Briefspiel:Treffen der Regentinnen: Unterschied zwischen den Versionen

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==Zweiter Tag im Boronmond: Ein Treffen in Sewamund==
==Zweiter Tag im Boronmond: Ein Treffen in Sewamund==
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[[Bild:Dimiona della Carenio.jpg|thumb|200px|right|Die Lilienherrin Sewamunds erwartet die Protektorin]]
[[Bild:Dimiona della Carenio.jpg|thumb|200px|right|Die Lilienherrin Sewamunds erwartet die Protektorin]]
Dimiona della Carenio hatte Amelthona d’Illumnesto ob ihres Briefes ein Treffen am nächsten Tag im Schloss Corello angeboten. Nun konnte man darüber streiten, ob es eine Demütigung war, die Protektorin Sewakiens zu sich nach Sewamund zu zitieren. Es fehlte indes Amelthona an Lust, eine derartige, wenig zielführende Debatte anzugehen und so war sie, wie vereinbart, mit einer Kutsche in das nicht weit entfernte Sewamund gefahren. Lediglich ihre Sekretärin [[Cassiopeia Arinkides]], eine ruhige, aufmerksame Zyklopäerin, begleitete sie, ihre Söhne Solvolio und Aldigon würden im Schloss Sewadâl administrative Aufgaben wahrnehmen.<br>  
Dimiona della Carenio hatte Amelthona d’Illumnesto ob ihres Briefes ein Treffen am nächsten Tag im Schloss Corello angeboten. Nun konnte man darüber streiten, ob es eine Demütigung war, die Protektorin Sewakiens zu sich nach Sewamund zu zitieren. Es fehlte indes Amelthona an Lust, eine derartige, wenig zielführende Debatte anzugehen und so war sie, wie vereinbart, mit einer Kutsche in das nicht weit entfernte Sewamund gefahren. Lediglich ihre Sekretärin [[Cassiopeia Arinkides]], eine ruhige, aufmerksame Zyklopäerin, begleitete sie, ihre Söhne Solvolio und Aldigon würden im Schloss Sewadâl administrative Aufgaben wahrnehmen.<br>  

Version vom 30. März 2026, 19:27 Uhr

Briefspiel in Sewamund
Datiert auf: Boron 1046 BF Schauplatz: Sewadâl (Schloss Sewadâl) & Sewamund (Schloss Corello) Entstehungszeitraum: ab August 2025
Protagonisten: Amelthona d'Illumnesto, Dimiona della Carenio Autoren/Beteiligte: Carenio, Illumnesto


Erster Tag des Boronmondes im Jahr 1046 BF

Schloss Sewadâl, in der Baronie Sewamund

Die neue Protektorin Sewakiens macht sich an die Arbeit

Nachdenklich legte die jüngst ernannte Protektorin Sewakiens einen der letzten Berichte zur Seite. Als habe sie in den letzten Tagen nicht genug davon gelesen, harrten immer noch weitere Horden an Papierstapeln auf die vorübergehende Regentin der Baronie Sewamund. Irion von Streitebeck war seines Amtes enthoben worden, hatte sich dann gar "selbst" dazu entschieden, den Titel des Barons von Sewamund abzulegen. Eine gesichtswahrende Geste durch den Herzog. Doch hatte es Comto Cusimo Garlischgrötz, der Herzog Grangoriens und damit der Lehnsherr des Barons oder der Baronin von Sewamund, nicht eilig, sofort eine Entscheidung über dessen Nachfolge zu treffen. Kurzerhand hatte er Amelthona d'Illumnesto zur Protektorin ernannt und ihr die Regierungsaufgaben übertragen, bis ein neuer Baron, eine neue Baronin gefunden wurde.

