Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

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Bis bald in Sewamund.<br>
Bis bald in Sewamund.<br>
Deine Iridanië
Deine Iridanië
===[[Rowena Vistelli]] an [[Rahjane Vistelli]]===
[[Methumis]], am Abend nach deinem Brief
Liebste Mama,<br>
ich habe deinen Brief im Kräutergarten gelesen, zwischen zwei Körben getrockneter Blätter und einem sehr missgelaunten Ziegenbock, der offenbar beschlossen hatte, heute nur noch gegen alles zu sein. Es erschien mir ein angemessener Rahmen für Nachrichten aus der Heimat Sewamund.<br>
Du schreibst, die Stadt sei voller Menschen, die atmen, aber nicht wissen, ob sie noch leben. Ich wünschte, ich könnte sagen, dieser Satz überrasche mich. Aber genau so klingt das, was nach Gewalt übrig bleibt: Körper, die noch funktionieren, Herzen, die noch schlagen, und doch etwas darin, das erst langsam wieder zurückfindet.<br>
Ich werde kommen.<br>
Nicht schnell genug für mein Dafürhalten, aber so schnell, wie ich Kräuter, Verbände, Salben und das Einverständnis meiner Lehrer einholen kann. Schwester Noridia hat nur genickt, nachdem sie deinen Brief las, und gesagt: „Dann lernst du jetzt dort, wo Wissen Hände braucht.“ Das war ihre Art, mich zu verabschieden. Ich glaube fast, es war Zuneigung.<br>
Ich bringe mit:<br>
getrocknete Weidenrinde, Ringelblume, Beinwell, etwas gegen Fieber, etwas gegen Schlaflosigkeit und einiges gegen Schmerzen, die nicht dort sitzen, wo man sie erwartet. Vor allem aber bringe ich Zeit mit. Du hast recht: Geduld wird man am dringendsten brauchen. Nicht nur für die Verwundeten, sondern für die, die stark erscheinen wollen, obwohl sie es gerade nicht sind.<br>
Vielleicht ist es das Schwerste nach einer Schlacht, dass alle weiterleben sollen, und niemand weiß, wie man damit anfängt.<br>
Ich werde nicht als Dame kommen, dafür sind meine Hände ohnehin längst verdorben; unter den Fingernägeln sitzt Erde aus dem Schulgarten, aber ich nehme an, Sewamund wird Schlimmeres kennen. Ich komme als jemand, die helfen will, ohne gefragt zu werden, wo Schmutz endet und Würde beginnt.<br>
Richte Vater aus, er möge sich nicht in jene kalte Klugheit flüchten, die so nützlich aussieht und doch manchmal nur eine Bemäntelung des Schmerzes ist. Du, Mama, versprich mir, dass du dich setzen wirst, wenn du müde bist, und trinken wirst, wenn ich dir etwas hinstelle, und nicht behauptest, Wein sei eine Form der Genesung. Jedenfalls nicht die einzige.<br>
Ich komme bald.<br>
Rowena
===[[Lorion IV. Vistelli|Lorion Vistelli]] an [[Rahjane Vistelli]]===
[[Shenilo]], zwei Tage nach Empfang deines Briefes
Mama,<br>
zunächst dies: Ich habe mich nicht zum Helden erklärt. Noch nicht. Ich wollte nur, dass du weißt, dass mir die Versuchung bekannt ist und ich mich heldenhaft dagegen wehre. Das ist fast dasselbe und verdient zumindest ein ordentliches Hemd.<br>
Dein Brief hat mich schlimmer getroffen als jede Übung [[Rondrian Vistelli|Rondrians]]. Nicht weil du pathetisch warst. Das wäre dein gutes Recht gewesen. Sondern weil du es nicht warst. „Komm und lerne, was nach einem Kampf kommt“, schreibst du. So schreiben nur Menschen, die wissen, wie teuer ein Sieg ist.<br>
Also komme ich.<br>
Rondrian meinte nach dem Lesen nur: „Endlich ruft sie ihn dorthin, wo Männer nützlich werden müssen und nicht nur laut.“ [[Jana Merik|Jana]] sah mich an, als wolle sie prüfen, ob ich den Satz wirklich verstanden habe. Ich fürchte, ich habe es.<br>
Wenn ich ehrlich bin, und ich weiß, das erschreckt dich mehr als jede Schlachtmeldung, dann ist mir der Gedanke an das Danach unheimlicher als der an den Kampf. Im Gefecht gibt es Lärm, Richtung, irgendeinen Unsinn, auf den man sich stützen kann. Danach aber bleiben Gesichter, Fragen. Der Versuch, in den Überresten Haltung zu finden. Vielleicht ist das der echte Ernst, von dem alle reden und den keiner verpacken kann.<br>
