Briefspiel:Rückkehr zu einer praiosgefälligen Ordnung: Unterschied zwischen den Versionen
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Amelthona schüttelte den Kopf. ''"Signor Mondino hat keinen Fehler begangen und er wird in allen Ehren entlassen, das möchte ich Euch versichern. Er wird uns und Euch auch weiterhin als Ratgeber zur Verfügung stehen, denn niemand kennt die Geschäfte der Baronie derzeit besser als er."'' War ihr Blick aus den grünen Augen eine versteckte Aufforderung an Traviano? Und wenn ja, welche verbarg sich dahinter? ''"Signor Traviano, es warten nach den Unruhen der letzten Monde herausfordernde Aufgaben auf uns, denn ich möchte die Baronie Sewamund ordnen und stabilisieren. Weshalb ich auch auf Euren Rat angewiesen bin. Seht Ihr unbedingt notwendige Baustellen, die behoben werden sollten?"'' | Amelthona schüttelte den Kopf. ''"Signor Mondino hat keinen Fehler begangen und er wird in allen Ehren entlassen, das möchte ich Euch versichern. Er wird uns und Euch auch weiterhin als Ratgeber zur Verfügung stehen, denn niemand kennt die Geschäfte der Baronie derzeit besser als er."'' War ihr Blick aus den grünen Augen eine versteckte Aufforderung an Traviano? Und wenn ja, welche verbarg sich dahinter? ''"Signor Traviano, es warten nach den Unruhen der letzten Monde herausfordernde Aufgaben auf uns, denn ich möchte die Baronie Sewamund ordnen und stabilisieren. Weshalb ich auch auf Euren Rat angewiesen bin. Seht Ihr unbedingt notwendige Baustellen, die behoben werden sollten?"'' | ||
''"Das beruhigt mich, Signora"'', sagte er leise. ''"Signor Mondino hat der Baronie treu gedient. Ein ehrenvoller Abschied ist...angemessen."'' | |||
Dann richtete er sich ein wenig auf. | |||
''"Was die Baustellen betrifft..."'' Er atmete langsam ein, als öffne er innerlich mehrere Schubladen zugleich. ''"Ja. Es gibt einige."'' | |||
Er hob die Hand, nicht dozierend, sondern ordnend. | |||
''"Zunächst die Finanzen. Wir müssen die Bücher schließen, bereinigen, neu strukturieren. Keine Übergangskassen mehr, keine verdeckten Posten, keine improvisierten Vorschüsse. Jede Münze braucht wieder einen Zweck, jede Ausgabe eine Begründung. Erst wenn wir wissen, was tatsächlich vorhanden ist, können wir planen."'' | |||
Amelthona nickte. | |||
Ein kurzer Blick auf die Aktenstapel. Dann zwei erhobene Finger. | |||
''"Daran anschließend: eine saubere Trennung vom vorherigen Baronshaus. Nicht emotional, nicht mit anklagendem Finger. Aber juristisch eindeutig. Hausgut hier, Baronialgut dort. Je klarer wir diese Linie ziehen, desto weniger Angriffsfläche bieten wir später. Das betrifft Ländereien ebenso wie Mobiliar, Schuldbriefe und laufende Verpflichtungen."'' | |||
Die Protektorin rieb sich nachdenklich das Kinn, dann nickte sie wieder, ohne Traviano zu unterbrechen. | |||
[[Bild:Schloss Corello.png|thumb|left|200px|Schloss Corello - dessen Bau den ehemaligen Baron Selchion die Herrschaft über die Stadt gekostet hat]] | |||
Er hob einen dritten Finger. | |||
''"Drittens: die Residenzfrage. Mit dem Verlust von [[Schloss Corello]] fehlt dem künftigen Baron oder der künftigen Baronin ein repräsentativer Mittelpunkt. [[Schloss Sewadâl|Sewadâl]] ist ein Jagdschloss, lieblich, aber nicht standesgemäß auf Dauer."'' | |||
Ein kaum hörbares Bedauern schwang mit. ''"Der Herzog hat bereits andeuten lassen, dass dem neuen Baron langfristig eine dem Rang angemessene Residenz zusteht. Das bedeutet: Wir müssen prüfen, was vorhanden ist, was vielleicht ausgebaut werden kann und wo gegebenenfalls neu gedacht werden muss. Das ist kein Projekt für morgen, aber es muss jetzt vorbereitet werden."'' | |||
Ein vierter Finger gesellte sich dazu. | |||