Ihre Erfahrungen und ihr guter Ruf als Kronvögtin Talantes hatten sicherlich ebenso dazu beigetragen, wie ihre Neutralität. Das Haus d'Illumnesto war mit keiner der Patrizierfamilien Sewamunds oder der Baronie so eng verbunden, dass es zu etwaigen Loyalitätskonflikten kommen würde. Sie war also faktisch wirklich nur dem Herzog rechenschaftspflichtig - das war sowohl Fluch, wie auch Segen, befand sie sich doch ganz in der Hand des Comtos.

Sofort nach dieser Ernennung, die erstaunlich stillschweigend vorübergegangen war, war sie mit ihren Söhnen Solvolio und Aldigon in das Schloss Sewadâl aufgebrochen, dies war das Jagdschloss der Barone von Sewamund und nun temporär ihre Residenz als Protektorin. Das Schloss Corello sollte nach dem Willen des Herzogs in den Besitz der Stadt übergehen, eine neue Residenz für den neuen Baron oder die neue Baronin noch nicht bestimmt. Daher war es nötig, fürs Erste sämtliche Akten und Archive des Barons aus dem Schloss Corello in das Schloss Sewadâl zu überführen. Überführen zu lassen - dafür bediente sich die neue Protektorin des verbliebenen Beamtenapparats Irion von Streitebecks, jene Sekretäre und Höflinge, die nicht mit ihm nach Almada abgereist, geflohen oder entlassen worden waren.

Amelthona machte sich keine Illusionen, dazu war sie zu sehr politische Realistin, sie und ihre Familie waren keine Option für die sewamunder Baronskrone. Ihre Aufgabe war es allein, die Baronie Sewamund und die Sewaklande aufzuräumen, sie zu sichern und bereit zu halten für den kommenden Baron, die kommende Baronin. Eine erste Depesche verließ Sewadâl in Richtung Talante mit Anweisungen an ihre Tochter Gylduria, in der kommenden Zeit als Cancellaria die Kronvogtei zu verwalten, ihr aber unbedingt in allem Bericht zu erstatten. Ihre erste Amtshandlung als Protektorin war es - nachdem sie die Zimmer bezogen hatten - die wichtigsten noch verbliebenen Hofbeamten Irion von Streitebecks zu sich rufen zu lassen. Die höchsten Hofämter hatten allesamt ihren Abschied auf die eine oder andere Weise eingereicht, darunter der Kanzler und die Richterin, die verbliebenen Sekretäre und Beamte informierte Amelthona über die aktuellen Entwicklungen. Die Bergvögtin Alwene von Wiesen-Osthzweyg war schon seit Jahren erkrankt und hatte ihr würdiges Amt von der Jagdmeisterinn in Vertretung ausüben lassen.

"Seid versichert, dass niemand etwas zu befürchten hat." erklärte die Kronvögtin, nein, Protektorin mit ruhiger Stimme, während sie ihren Blick schweifen ließ. "Sowohl ich als derzeitige Regentin als auch der mit Sicherheit nachfolgende neue Baron respektive die neue Baronin benötigen informiertes und gut eingearbeitetes Personal." Sie heftete ihren Blick auf eine ältliche Frau, die Archivarin. "Unsere erste Aufgabe wird es sein, alle möglichen Berichte zu sichten und den organisatorischen und finanziellen Zustand der Baronie zu erheben." Sie runzelte die Stirn. "Das wird keine leichte Aufgabe, aber ich vertraue darauf, dass jeder von euch tatkräftig dabei mitwirkt, die praiosgefällige Ordnung wiederherzustellen, damit wir perainegefällig helfen können." Sie dachte an die Sturmflut, die die Grangorer Bucht und damit auch die Landstadt Sewamund heimgesucht hatte - und die beinahe auch ihr Leben und das ihres Sohnes Solvolio gekostet hatte. Und mit dieser Anweisung begann die schier endlose Sichtung von Büchern und Papieren und Schriftrollen...

