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'''Sewamund, 30. Rahja 1033 BF'''<br> | Er glaubte nicht so recht an die ganze [[Passwort Schwertfisch|Bankraubgeschichte]] und noch weniger daran, was dieser [[Geron Einhand|Schreiber]] im [[Archiv:Passwort: Schwertfisch (BB 38)|Kommentar des Seewinds]] zu dem Thema zu sagen gehabt hatte. Und jetzt, wo er tatsächlich doch nach draußen auf die Straße gegangen war und beobachtete, wie die Leute in aller Eile ihre Sachen vor dem Unwetter in Sicherheit brachten, hatte die ganze Situation noch weniger Ähnlichkeit mit den Zeitungsgeschichten. Der Markt sah dieser Tage aus wie ein Rummelplatz oder wie die Mittelstraße eines Jahrmarkts. Da kam er zunächst an einem Haufen Imbissstände vorbei, dann waren da hauptsächlich Ausschanke, die kleinsten, die er je gesehen hatte. Aber alles basierte auf einem wohlfeilen Plan, jedenfalls soweit er sah. Er kam an Ständen mit Fassaden aus türkisem Holz, falschem Mauerwerk und Scherben zerbrochener Kacheln vorbei, die zu Strudeln, Sonnen und Blumen angeordnet waren. Ein geschlossener Laden war mit grünen und kupferfarbenen Brettern tapeziert.<br> | ||
Er glaubte nicht so recht an die ganze Bankraubgeschichte und noch weniger daran, was dieser [[Geron Einhand|Schreiber]] im [[Archiv:Passwort: Schwertfisch (BB 38)|Kommentar des Seewinds]] zu dem Thema zu sagen gehabt hatte. Und jetzt, wo er tatsächlich doch nach draußen auf die Straße gegangen war und beobachtete, wie die Leute in aller Eile ihre Sachen vor dem Unwetter in Sicherheit brachten, hatte die ganze Situation noch weniger Ähnlichkeit mit den Zeitungsgeschichten. Der Markt sah dieser Tage aus wie ein Rummelplatz oder wie die Mittelstraße eines Jahrmarkts. Da kam er zunächst an einem Haufen Imbissstände vorbei, dann waren da hauptsächlich Ausschanke, die kleinsten, die er je gesehen hatte. Aber alles basierte auf einem wohlfeilen Plan, jedenfalls soweit er sah. Er kam an Ständen mit Fassaden aus türkisem Holz, falschem Mauerwerk und Scherben zerbrochener Kacheln vorbei, die zu Strudeln, Sonnen und Blumen angeordnet waren. Ein geschlossener Laden war mit grünen und kupferfarbenen Brettern tapeziert.<br> | |||
Er ertappte sich dabei, wie er über all das grinste, auch über die Leute, die ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Sie schienen wild zusammengewürfelt zu sein, alle Altersstufen, Haarfarben und Stände, und alle rannten sie vor dem Unwetter davon, das jetzt ganz eindeutig im Anzug war. Der Wind frischte auf, als er sich zwischen Karren und alten Damen hindurchschlängelte, die Strohkörbe schleppten. Ein kleiner Junge, der mit einer großen roten Vase in den Armen dahinstolperte, lief ihm gegen die Beine. Er hatte noch nie ein Kind mit solchen Tätowierungen gesehen. Der Junge sagte etwas Unverständliches, packte die Vase fester und war dann verschwunden.<br> | Er ertappte sich dabei, wie er über all das grinste, auch über die Leute, die ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Sie schienen wild zusammengewürfelt zu sein, alle Altersstufen, Haarfarben und Stände, und alle rannten sie vor dem Unwetter davon, das jetzt ganz eindeutig im Anzug war. Der Wind frischte auf, als er sich zwischen Karren und alten Damen hindurchschlängelte, die Strohkörbe schleppten. Ein kleiner Junge, der mit einer großen roten Vase in den Armen dahinstolperte, lief ihm gegen die Beine. Er hatte noch nie ein Kind mit solchen Tätowierungen gesehen. Der Junge sagte etwas Unverständliches, packte die Vase fester und war dann verschwunden.<br> | ||
