Archiv:Die Almosen des Horas (BB 49)
| Quelle: Bosparanisches Blatt Nr. 49, Seite 16-17 | Bosparan Herold | Datiert auf: vermutlich im oder knapp vor Tsa 1047 BF |
Vinsalt, Konventshalle. Beim jüngsten Aufenthalt Seiner Imperialen Majestät, Khadan II. Firdayon, im Reiche Rauls gewährte der Horas mehrere formelle Audienzen (siehe auch Bosparanisches Blatt Nr. 47). Unter den Bittstellern befand sich ein Rahja-Geweihter, der ein ausdrücklich traviagefälliges Anliegen vortrug. Er sprach die fortbestehende Armut und das Elend einzelner Bevölkerungsteile im Horasreich an und fragte, wie sich diese Erscheinungen mit Wohlstand und Ordnung des Reiches vereinbaren ließen.
Nach übereinstimmenden Berichten war sein Vortrag ungewöhnlich direkt und in der Wortwahl wenig zurückhaltend. Der Horas reagierte jedoch ruhig und ohne erkennbare Verärgerung. In seiner Antwort verwies er darauf, dass Unterschiede im Stand und im Besitz der Menschen Teil der von den Zwölfen und insbesondere von Praios gesetzten Ordnung seien. Zugleich betonte er, dass selbst die ärmeren Schichten im Horasreich unter Lebensbedingungen lebten, die jenen in vielen anderen Teilen Aventuriens deutlich überlegen seien.
Der Rahja-Geweihte zeigte sich von dieser Einordnung offenbar nicht überzeugt und ließ erkennen, dass er die Ausführungen des Horas nicht als abschließende Antwort betrachtete.
Daraufhin wandte sich Seine Majestät an den bei der Audienz anwesenden Comto Erlan Sirensteen von Irendor und erteilte ihm den Auftrag, eine entsprechende Eingabe vorzubereiten. Der Cronconvent möge prüfen, ob und in welchem Umfang die persönlichen Almosen des Horas an die Ärmsten des Reiches erhöht werden könnten.
Nachdem diese Eingabe ungewöhnlich lange unbearbeitet geblieben war, wurde sie nun erstmals im Cronconvent aufgerufen und einer ersten Aussprache zugeführt (vgl. hierzu auch die Berichterstattung zur verzögerten Geschäftslage des Convents in dieser Ausgabe). Eine inhaltliche Entscheidung war damit noch nicht verbunden.
Erste Aussprache im Haus der Edlen
Nun stand eine erste Aussprache zu der Eingabe im Haus der Edlen an. Auffällig war bereits der äußere Rahmen: Entgegen der sonst üblichen Praxis tagte das Haus der Edlen nicht in seinem regulären Saal, sondern in der großen Konventshalle. Beobachter werteten dies als Hinweis auf die erwartete Brisanz der Angelegenheit.
Als der Edlensprecher den Tagesordnungspunkt aufrief, reckten sich umgehend zahlreiche Hände von Delegierten, die das Wort begehrten. Zur ersten Berichterstatterin wurde eine Vertreterin des Sangreal bestimmt, die ihren Vortrag sichtlich widerwillig begann. Konkrete Ausführungen zu Umfang, Zweck und traviagefälliger Einordnung der persönlichen Almosen Seiner Imperialen Majestät waren ihr nur mit Mühe zu entlocken. In den Gängen des Convents war zuvor bereits gemunkelt worden, dass es innerhalb des Sangreal zu teils heftigen Auseinandersetzungen gekommen sei, nachdem die Eingabe vorab (vergleiche Bosparanisches Blatt 47: Schock im Sangreal) bekannt geworden war. Da jedoch das ausdrückliche Wirken des Horas selbst außer Frage stand, habe man sich letztlich, so hieß es, zähneknirschend zur Befassung bereitgefunden.
In der anschließenden Diskussion wurde mehrfach auf die bekannte Erwiderung des Horas verwiesen, wonach die Ärmsten in vielen anderen Teilen Aventuriens deutlich schlechter gestellt seien als im Horasreich. Daraufhin meldete sich Murak Damotil aus Oberfels, der im Kreis seiner Murakianer saß, zu Wort und rief in den Saal: „Das stimmt! Am horasischen Wesen sollte ganz Aventurien genesen! Und wenn es im Sinne Travias ist.“
Diese Wortmeldung provozierte umgehend erboste Reaktionen aus anderen Gruppierungen. Murak Damotil erhob sich erneut. Nachdem er zunächst den allgemeinen Tenor scheinbar begrüßt hatte, führte er nun aus, nun solle also eine Eingabe des Erlan Sirensteen dazu führen, dass klingende Münzen, die im Horasreich sinnvoller hätten eingesetzt werden können, allein aufgrund einer Audienz im Mittelreich anders verwendet würden. Ob dies tatsächlich sinnvoll sei, stellte er offen in den Raum.