Amelthona konnte nicht jeden Bericht selbst lesen, musste auf die Hofbeamten vertrauen, diese schienen aber den erstaunlich ruhigen Geschäftssinn des Hauses d'Illumnesto mit Wohlwollen zu betrachten und fügten sich in die neuen Aufgaben. Mit ihrem Gespür für Diplomatie und Politik wusste sie nicht nur, dass sie weiterhin unter der Beobachtung des Herzogs von Grangor stand, sondern auch, dass nach all den Unruhen, nach der harten Schlacht und vor allem nach der Sturmflut die Sewamunder sich nach Ruhe sehnten. Diesen Wunsch machte sie sich zunutze, um mit ruhiger Konzentration und Bedächtigkeit sich der Loyalität der Hofbeamten zu versichern. Sie empfing nicht nur einige Vertreter des hiesigen Landadels, etwa die Verwalter der umliegenden Herrschaften und Landgüter oder deren Herrschaften selbst. "Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die Baronie Sewamund sich unbedingt mit der Landstadt Sewamund einig zeigen muss." erklärte sie an einem Morgen ihrem Sohn Solvolio, der bestätigend nickte. Die Cavalliera schaute ihm Stolz in die Augen. "Ich denke, es wird auch nach diesen ersten Tagen notwendiger Klausur Zeit, dass ich mich mit Signora Dimiona treffe." Die beiden Patrizierinnen kannten sich, Dimiona war mit Amelthonas Vetter Tolman verheiratet. Ob sie sich Freundinnen nennen konnten, nun, das mochte an anderer Stelle beurteilt werden, aber zumindest hegte Amelthona eine gewisse Sympathie für Dimiona. Immerhin waren beide Frauen auch die Oberhäupter ihrer Familien und hatten sie durch manchen Sturm manövriert. Und mit ihrem eigenen Geschick hatte Dimiona es nicht nur geschafft, ihrer Familie ein einflussreiches Standbein in Sewamund zu verschaffen, sondern war selbst jüngst wegen dieses Einflusses und ihres politischen Geschicks zur Vorsitzenden des Lilienrats und damit zum Stadtoberhaupt gewählt worden. Ein Weg, der Amelthona ihrer Weggefährtin Respekt zollte. Und jetzt war sie die Protektorin Sewakiens. Beide Patrizierinnen kontrollierten nun Stadt und Land Sewamund - und sei es nur temporär. Ein Treffen mit Dimiona war daher nicht nur eine politische Notwendigkeit in diesen unruhigen Tagen, sondern würde auch eine willkommene Ablenkung von diesen ebenfalls notwendigen, aber zähen Aufgaben der Ordnung der Baronie darstellen.


Ein Brief in den Magistrat


Praios zum Gruße, Baronessa, geschätzte Dimiona,


die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen schier überschlagen. Die Sturmflut überrollte die gesamte Grangorer Bucht. Die zwischen den Kriegsparteien vereinbarte Schlacht und das Götterurteil fanden statt. Die durch Wasser und Waffen verursachten Schäden an Land, Stadt und Bevölkerung sind gewaltig.

Die Baronie Sewamund befindet sich in einem Zustand politischer Sedisvakanz, ein neuer Baron oder eine neue Baronin von Sewamund wurde durch den Herzog von Grangor, Comto Cusimo Garlischgrötz, bislang nicht, vor allem nicht vorschnell und übereilt, ernannt.

Wir beide, Ihr als Vorsitzende des Lilienrats der Landstadt Sewamund, ich als Protektorin Sewakiens und Regentin der Baronie Sewamund, haben die notwendige Aufgabe, Stadt und Land Sewamund Sicherheit, Ordnung und Ruhe zurückzugeben. Landstadt und Baronie können diese Schäden meiner Einschätzung nach nur gemeinsam beheben.

Ob dieser Situation bitte ich Euch um ein gemeinsames erstes, konsolidierendes Gespräch in Sewamund, damit wir gemeinsam für Stadt und Land agieren können.


Gez.

