Briefspiel:Ritterschlag beim Schwertfest
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(beachte auch vorab: Zwischenfall beim Delphinocco, 15. Ingerimm 1046 BF)
Schwertfest zu Bomed
Der Morgen in Bomed war freundlich, beinahe heiter. Über dem Fluss lag noch ein dünner Schleier von Nebel, der sich jedoch bereits auflöste, als Erlan Sirensteen, Comto zu Bomed, und sein Knappe Nicolo Tolman di Onerdi die Brücke zur Tempelinsel betraten.
„Wenn Rondra heute etwas fordert“, sagte Erlan beiläufig angesichts des trüben Wetters, während er den Blick über das Wasser schweifen ließ, „dann vermutlich, dass man nicht stolpert.“
Nicolo verzog kurz den Mundwinkel. „Das ließe sich einrichten.“
„Das sagen sie alle.“
Damit war das Gespräch fürs Erste beendet.
Der Rondradienst
Auf der Tempelinsel herrschte bereits reger Betrieb, aber ohne Hast. Einige Gläubige standen noch im Freien, andere waren bereits im Inneren verschwunden. Einige jüngere Kinder versuchten sich im stillen Vergleich ihrer Holzschwerter, bis eine Geweihte ihnen mit einem kurzen Blick klarmachte, dass der richtige Ort dafür nicht direkt vor dem Tempel war.
Im Inneren war es angenehm kühl.
Der Bomeder Rondrageweihte Rondrajan Gerdenwald hielt den Dienst ohne große Ausschmückung. Seine Worte waren klar, aber nicht drängend.
„Ein gutes Schwert ersetzt keine schlechte Entscheidung“, sagte er irgendwann, was bei einigen Zuhörern ein zustimmendes Nicken hervorrief.
Es wurde gebetet, es wurden Klingen gesegnet, und irgendwo weiter hinten ließ jemand sein Schwert ein wenig zu hörbar auf den Boden sinken, was ihm einen missbilligenden Blick einbrachte.
Als sie den Tempel wieder verließen, wirkte alles ein wenig heller als zuvor, der Nebel begann sich aufzulösen.
Der Weg zurück und der Jahrmarkt
Zurück über die Brücke ging es wieder in die Stadt – und diesmal nicht in Richtung der großen Plätze, sondern nach Süden hinaus.
Je weiter sie gingen, desto lebhafter wurde es.
Zwischen den Wegen zum Castello Bregelsaum hatte sich ein kleiner Jahrmarkt gebildet, wie er zu solchen Tagen einfach dazugehört. Nichts Übertriebenes, aber ausreichend, um den Anlass zu unterstreichen.
Eine Zuckerbäckerin verkaufte warmes Gebäck, ein Händler pries Messer an, die „sogar in Neetha ihre Käufer finden würden“, und ein paar Kinder – waren es die selben wie vorher vor dem Tempel? – versuchten sich daran, mit Holzschwertern auf einen Strohsack einzuschlagen, der sich allerdings standhaft weigerte, auch nur im Ansatz beeindruckt zu wirken.
Nicolo blieb kurz stehen, beobachtete zwei der Kinder.
„Die Haltung ist falsch“, stellte er fest.
Erlan folgte seinem Blick. „Natürlich ist sie das. Wäre sie richtig, wären sie nicht mehr hier.“
Nicolo nickte und ging weiter.
Begegnung vor dem Wasserschloss
Noch ehe sie den eigentlichen Zugang zum Wasserschloss erreichten, löste sich eine Gestalt aus der Nähe des Tores, die augenscheinlich gewartet hatte.
„Erlan!“
Der Angesprochene reagierte mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.
„Tilfur.“
Comto Tilfur Sâl della Trezzi, der Erbdroste von Bomed, trat ihnen entgegen, wie gewohnt begleitet von mehreren Möpsen, die sich in alle Richtungen verteilten, nur um im nächsten Moment wieder um ihn herum zu kreisen.
„Du bist pünktlich“, sagte Tilfur.
„Das war der Plan“, erwiderte Erlan.
Tilfur ließ den Blick kurz zu Nicolo wandern. „Und er?“
„Weiß genug.“
Nicolo schwieg.
Ein anderer Weg
Sie betraten das Schloss. Nicolo war in der Vergangenheit immer wieder mal hier in Begleitung seines Schwertvaters gewesen. Daher kannte er die üblichen Wege inzwischen gut genug – und genau deshalb fiel ihm sofort auf, dass sie diesmal einen anderen nahmen.
Statt den bekannten Zugang zum Innenhof zu wählen, führte Tilfur sie durch einen Seitenflügel. Die Gänge waren ruhig, das Licht gedämpft und die Schritte hallten.
Die Möpse liefen voraus, verschwanden kurz aus dem Blick und tauchten dann wieder auf, als gehörten sie genau hierher.
„Verlaufen wir uns?“, fragte Nicolo.
„Nur, wenn du zurückgehst“, erwiderte Tilfur.
Erlan lächelte ob der Antwort, Tilfur ebenfalls – nur Nicolo blieb regungslos.
