Archiv:Wie Wasser im Fluss (BB 48)

Wie Wasser im Fluss
von
Geron Einhand,
Auszug aus dem
Sewamunder Schlachtbericht

Während die Hauptstreitkräfte in der Hitze der Landschlacht um jeden Schritt kämpften, ereignete sich eine der kühnsten und zugleich entscheidendsten Operationen fernab der Augen der meisten Strategen: Das plötzliche Verschwinden der tribêc’schen Küstengarde vom Schlachtfeld und ihr ebenso überraschendes Wiederauftauchen auf den Wassern des Sewak.
Die Einheit, die ursprünglich mit den Truppen Irions von Streitebeck aus dem Norden anmarschiert war, ließ sich kurz nach Schlachtbeginn nicht mehr auf den vorderen Linien ausmachen. Doch es war kein Rückzug, sondern eine kalkulierte Umpositionierung. Unter Führung ihrer Veteranen stiegen die Kämpfer sewakaufwärts in mitgeführte und routiniert zusammengezimmerte Flöße, Fischerboote und sogar gestohlene Nachen: alles, was sie am Flussufer und den anliegenden Kanälen in ihre Hände bekommen konnten.

Bald darauf trieben sie, das Wasser nutzend wie einst die Thorwaler vor Bosparan, den Fluss entlang. Ihr Ziel: die Sewakbrücke, das strategische Nadelöhr zwischen Altstadt und dem südlichen Stadtteil Trafiume. Dort trafen sie in jenem Moment ein, als im Westen der Stadt feindliche Truppen anlandeten, die gegen jedes Recht über das Meer eingeschifft worden waren und nun versuchten, die Stadt zu erobern, während nördlich von ihr die Schlacht tobte.
Als nun gegnerische Boote versuchten, an den Brückenpfeilern festzumachen, um zu verhindern, dass den Verteidigern in der Stadt aus dem Süden etwaige Hilfe begegnete, staunten diese nicht schlecht: Es war Alverano Tribêc, der mit der Küstengarde schon vorher über das Brückengeländer geklettert war und dort mit gezogener Waffe mit seinen Kameraden gegen die Angreifer standhielt.

Der Kampf um die Brücke war allerdings so einfach dann doch nicht. Die vom Meer kommenden Invasoren beschädigten einige Brückenbögen schwer, mehrmals drohte die Struktur einzustürzen, vielleicht auch durch verrückte Manöver Alveranos und seiner Männer und Frauen provoziert, und auch Teile des Pflasters gaben unter den Kämpfern bereits nach. Mit Seilen, Spießen und bloßen Händen verteidigten sie Schritt um Schritt.
Schließlich tauchten neue Boote auf dem Sewak auf. Die Freiwilligen aus Nevorten und einige restliche Seekrieger unter Miliz-Gonfaloniere Aldo Barbieri und Admiralissima Charine ya Corrada fielen, angesichts der Tatsache, den Kriegshafen Sewamunds nicht mehr halten zu können und Gefahr laufend, eingekesselt zu werden, den Invasoren auf dem Fluss in den Rücken. Als diese, aufgerieben zwischen Sewak und Brücke, sich ergaben oder ihr Heil in der Flucht suchten, wandten sich Küstengarde und Nevortener gen Trafiume.

Sie waren sich einige, dass sie Trafiume besser verteidigen konnten als die Brücke selbst. Aber auch dort waren Feinde angelandet und wüteten bereits. Auf der Schwelle des Zollamtes lag der Miliz-Capitan von Serillio, Tiliano Nestefan, verwundet und einhändig. Er wäre fast niedergestreckt worden, hätte ihn Aldo Barbieri nicht vor dem sicheren Tode gerettet. Diese heldenhafte Tat wurde rasch davon überschattet, dass Aldo, im nächsten Moment selbst tödlich bedroht, sich reflexartig hinter den verletzten Tiliano warf und dessen Körper den Treffer abfing, der ihm selbst gegolten hätte.

Die Nachwehen der Kämpfe sind in Trafiume überall sichtbar: Die große Herberge, lange Zeit als besonders sicherer Ort für durchreisende Händler geschätzt, ist innen völlig verwüstet und unbewohnbar. Das Zollamt am Sewak steht auf beschädigtem Fundament und gilt als einsturzgefährdet. Ein Großteil der Bücher, Unterlagen und Wertgegenstände wurde geplündert.
Die Sewakbrücke selbst ist nur spärlich zu überqueren: behelfsmäßig gestützt und für Wagenverkehr unbrauchbar. Doch bleibt sie ein Symbol: Nicht für ihren Zustand, sondern für den Widerstand. Für einen Kampf, der wie Wasser im Fluss kam, überraschend, unaufhaltsam, und am Ende siegreich.

GE