Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

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Rahjane nickte.<br>
Rahjane nickte.<br>
Gemeinsam verließen sie den Raum und gingen, hinüber in den [[Palazzo Tribêc]], wo Listen warteten, Rechnungen, Verletzte, Entscheidungen und [[Tsaida Tribêc|Tsaida]] mit jener unbeirrten Klarheit, vor der selbst der Sieg Haltung annehmen musste.
Gemeinsam verließen sie den Raum und gingen, hinüber in den [[Palazzo Tribêc]], wo Listen warteten, Rechnungen, Verletzte, Entscheidungen und [[Tsaida Tribêc|Tsaida]] mit jener unbeirrten Klarheit, vor der selbst der Sieg Haltung annehmen musste.
===Briefe im Nachhall===
[[Sewamund]], [[Palazzo Vistelli]], eine Woche nach der Schlacht
Der Palazzo hatte wieder begonnen, Geräusche zu machen. Das Kratzen von Federn auf Pergament, das Schleifen von Möbeln, das leise Klirren von Geschirr, das nicht für Gäste, sondern für Bedürftige gedeckt wurde.<br>
Rahjane saß im kleinen Schreibzimmer, das Fenster stand offen, und von draußen wehte der Geruch von feuchter Erde herein. Irgendwo übte jemand das Lesen, ein Kind, stockend, mit viel Ernst in der Stimme.<br>
Vor ihr lagen drei unbeschriebene Bögen.<br>
Rahjane schrieb selten mehr als nötig, noch seltener gleichzeitig an drei Menschen. Sie drehte die Feder zwischen den Fingern.<br>
„Also gut“, murmelte sie. „Dann einmal keine halben Sachen.“<br>
Sie begann mit dem ersten Brief.
====An Iridanië====
Die Feder glitt zunächst zögerlich, dann sicher.
''Iridanië,''<br>
''du wirst bereits Versionen davon gehört haben, was hier geschehen ist. Keine davon stimmt ganz. Vielleicht ist das gut so.''<br>
''Die Stadt steht. Ich brauche dich hier. Nicht deine Analysen aus der Ferne, sie sind klug, aber sie retten niemanden, sondern deinen Blick vor Ort. Deine Art, Dinge zu benennen, bevor andere sie verschweigen.''<br>
''Komm nach Sewamund. Bring nicht nur deinen Verstand mit, sondern auch dein Unbehagen. Wir können beides gebrauchen.''<br>
''Deine Mutter''
Sie hielt inne, las es noch einmal und nickte leicht. Kein Spiel. Gut.
====An Rowena====
Beim zweiten Brief wurde ihre Hand weicher.
''Rowi,''<br>
''die Stadt ist voll von Menschen, die atmen, aber nicht wissen, ob sie noch leben. Das ist ein Unterschied, den nur jemand wie du wirklich versteht.''<br>
''Wir haben Verwundete. Viele. Und nicht alle davon bluten sichtbar.''<br>
''Wenn du kommst, wirst du arbeiten müssen. Nicht als Tochter, nicht als Dame, sondern als das, was du geworden bist.''<br>
''Also komm und bring Kräuter und Geduld. Vor allem Geduld.''<br>
''Mama''
Hier lächelte sie kurz. Ganz leicht.
====An Lorion====
Beim dritten Brief zögerte sie länger. Dann begann sie und die Worte kamen schneller.
''Lorion,''<br>
''bevor du dich zum Helden erklärst: Sewamund hat gewonnen. Und das heißt, wir tragen jetzt Verantwortung.''<br>
''Komm und lerne, was nach einem Kampf kommt. Das ist der schwierigere Teil.''<br>
''Und zieh etwas Anständiges an.''<br>
''Deine Mutter''
Sie legte die Feder ab. Drei Briefe. Drei Einladungen. Drei Prüfungen.
Orban trat ein, ohne anzuklopfen, wie jemand, der gelernt hatte, dass gewisse Räume keine Schwelle brauchen. Sein Blick fiel auf die Briefe.<br>
„Du rufst sie zusammen.“<br>
Es war keine Frage.<br>
Rahjane lehnte sich zurück, verschränkte die Arme, vorsichtig, wegen der Wunde.<br>
„Ja. Es wird Zeit, dass sie sehen, was sie sind.“<br>
Orban trat näher, nahm einen der Briefe nicht in die Hand, sondern betrachtete ihn nur.<br>
„Und was sind sie?“<br>
Rahjane sah ihn an. Einen Moment lang war sie wieder die, die mit Pfauenfedern spielte und Männer aus dem Gleichgewicht brachte. Dann nicht mehr.<br>
„Unsere Kinder“, sagte sie. „Und diese Stadt braucht genau das.“<br>
Orban nickte langsam.<br>
„Es war lange genug still.“<br>
Ein Windstoß fuhr durch die offenen Fenster, hob die Ränder der Briefe an, als wollten sie sich schon auf den Weg machen.<br>
Rahjane griff nach dem ersten Siegel.<br>
Diesmal zögerte sie nicht.