Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

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„Er ist wirklich wie Leomar“, murmelte sie und sah im selben Moment jenen Onkel an der gegenüberliegenden Linie. [[Leomar Tribêc]], der mit blutiger Schläfe eine halb zerstörte Kanalbrücke verteidigte. Seine Lanze ragte aus einem Haufen gefallener Gegner, sein Gesicht war zerschunden, aber seine Stimme trug: „Niemand kommt hier durch!“<br>
„Er ist wirklich wie Leomar“, murmelte sie und sah im selben Moment jenen Onkel an der gegenüberliegenden Linie. [[Leomar Tribêc]], der mit blutiger Schläfe eine halb zerstörte Kanalbrücke verteidigte. Seine Lanze ragte aus einem Haufen gefallener Gegner, sein Gesicht war zerschunden, aber seine Stimme trug: „Niemand kommt hier durch!“<br>
Dann, ein Schlag, ein Krachen, das Pferd stieg, Leomar fiel nicht. Er lachte. Wie immer.
Dann, ein Schlag, ein Krachen, das Pferd stieg, Leomar fiel nicht. Er lachte. Wie immer.
Ein greller Lichtblitz. Rauch. Und dann Verwirrung?
Rahjane blinzelte gegen das beißende Grau an. War das...? Für einen Herzschlag lang schien die Welt den Atem anzuhalten, dann brach sie auseinander.
Mitten im aufgewirbelten Nebel bewegte sich eine Gestalt. Schnell. Zu schnell für das Auge, um sie sofort zu fassen. Ein Schatten zwischen Schatten.
Ja, das war [[Lorion IV. Vistelli|Lorion]].<br>
Mit halb gelöster Ausrüstung, der Mantel zurückgeschlagen, das Haar vom Schweiß verklebt. In der Hand hielt er keine blanke Klinge, sondern eine kleine Glasphiole, deren Inhalt noch zischend verdampfte. Rauch, aber kein gewöhnlicher. Gewürzt mit einem stechenden, fremdartigen Geruch, der die Sinne täuschte.<br>
Er rief etwas, laut, in klarem Tonfall, aber doch nicht an die eigenen Leute: „Zurück! Flanke bricht! Rückzug!“<br>
Die Worte trafen die Feinde wie ein Befehl. Einige wichen tatsächlich zurück. Andere zögerten. Ein einziger Moment, aber er genügte. Lorion nutzte ihn. Schnellen Schrittes bewegte er sich durch die aufgerissene Linie, beobachtete, sah mehr als andere. Ein Banner, das zu früh vorrückte. Ein Offizier, der Befehle gab, ohne gehört zu werden. Eine Lücke, klein, aber entscheidend.<br>
Er griff einen der eigenen Läufer am Arm, zog ihn dicht zu sich heran, sprach hastig, eindringlich. Dann stieß er ihn weiter.<br>
Information. Kein Ruhm, kein Applaus. Aber Wirkung.<br>
Als er sich schließlich wieder aus dem Rauch löste, war sein Blick verändert. Wacher. Härter. Als hätte er in diesem Moment begriffen, dass Schlachten nicht gewonnen werden durch Stärke allein, sondern durch das, was man sieht, wenn andere nur kämpfen.
Nicht weit davon hielt [[Orban Vistelli]] die Linie. Eine enge Passage zwischen zwei halb eingestürzten Mauern, kaum breit genug für drei Mann nebeneinander. Genau dort stellte er sich dem Ansturm entgegen. Kein lautes Kommando, kein überflüssiges Wort, nur präzise gesetzte Befehle, ruhig gesprochen, selbst als erste Gegner heranstürmten.<br>
Der Schlag traf ihn hart. Zu hart. Rahjane sah aus der Ferne, wie sein rechter Arm nachgab, das Blut dunkel über den Ärmel rann. Eine tiefe Wunde. Für einen Moment schien es, als müsse er zurückweichen. Er tat es nicht.<br>
Stattdessen verlagerte er das Gewicht, griff das Schwert mit der linken Hand fester, trat einen Schritt vor und hielt. Schlug nicht wild, sondern gezielt. Verlangsamte. Verzögerte. Hinter ihm zogen sich Verwundete zurück. Einer stolperte, wurde aufgefangen. Ein anderer wurde fast getragen. Zeit, er kaufte ihnen Zeit. Mit jedem Atemzug. Erst als die letzten durch waren, wich auch Orban zurück. Nicht besiegt. Nur ziemlich erschöpft.
[[Leomar Tribêc]] lachte noch immer. Blut rann ihm über die Stirn, in die Augen, über das Gesicht. Doch er stand wie eine Mauer an der zerstörten Brücke. Die Lanze längst verloren, das Schwert stumpf geschlagen und doch wich er keinen Schritt.<br>
Ein gegnerischer Kämpfer trat vor, schwer gerüstet, entschlossen. Kein Zufall, kein einfacher Gegner.<br>
Leomar spuckte Blut zur Seite. „Na endlich.“<br>
Der Zusammenprall war roh, direkt, ohne Zierde. Stahl auf Stahl. Kraft gegen Kraft. Der Feind traf ihn hart genug, um ihn ins Wanken zu bringen. Die Wunde am Kopf riss weiter auf. Doch Leomar fiel nicht. Er trat vor. Ein Schritt. Noch einer. Und zwang den anderen zurück, hinein in das Chaos hinter ihm.<br>
Niemand kam hier durch.
[[Deriago Dellinger]] bewegte sich fernab der großen Gesten. Ein schmaler Versorgungsweg, halb verborgen zwischen zwei Lagerreihen. Zu ruhig. Zu ordentlich. Er sah es. Die gespannte Schnur. Kaum sichtbar. Ein falscher Schritt und der Nachschubweg wäre verloren gewesen.<br>
Mit ruhiger Hand kniete er sich nieder, löste die Konstruktion, entschärfte sie Stück für Stück. Kein Zittern. Keine Hast.<br>
Als hinter ihm ein Verwundeter zusammenbrach, zögerte er nicht. Hob ihn hoch, stützte ihn, trug ihn, Schritt für Schritt, zurück in Sicherheit. Seine Schlacht war leise. Aber nicht weniger entscheidend.


Später fand der Kampf auch auf den Straßen [[Sewamund]]s statt. Gassenkämpfe, Häuserbrände, Hufgetrappel über nassen Pflasterstein. Rahjane war verwundet worden, der rechte Arm war fast taub. Die Barriere, die sie mit zwei verbliebenen Söldnern in einem engen Straßenzug errichtet hatte, brannte noch immer hinter ihr.<br>
Später fand der Kampf auch auf den Straßen [[Sewamund]]s statt. Gassenkämpfe, Häuserbrände, Hufgetrappel über nassen Pflasterstein. Rahjane war verwundet worden, der rechte Arm war fast taub. Die Barriere, die sie mit zwei verbliebenen Söldnern in einem engen Straßenzug errichtet hatte, brannte noch immer hinter ihr.<br>