
Lianara von Streitebeck trug Schwarz. Nicht das matte Schwarz der Trauer, sondern jenes tiefe, würdige Dunkel welches in [[Phecadien]] so populär war. Ihr Kleid war altmodisch geschnitten, hochgeschlossen, mit schmalem Spitzenbesatz am Kragen und an den Handgelenken. Kein Schmuck, der um Aufmerksamkeit bat. Nur eine goldene Kette, daran ein Siegelmedaillon, schlicht gearbeitet, das Emblem von [[Praios]] kaum mehr als eine Andeutung. Es lag flach auf ihrer Brust.
Ihr Haar war vollständig ergraut, streng nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, den ein unscheinbares Netz hielt. Kein loses Haar, keine Nachlässigkeit. Ihr Gesicht war scharf geschnitten, die Wangen eingefallen, die Lippen dünn und fest geschlossen. Tiefe Falten durchzogen Stirn und Mundwinkel, doch nichts an ihr wirkte würdelos.
Die Augen, grau und kühl, musterten Amelthona nicht neugierig, sondern prüfend. Kein offener Widerstand, keine unterwürfige Geste. Der unerschütterliche Stolz einer Juristin, die dem [[Herzog von Grangor|Herzog von Grangorien]] bereits gedient hatte, ehe viele der heutigen Würdenträger überhaupt geboren waren, und die fast zwanzig Jahre lang Recht in Sewamund gesprochen hatte.
''"Protektorin"'', sagte Lianara schließlich. Ihre Stimme war trocken, überraschend klar für ihr Alter, ohne Zittern, ohne Wärme.
Ihre Haltung war aufrecht, trotz der über achtzig Jahre, trotz der offensichtlichen Gebrechlichkeit, die sich nur im langsamen Atem und in der Stütze des Gehstocks zeigte. Selbst im Sitzen wirkte sie unbeweglich, wie eine Statue, die man nicht versetzen kann, sondern um die man herumgehen muss.
Ihre Ausstrahlung war kühl, exakt, unversöhnlich mit Unordnung. Kein Trost ging von ihr aus, keine Milde. Aber auch keine Willkür.
''"Man sagte mir, Ihr wünscht ein Gespräch"'', stellte sie fest. Es war keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung.
Und sie machte deutlich: Dieses Gespräch würde nicht leicht werden.
Amelthona hatte die Richterin, die seit 18 Jahren das Amt der Richterin der [[Baronie Sewamund]] ausübte, betrachtet, versucht, sie einzuschätzen. Doch all das half nichts, sie durfte das Gespräch nicht aufschieben. ''"Signora Lianara, ich danke Euch für Euer Kommen."'' Die alte Richterin schnaubte. Amelthona ignorierte diese non-verbale Erwiderung. ''"Gut, ich denke, wir sollten gleich zum Kern dieses Termins vordringen."'' Die Protektorin, die knapp 30 Jahre jünger war als die Richterin, die auf ein bewegtes Leben und viele erfolgreiche Aufgaben, darunter gar am Herzogenhof, zurückblicken konnte, schaute ihr Gegenüber mit klarem und offenem Blick direkt in die Augen. ''"Euer Verwandter [[Irion von Streitebeck]] wurde als Baron seines Lehens enthoben. [[Cusimo Garlischgrötz|Comto Cusimo]], der [[Herzog von Grangor]], wird in absehbarer Zeit entscheiden und verkünden, wer den Thron der Baronie erhalten wird. Es wird nur kein Streitebeck sein."''
Lianara von Streitebeck ließ die Worte der Protektorin einen Moment lang im Raum schweben. Ihr schnaubendes Atemholen war kein Zeichen von Überraschung, eher von Missbilligung über eine allzu einfache Schlussfolgerung. Ihre grauen Augen verengten sich kaum merklich.
''"Das"'', sagte sie schließlich, ''"ist eine mögliche Einschätzung."''
Eine winzige Pause. ''"Jedoch nicht zwingend eine zutreffende."''
Sie nahm die rechte Hand vom Gehstock, glättete eine Falte ihres Ärmels, als ordne sie dabei zugleich ihre Gedanken. Die Bewegung war ruhig, kontrolliert, und sie erinnerte daran, dass diese Frau Jahrzehnte lang in Gerichtssälen sprach, in denen Männer und Frauen mit mehr Rang als Geduld gesessen hatten.
''"Ich will Eure Position nicht in Frage stellen, Protektorin"'', fuhr sie fort, und der Tonfall machte klar, dass genau dies nun geschah. ''"Der Herzog entscheidet. Das ist unstrittig. Ebenso unstrittig ist, dass Irion von Streitebeck als Baron abgesetzt wurde."'' Ein leichtes Nicken. ''"Das habe ich zur Kenntnis genommen."''
