Briefspiel:Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung: Unterschied zwischen den Versionen
KKeine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 21: | Zeile 21: | ||
Amelthona machte sich keine Illusionen, dazu war sie zu sehr politische Realistin, sie und ihre Familie waren natürlich keine Option für die sewamunder Baronskrone. Ihre Aufgabe war es allein, die Baronie Sewamund und die Sewaklande aufzuräumen, zu sichern und bereit zu halten für den kommenden Baron, die kommende Baronin. Eine erste Depesche verließ Sewadâl in Richtung [[Talante]] mit Anweisungen an ihre Tochter [[Gylduria d'Illumnesto|Gylduria]], in der kommenden Zeit als Cancellaria die Kronvogtei zu verwalten, ihr aber unbedingt in allem Bericht zu erstatten. | Amelthona machte sich keine Illusionen, dazu war sie zu sehr politische Realistin, sie und ihre Familie waren natürlich keine Option für die sewamunder Baronskrone. Ihre Aufgabe war es allein, die Baronie Sewamund und die Sewaklande aufzuräumen, zu sichern und bereit zu halten für den kommenden Baron, die kommende Baronin. Eine erste Depesche verließ Sewadâl in Richtung [[Talante]] mit Anweisungen an ihre Tochter [[Gylduria d'Illumnesto|Gylduria]], in der kommenden Zeit als Cancellaria die Kronvogtei zu verwalten, ihr aber unbedingt in allem Bericht zu erstatten. | ||
Ihre erste Amtshandlung als Protektorin war es - nachdem sie die Zimmer bezogen hatten - die wichtigsten noch verbliebenen Amtsträger Irion von Streitebecks zu sich rufen zu lassen. Einige hatten bereits ihren Abschied auf die eine oder andere Weise eingereicht, darunter der Bannerherr, die Landrichterin und der Delegierte im Kronkonvent, alle drei Verwandte des Streitebeckers. Die verbliebenen Amtsträger informierte Amelthona über die aktuellen Entwicklungen. Die Bergvögtin [[Alwene von Wiesen-Osthzweyg]] war schon seit Jahren erkrankt und hatte ihr würdiges Amt von der | Ihre erste Amtshandlung als Protektorin war es - nachdem sie die Zimmer bezogen hatten - die wichtigsten noch verbliebenen Amtsträger Irion von Streitebecks zu sich rufen zu lassen. Einige hatten bereits ihren Abschied auf die eine oder andere Weise eingereicht, darunter der Bannerherr, die Landrichterin und der Delegierte im Kronkonvent, alle drei Verwandte des Streitebeckers. Die verbliebenen Amtsträger informierte Amelthona über die aktuellen Entwicklungen. Die Bergvögtin [[Alwene von Wiesen-Osthzweyg]] war schon seit Jahren erkrankt und hatte ihr würdiges Amt von der Jagdmeisterin [[Ardare von Wiesen-Osthzweyg]] in Vertretung ausüben lassen. | ||
''"Seid versichert, dass niemand etwas zu befürchten hat."'' erklärte die Kronvögtin, nein, Protektorin mit ruhiger Stimme, während sie ihren Blick schweifen ließ. ''"Sowohl ich als derzeitige Regentin als auch der mit Sicherheit nachfolgende neue Baron respektive die neue Baronin benötigen informiertes und gut eingearbeitetes Personal."'' Sie heftete ihren Blick auf eine ältliche Frau, die Leitende Archivarin. ''"Unsere erste Aufgabe wird es sein, alle möglichen Berichte zu sichten und den organisatorischen und finanziellen Zustand der Baronie zu erheben."'' Sie runzelte die Stirn. ''"Das wird keine leichte Aufgabe, aber ich vertraue darauf, dass jeder von Euch tatkräftig dabei mitwirkt, die praiosgefällige Ordnung wiederherzustellen, damit wir perainegefällig helfen können."'' Sie dachte an die Sturmflut, die die Grangorer Bucht und damit auch die Landstadt Sewamund heimgesucht hatte - und die beinahe auch ihr Leben und das ihres Sohnes Solvolio gekostet hatte. | ''"Seid versichert, dass niemand etwas zu befürchten hat."'' erklärte die Kronvögtin, nein, Protektorin mit ruhiger Stimme, während sie ihren Blick schweifen ließ. ''"Sowohl ich als derzeitige Regentin als auch der mit Sicherheit nachfolgende neue Baron respektive die neue Baronin benötigen informiertes und gut eingearbeitetes Personal."'' Sie heftete ihren Blick auf eine ältliche Frau, die Leitende Archivarin. ''"Unsere erste Aufgabe wird es sein, alle möglichen Berichte zu sichten und den organisatorischen und finanziellen Zustand der Baronie zu erheben."'' Sie runzelte die Stirn. ''"Das wird keine leichte Aufgabe, aber ich vertraue darauf, dass jeder von Euch tatkräftig dabei mitwirkt, die praiosgefällige Ordnung wiederherzustellen, damit wir perainegefällig helfen können."'' Sie dachte an die Sturmflut, die die Grangorer Bucht und damit auch die Landstadt Sewamund heimgesucht hatte - und die beinahe auch ihr Leben und das ihres Sohnes Solvolio gekostet hatte. | ||
