Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

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Am Nachmittag begannen die Vorbereitungen. Sie packte unauffällige Kleidung, Kartenmaterial und einen leeren Notizband ein. Iridanië nahm ihn noch einmal in die Hand, strich über den Einband und sagte leise: „Der vierte Spiegel beginnt.“<br>
Am Nachmittag begannen die Vorbereitungen. Sie packte unauffällige Kleidung, Kartenmaterial und einen leeren Notizband ein. Iridanië nahm ihn noch einmal in die Hand, strich über den Einband und sagte leise: „Der vierte Spiegel beginnt.“<br>
Draußen zog ein Wind über Sewamund. Jenseits der Stadt lag dieses Amarinto.
Draußen zog ein Wind über Sewamund. Jenseits der Stadt lag dieses Amarinto.
==Lorion Vistelli==
===Zwischen Entschluss und Bewegung===
Palazzo Vistelli, Mittag, nach Iridaniës Entscheidung
Lorion blieb zurück, als die anderen schon gegangen waren. Nicht, weil er demonstrativ dableiben wollte, nicht aus Trotz, sondern einfach einen Herzschlag zu lange. Der Salon hatte sich geleert wie ein Glas nach einem guten Streit: noch warm, noch nachklingend, aber bereits ohne jene Spannung, die ihn eben noch getragen hatte. Auf dem Tisch lag Iridaniës Liste: ordentlich, klar, typischerweise klug. Er trat näher, sah sie an wie einen Gegner, den man respektiert, aber nicht ganz durchschaut.<br>
„Struktur“, murmelte er, „natürlich.“<br>
Er nahm die Liste nicht auf. Es war nicht seine Art, Dinge anzufassen, die ihn schon berührt hatten. Stattdessen ergriff er einen der Weinkelche, roch daran und stellte ihn wieder ab.<br>
„Zu sauber“, sagte er leise.<br>
Dann drehte er sich um und ging.
Der Innenhof war voller Bewegung. Kisten wurden getragen, Pferde vorbereitet, Stimmen gedämpft gehalten, als wüsste jeder, dass Lautstärke gerade unerwünscht war.<br>
Lorion blieb unter dem Torbogen stehen und beobachtete. Ein Stallknecht führte ein Pferd zu früh, zog es zurück, eine Magd band ein Bündel zu fest. Fenja sprach mit Rowena, ein wenig zu schnell, zu leise und zu ernst.<br>
Lorion verzog das Gesicht. Er ging hinüber zum Waffenständer. Seine Hand glitt über die vertrauten Dinge: der Dolch, das Florett, das Übungsschwert, das schon bessere Tage gesehen hatte.<br>
Er nahm nichts davon, stattdessen griff er nach dem schlichten Mantel, der an einem Ende des Ständers hing.<br>
„Ich brauche keine Klinge“, hatte Iridanië gesagt. Lorion lächelte schief.<br>
„Ich auch nicht“, antwortete er in den leeren Raum hinein. Dann ging er hinaus auf die Straße.
Sewamund war anders, wenn man allein im Mantel hindurchging. Es war nicht mehr gesellschaftliche Bühne, nicht mehr eine Kulisse, sondern es ähnelte einem Körper. Einem Körper, der verwundet war, ja, aber zugleich lebendig. Lorion ging ziellos durch die Straßen der Altstadt, oder er ging mit einem Ziel, das er sich nicht eingestand. Er sah einen Händler, der seine Ware neu sortierte, als hätte er sie neu erfunden, ein Kind, das mit einem Holzrad spielte, als sei nichts geschehen, eine Frau, die stehen blieb, als er vorbeiging, nicht aus Angst, sondern aus Abwägung.<br>
Er nickte ihr zu, sie nickte zurück. Ein stilles Einverständnis.
Er blieb erst stehen, als er den Sewak an der Brücke erreichte. Das Wasser war ruhig, irgendwie zu ruhig. Lorion sah von der Brücke aus hinein. Sein Spiegelbild kam ihm verändert vor. Nicht älter, nicht härter, nur seltsam klarer.<br>
„Sie geht“, murmelte er. „Natürlich geht sie.“ Ein kleines Lächeln. „Und ich bleibe?“<br>
Ein längerer Moment. Dann: „Nein.“<br>
Lorion griff in seine Manteltasche und zog das Stück Pergament hervor, das Iridanië ihm einst gegeben hatte. Es war leer.<br>
„Gut“, sagte er. Er lehnte sich gegen die Brückenbrüstung, zog ein Stück Kohle hervor und begann zu schreiben. Nicht sauber, nicht elegant, aber ehrlich.
„Iridanië,<br>
du gehst nicht allein.<br>
Du wirst nur später merken, dass ich schon da bin.<br>
– L.“
Er betrachtete die Zeile.<br>
„Zu viel Stil“, murmelte er. Er strich aber nichts, sondern faltete das Pergament und steckte es wieder ein.
Als er zum Palazzo zurückkehrte, dunkelte es bereits. Das rege Treiben herrschte immer noch. Niemand fragte ihn, wo er gewesen war. Das war das Schöne an Familien wie den Vistellis. Man wusste es oder man fragte später.<br>
Er blieb im Schatten des Torbogens stehen und sah zu, wie ein Wagen beladen wurde. Er sah Rowena, die Anweisungen gab, und sah Iridanië, die nicht sprach, aber alles sah.<br>
Lorion atmete langsam ein.<br>
„Gut“, sagte er leise. „Dann spielen wir.“<br>
Tief in ihm begann sich ein Plan zu formen. Wobei, es war kein richtiger Plan, noch nicht, aber eine Richtung.


[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]
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