Er blieb stehen und überdachte kurz seine Lage. Dann übermannte ihn die Erschöpfung und er wollte nur noch wissen, wo und wann er schlafen konnte, und worum es überhaupt bei diesem ganzen Quatsch ging. In was hatte er sich da reinziehen lassen?<br> | Er blieb stehen und überdachte kurz seine Lage. Dann übermannte ihn die Erschöpfung und er wollte nur noch wissen, wo und wann er schlafen konnte, und worum es überhaupt bei diesem ganzen Quatsch ging. In was hatte er sich da reinziehen lassen?<br> | ||
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Fast hätte er ihre Spur verloren oder wäre aufgeflogen. Die beiden Optionen, die eine leere Straße im Unwetter bot, wollte man jemanden beschatten. Wollte man es richtig machen, brauchte man mindestens einen Partner.<br> | Fast hätte er ihre Spur verloren oder wäre aufgeflogen. Die beiden Optionen, die eine leere Straße im Unwetter bot, wollte man jemanden beschatten. Wollte man es richtig machen, brauchte man mindestens einen Partner.<br> | ||
Sie war schlank, ihre Beine ragten aus einem weiten Umhang heraus, der ein paar Jahre in einem Schuppen gehangen haben mochte, und sahen aus, als ob sie oft zu Fuß unterwegs sei. Sie steckten unten in dunklen Stiefeln oder Schuhen mit hohen Schäften.<br> | Sie war schlank, ihre Beine ragten aus einem weiten Umhang heraus, der ein paar Jahre in einem Schuppen gehangen haben mochte, und sahen aus, als ob sie oft zu Fuß unterwegs sei. Sie steckten unten in dunklen Stiefeln oder Schuhen mit hohen Schäften.<br> | ||
Er konzentrierte sich so sehr auf sie und gab sich solche Mühe, außer Sicht zu bleiben, falls sie sich umdrehte, dass er es fertigbrachte, direkt unter einen der Wasserfälle zu geraten. Das Wasser lief ihm genau in den Nacken. In diesem Moment hörte er, wie ihr jemand zurief. „Pst, bist du das?“ Und er ließ sich in einer Pfütze hinter einem Stapel luntfeldscher Holzstücke mit aufgeweichtem Putz daran auf ein Knie nieder. Jetzt waren es zwei.<br> | Er konzentrierte sich so sehr auf sie und gab sich solche Mühe, außer Sicht zu bleiben, falls sie sich umdrehte, dass er es fertigbrachte, direkt unter einen der Wasserfälle zu geraten. Das Wasser lief ihm genau in den Nacken. In diesem Moment hörte er, wie ihr jemand zurief. „Pst, bist du das?“ Und er ließ sich in einer Pfütze hinter einem Stapel [[Familie Luntfeld|luntfeldscher]] Holzstücke mit aufgeweichtem Putz daran auf ein Knie nieder. Jetzt waren es zwei.<br> | ||
Der Wasserfall hinter ihm machte zuviel Lärm, als dass er hätte hören können, was danach gesprochen wurde, aber er konnte sie sehen, einen jungen Burschen mit einem Lederwams, der neu war, und noch jemand anderen – Nummer drei – in etwas Schwarzem, mit einer Kapuze auf dem Kopf. Sie saßen auf einem Kistenstapel und der Kerl in Leder rauchte Pfeife. Er hatte die Haare zu einer Art Haube hochgekämmt, guter Trick, bei dem Regen. Die Pfeife erlosch in der Nässe, und der Bursche sprang vom Stapel herunter und schien mit ihr zu reden. Der mit der schwarzen Kapuze stieg ebenfalls hinab. Er bewegte sich wie eine Spinne. Er trug ein Hemd mit Ärmeln, die ihm fingerweit über die Hände hingen. Er sah aus wie ein konturloser Schatten aus einer phecadischen Gespensterrittergeschichte, in der die Schatten von den Menschen getrennt wurden, so dass man sie einfangen und wieder annähen musste. Den Titel der Geschichte hatte er vergessen.<br> | Der Wasserfall hinter ihm machte zuviel Lärm, als dass er hätte hören können, was danach gesprochen wurde, aber er konnte sie sehen, einen jungen Burschen mit einem Lederwams, der neu war, und noch jemand anderen – Nummer drei – in etwas Schwarzem, mit einer Kapuze auf dem Kopf. Sie saßen auf einem Kistenstapel und der Kerl in Leder rauchte Pfeife. Er hatte die Haare zu einer Art Haube hochgekämmt, guter Trick, bei dem Regen. Die Pfeife erlosch in der Nässe, und der Bursche sprang vom Stapel herunter und schien mit ihr zu reden. Der mit der schwarzen Kapuze stieg ebenfalls hinab. Er bewegte sich wie eine Spinne. Er trug ein Hemd mit Ärmeln, die ihm fingerweit über die Hände hingen. Er sah aus wie ein konturloser Schatten aus einer phecadischen Gespensterrittergeschichte, in der die Schatten von den Menschen getrennt wurden, so dass man sie einfangen und wieder annähen musste. Den Titel der Geschichte hatte er vergessen.<br> | ||