| Zeile 27: | Zeile 27: | ||
==Harte Entscheidungen== | ==Harte Entscheidungen== | ||
===[[Traviano Pirialdo]]=== | |||
Das Licht der Nachmittagssonne legte sich über Schloss Sewadâl. Zwischen Stapeln von Schriftrollen und sauber geordneten Amtsbüchern saß Amelthona d’Illumnesto, Protektorin Sewakiens. | |||
Ein Diener trat leise ein und kündigte an: | |||
''"Protektorin, Signor Traviano Pirialdo, Truchsess der Baronie Sewamund, ersucht um Gehör."'' | |||
''"Lasst ihn eintreten"'', sprach Amelthona ruhig. | |||
Die Türflügel öffneten sich mit gedämpftem Knarren. Traviano Pirialdo trat ein wie ein Schauspieler, der seinen Auftritt kannte. Der lange Mantel aus dunkelblauem Stoff, das Haar perfekt gelegt, ein feines Parfum aus Belhanka in der Luft. Er verneigte sich tief, den linken Arm theatralisch über die Brust gelegt in einem Kusliker Hofknicks. | |||
Dann hob er den Kopf, lächelte – und begann zu sprechen. | |||
''"Signora, erlaubt mir, dass ich, ehe ich mich Euren sicherlich zahlreichen und weisen Fragen stelle, ein Wort an Euch richte. Denn ich wähne, die Zeit verlangt, dass man den Dingen ihre Form gibt – und Form, so lehrte mich einst mein Lehrmeister in [[Vinsalt]], ist nichts anderes als Wahrheit in schöner Kleidung. In den vergangenen Götterläufen hatte ich das Privileg, dem edlen Herrn Irion von Streitebeck als [[Truchsess]] zu dienen. Ich habe den Haushalt der Schlösser [[Schloss Corello|Corello]] und Sewadâl geführt, seine Vorräte verwaltet, seine Rechnungen geprüft, und – man verzeihe mir den Stolz – keinen einzigen Kreuzer in Unordnung geraten lassen. Ich sage das nicht, um mich zu rühmen, sondern um zu unterstreichen: Auch in den dunkelsten Stunden blieb der Hof geordnet, weil jemand darüber wachte. Ich habe Baron Irion stets mit aller gebotenen Treue gedient – nicht als Parteigänger, sondern als Diener der Baronie. Ich bin kein Politiker. Ich bin, Signora, ein Diener der Ordnung, der Pflicht. Und wenn nun neue Hände das Zepter führen sollen, so wird meine Feder denselben Gehorsam zeigen wie zuvor. Es heißt, man müsse sich im Wind der Veränderungen biegen – ich sage, man muss aufrecht im Wind stehen, wenn man einen Hofstaat führen will. Ich habe dies stets getan, und ich stehe auch jetzt bereit, in welcher Funktion immer Ihr es für zweckdienlich erachtet: ob weiterhin als Truchsess der Baronie oder, wenn Ihr es wünscht, als Majordomus des Schlosses Corello, das ja künftig der Stadt Sewamund anheimfallen soll. Ihr seht, ich diene nicht einem Namen, ich diene der Ordnung – und derer, die sie zu hüten wissen."'' | |||
Er machte eine gemessene Pause, neigte leicht den Kopf und fuhr dann, mit einem feierlichen Ernst, fort: | |||
''"Ich bringe zudem Nachricht vom Hof Seiner Hoheit, des Herzogs von Grangor. Herzog Cusimo Garlischgrötz hat entschieden, dass die herzogliche [[Festung Ardenhain]] künftig dem neuen Baron oder der neuen Baronin Sewamunds zufallen soll – als Kompensation für das Schloss Corello, das auf Geheiß des Herzogs der Stadt übereignet wird."'' | |||
Er schwieg, ließ die Hände sinken, und sein Blick suchte den der Protektorin, ruhig, aber von jenem leisen Glanz des Selbstbewusstseins durchzogen, der fast wie Hochmut wirkte. | |||
[...] | [...] | ||
[[Kategorie:Briefspiel in Sewamund|Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung]] | [[Kategorie:Briefspiel in Sewamund|Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung]] | ||