Der Turnierplatz
Während sie durch den Seitenflügel gingen, fiel durch ein offenes Fenster gen Westen noch einmal ein Blick auf den Turnierplatz, wo es sonst um die Goldene Lanze von Bomed ging.
Ganz vorne übten die Kleinsten mit Holzschwertern. Ernsthaft, konzentriert – und doch weit entfernt von dem, was sie zu erreichen glaubten. Ein älterer Mann korrigierte Haltungen, verschob Füße, schüttelte gelegentlich den Kopf.
Ein Stück weiter hinten ritten größere Kinder oder junge Erwachsene ihre Bahnen. Ohne Lanzen, aber mit genug Tempo, um zu erkennen, wer sein Pferd im Griff hatte und wo eher das Pferd den Reiter oder die Reiterin im Griff hatte.
Eintritt in den Innenhof
Nach einer weiteren Biegung und einigen weiteren Schritten näherten sie sich einem offenen Tor. Der Weg dahinter war überdacht und führte sie aus dem Nordflügel hinaus in den Innenhof.
Gegenüber, an der südlichen Wand, erhob sich eine hölzerne Empore. Darauf wartete Rondrajan Gerdenwald, der Geweihte der Leuin, dem Erlan und Nicolo heute schon begegnet waren. Nicolo bemerkte, dass Tilfur langsamer wurde und zurückblieb. Doch sein Schwertvater schritt mit ihm weiter zur Empore, die sie betraten. Niemand sah sich um.
Hinter ihnen blieb der Zugang still. Kein Laut verriet, dass sich dort bereits weitere Anwesende eingefunden hatten.
Der Ritterschlag
Rondrajan Gerdenwald trat einen halben Schritt vor.
„Wer tritt vor, um den Stand eines Ritters zu empfangen?“
„Nicolo Tolman di Onerdi, Erbbaronet von Parsek.“
„Du bist vorgetreten als Knappe und hast dich bewährt – im Dienst, im Kampf und im Maß deiner Entscheidungen. Du verlangst den Stand eines Ritters. Weißt du, was du damit auf dich nimmst?“
„Das weiß ich.“
„Wirst du dein Schwert führen, ohne dich von ihm führen zu lassen?“
„Das werde ich.“
„Wirst du stehen, wo es geboten ist – und weichen, ohne deine Ehre zu verlieren, wo der Kampf nicht recht ist?“
„Das werde ich.“
Der Geweihte nickte dem Knappen zu, der nun sprach:
„Ich gelobe im Namen der unteilbaren Zwölfe – die Herrin Rondra voran –, mein Schwert nicht leichtfertig zu ziehen und es nicht zu scheuen, wenn es gefordert ist. Ich gelobe, Schutz zu gewähren, wo ich kann, und mich zu stellen, wo ich muss.“
Erlan trat vor.
Nicolo kniete.
Das Ziehen des Schwertes war das einzige Geräusch.
„Nicolo Tolman di Onerdi, du bist geprüft und für würdig befunden.
Im Angesicht Rondras und unter meinem Wort erhebe ich dich zum Ritter.“
Das von Erlan gezogene Schwert wurde erst behutsam auf die eine Schulter gelegt, dann auf die andere. Dort verblieb die Klinge und der Geweihte näherte sich. Er legte kurz die Hand auf die flache Seite der Klinge und sprach:
„So sei es gesehen und im Namen der himmlischen Leuin bezeugt. Trage dein Schwert mit Ehre – oder lege es nieder.“
Dann sagte Erlan:
„Steh auf.“
Nicolo erhob sich und verneigte sich vor seinem nunmehr ehemaligen Schwertvater und dem Geweihten.
Die Überraschung
Für einen Augenblick blieb es vollkommen still.
Dann, hinter Nicolo, löste sich die Stille.
Beifall. Stimmen. Bewegung.
Er wandte sich um.
Erst jetzt sah er die Versammelten und wirkte ehrlich überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, Verwandte, Freunde und Bekannte hier zu sehen. Er hatte nicht damit gerechnet, überhaupt wen hier zu sehen. Denn sein – nunmehr ehemaliger – Schwertvater hatte ihm den Ablauf dann doch etwas anders geschildert und ihm diese Überraschung vorenthalten.
Erlan sah kurz zum Geweihten, dann zu Nicolo und sprach dann mit deutlich hörbarer Stimme: „Kaum ist er Ritter, achtet er nicht mehr darauf, was in seinem Rücken geschieht.“
Ein leises Lachen ging durch die Menge.
Und Nicolo schüttelte nur den Kopf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich aber ein großes Lächeln ab, das ihn den ganzen Tag und bis tief in den Abend begleiten sollte.
Nach der offiziellen Zeremonie lud der Erbdroste in den Südflügel – dort hatten die Diener bereits aufgedeckt, und es wurde ein langer Abend voller Gespräche, Erinnerungen und mancher Geschichte, die vielleicht schon oft erzählt worden war und doch an diesem Tag einen neuen Klang erhielt.