Er gab sich alle Mühe, sich nicht zu bewegen, während er dort in der Pfütze kniete, und dann bewegten sie sich. Die beiden Burschen nahmen sie in die Mitte, der Schatten warf einen Blick zurück, um zu sehen, ob hinter ihnen alles in Ordnung war. Er erhaschte ein Stück von einem weißen Gesicht und einem Paar harter, wachsamer Augen.<br> | Er gab sich alle Mühe, sich nicht zu bewegen, während er dort in der Pfütze kniete, und dann bewegten sie sich. Die beiden Burschen nahmen sie in die Mitte, der Schatten warf einen Blick zurück, um zu sehen, ob hinter ihnen alles in Ordnung war. Er erhaschte ein Stück von einem weißen Gesicht und einem Paar harter, wachsamer Augen.<br> | ||
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Der Mann zwinkerte ihm ein paar Mal zu.<br> | Der Mann zwinkerte ihm ein paar Mal zu.<br> | ||
„Ich glaub, ich hab dich schon mal gesehen …“ Zweifel.<br> | „Ich glaub, ich hab dich schon mal gesehen …“ Zweifel.<br> | ||
„Ne“, sagte er. „Ich bin aus Ruthor. Bin gerade aus dem Regen reingekommen.“ Er entschied, dass es an der Zeit war, das Risiko einzugehen, sich umzudrehen und sich den Laden genauer anzusehen. Er schwang die Schulter herum und sah eine bildhübsche Tänzerin. Sie stand nackt auf einer kleinen Bühne, und ihre langen, lockigen Haare fielen ihr bis auf die Taille. Er hörte sich grunzen.<br> | „Ne“, sagte er. „Ich bin aus [[Ruthor]]. Bin gerade aus dem Regen reingekommen.“ Er entschied, dass es an der Zeit war, das Risiko einzugehen, sich umzudrehen und sich den Laden genauer anzusehen. Er schwang die Schulter herum und sah eine bildhübsche Tänzerin. Sie stand nackt auf einer kleinen Bühne, und ihre langen, lockigen Haare fielen ihr bis auf die Taille. Er hörte sich grunzen.<br> | ||
„He“, sagte der Mann, „he …“<br> | „He“, sagte der Mann, „he …“<br> | ||
Er schüttelte sich, eine merkwürdige, automatische Bewegung, wie ein Hund, aber sie war immer noch da.<br> | Er schüttelte sich, eine merkwürdige, automatische Bewegung, wie ein Hund, aber sie war immer noch da.<br> | ||
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„Guter Abend dafür“, erwiderte der Wirt.<br> | „Guter Abend dafür“, erwiderte der Wirt.<br> | ||
„Sag mal, die Dame da oben …“<br> | „Sag mal, die Dame da oben …“<br> | ||
„Das ist Astorres Tänzerin“, erklärte der Wirt. „Schau hin. Er lässt sie gleich tanzen, wenn die Musiker ein Lied spielen, das er mag.“<br> | „Das ist [[Saltimbucco|Astorres]] Tänzerin“, erklärte der Wirt. „Schau hin. Er lässt sie gleich tanzen, wenn die Musiker ein Lied spielen, das er mag.“<br> | ||
„[[Saltimbucco|Astorre]]?“<br> | |||
Der Wirt zeigte hin. Er schaute in die Richtung, in die er zeigte, und sah einen sehr dicken Mann in einem Armstuhl, dessen Haar die Farbe und Beschaffenheit von grober Wolle hatte. Er trug eine glänzende, blaue Robe mit übergroßen Ärmeln, seine Hände steckten in einer Art grauem Muff auf seinem Schoß. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht ausdruckslos. Er hätte nicht mit Sicherheit sagen können, ob er nicht schlief.<br> | Der Wirt zeigte hin. Er schaute in die Richtung, in die er zeigte, und sah einen sehr dicken Mann in einem Armstuhl, dessen Haar die Farbe und Beschaffenheit von grober Wolle hatte. Er trug eine glänzende, blaue Robe mit übergroßen Ärmeln, seine Hände steckten in einer Art grauem Muff auf seinem Schoß. Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht ausdruckslos. Er hätte nicht mit Sicherheit sagen können, ob er nicht schlief.<br> | ||
