Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

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Der erste Feindkontakt war chaotisch. Pfeile sirrten, Männer schrien, Eisen traf auf Eisen.<br>
Der erste Feindkontakt war chaotisch. Pfeile sirrten, Männer schrien, Eisen traf auf Eisen.<br>
Dann, mitten im Lärm, der Anblick: Rondrian Vistelli, den Helm tief in die Stirn gezogen, preschte an der Flanke heran, gefolgt von einer kleinen Gruppe Reiter. Aus dem Nichts. Wie eine Sturmflut brach er in die feindlichen Linien und stiftete Verwirrung, so schnell und so gezielt, dass Rahjane nur staunen konnte. Ein Gegner, ein Ritter in den Farben der Streitebecks, hob sein Schwert, und Rondrian, fast mühelos, riss ihn aus dem Sattel. Ein einziger Hieb. Kein Zögern.<br>
Dann, mitten im Lärm, der Anblick: [[Rondrian Vistelli]], den Helm tief in die Stirn gezogen, preschte an der Flanke heran, gefolgt von einer kleinen Gruppe Reiter. Aus dem Nichts. Wie eine Sturmflut brach er in die feindlichen Linien und stiftete Verwirrung, so schnell und so gezielt, dass Rahjane nur staunen konnte. Ein Gegner, ein Ritter in den Farben der Streitebecks, hob sein Schwert, und Rondrian, fast mühelos, riss ihn aus dem Sattel. Ein einziger Hieb. Kein Zögern.<br>
„Er ist wirklich wie Leomar“, murmelte sie und sah im selben Moment jenen Onkel an der gegenüberliegenden Linie. [[Leomar Tribêc]], der mit blutiger Schläfe eine halb zerstörte Kanalbrücke verteidigte. Seine Lanze ragte aus einem Haufen gefallener Gegner, sein Gesicht war zerschunden, aber seine Stimme trug: „Niemand kommt hier durch!“<br>
„Er ist wirklich wie Leomar“, murmelte sie und sah im selben Moment jenen Onkel an der gegenüberliegenden Linie. [[Leomar Tribêc]], der mit blutiger Schläfe eine halb zerstörte Kanalbrücke verteidigte. Seine Lanze ragte aus einem Haufen gefallener Gegner, sein Gesicht war zerschunden, aber seine Stimme trug: „Niemand kommt hier durch!“<br>
Dann, ein Schlag, ein Krachen, das Pferd stieg, Leomar fiel nicht. Er lachte. Wie immer.
Dann, ein Schlag, ein Krachen, das Pferd stieg, Leomar fiel nicht. Er lachte. Wie immer.
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Und irgendwo, verborgen hinter einem Lagerzelt, hockte [[Gerodan Vistelli]], das Schwert unbefleckt, der Blick wachsam. Er hatte keinen Kratzer. Aber es war sein Flüstern, das später einen Umsturz vorbereiten sollte. Gerodans Schlacht war nicht die mit dem Stahl, sondern mit Informationen, mit Einfluss. Und mit einem Blick, der immer drei Schritte weiter war als der Rest der Welt.
Und irgendwo, verborgen hinter einem Lagerzelt, hockte [[Gerodan Vistelli]], das Schwert unbefleckt, der Blick wachsam. Er hatte keinen Kratzer. Aber es war sein Flüstern, das später einen Umsturz vorbereiten sollte. Gerodans Schlacht war nicht die mit dem Stahl, sondern mit Informationen, mit Einfluss. Und mit einem Blick, der immer drei Schritte weiter war als der Rest der Welt.