Amelthona d'Illumnesto

Protektorin Sewakiens

Cavalliera



Nüchtern, klar und gezielt waren die Worte der Protektorin, so wie Dimiona della Carenio sie von früher bereits kannte. Und dennoch sprachen sie von Dringlichkeit und Notwendigkeit.

Zweiter Tag im Boronmond: Ein Treffen in Sewamund

Schloss Corello in der Stadt Sewamund

Die Lilienherrin Sewamunds erwartet die Protektorin

Dimiona della Carenio hatte Amelthona d’Illumnesto ob ihres Briefes ein Treffen am nächsten Tag im Schloss Corello angeboten. Nun konnte man darüber streiten, ob es eine Demütigung war, die Protektorin Sewakiens zu sich nach Sewamund zu zitieren. Es fehlte indes Amelthona an Lust, eine derartige, wenig zielführende Debatte anzugehen und so war sie, wie vereinbart, mit einer Kutsche in das nicht weit entfernte Sewamund gefahren. Lediglich ihre Sekretärin Cassiopeia Arinkides, eine ruhige, aufmerksame Zyklopäerin, begleitete sie, ihre Söhne Solvolio und Aldigon würden im Schloss Sewadâl administrative Aufgaben wahrnehmen.
Mit einiger Neugier betrachtete Amelthona das Schloss, welches noch vor wenigen Tagen der Sitz des Barons von Sewamund gewesen war. Was hatte sich nicht in diesen wenigen Tagen nicht alles verändert? Es schien beinahe so, als habe die Sturmflut nicht nur den Küstenverlauf der Stadt Sewamund umgewälzt, sondern auch die gesamte politische Organisation der Baronie. Amelthona schüttelte den Kopf und fragte sich selbst, wie sie eigentlich hierher gekommen war. Dann erinnerte sie sich wieder und hob stolz den Kopf.
Ein Diener führte sie schweigend durch die Flure des Schlosses zum Ratssaal - dort würde das Treffen zwischen den beiden Regentinnen stattfinden.
Dimiona hatte dem Treffen mit der Protektorin Sewakiens gespannt entgegengesehen. Sie schätzte die Cavalliera. Beide Frauen wussten ihre Diplomatie auszuspielen, wenn es geboten war. Sie hatten nicht zurückgeschreckt vor der Verantwortung, die eine derartige Aufgabe mit sich brachte. Dimiona nicht, als es darum ging in schwierigen Zeiten den Lilienrat anzuführen und, als alle diplomatischen Bemühungen ins Leere gelaufen waren, auch die Konfrontation auf dem Schlachtfeld nicht zu scheuen. Amelthona d´Illumnesto hatte ebenfalls nicht gezögert, die Führung Sewakiens zu übernehmen, bis der Herzog einen neuen Baron bestimmen würde, der in Zukunft keinen Einfluss auf die Stadt Sewamund mehr haben würde. Beide Aufgaben waren diplomatisch heikel.

Als Amelthona mit ihrer zyklopäischen Sekretärin den Ratssaal betrat, erhob sich die Baronessa von ihrem Sessel und ging der Regentin Sewakiens entgegen. Sie trug ein grünes Gewand mit goldenen Borten, die grauen Locken wurden von einem Haarreif im selben Farbton zusammengehalten und von einem hauchdünnen, weißen Schleier bedeckt. Hals und Dekollete wurden sittsam von einer weißen Chemise verhüllt. Als sie bis auf wenige Schritte an Amelthona herangekommen war, breitete sie die Arme aus zum schwesterlichen Gruß.
“Werteste Amelthona! Wie schön Euch zu sehen! Habt Dank, dass Ihr Euch auf den Weg zu mir nach Sewamund gemacht habt!”
Auch Amelthona war streng, ernst gekleidet. Das vornehme Kleid gehalten im Blau der d’Illumnesto, versehen mit goldenen Borten, das rotbraune Haar - von dem man munkelte, die mittlerweile auf die 60 Lebensjahre zugehende Patrizierin würde es regelmäßig färben lassen - hoch aufgesteckt und festgebunden, gekrönt von einer perlenbesetzten und mit goldenen Rankenmustern bestickten Haube aus dunkelblauer Seide. Mit einem Lächeln, welches Außenstehende als warm bezeichnen würden, das jedoch auch gleichsam die Professionalität der Cavalliera ausdrückte, trat Amelthona an Dimiona heran, breitete ebenfalls die Arme aus und schenkte ihr die Umarmung, die ihr angeboten worden war. “Ich habe zu danken, dass Ihr diese Einladung ermöglicht habt, Dimiona.” Sie löste sich wieder aus der Umarmung, hielt aber die Hände der Gastgeberin weiterhin leicht in ihren. “Es ist viel geschehen in den letzten Monden.”