„Eine Illusion?“ Die Tänzerin hatte sich überhaupt nicht bewegt.<br> | „Eine Illusion?“ Die Tänzerin hatte sich überhaupt nicht bewegt.<br> | ||
„[[Saltimbucco|Astorre]] macht es ununterbrochen“, sagte der Wirt, als handle es sich um etwas, wogegen man nichts machen konnte.<br> | |||
Er schaute zu dem Fetten im Armstuhl und wurde traurig. Und wütend. Als hätte er etwas verloren.<br> | Er schaute zu dem Fetten im Armstuhl und wurde traurig. Und wütend. Als hätte er etwas verloren.<br> | ||
„Fällt jeder drauf rein“, sagte der Wirt.<br> | „Fällt jeder drauf rein“, sagte der Wirt.<br> | ||
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Ihr Kerl, dachte er. Da war was von einer genervten Freundin in ihrer Körpersprache, und wie sich der Junge bemühte, ruhig zu bleiben, das deutete darauf hin, dass sie vielleicht seine ehemalige …<br> | Ihr Kerl, dachte er. Da war was von einer genervten Freundin in ihrer Körpersprache, und wie sich der Junge bemühte, ruhig zu bleiben, das deutete darauf hin, dass sie vielleicht seine ehemalige …<br> | ||
All das endete abrupt im Nichts, als plötzlich jedes Gespräch erstarb. Er schaute von seinem Bier auf und sah [[Praiodan ter Braken]], den kräftigen Anführer der Stadtwache, in seinem dunklen Mantel von der Treppe hereinkommen, einen Filzhut auf dem Kopf. Er stand da und knöpfte sich mit einer Hand den regendunklen Mantel auf, von dessen Saum kleine Bäche runterliefen und Pfützen um seine Kindersärge bildeten. Er hatte darunter einen geschwärzten Kürass an, und nun kam seine Hand hoch und blieb auf dem ziselierten Knauf eines Stoßdegens liegen.<br> | All das endete abrupt im Nichts, als plötzlich jedes Gespräch erstarb. Er schaute von seinem Bier auf und sah [[Praiodan ter Braken]], den kräftigen Anführer der Stadtwache, in seinem dunklen Mantel von der Treppe hereinkommen, einen Filzhut auf dem Kopf. Er stand da und knöpfte sich mit einer Hand den regendunklen Mantel auf, von dessen Saum kleine Bäche runterliefen und Pfützen um seine Kindersärge bildeten. Er hatte darunter einen geschwärzten Kürass an, und nun kam seine Hand hoch und blieb auf dem ziselierten Knauf eines Stoßdegens liegen.<br> | ||
Alle Augen waren auf ter Braken gerichtet.<br> | Alle Augen waren auf [[Praiodan ter Braken|ter Braken]] gerichtet.<br> | ||
Ter Braken sah sich in dem Raum um. Er ließ sich Zeit und verpasste ihnen allen eine ordentliche Dosis Gardistenblick.<br> | [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] sah sich in dem Raum um. Er ließ sich Zeit und verpasste ihnen allen eine ordentliche Dosis Gardistenblick.<br> | ||
Er sah, dass Astorre, der Armstuhlfettsack, den Gardehauptmann mit einem Gesichtsausdruck anblickte, den er nicht ergründen konnte.<br> | Er sah, dass [[Saltimbucco|Astorre]], der Armstuhlfettsack, den Gardehauptmann mit einem Gesichtsausdruck anblickte, den er nicht ergründen konnte.<br> | ||
Ter Braken erspähte die Dreigruppe in ihrer Ecke und ging zu ihrem Tisch hinüber, wobei er sich weiterhin Zeit ließ und alle anderen im Raum zwang, sich die gleiche Zeit zu nehmen. Seine Hand lag immer noch an seiner Waffe.<br> | [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] erspähte die Dreigruppe in ihrer Ecke und ging zu ihrem Tisch hinüber, wobei er sich weiterhin Zeit ließ und alle anderen im Raum zwang, sich die gleiche Zeit zu nehmen. Seine Hand lag immer noch an seiner Waffe.<br> | ||