===Nach dem Lärm===
[[Sewamund]], [[Palazzo Vistelli]], Anfang Boron [[1046 BF]]
Der Sieg roch nicht nach Ruhm. Er roch nach nassem Holz, kalter Asche und den Tüchern, mit denen man Blut von Stein zu wischen versuchte.<br>
[[Orban Vistelli]] stand auf einem Balkon des Palazzo, die Hände auf das steinerne Geländer gelegt, und blickte hinunter auf die Straße. Sewamund lebte noch. Das war nun keine Hoffnung mehr, kein Gebet und kein trotziges Wort gegen die Nacht, es war Wirklichkeit. Die Stadt war nicht gefallen, ihre Mauern standen. Doch kam ihm alles vor wie ein Körper, der weiteratmete, obwohl er noch nicht wusste, wie schwer er verwundet war.<br>
Unter ihm wurde eine Schubkarre mit zerbrochenen Pflastersteinen über die Straße geschoben. Zwei Dienstboten stritten halblaut darüber, wo zuerst gereinigt oder zuerst neu verriegelt werden müsse. Aus der Küche drang der Geruch von Fenchel und Lauch. Aus dem Palazzo gegenüber, dem Tribêc-Haus, ein kurzes, hartes Lachen. [[Tsaida Tribêc|Tsaida]], unverkennbar. Sie lachte seit dem Sieg nicht häufiger, aber anders. Weniger wie jemand, der Recht behalten hatte. Mehr wie jemand, der wusste, was es gekostet hatte.<br>
Orban schloss für einen Moment die Augen.<br>
Er sah die Engstelle wieder vor sich, an der er gestanden hatte, den rechten Arm schon halb taub von Schmerz, die Klinge schwer vom Blut und vom Griff. Er hörte die Atemzüge der Kämpfer hinter sich, die nur deshalb noch lebten, weil er nicht zurückgewichen war. Er erinnerte sich nicht an Heldentum. Er erinnerte sich an Berechnung. An den Winkel der Gasse. An die Länge des Rückzugswegs. An die Zahl der Herzschläge, die er ihnen erkaufen konnte.<br>
Es war unerfreulich, mit welcher Nüchternheit sich der Mut im Gedächtnis später als Derometrie erwies.<br>
Hinter ihm öffnete sich die Tür.<br>
„Du stehst hier, als wolltest du dem Geländer ein Geständnis entlocken“, sagte [[Rahjane Vistelli|Rahjane]].<br>
Er wandte sich um. Sie trug noch keinen Schmuck. Das allein war bemerkenswert genug, um für einen Herzschlag alles andere auszulöschen. Ihr Haar war lose zusammengebunden, nicht kunstvoll, sondern praktisch. Der rechte Ärmel ihres Kleides war an der Schulter geöffnet, damit die Wunde besser verbunden werden konnte. Sie war blasser als gewöhnlich. In der Blässe lag etwas, das ihm mehr Furcht machte als Schlachtgeschrei: Ernst.<br>
„Vielleicht gesteht es eher als die Menschen“, sagte Orban.<br>
Rahjane trat zu ihm an die Balustrade. Eine kleine Bewegung nur, doch merkte er, wie sich die Luft veränderte. Früher war ihm ihre Nähe oft anders erschienen, schön. Nun war sie etwas anderes geworden, keine Erlösung, gewiss nicht, aber eine Tatsache.<br>
Unten auf der Straße blieb eine Frau stehen, zog einem Kind den Schal fester und deutete hinauf zum Palazzo. Das Kind winkte zögernd.<br>
Rahjane hob die linke Hand und winkte zurück, als sei es das Normalste der Welt. Dann sagte sie, ohne den Blick von der Straße zu nehmen: „Sie glauben, wir hätten gewonnen.“<br>
Orban ließ sich Zeit mit der Antwort. „Haben wir nicht?“<br>
Sie zog die Nase kraus. „Natürlich haben wir das. Ich bin nur noch nicht sicher, was.“<br>
Jetzt sah er sie an. In ihrem Ton lag keine Leichtigkeit, allenfalls in alter Form, die Hülle, worin sie ihre Gedanken tat, damit andere sie zu spät bemerkten.<br>
