Archiv:Castell Torremolino wird neu besetzt (BB 49)

„Zum alten Eisen? Ich bin aus Saladanstahl!“ – Castel Torremolino wird neu besetzt
für den Belhankaner Beobachter von Ritrosa di Noia

Torremund, Ingerimm 1046 BF.
Es gehört wohl zu den kleinen Kapriolen der Geschichte, dass nicht selten jene Orte, die der Zahn der Zeit bereits freigegeben zu haben schien, unverhofft wieder Bedeutung gewinnen, nicht durch Feldzüge oder Dekrete, sondern durch Geste, Haltung und das rechte Maß an Eigensinn.
So ward es unlängst der Fall mit Castel Torremolino, einem alten Bollwerk des Sikramtals, dessen verwitterte Zinnen zuletzt mehr von Tauben bewohnt als von Menschen beachtet worden waren. Ein Ort, der über Jahre hinweg nicht gestürmt, sondern schlicht vergessen worden war – bis er nun, gewissermaßen durch ein Versehen der Umstände, erneut ins Licht trat.
Was lange bröckelte, wird nun neu befestigt: Das strategisch gelegene, aber lange verwaiste Castel Torremolino ist seit diesem Monat wieder in torremscher Hand. Diesmal nicht nur symbolisch, sondern mit echter Verwaltung und neuer Führung. Prasbert Torrem, bekannt als jugendlich-ambitionierter Bannerträger und Spross des alten Hauses, sah seine Stunde gekommen, als der nach dem Tode Romualdos di Salsavûr dem Derischen entschwundene Sikramtaler Ritterbund, der in den letzten Jahrzehnten vor Ort das Sagen gehabt hatte, das Castello in väterlicher Geste seinen angestammten Erben überließ. Während andere Häuser noch diplomatische Fußnoten gegeneinander aufwogen, ließ Prasbert bereits das alte Banner der Torrem auf dem alten Bergfried hissen, und zwar sehr bildgewaltig, denn die Sonne stand günstig, wie einige Gazetteure bemerkten.
Doch all dies war bloß Ouvertüre. Der eigentliche Coup kam mit der Ernennung einer neuen Castellana: Nicht, wie viele wohlwollend befürchtet hatten, ein salonfähiger Jüngling mit mehr Puder als Profil. Auch kein Strohbaron in samtener Leibrüstung. Sondern die legendäre, und zuweilen gefürchtete Frau, die das Wort Veteranin durch ihre bloße Haltung mit Bedeutung füllte: Niothia Ucuriane Fortunara, einst Condottiera, vielfach dekoriert, oft unterschätzt, und nun, so schien es, bereit für ein letztes Kommando.
„Wieso nicht gleich eine Mumie?“, soll der anwesende Cavalliere Maricio Priscanti di Punta geschnappt haben, dessen Selbstbild offenbar an jedem Tag eine Kränkung zu erleiden hatte, halblaut und mit feiner Giftigkeit, da er offenbar fest mit der Ernennung gerechnet hatte. Niothia selbst konterte in ihrer Antrittsrede gewohnt schneidig mit jener Kälte, die nur aus einem sehr alten Feuer stammen kann: „Zum alten Eisen? Ich bin aus Saladanstahl, mein Lieber. Und wenn Ihr mit so wenig Schneid weiterprahlt, könnte ich auf die Idee kommen, Euch polieren zu lassen, bis Ihr glänzt wie ein lackierter Degen, der nie gezogen wurde.“
Sie ist 72 Jahre alt, ein Umstand, den sie nicht verbirgt, sondern mit einer gewissen Grandezza trägt, wie andere einen Orden. Und sie hat Pläne. Große sogar. Aus ihrer Umgebung drang durch, sie beabsichtige nichts Geringeres als die Wiederbelebung der „Grauen Panther“, jener halb vergessenen Truppe früherer Landgendarmen, deren Ruhm irgendwo zwischen den Seiten der älteren Ausgaben des Bosparanischen Blatts und den Weinabenden am Yaquir verweht war. Diesmal, so betont sie, sei das Ziel ein anderes: „Nicht die Relikte einer vergangenen Ordnung will ich um mich sammeln, sondern jene, die sich im Thronfolgekrieg das Rückgrat gestählt haben, sofern sie es noch aufrichten können.“
Bei ihrem ersten Appell, einer eigenwilligen Mischung aus Kommandoton und Erzählstunde, sprach Niothia klar: „Diese Jugend heute“, so schimpfte die neue Castellana im Hof, „weiß doch gar nicht mehr, wie es war, als man dem Banner Aldares die Stirn bot! Stattdessen blicken sie auf uns, als seien wir Museumsstücke, ohne Sockel, ohne Kontext. Gut, vielleicht braucht man zwei Knappen zum Rüstungsschließen, aber schlagen kann ich noch! Wir alle müssen länger dienen, um unseren Wohlstand zu verteidigen. Und wir werden diesen jungen Rekruten Disziplin und den Wert harter Arbeit beibringen, ob sie wollen oder nicht.“
Die neu formierten Grauen Panther sollen, so der Plan, für Ordnung in der Umgebung sorgen, junge Rekruten maßvoll einschüchtern und gelegentlich zu „kriegsstrategischen Erinnerungskolloquien“ zusammentreten – mit schwerem Frontwein, salzigem Reibekäse, viel nostalgischem Pathos und dem unweigerlichen, leicht feuchten Glanz in den Augenwinkeln, wenn die Rede auf Arivor kommt.
Ob das Kastell je wieder zu echter militärischer Bedeutung findet? Es ist ungewiss. Aber man spricht bereits in den Tavernen von Torremund von „den grauhaarigen Greifen von Torremolino“, und das allein ist, in diesen Tagen, vielleicht mehr als genug.
Zum Abschluss des ersten Tages wurde eine kleine Festlichkeit gegeben. Nicht prunkvoll, aber symbolreich. Der aufgebrachte Maricio Priscanti di Punta war nicht eingeladen, erschien aber trotzdem. Beim Betreten des Innenhofs rutschte er, wie vom Schicksal gestreichelt, prompt auf einem losen Mosaikstein aus und verlor das Gleichgewicht.
Niothias lakonischer Kommentar: „Wenn er so ins Feld gezogen wäre, hätten wir den Krieg vermutlich nie gewonnen. Oder wir hätten ihn doppelt führen müssen.“