Briefspiel:Der Tod des Patriarchen/Leichenschmaus: Unterschied zwischen den Versionen

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==Inkognito - und doch erkannt==
Amando stand mit ruhigem Blick am Rand des großen Bankettsaals, den Rücken halb zu einer der Säulen gelehnt, die den Raum stützten wie diskrete Beobachter aus Marmor. Sein Weinkelch war halb geleert, doch seine Augen waren wach. Es war eine elegante Zurückhaltung, mit der er sich unter die Gäste mischte – nicht unsicher, aber bewusst unauffällig. Wer ihn nicht kannte – und das traf auf fast alle hier zu – mochte ihn für einen entfernten Vetter oder einen Schreiber eines der Häuser halten. Seine schlichte, dunkle Kleidung verriet nichts über Herkunft, und seinen Namen kannte jetzt augenscheinlich nur Cassius.
Wobei der Custos Lumini ihn natürlich auch kannte, aber bisher nicht erblickt hatte. Ging es nach Amando, sollte es auch so bleiben. „Nun, im Schatten erkennt einen die Sonne nicht“, dachte er mit einem Anflug von Ironie.
Neben ihm standen zwei Signores mittleren Alters, tief in ein Gespräch vertieft, das längst nicht mehr von Trauer geprägt war.
„… und das war genau die Art, wie der Comto zu Bomed wieder mal alles ins rechte Licht rückte. Mit seinen ewig höflichen Formulierungen. Fast hätte man da vergessen können, dass er in Wahrheit die Politik wohl vor allem bei seinem Schwager gelernt hat“, raunte der eine und nahm einen Schluck aus seinem Kelch. Der andere nickte langsam und bestätigend. „Er war nur kurz hier, bei der öffentlichen Feier, wo alle ihn sahen. Damit hat er seine Botschaft hinterlassen. Mehr brauchte er wohl auch nicht. Ich frage mich nur, ob sein angekündigter Sohn wirklich noch kommt. Aber wenn der hier wäre, würden wir jetzt anders reden.“
Das leichte Lächeln auf Amandos Lippen wurde fast zu einem Grinsen, ehe er sich wieder zur Selbstbeherrschung zwang. Sein Bruder war hier tatsächlich bekannter als er, dachte er sich – und blieb still am Rand. Da hörte er plötzlich eine helle Stimme, die er nur zu gut kannte: „Amando!“ Vielleicht war sie einen Tick zu laut gewesen, jedenfalls drehten sich nun einige Köpfe erst in Richtung der Stimme und dann in seine Richtung. Diese drehten sich aber schnell wieder um: “Vermutlich sind wir nicht interessant genug”, dachte sich Amando.
Die Dame, vermutlich nicht einmal 30 Götterläufe alt, trug ein schlichtes, aber geschmackvolles Kleid in einem gedeckten Farbton – dem Anlass angemessen, doch mit feinen goldenen Stickereien am Saum, die ihre Herkunft nicht leugneten. Ein Strahlen lag auf ihrem Gesicht, offen, ungekünstelt, von warmer Wiedersehensfreude durchdrungen. Neben ihr ging ein freundlich schauender Mann mit offenem Lächeln, das aufrichtige Sympathie verriet. Amando trat einen Schritt vor, sein Ausdruck hellte sich sichtbar auf. Ohne Zögern umarmte er die junge Frau – fest, aber mit der kultivierten Zurückhaltung höfischen Anstands.
„Bellariccia…“, sagte er leise, beinahe wie ein Aufatmen.
Dann löste er sich von ihr, nickte dem jungen Mann mit einem leisen „Ihr müsst Riccardo sein“ auf den Lippen. Keine Frage, eher eine Feststellung. Er warf einen raschen Blick über die Schultern der beiden in Richtung der Gäste. „Kommt“, fügte er ebenso leise hinzu, „lasst uns ein paar Schritte abseits gehen.“ Mit einer feinen Handbewegung deutete er auf einen kleinen, halb abgeschirmten Bereich nahe einer der hinteren Türen, wo sich die Stimmen der Menge nur wie gedämpftes Flüstern sammelten.
In seinen Augen funkelte ein Moment stiller Erleichterung – endlich vertraute Gesichter inmitten der vielen, die ihn nicht kannten.






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