Dimiona nickte und für einen Augenblick konnte Amelthona die Anstrengung in den Augen der 65jährigen sehen. Begleitet von einem Seufzen erwiderte das Oberhaupt des Lilienrates: “Da sprecht Ihr ein wahres Wort! Es dünkt mir, es war wohl ein wenig zu viel für ein Menschenleben.”
Die jüngere Frau, die das Schicksal an die Spitze Sewakiens geführt hatte, vermeinte wohl auch noch mehr Falten um die Augen der Sewamunderin zu erkennen als bei ihrem letzten Zusammentreffen. Amelthona wusste, dass Dimiona viel Zeit und Geld in ihr Äußeres steckte. Sie beschäftigte eine Schneiderin mit der Herstellung und Pflege ihrer Garderobe und man munkelte, dass die Ausgaben für Cremes und Mittelchen, die sie bei Alchemisten und Quacksalbern erstand, um sich ihre Schönheit zu erhalten, einen Durchschnittsbürger Sewamunds gut einen Götterlauf ernähren konnten.
Mit einer drehenden Bewegung löste Dimiona ihre Rechte aus Amelthonas und führte die Cavalliera zu dem großen Tisch, an dem sonst der Lilienrat tagte. Erst kürzlich waren die Stadträte in das ehemalige Schloss des Barons von Sewamund umgezogen. Mit der Übernahme des Castello Corello machte der Lilienrat ostentativ deutlich, dass von nun an die Macht in Sewamund von ihm ausging.
Amelthona bemerkte diese neue Situation in Sewamund. Sie hatte, wenngleich nicht Patrizierin der Stadt Sewamund, dennoch als Verbündete manchem Treffen in diesem Saal beiwohnen dürfen. Ein deutliches Signal sandte die Landstadt mit diesem Umstand aus: Hier bin ich und ich weiche nicht.
“Bitte nehmt Platz!”, offerierte die Baronessa der Jüngeren einen Platz und setzte sich dann ihr genau gegenüber. In der Mitte der Tafel aus Eichenholz aus dem Phecanowald standen zwei Karaffen, eine mit Wasser, die andere mit einem kellerkühlen Biancese aus dem Yaquirbruch. Eine Dienerin stand bereit, nach den Wünschen der Regentin Sewakiens, das Glas mit dem eingeschliffen Lilienwappen zu füllen.
“Ich danke Euch, Dimiona.” Ruhig nahm das Oberhaupt der d’Illumnesto wie angeboten, Platz. Erst durch den Konflikt in Sewamund waren Amelthona und ihre Söhne in die Septimana gekommen, an der Spitze der Pertakiser Reiterei, die sie angeführt hatten. Sie hatten sich entschieden, in den Konflikt aufgrund alter Loyalitäten einzugreifen - auf der Seite der Amarinto. Amelthona bat die Dienerin mit einer gezielten, nicht harschen, aber doch auch befehlsgewohnten Handbewegung, ihr von dem Biancese einzuschenken. Ruhig nickte sie der Dienerin zu, diese trat dann einen Schritt zurück, unauffällig, in den Hintergrund. Ebenso ruhig nahm sie das feine Glas hoch - glücklicherweise hatten derlei Kostbarkeiten sowohl die Sturmflut als auch die Schlachten überstanden. Und genau das erschien ihr nun wie ein Wunder. “Seht, wohin uns beide das Schicksal hingeführt hat, Signora.” Sie lächelte. “Ihr die Ratsvorsitzende des Lilienrats der mächtigen Stadt Sewamund und Verhandlungspartnerin des Herzogs von Grangor. Ich, von des Herzogs Gnaden Protektorin Sewakiens. Eine Würde und Verantwortung, mir der ich nicht gerechnet habe. Darf ich noch einmal auf Euch das Glas erheben und Euch persönlich beglückwünschen?”
“Mich?”, Dimiona war sichtlich überrascht. “Wozu? Ich habe nur meine Pflicht getan. Oder wolltet Ihr mich dafür beglückwünschen, dass ich in Ausübung meiner so hochangesehenen Position ein Attentat überlebt und einen Zeh eingebüßt habe?” Das Familienoberhaupt der Carenios lachte gequält und winkte ab. “Herzog Cosimo hat mit Euch jedenfalls eine hervorragende Wahl getroffen. Ihr seid unbelastet von Loyalitätskonflikten. Das war bei mir sicher auch ein Grund für die Wahl zum Oberhaupt des Lilienrates. Meine Familie hat ihren Ursprung in Veliris und sich in der neuen Heimat Sewamund bewusst aller Parteiungen enthalten. Wie gefährlich es sein kann, Position zu beziehen, haben wir erleben müssen, als wir nach dem Thronfolgekrieg unseres Familiensitzes in Veliris beraubt wurden, weil wir uns auf die Seite des Barons Ariano und damit der Galahanisten stellten. Hier in Sewamund haben wir vermieden uns auf eine Seite zu stellen, bis zu dem Punkt, als es nur noch die eine Entscheidung gab - für die Stadt einstehen oder nicht. Da gab es nur einen Weg - für Sewamund - mit Leib und Seele!”Dimiona hob ebenfalls ihr Glas und prostete Amelthona mit einem feinen Lächeln zu. “Auch ich sehe viele Gemeinsamkeiten in unserem Werdegang und es muss ein Wink des Schicksals sein, dass wir in dieser schwierigen Zeit ausgewählt wurden, das Schiff in einen sicheren Hafen zu navigieren. Wir müssen den Kurs festlegen und gewiss die ein oder andere Klippe umschiffen, stürmische See bezwingen und die ein oder andere diplomatische Untiefe überwinden. Aber wenn wir beide das Ziel fest im Blick halten, werden wir uns hoffentlich am Ende die Hand reichen und zufrieden auf das Erreichte zurückblicken können. Wollt Ihr mich einweihen, welche Agenda Euch heute zu mir geführt hat?”