''"Parallel dazu die wirtschaftliche Sicherheit: Die Erz- und Quarztransporte nach [[Grangor]] müssen gesichert werden. Die letzten Monde haben gezeigt, wie anfällig diese Routen sind. Und das Schmugglerproblem im [[Phecanowald]]..."'' Er verzog leicht den Mund. ''"...ist kein Randphänomen mehr, sondern eine strukturelle Gefahr. Wenn wir dort keine klare Linie ziehen, untergraben wir unsere eigenen Einnahmen."'' | |||
[[Bild:Festung Ardenhain.jpg|thumb|right|200px|Die Festung Ardenhain wacht zu Füßen des Phecanowalds über die Bomeder Straße]] | |||
Er hielt inne, ließ die Worte wirken. Dann hob er den fünften Finger. | |||
''"Mittelfristig"'', fuhr er fort, ''"braucht die Baronie eigenes Waffenvolk. Eine kleine Garde oder verlässliche Söldner in festen Diensten. Nicht als Machtdemonstration, sondern als sichtbares Rückgrat der Ordnung. Für die Straßen, für den Handel, und nicht zuletzt für die Bemannung der [[Festung Ardenhain]]."'' | |||
Ein feines, pragmatisches Lächeln. | |||
''"Arbeitsloses Waffenvolk gibt es nach dem Konflikt derzeit mehr als genug. Die Kunst wird sein, das Richtige auszuwählen."'' | |||
Dann senkte er die Stimme einen Hauch. | |||
''"Und schließlich der Hof selbst. Einige Posten werden neu besetzt werden müssen. Andere zumindest vorübergehend durch Berater gestützt oder direkt durch Euch verantwortet werden."'' | |||
Er faltete die Hände wieder vor sich, ruhig, gesammelt. | |||
''"Kurz gesagt, Signora: Das klingt nach viel. Ist es auch."'' Ein feiner Glanz trat in seine Augen. ''"Aber es ist machbar, wenn wir es mit klarer Priorisierung angehen."'' | |||
Er neigte den Kopf, demütig genug, um nicht belehrend zu wirken, selbstbewusst genug, um zu zeigen, dass er den Plan bereits vor Augen hatte. | |||
''"Ich stehe Euch dabei jederzeit zur Verfügung. Nicht nur als Truchsess und Cancellarius ad interim, sondern als Mann, der möchte, dass die Baronie Sewamund geordnet in die Zukunft tritt."'' | |||
Amelthona hatte sich während des Vortrags einige Notizen in ihr kleines Buch geschrieben. Nach dem letzten Federstrich hob sie den Blick und schaute Traviano für einen kurzen Moment tief in die Augen, abschätzend? Dann lächelte sie. ''"Wie ich sehe, habt Ihr Euch schon einige Gedanken gemacht. Sehr fundierte Gedanken, wie ich meine."'' Sie beobachtete seine Reaktion. | |||
Traviano Pirialdo senkte seinen Blick, demütig, dennoch mit einem dezent selbstbewussten Lächeln und nickte. Dieser Mann hatte große Ambitionen und er erweckte den Eindruck, als ob diese durchaus berechtigt waren. Sein Vater war [[Pandolfo Pirialdo]], der Seneschall des [[Herzogtum Grangor|Herzogtums Grangorien]], einer der wichtigsten Berater des Herzogs. Amelthona konnte in Travianos gesamten Habitus das Selbstbild einer alten Ministerialenfamilie erkennen, welche sich unverzichtbare verlängerte Arme der Mächtigen verstanden. | |||
''"Tatsächlich würde ich Eurer Priorisierung folgen."'' Sie tippte mit dem fedrigen Ende ihrer Schreibfeder leicht auf eine Position in ihrem Notizbuch. ''"Sobald ich die wichtigsten Personalfragen hinreichend geklärt habe, würde ich als erste Themen die Finanzen und die Trennung der Baronsdomänen von jenen des Hauses Streitebeck angehen. Sagt, Cancellarius..."'' Sie sprach diese Amtsbezeichnung ohne Betonung aus, sie ging ihr wie natürlich von den Lippen. ''"... wollen wir uns morgen dazu zusammensetzen und die nötigen Vorgehensweisen zusammentragen und planen?"'' | |||
''"Selbstverständlich Protektorin, ich werde mit den Schreibern der Kanzlei heute noch alle notwendigen Dokumente vorbereiten."'' Er lächelte in einer servilen Geste. Sein Blick machte jedoch deutlich, dass er vermutlich bereits alles vorbereitet hatte, aber seine neue Dienstherrin mit seiner Tatkraft nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte. | |||