Briefspiel:Die Vistelli-Drillinge: Unterschied zwischen den Versionen

 
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===Der Weg nach Norden===
===Der Weg nach Norden===
Noch vor Sonnenaufgang verließ Lorion den Palazzo. Er tat es nicht heimlich, dafür war er zu sehr Vistelli, aber er tat es leise.<br>
Noch vor Sonnenaufgang verließ Lorion den Palazzo Vistelli. Er tat es nicht heimlich, dafür war er zu sehr [[Haus Vistelli|Vistelli]], aber er tat es leise.<br>
Der Himmel über Sewamund war bleich wie ausgewaschene Seide, und über den Kanälen hing feiner Nebel. Die Stadt war wach, doch noch nicht laut. Die Fischer schoben ihre Karren zum Hafen, irgendwo schlug ein Schmied gegen Metall, als wolle er dem Morgen Form geben.<br>
Der Himmel über Sewamund war bleich wie ausgewaschene Seide, und über den Kanälen hing feiner Nebel. Die Stadt war wach, doch noch nicht laut. Die Fischer schoben ihre Karren zum Hafen, irgendwo schlug ein Schmied gegen Metall, als wolle er dem Morgen Form geben.<br>
Lorion trug einen schlichten Reisemantel, das Haar fast unfrisiert, kein Familienwappen, keine Klinge. Nur ein kleines Gepäckbündel am Sattel und der Ausdruck eines Mannes, der beschlossen hatte, sich nicht mehr ganz von anderen erklären zu lassen, wer er war.<br>
Lorion trug einen schlichten Reisemantel, das Haar fast unfrisiert, kein Familienwappen, keine Klinge. Nur ein kleines Gepäckbündel am Sattel und der Ausdruck eines Mannes, der beschlossen hatte, sich nicht mehr ganz von anderen erklären zu lassen, wer er war.<br>
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Der Norderkoog lag still unter dem grauen Himmel. Dort, wo vor wenigen Wochen Männer geschrien hatten, standen nun Krähen zwischen umgewühlter Erde. Einige der hastig errichteten Gräben waren bereits halb eingefallen. Über dem Boden lagen noch immer dunkle Flecken, die weder Regen noch Zeit ganz fortgewaschen hatten.<br>
Der Norderkoog lag still unter dem grauen Himmel. Dort, wo vor wenigen Wochen Männer geschrien hatten, standen nun Krähen zwischen umgewühlter Erde. Einige der hastig errichteten Gräben waren bereits halb eingefallen. Über dem Boden lagen noch immer dunkle Flecken, die weder Regen noch Zeit ganz fortgewaschen hatten.<br>
Lorion zügelte sein Pferd. Er erinnerte sich. An Rauch, an das Sirren des eigenen Atems, an Rondrians Stimme. An den Augenblick, als er begriffen hatte, dass Schlachten nicht aus Heldentum bestanden, sondern aus Entscheidungen.<br>
Lorion zügelte sein Pferd. Er erinnerte sich. An Rauch, an das Sirren des eigenen Atems, an Rondrians Stimme. An den Augenblick, als er begriffen hatte, dass Schlachten nicht aus Heldentum bestanden, sondern aus Entscheidungen.<br>
Ein Windstoß fuhr über die Ebene. Und dort, weiter vorne, etwas erhöht auf einem flachen Hügel, einer Warft, lag [[Gut Norderkoog]].
Ein Windstoß fuhr über die Ebene. Und dort, weiter vorne, etwas erhöht auf einem flachen Hügel, einer Warft, lag [[Herrschaft Cusimosruh|Gut Norderkoog]]. Oder vielmehr das, was daraus entstanden war.<br>
Das Gehöft wirkte verändert. Es war nicht größer, aber wirkte bedeutender. Neue Pfosten standen entlang des Zufahrtswegs, frisch geschnitzt und noch heller als das alte Holz. Über dem Tor flatterte ein neues Banner: das Zeichen des jungen Hauses Norderkoog. Wo einst ein abgelegener Hof gewesen war, standen zusätzliche Stallungen, ein kleiner Wachturm aus frischem Holz und zwei Knechte in neu geschneiderten Wappenröcken. Selbst der Weg war schon besser befestigt. Macht hinterließ Spuren. Auch dort, wo sie nur kurz verweilte.<br>
Eine Frau stand im Hof und gab Anweisungen. Graues Haar, wettergegerbtes Gesicht, festes Kinn. Das war [[Pagola von Norderkoog|Bragola Silvan]], von der er im Farsider Hofanzeiger gelesen hatte. Oder vielmehr: Cavalliera Pagola vom [[Haus Norderkoog]].<br>
Lorion stieg ab. Bragola musterte ihn mit jener vorsichtigen Offenheit, die Menschen entwickelten, die plötzlich gelernt hatten, dass Besuch Konsequenzen haben konnte.<br>
„Ihr seid kein Händler“, stellte sie fest.<br>
„Nein.“<br>
„Auch kein Soldat.“<br>
Lorion lächelte schmal.<br>
„Das kommt auf den Tag an.“<br>
Das schien ihr zu gefallen.<br>
„Dann seid Ihr vermutlich Adliger.“<br>
„Leider.“<br>
Ein überraschtes Schnauben.<br>
„Gut. Dann habt Ihr wenigstens Humor.“<br>
Sie deutete auf das Haupthaus.<br>
„Wenn Ihr Wasser braucht oder Neuigkeiten, bekommt Ihr beides. Aber wenn Ihr etwas verkaufen wollt, müsst Ihr mit meinem Mann reden. Seit wir ein Haus sind, glaubt er, Preise seien eine Form der Staatskunst.“<br>
Lorion lachte leise.<br>
„Ich reite nach [[Amarinto]].“<br>
Bei dem Namen veränderte sich etwas in ihrem Blick. Keine Angst, sondern eher Müdigkeit.<br>
„Dann reitet nicht zu langsam“, sagte sie ruhig. „Dort oben tragen die Leute ihre Trauer wie nasse Kleidung. Man gewöhnt sich daran, aber warm wird einem davon nicht.“<br>
Lorion nickte. Bevor er sich wieder in den Sattel schwang, glitt sein Blick noch einmal über das Gehöft. [[Herrschaft Cusimosruh|Cusimosruh]]. Ein Hof, den der Herzog berührt hatte. Ein Ort, der nun zwischen Adel, Krieg und Aufstieg stand wie jemand, der zu schnell in ein neues Leben geschoben worden war. Lorion verstand das besser, als ihm lieb war.
 
Weiter nach Norden hörten die Spuren des Krieges nicht überall auf. Das war das Beunruhigende. Manche Höfe wirkten vollkommen unversehrt, andere verlassen. Ein verbrannter Bildstock stand am Wegesrand, daneben frische Blumen.<br>
Irgendwann tauchten die Ruinen auf. Schwarze Balken. Verkohlte Steinfundamente. Der Geruch alten Rauchs, den selbst der Herbstregen nicht ganz fortgenommen hatte. [[Amarinto]]. Was davon übrig war. Zwischen den Ruinen bewegten sich Menschen. Es waren nicht viele, aber genug.<br>
Ein neuer Balken wurde gesetzt. Kinder trugen Wasser. Irgendwo schlug ein Hammer gegen Stein. Und über allem erhob sich die [[Feste Amardûn]].
 
 


[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]
[[Bild:Familie Vistelli 1048_2.jpg|thumb|300px|Die Vistellis 1048 BF]]


[[Kategorie:Briefspiel in Sewamund|Briefspiel in Sewamund]]
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