Amelthona, die mit entweder angeborener oder anerzogener Würde einer Mater familias eines alten Patriziergeschlechts streng aufrecht in ihrem Stuhl saß, lächelte. “Euer Bild erscheint mir äußerst passend. Ich sehe, Ihr habt Euch in Sewamund schon sehr gut eingelebt.” Sie stellte das Glas wieder vorsichtig auf den Tisch. Die Dienerin kam heran und wollte erneut einschenken, doch mit einem kurzen ruhigen Blick und gehobener Hand hielt Amelthona sie davon ab, bevor sie sich wieder Dimiona zuwandte. “Die stürmische See haben die Landstadt und die Baronie Sewamund arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Schlacht und die Angriffe auf Sewamund haben die Situation noch verschärft. Ihr als Vorsitzende des Lilienrates und ich als Protektorin Sewakiens sollten uns nun gemeinsam der Aufgabe stellen, diese Schäden zu beheben. Der Hafen Sewamunds, die Quelle ihres Reichtums, ist zerstört, die Küstenlinie der Baronie Sewamund, von Amarinto bis Tribêc wurde ähnlich schwer verwüstet, wie mir erste Berichte mitgeteilt haben.” Sie straffte sich ein wenig. “Natürlich sind die Stadt und die Baronie getrennt, dennoch halte ich es für zielführend, wenn wir beide uns, wie sagtet Ihr, schon jetzt die Hand reichen und gemeinsam die durch Schlacht und Flut entstandenen Schäden versuchen zu beheben. Ich sehe dringenden Handlungsbedarf, Dimiona.”
“Gewiss, den sehe ich auch, Amelthona!”, pflichtete die Vorsitzende des Lilienrates ihr bei. “Die Stadtkasse ist arg gebeutelt und viele der Familien des Lilienrates haben sich verschuldet, um ihre Häuser wieder aufzubauen oder die Truppen für die Verteidigung der Stadt zu bezahlen. Wir haben es alle getan, weil wir Sewamunds Unabhängigkeit erhalten, respektive zurückzugewinnen wollten. Einer Abhängigkeit von einem zukünftigen Baron würde der Lilienrat gewiss nicht zustimmen. Es müsste klar geregelt werden, wer welchen Teil gibt, wofür und dass daraus keine Abhängigkeiten für die Stadt entstehen. Ein Vertragswerk wird geschaffen werden müssen, dem beide zustimmen können. Wir brauchen dringend finanzielle und gerne auch personelle Hilfe, um die Stadt, den Hafen und natürlich auch die Ländereien und Landstädte Sewakiens zu erneuern. Letztlich profitieren Stadt und Baronie von einem Prosperieren Sewamunds und seines Hafens.”
Dimiona sah die Protektorin Sewakiens prüfend und vielleicht ein wenig misstrauisch an. Keine der Familien im Lilienrat wollte eine Abhängigkeit der Stadt Sewamund von der Baronie. Würde Amelthona das verstehen und wie würde sie auf das Selbstbewusstsein des Lilienrates reagieren?