„Wir haben Zeit gewonnen“, sagte er schließlich. „Und die Stadt.“<br>
„Zeit ist teuer“, murmelte sie.<br>
„Ja.“<br>
„Städte fressen einen auf, wenn man nicht aufpasst.“<br>
„Auch das.“<br>
Sie nickte, als habe sie etwas gehört, die ihr gefiel, ohne beruhigend zu sein.<br>
Eine Weile standen sie still da. Von der Stadt her klang Hämmern, irgendwo verkündete ein Ausrufer neue Verordnungen; der Wortlaut ging im Trubel verloren, das Muster war vertraut: Sicherheit, Versorgung, Ordnung, Wiederaufbau. Worte wie eine Holzbrücke über den [[Sewak]]. Man hoffte, sie trüge.<br>
Rahjane atmete tief ein.<br>
„Lorion wird sich jetzt für unsterblich halten“, sagte sie.<br>
Orban musste, gegen seine Absicht, lächeln. „Er hielt sich schon vorher für eine Ausnahme von den göttlichen Regeln.“<br>
„Jetzt hat er Beweise. Schlechte Kombination.“<br>
„Rondrian wird sie ihm widerlegen.“<br>
„Doch nicht etwa mit Pädagogik?“<br>
„Eher mit einem Hindernislauf und einem nassen Eimer, vermute ich.“<br>
Rahjane lachte. Nur kurz, nur echt. Sie warf Orban einen Seitenblick zu. „Das klingt wie etwas, das du in ein Buch schreiben würdest, damit die Leute beim Vorlesen nicken und später still weinen.“<br>
„Dann schreib du es dir auf. Du erinnerst es lebendiger.“<br>
Wieder das kurze Lächeln, dann wurde sie ernst, hob die Schultern, soweit die Wunde es zuließ.<br>
Von drinnen kamen Schritte, rasch und erstaunlich schwer für einen so kleinen Menschen. Fenja erschien in der Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen, als wäre der Raum ein Heiligtum, das man nur mit Erlaubnis betreten durfte.<br>
„Verzeiht“, sagte sie und knetete die Schürze. „Ich wollte nur sagen, Signora Tsaida lässt fragen, ob die Herrschaften vor dem Mittag zu ihr kommen könnt. Es geht um die Listen. Und um die Unterbringung.“ Ihr Blick glitt kurz zu Rahjanes Verband, dann rasch wieder hinunter. „Und um die Familien, die noch im Stall schlafen.“<br>
„Wir kommen“, sagte Orban.<br>
Fenja nickte und verschwand, beinahe lautlos.<br>
Rahjane sah ihr nach. „Sie ist mutiger geworden.“<br>
„Die Umstände zwingen derzeit jeden dazu.“<br>
„Auch dich?“<br>
Er dachte an die Nacht nach der Schlacht. An den Moment, als man ihm den Harnisch abnahm und das Blut darunter schon getrocknet war. An den leeren Spiegel. An die Scham darüber, dass er als Erstes nicht an Ehre gedacht hatte, sondern an Erleichterung. An die plötzliche, fast zornige Dankbarkeit, noch atmen zu dürfen.<br>
„Ja“, sagte er. „Auch mich.“<br>
Rahjane legte, ganz vorsichtig, die linke Hand auf seinen unverletzten Unterarm. Keine große Geste, kein Trost, nur Berührung.<br>
„Gut“, sagte sie leise. „Dann sind wir vielleicht noch zu retten.“<br>
Er wusste nicht, ob sie die Stadt meinte, die Familie oder sie beide.<br>
Unten auf der Straße begann jemand aufzuräumen. Orban sah hinunter.<br>
„Komm“, sagte er schließlich.<br>
Rahjane nickte.<br>
Gemeinsam verließen sie den Raum und gingen, hinüber in den [[Palazzo Tribêc]], wo Listen warteten, Rechnungen, Verletzte, Entscheidungen und [[Tsaida Tribêc|Tsaida]] mit jener unbeirrten Klarheit, vor der selbst der Sieg Haltung annehmen musste.


[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]
[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]


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