Ich werde also kommen und mich anständig anziehen, sofern „anständig“ nicht bedeutet, dass ich aussehe wie ein gelangweilter Lilienratsgehilfe. Ich bringe, soweit vorhanden, brauchbare Kleidung, einen halbwegs geschärften Verstand und die Absicht mit, nicht sofort mit irgendeinem Sewamunder in Streit über Rang, Stil oder den angemessenen Einsatz von investigativen Methoden zu geraten.<br>
Außerdem bringe ich Nachrichten aus [[Shenilo]] mit. Rondrian sagt, nach der Schlacht müsse man erst ordnen, wer noch steht, dann, wer noch denkt, und erst danach, wer reden darf. Ich ahne, er hat recht.<br>
Sag Iridanië, sie soll nicht so tun, als wäre sie überrascht, wenn ich vor ihr in [[Sewamund]] eintreffe. Und sag Rowi, sie soll gefälligst Verbände für Menschen mit Stolz vorbereiten. Ich vermute, davon wird es mehr geben, als man glaubt.<br>
Mama, pass solange auf dich auf.<br>
Lorion
==Ankunft der Vistelli-Drillinge in Sewamund==
[[Palazzo Vistelli]], Boron [[1046 BF]]
Der Himmel über [[Sewamund]] war an diesem Morgen von stiller Blässe, die Luft roch nach feuchtem Kalk, frisch gewaschenem Stein und darunter, kaum wahrnehmbar, nach Rauch, der sich noch nicht ganz entschieden hatte zu gehen.<br>
Am Palazzo Vistelli waren die Spuren nicht verborgen, nur geordnet. Neue Steine bildeten helle Flecken im dunkleren Pflaster der Straße. Dort, wo früher Zierbepflanzung gewesen war, standen nun zwei einfache Bänke. Fenja lief mit einem Korb Leinen vom [[Palazzo Tribêc]] hinüber, blieb stehen, als sie das Hufklappern hörte.
===Rowenas Ankunft===
Die erste, die eintraf, war [[Rowena Vistelli]].<br>
Kein Prunk, kein Gefolge, nur ein kleiner Maultierkarren, überladen mit Kisten, Bündeln und sorgfältig gebundenen Kräuterpäckchen. Ihr Mantel war staubig, ihre Hände nicht die einer Hofdame.<br>
Sie sprang nicht vom Wagen, sie stieg ab.<br>
Ein kurzer Blick hinüber zum Palazzo Tribêc, nicht suchend, sondern prüfend. Türen, Wege, Schatten. Wo würde man Verwundete lagern? Wo wäre Licht? Wo Ruhe?<br>
Fenja trat näher.<br>
„Signorina…?“<br>
Rowena lächelte, müde, aber warm.<br>
„Nur Rowena. Und du bist?“<br>
„Fenja.“<br>
Rowena nickte, als hätte sie den Namen notiert.<br>
„Gut, Fenja. Zeig mir, wo die mit den Fiebern liegen. Und wo die, die sagen, sie hätten keins.“<br>
Fenja blinzelte kurz. Dann verstand sie und nickte.<br>
Noch bevor jemand sie richtig begrüßte, war Rowena bereits auf dem Weg ins Innere der Häuslichkeiten.
===Lorions Ankunft===
Das zweite Pferd kam schneller.<br>
[[Lorion IV. Vistelli|Lorion Vistelli]] ritt durch die Straße, als gehöre sie ihm, und blieb dann doch abrupt stehen, als er da war.<br>
Der Ort sah anders aus. Sein Blick glitt über die neuen Pflastersteine, die improvisierten Bänke, die Bewegung der Diener. Kein Kommentar, kein Witz, nur ein kurzes, scharfes Einatmen, als man ihn sah.<br>
Dann stieg er ab.<br>
„Wo ist Mutter?“<br>
Fenja, die gerade zurückkam, deutete auf den Salonflügel.<br>
„Dort, Signorino.“<br>
Er nickte, ging zwei Schritte, blieb dann stehen.<br>
„Und Oma?“<br>
„Dort, in diesem Flügel.“<br>
Ein kurzes Zögern, dann:<br>
„Gut, danke.“<br>
Er sagte es nicht laut. Aber es war keine Frage.<br>
Als er zur Eingangstür ging, sah er Rowenas Karren vor dem Gebäude stehen. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht.<br>
„Natürlich“, murmelte er, „sie ist schon da.“


[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]
[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]


[[Kategorie:Briefspiel in Sewamund|Briefspiel in Sewamund]]
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