Ein Ärgernis: Das besetzte Castell della Leonis

Die Protektorin lehnte sich etwas zurück, richtete sich dadurch in dem schweren Stuhl auf, verschränkte dann die Hände mit den langen schlanken Fingern vor der Brust. Sie schien einige Augenblicke nachzudenken, behielt den Blick jedoch auf Dimiona gerichtet. Dann lächelte sie. “Habt keine Bedenken, Dimiona. Ad primo bin ich lediglich die Protektorin Sewakiens und sehe meine Befugnisse nicht darin, die Baronie und die Stadt wieder zu vereinen. Ad secundo bezweifle ich, dass es politischer Wille, speziell des Comto Cusimo Garlischgrötz’ sein wird, Stadt und Baronie wieder zu vereinen.” Sie schüttelte den Kopf. “Tatsächlich sehe ich hier die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit zur Kooperation.” Wieder dachte sie kurz nach, wobei sie die Spitzen der Finger ihrer Hände aneinanderlegte. “Ich sehe ad hoc zwei, nein, vielleicht drei prioritäre Aufgaben, die wir gemeinsam angehen können und sollten: Erstens der Wiederaufbau des Hafens, damit der auch die Baronie stützende Seehandel wieder aufgenommen werden kann. Zweitens der Wiederaufbau der Küstenregion und der Dörfer Amarinto, Neccialto und Trîbec, die durch die Sturmflut stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Baronie Sewamund kann hierfür Holz und Getreide bereitstellen, braucht jedoch Schaffenskraft aus der Landstadt Sewamund und Rohstoffe über den Hafen. Und drittens …” Sie hob den Blick und heftete ihn auf Dimiona. “ … Das Castell della Leonis. Es liegt auf dem Gebiet der Baronie, wurde jedoch bisher vom Lilienrat als wichtige Sperrfestung zur Grafschaft Bomed verwaltet. Baron Alricilian von Veliris hat sie in dem Moment unserer Schwäche besetzt.”