Diese Bemerkung löste insbesondere unter den anwesenden Traviageweihten im Cronconvent ein erbostes Geschnatter aus. Der Edlensprecher sah sich gezwungen, mehrfach mit seiner Glocke für Ruhe zu sorgen, bevor er den Verfasser der Eingabe aufrief.
Die Blicke wandten sich zu den Fürstenbänken im hinteren Teil der Konventshalle. Noch bevor jemand das Wort ergreifen konnte, erhob Murak Damotil erneut beide Hände zur Intervention: „Hat er überhaupt hier ein Rederecht? Und wo ist er überhaupt?“ Dabei deutete er demonstrativ auf die Fürstenbank, auf der in dieser Sitzung niemand saß. Also auch kein Erlan Sirensteen.
Erst nach weiterem Glockenzeichen gelang es dem Edlensprecher, klarzustellen, dass selbstverständlich der Urheber einer Eingabe das Recht habe, diese vortragen zu lassen. Der Sprecher wies dabei in Richtung der Edlenbänke, auf denen zahlreiche Delegierte aus dem Yaquirbruch Platz genommen hatten. Er rief daraufhin Amando Rahjin Sirensteen auf, der sich erhob.
Noch ehe der Aufgerufene sprechen konnte, ließ Murak Damotil eine letzte Zwischenbemerkung fallen: „Ach – ist der Comto nicht einmal bereit, seine eigene Eingabe selbst zu vertreten?“
Daraufhin erhob sich Amando Rahjin Sirensteen. Er begrüßte zunächst formvollendet den Edlensprecher sowie die Versammlung und dankte für das Wort. Anschließend erklärte er: „Dem überaus geschätzten Gesandten aus Oberfels übermittle ich die herzlichsten Grüße meines Vaters, des Comto Erlan Sirensteens zu Bomed, Baron des Yaquirbruchs, Consiliere der freien Landstadt Unterfels“, bei diesen Worten wandte er sich zu den Delegierten aus Unterfels, die ihm mit hörbarem Beifall antworteten, „Herrn von Irendor et cetera. Er lässt Euch mitteilen, dass er im Namen des Horas und des Cronrats auf einer wichtigen Mission weilt, um Ruhm und Ehre des Horasreiches zu mehren, die Interessen des Imperium Renascentum Horasi zu wahren und dazu beizutragen, das häretische Hämmern an den Grundfesten der zwölfgöttlichen Reiche, Deres und Alverans zu beenden. Ich hoffe, dies stellt für Euch eine ausreichende Entschuldigung dar.“
Daraufhin brandete insbesondere aus den Reihen der Loyalisten aber auch teilweise bei den Rondrianern deutlicher Beifall auf. Ebenfalls unter den parteiunabhängigen Delegierten war spürbare Zustimmung zu vernehmen, nicht zuletzt bei den geweihten Mitgliedern des Convents. Es kommt nicht häufig vor, dass der Sprecher der Murakianer in einer ersten Wortmeldung derart öffentlich in die Schranken gewiesen wird.
Im Namen seines Vaters schilderte Amando Sirensteen sodann die Umstände der Audienz, den ausdrücklichen Wunsch des Horas und betonte, dass wohl niemand ernsthaft beabsichtige, sich einer solchen Weisung Seiner Imperialen Majestät zu widersetzen. Bei diesen Worten ruhte sein Blick unmissverständlich auf Murak Damotil, der ihn fixierte, jedoch keine weitere Erwiderung mehr vorbrachte.
Der weitere Verlauf der Debatte entsprach schließlich den Erwartungen. Nach Ablauf eines halben Stundenglases war keine Annäherung erzielt worden. Bereits jetzt zeichnete sich jedoch ab, dass die Angelegenheit in den einzelnen Parteiungen vertieft beraten werden würde. Zugleich zeigte sich erneut, dass auch hier die von außen oft vermuteten verschiedenen Parteilinien des Hauses der Edlen in dieser Frage nicht vollständig griffen. Insbesondere Delegierte aus den südlicheren Regionen des Reiches zeigten sich, unabhängig von ihrer Parteiung, dem Ansinnen deutlich aufgeschlossener als viele ihrer Kollegen aus dem Norden.
Am Ende der Sitzung tauschten sich einzelne Delegierte noch über das Aufeinandertreffen des oberfelsischen Delegierten mit dem Sohn des Barons des Yaquirbruchs aus. Ein Delegierter bemerkte mit spitzer Ironie, es sei ein glücklicher Zufall gewesen, dass man heute in der Konventshalle getagt habe und nicht im eigentlichen Haus der Edlen – dort hätte der junge Amando wohl allein auf dem Baronsstuhl des Yaquirbruchs gesessen, statt im Kreis seiner Unterfelser Unterstützer. Eine anwesende Geweihte des Fuchses grinste daraufhin lediglich und merkte an, sie glaube inzwischen auch nicht mehr allzu fest an solche Zufälle.