Amelthona hob die Arme, stellte sie aufgestützt auf die Ellenbögen auf den Tisch und legte ihre spinnengleich schlanken Finger aneinander. Sie mühte sich, den Blick nicht abzuwenden, sie würde nicht diejenige sein, die sich geschlagen gab.
Dann hob Lianara den Blick wieder, geradewegs, kühl.
''"Was ich jedoch nicht teile, ist die Annahme, dass damit jede streitebecksche Anspruchslinie erloschen sei."'' Ein Hauch von etwas, das beinahe Spott war, lag in ihrem Mundwinkel.
Die Protektorin erwiderte den Spott nicht, mühte sich um eine weiterhin ruhige, beinahe stoische Mine, um einen kühlen Gesichtsausdruck.
Sie lehnte sich minimal zurück, ohne ihre aufrechte Haltung zu verlieren.
''"[[Rondrarich von Streitebeck|Rondrarich Khadanio von Streitebeck]]"'', sagte sie nun, und der Name fiel mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er längst in einem Protokoll gestanden. ''"Adoptivsohn des letzten Barons, anerkannt, erzogen, vorbereitet. In den Augen des Rechts – und wichtiger noch: in den Augen der Baronie – ist er der einzig natürliche Kandidat."''
Ihre Stimme blieb trocken, fast nüchtern, doch darunter lag Überzeugung wie gehärteter Stahl.
''"Er ist nicht belastet durch die Entscheidungen seines Vaters, trat sogar in einem Akt übermütiger Rebellion den Rängen seiner Gegner bei."''
Sie hob eine Braue, kaum sichtbar, aber bewusst gesetzt.
''"Alles andere"'', fügte sie hinzu, ''"mag von Emporkömmlingen und Neidern diskutiert werden. Juristisch ist es zumindest...angreifbar."'' Ein Wort wie ein sauber geführter Schnitt. ''"Und vor allem unnötig."''
Für einen Moment ruhte ihr Blick fest auf Amelthona.
Diese schwieg einige Augenblicke, den Blick aus den eigenen Augen immer noch auf die Richterin gerichtet.
Dann...
''"Nun, Signora, Eure Argumentation mag logisch sein und sicherlich auch fundiert überlegt, wie ich es bei einer Person Eurer Kompetenz annehmen darf."'' Amelthona behielt den ruhigen, sachlichen Tonfall bei, den sie eigens für genau dieses Gespräch zurechtgelegt hatte. ''"Ihr mögt wirklich glauben, dass Rondrarich von Streitebeck einen Anspruch auf das neue Sewamund erheben könnte."'' Sie ließ diese Worte für einen kurzen Moment wirken. Dann löste sie die Finger voneinander, legte ihre Hände flach auf den Tisch und verschränkte die Finger ineinander. ''"Ich tue dies nicht. Welchen Nutzen hätte denn Comto Cusimo davon, nach diesen ganzen Konflikten, nach diesen Intrigen und vor allem nach dem Götterurteil in Gestalt der [[Götterurteil am Norderkoog|Schlacht von Sewamund]] einen Streitebeck durch einen anderen zu ersetzen? Genau."'' Sie kniff nun die Augen für einen kurzen Moment zusammen. ''"Nichts."'' Dann schüttelte sie kurz den Kopf.
Lianara von Streitebeck sagte nichts, nur ihr Mundwinkel zuckte kurz. Es war offensichtlich, dass die Sachlage völlig anders bewertete.
''"Und genau aus diesem Grund muss ich als Protektorin eine Zäsur vornehmen. Ihr versteht sicherlich, dass aus politischen Gründen und aus Gründen der Neutralität, ein derart wichtiges Amt wie das der Richterin der Baronie Sewamund  nicht mit einem Mitglied des [[Haus Streitebeck|Hauses Streitebeck]] besetzt sein kann?"'' Amelthona sprach klar und ruhig, kein Affront, kein Zorn, keine Herablassung lagen in ihrer Stimme, sie mühte sich um kühle Sachlichkeit.
Die alte Juristin ließ die Worte der Protektorin an sich abgleiten, als habe sie sie bereits erwartet. Kein Zucken, kein sichtbarer Ärger. Nur ein langsames, bedachtes Einatmen, das die Stille im Raum verdichtete.
Dann nickte sie. Ein einziges Mal.
''"Ich verstehe Eure Argumentation"'', sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, trocken, von jener Sachlichkeit, die nicht um Zustimmung wirbt. ''"Und ich erkenne sie als konsequent innerhalb des Rahmens an, in dem Ihr Euch bewegt."''
