Briefspiel:Kaiserjagd/Rondra und Hesinde: Unterschied zwischen den Versionen

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Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: ''"Sind es wirklich Zweifel? Oder ist es eher kritisches Hinterfragen? Nun, es sind Begrifflichkeiten, obschon auch solche stets mit Bedacht gewählt werden sollten. Denn das Säen von Zweifeln kann ja auch eine andere Bedeutung haben, die am Ende gerade nicht mehr der Wahrheit dient. Um die These der Suche nach der Wahrheit jedoch fortzusetzen: Was denkt ihr, wie sehr greifen die rondrianische und die hesindianische Herangehensweise, so man sie so benennen mag, denn dabei ineinander?"''<br>
Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: ''"Sind es wirklich Zweifel? Oder ist es eher kritisches Hinterfragen? Nun, es sind Begrifflichkeiten, obschon auch solche stets mit Bedacht gewählt werden sollten. Denn das Säen von Zweifeln kann ja auch eine andere Bedeutung haben, die am Ende gerade nicht mehr der Wahrheit dient. Um die These der Suche nach der Wahrheit jedoch fortzusetzen: Was denkt ihr, wie sehr greifen die rondrianische und die hesindianische Herangehensweise, so man sie so benennen mag, denn dabei ineinander?"''<br>
Auricanius sah bei dieser Frage auch Timor wieder an &ndash; und doch schien sie sich an alle Anwesenden zu richten.
Auricanius sah bei dieser Frage auch Timor wieder an &ndash; und doch schien sie sich an alle Anwesenden zu richten.
Timor hatte Rondracors anerkennendes Nicken mit ehrlicher Erleichterung aufgenommen. Dass ein Mann von dessen Ruf seine Worte würdigte, ließ ihn für einen Moment beinahe verlegen wirken. Als jedoch Auricanius die Frage weiterführte und sein Blick erneut auch auf ihm ruhte, spürte Timor, dass er sich nicht wieder hinter Schweigen verbergen konnte. Er atmete leise durch.
„Monsignore … ich glaube, sie greifen tiefer ineinander, als man zunächst meint.“
Er sprach nun ruhiger als zuvor — weniger tastend, aber auch weniger eifrig. Bedacht.
„Wenn man Wahrheit sucht, dann ist weder der Zweifel allein ausreichend … noch die Tat allein.“
Seine Fingerspitzen berührten kurz die Tischkante, als wolle er sich erden.
„Der hesindianische Weg — nennen wir ihn kritisches Hinterfragen — prüft Gedanken. Er stellt Fragen: Ist das richtig? Ist es gerecht? Ist es klug?“
Ein leichtes Nicken zu den Symbolen der Schlange.
„Doch Fragen bleiben folgenlos, wenn niemand bereit ist, eine Antwort zu leben.“
Nun glitt sein Blick zur Rondra-Statue.
„Hier beginnt der rondrianische Anteil. Rondra verlangt Entscheidung. Sie duldet kein endloses Abwägen.“
Ein leiser Hauch von Wärme lag plötzlich in seiner Stimme.
„Vielleicht könnte man sagen: Hesinde zeigt uns viele mögliche Wahrheiten. Rondra zwingt uns, eine davon zu wählen.“
Einige Zuhörer wechselten nachdenkliche Blicke.
Timor fuhr fort, nun merklich sicherer.
„Gerade darin liegt die Gefahr — und zugleich die Notwendigkeit ihres Zusammenspiels. Wer nur hinterfragt, kann sich im Denken verlieren. Wer nur handelt, kann sich im Irrtum verlieren.“
Er machte eine kleine, offene Geste.
„Erst wenn Erkenntnis und Entschlossenheit einander begegnen, entsteht etwas, das man vielleicht Weisheit nennen darf.“
Sein Blick wanderte kurz durch die Runde, blieb für einen Moment — fast unmerklich — auch bei Herzogin Heldora und ihrer Tochter hängen.
„Darum glaube ich nicht, dass Rondra und Hesinde bloß unterschiedliche Wege zur Wahrheit sind. Sie sind vielmehr zwei Prüfungen auf demselben Weg. Hesinde prüft unseren Geist. Rondra prüft unseren Mut.“
Er lächelte schwach.
„Und vielleicht zeigt sich wahre Wahrheitssuche erst dort, wo ein Mensch bereit ist, für das, was er erkannt hat, auch einzustehen.“
Ein kurzer Atemzug. Dann neigte er respektvoll den Kopf.
„Zumindest scheint es mir so, Monsignore.“


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