Es kam ihm so vor, als ob der Hauptmann im Begriff wäre, zu ziehen und ein Blutbad anzurichten. Es sah auf jeden Fall so aus, aber was für ein Gardist würde das tun?<br> | Es kam ihm so vor, als ob der Hauptmann im Begriff wäre, zu ziehen und ein Blutbad anzurichten. Es sah auf jeden Fall so aus, aber was für ein Gardist würde das tun?<br> | ||
Nun blieb ter Braken vor ihrem Tisch stehen, genau an der richtigen Stelle – zu weit weg, als dass sie ihn erreichen konnten, und so, dass er genug Platz hatte, um den Stoßdegen zu ziehen, wenn er wollte.<br> | Nun blieb [[Praiodan ter Braken|ter Braken]] vor ihrem Tisch stehen, genau an der richtigen Stelle – zu weit weg, als dass sie ihn erreichen konnten, und so, dass er genug Platz hatte, um den Stoßdegen zu ziehen, wenn er wollte.<br> | ||
Er stellte fest, dass ihr Liebhaber aussah, als ob er sich gleich in die Hose machen würde, was ihn irgendwie freute. Glatzkopf sah aus, als ob er in Metall gegossen und einfach an Ort und Stelle erstarrt wäre, die Hände auf dem Tisch. Zwischen seinen Händen sah er einen Dolch.<br> | Er stellte fest, dass ihr Liebhaber aussah, als ob er sich gleich in die Hose machen würde, was ihn irgendwie freute. Glatzkopf sah aus, als ob er in Metall gegossen und einfach an Ort und Stelle erstarrt wäre, die Hände auf dem Tisch. Zwischen seinen Händen sah er einen Dolch.<br> | ||
Ter Braken hielt sie mit der vollen Stärke seines Blicks fest. Sein Gesicht war gefurcht und grau in diesem Licht, und er lächelte nicht. Er rückte seinen Hut zurecht, nur genau dieses eine winzige Stück, und sagte: „Steh auf!“<br> | [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] hielt sie mit der vollen Stärke seines Blicks fest. Sein Gesicht war gefurcht und grau in diesem Licht, und er lächelte nicht. Er rückte seinen Hut zurecht, nur genau dieses eine winzige Stück, und sagte: „Steh auf!“<br> | ||
Er schaute sie an und sah, dass sie zitterte. Es stand völlig außer Frage, dass der Hauptmann sie meinte und nicht einen ihrer Freunde – ihr Liebhaber sah aus, als ob er jeden Moment in Ohnmacht fallen könnte, und Glatzkopf spielte Statue. Sie stand zittrig auf. Der wacklige kleine Holzstuhl fiel hinter ihr um.<br> | Er schaute sie an und sah, dass sie zitterte. Es stand völlig außer Frage, dass der Hauptmann sie meinte und nicht einen ihrer Freunde – ihr Liebhaber sah aus, als ob er jeden Moment in Ohnmacht fallen könnte, und Glatzkopf spielte Statue. Sie stand zittrig auf. Der wacklige kleine Holzstuhl fiel hinter ihr um.<br> | ||
„Raus!“ Ter Braken zeigte zur Treppe. Sein haariger Handrücken bedeckte den Korb des Stoßdegens.<br> | „Raus!“ [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] zeigte zur Treppe. Sein haariger Handrücken bedeckte den Korb des Stoßdegens.<br> | ||
Er hörte, wie seine eigenen Knie vor Spannung knirschten. Er ballte die Hände zu Fäusten.<br> | Er hörte, wie seine eigenen Knie vor Spannung knirschten. Er ballte die Hände zu Fäusten.<br> | ||
Das Licht ging aus.<br> | Das Licht ging aus.<br> | ||
Viel später, als er es zu erklären versuchte, wie es gewesen war, als Astorre seine Illusion auf ter Braken losgelassen hatte, sagte er, es habe wie ein wahnsinniger Geist ausgesehen, der sich auf seinen Peiniger stürzte.<br> | Viel später, als er es zu erklären versuchte, wie es gewesen war, als [[Saltimbucco|Astorre]] seine Illusion auf [[Praiodan ter Braken|ter Braken]] losgelassen hatte, sagte er, es habe wie ein wahnsinniger Geist ausgesehen, der sich auf seinen Peiniger stürzte.<br> | ||