Sie hob den Kopf ein wenig, gerade so weit, dass ihre Haltung nicht mehr bloß sitzend, sondern wieder richtend wirkte.
''"Ich teile sie jedoch nicht."''
Der Satz fiel ohne Schärfe, ohne Polemik. Amelthona zeigte sich daher nicht überrascht. Sie zuckte nicht, sie lächelte nicht, sie neigte nur leicht den Kopf, neugierig, was nun folgen würde.
''"Neutralität"'', fuhr sie fort, ''"ist ein politisches Ideal. Recht hingegen ist ein praiosgefälliges Handwerk."'' Ein schmaler Zug um ihre Lippen. ''"Ich habe mein Leben damit verbracht, beides auseinanderzuhalten, wo andere es vermengen."''
Ihre grauen Augen ruhten fest auf Amelthona.
''"Dass meine Herkunft aus dem Hause Streitebeck nun als unvereinbar mit dem Richteramt betrachtet wird, ist..."'' Sie suchte kurz nach dem passenden Wort. ''"...folgerichtig. Nicht zwingend notwendig, aber folgerichtig."'' Ein leises, kaum hörbares Ausatmen. ''"Die Zeiten verlangen nach symbolischen Handlungen."''
Sie legte beide Hände fester auf den Gehstock.
''"Ich werde mich Eurer Entscheidung beugen."'' Der Tonfall machte unmissverständlich klar, dass dies kein persönliches Zugeständnis war, sondern ein Akt der Anerkennung von Autorität. ''"Nicht, weil ich sie für rechtlich überlegen hielte, sondern weil Ihr sie in Ausübung einer Befugnis trefft, die Euch vom Herzog selbst verliehen wurde."''
Ein winziger Funke Stolz blitzte auf.
''"Und ich habe lange genug am Hochgericht in Farsid gedient, um zu wissen, wann ein Urteil endgültig ist, selbst wenn es einem nicht gefällt."''
Sie richtete sich minimal auf, so weit es ihr Körper noch zuließ.
''"Ich habe achtzehn Jahre über die Baronie Sewamund gerichtet"'', sagte sie nun leiser, fast nüchtern. ''"Ich kenne die Menschen, die Konflikte, die Grauzonen. Wenn Ihr glaubt, dass ein Bruch notwendig ist, um Vertrauen zu schaffen, dann soll es so sein."''
Ein kühles, kontrolliertes Lächeln trat auf ihr Gesicht. Sie senkte den Blick einen Herzschlag lang, nicht als Zeichen von Unterwerfung, sondern der formalen Anerkennung.
Amelthona erwiderte diesen Blick klar. Auch wenn ihr bewusst war, auch wenn sie wusste, dass Lianara nicht ihre Kompetenz anerkannte, sondern lediglich die Befugnisse aus ihrer derzeitigen Position. War es eine Herabwürdigung Amelthonas? Möglicherweise. ''"Ihr mögt meine Argumentation nicht für überlegen halten. Das ist Eure Einschätzung. Ich mag dagegen halten, dass Eure Argumentation nicht mehr der neuen politischen Realität entspricht, die das Haus Streitebeck unter anderem selbst herbeigeführt hat."'' Sie winkte mit ihrer Hand, als wedelte sie einige unliebsame Insekten fort. ''"Einerlei."'' Sie hob den Blick wieder, den sie kurz beim Handwedeln gesenkt hatte, und schaute die alte Richterin an.
''"Mir geht es nicht darum, das Haus Streitebeck zu demütigen. Ich setze als vom Herzog aufgrund ihrer Kompetenz..."'' Sie betonte dieses Wort, als wollte sie sich bewusst rechtfertigen. ''"... ernannte Protektorin Sewakiens diese neue politische Realität um. Und ja, ich halte es für einen geordneten Übergang notwendig."'' Amelthona erhob sich nun selbst von ihrem Stuhl, das weite Kleid rauschte leise. ''"Für Euren weiteren Weg wünsche ich Euch nur das Beste."'' schloss sie nüchtern - und mit diesen Worten war mehr als nur ein Wunsch verbunden, sondern ein Abschluss, eine Verabschiedung.
Die nun ehemalige Richterin erhob sich langsam, streckte ihren alten Körper, hob ihr Kinn ein letztes Mal. ''"Vielen Dank, Signora Protektorin. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei Eurem herzoglichen Auftrag. Gehabt Euch wohl und möge der Götterfürst Euch stets den rechten Weg weisen."'' Sie deutete die Verneigung nur an, wandte sich dann wortlos um und verließ den Raum, ohne noch einmal zurückzublicken.
===[[Luidolf von Streitebeck]]===


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