Für ihn war alles auf einmal passiert. Als das Licht ausging, wurde es schlagartig stockdunkel, alle Lampen und Kerzen waren aus, und er stieß den Tisch vor sich einfach beiseite, ohne weiter darüber nachzudenken, und sprang dorthin, wo sie gestanden hatte. Und dann war von der Stelle, vor Astorre gesessen hatte, diese Lichtkugel herangesaust und hatte sich dabei ausgedehnt. Sie hatte die Hautfarbe der Illusion, Honig und Marmor, gemustert vom Schwarz ihrer Haare und Augen, wie ein Wolkenwirbel in einem Sturm. Sie hüllte den Hauptmann ganz ein, eine Kugel von einem Schritt Durchmesser um seinen Kopf und seine Schultern, und als sie sich drehte, wirbelten ihre aufgerissenen Augen und ihr zu einem stummen Schrei geöffneter Mund vorbei, alles stark vergrößert. Jedes Auge war für einen Augenblick so groß wie die Kugel selbst, und die weißen Zähne waren ebenfalls riesig, jeder so lang wie die Hand eines Menschen.<br> | Für ihn war alles auf einmal passiert. Als das Licht ausging, wurde es schlagartig stockdunkel, alle Lampen und Kerzen waren aus, und er stieß den Tisch vor sich einfach beiseite, ohne weiter darüber nachzudenken, und sprang dorthin, wo sie gestanden hatte. Und dann war von der Stelle, vor [[Saltimbucco|Astorre]] gesessen hatte, diese Lichtkugel herangesaust und hatte sich dabei ausgedehnt. Sie hatte die Hautfarbe der Illusion, Honig und Marmor, gemustert vom Schwarz ihrer Haare und Augen, wie ein Wolkenwirbel in einem Sturm. Sie hüllte den Hauptmann ganz ein, eine Kugel von einem Schritt Durchmesser um seinen Kopf und seine Schultern, und als sie sich drehte, wirbelten ihre aufgerissenen Augen und ihr zu einem stummen Schrei geöffneter Mund vorbei, alles stark vergrößert. Jedes Auge war für einen Augenblick so groß wie die Kugel selbst, und die weißen Zähne waren ebenfalls riesig, jeder so lang wie die Hand eines Menschen.<br> | ||
Ter Braken schlug nach der Kugel, und das hielt ihn für einen ganz kurzen Moment davon ab, seine Waffe zu ziehen.<br> | [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] schlug nach der Kugel, und das hielt ihn für einen ganz kurzen Moment davon ab, seine Waffe zu ziehen.<br> | ||
Aber die Kugel gab auch so viel Licht ab, dass er sehen konnte, dass er sie und nicht ihren Liebhaber am Wickel hatte. Er hob sie einfach hoch, wobei er alles vergaß, was er je über Fesseln und Festnahmen gelernt hatte, und rannte zur Treppe, so gut es ging.<br> | Aber die Kugel gab auch so viel Licht ab, dass er sehen konnte, dass er sie und nicht ihren Liebhaber am Wickel hatte. Er hob sie einfach hoch, wobei er alles vergaß, was er je über Fesseln und Festnahmen gelernt hatte, und rannte zur Treppe, so gut es ging.<br> | ||
Ter Braken brüllte ihm irgendwas nach, aber er verstand es nicht.<br> | [[Praiodan ter Braken|Ter Braken]] brüllte ihm irgendwas nach, aber er verstand es nicht.<br> | ||
Wenn ihm die Art gefiel, wie sich der Hintern einer Frau beim Gehen bewegte, sagte er immer, es sähe aus wie zwei kleine Luchse in einem Leinensack. Das kam ihm in den Sinn, als er die Treppe hinauf rannte und sie dabei wie einen großen Beutel mit Fressalien drin vor sich hertrug. Er war heilfroh, dass sie ihm kein Auge ausschlug und keine Rippe brach.<br> | Wenn ihm die Art gefiel, wie sich der Hintern einer Frau beim Gehen bewegte, sagte er immer, es sähe aus wie zwei kleine Luchse in einem Leinensack. Das kam ihm in den Sinn, als er die Treppe hinauf rannte und sie dabei wie einen großen Beutel mit Fressalien drin vor sich hertrug. Er war heilfroh, dass sie ihm kein Auge ausschlug und keine Rippe brach.<br> | ||
Draußen zog er sie hinter sich her, es war Mitternacht, im strömenden Regen über die Brücke, fort auf die andere Seite. | Draußen zog er sie hinter sich her, es war Mitternacht, im strömenden Regen über die Brücke, fort auf die andere Seite. | ||
[[Kategorie:Bosparanisches Blatt Nr. 38]] | [[Kategorie:Bosparanisches Blatt Nr. 38]] | ||