Erleichtert stellte Dimiona fest, dass die Protektorin tatsächlich einer echten Zusammenarbeit interessiert war. Mit Freude begann sie mit Amelthona Pläne zu schmieden.
“Gewiss, verehrte Amelthona”, wechselte die Vorsitzende des Lilienrats in vertrauteren Ton, “der Hafen muss unsere priorisierte Aufgabe sein. Ohne ihn fehlen Rohstoffe und Einnahmen, um unsere weiteren Aufgaben zu lösen. Wir sollten alle, die ein Interesse am Hafen haben und die Wiederinstandsetzung pekuniär oder mit starken Armen voranbringen können, an einen Tisch bringen. So schnell wie möglich! Wäre das Castello Corello dafür ein guter Ort? Vielleicht im Anschluss an die nächste Sitzung des Lilienrates?”
Die della Carenio sah ihr Gegenüber an und erhoffte sich eine Zustimmung.
Die in Form eines Nickens erfolgte. “Das halte ich für eine gute Idee, Dimiona. Das Schloss Corello ist groß genug, um die Gäste aufzunehmen und ich halte es auch für eine passende Symbolik: bislang der Sitz des Barons von Sewamund, nun der des Lilienrates, reichen sich hier die Stadt und die Baronie die Hand.” Sie lächelte. “Wir sollten auch die wichtigsten Patrizier der Stadt und der Baronie einladen, um die nächsten Schritte zum Wiederaufbau des Hafens zu planen und zu erheben, welche Ressourcen wer einbringen kann. Dimiona, ich schlage vor, dass wir - Ihr als Vorsitzende des Lilienrates, ich als Protektorin Sewakiens - diese Versammlung gemeinsam leiten.”
“Das sollten wir, da stimme ich mit Euch überein. Dann werde ich den Patriziern eine Einladung schicken und wir halten als Datum die nächste Sitzung des Lilienrates fest.”
Dimiona war erfreut, dass sie und Amelthona so gut harmonierten. Sie hatte das Gefühl, dass sie gut zusammenarbeiten würden.
Amelthona nickte nur knapp und lächelte ebenfalls, ihre Erleichterung über die konstruktive Zusammenarbeit ausdrückend. Dann besann sich das Oberhaupt des Lilienrates auf die anderen wichtigen Punkte, die die Protektorin angesprochen hatte.
“Ad secundo könnten wir die Landstädte um einen Lagebericht bitten, der auflistet, wo die prioritär zu behandelnden Bedürfnisse liegen. Das mag ja von Landstadt zu Landstadt etwas unterschiedlich sein. Dann können wir uns um die Umsetzung kümmern. Und was die dritte Causa angeht, könnte ich mir vorstellen, dass Ihr Euch bereits Gedanken darüber gemacht habt. Lasst mich an Euren Gedankenspielen teilhaben, Werteste!”
Mit aufrichtiger Neugier neigte sich Dimiona nach vorne.
Amelthona lehnte sich dagegen ein wenig zurück. “Ja, das Castell della Leonis. Wie ich sagte, Baron Alricilian von Veliris hat den Moment der Schwäche ausgenutzt und das Castell besetzt. Nun sind wir gemeinsam verantwortlich für das Castell und ich glaube, es hat eine hohe symbolische Bedeutung für die Baronie.” Amelthona nickte mit einem Anflug von Grimm. “Ich kann mir vorstellen, dass weder der Lilienrat noch der Baron von Sewamund, vertreten durch die Protektorin Sewakiens, zulassen können, dass diese Besatzung Bestand haben wird. Nachher beruft sich Signor Alricilian noch auf Gewohnheitsrecht. Gehe ich Recht in der Annahme, dass der Lilienrat der Landstadt Sewamunds nicht auf diese Besitzung verzichten wollen wird?”
“Nun”, begann Dimiona bedächtig. “Der Lilienrat tagte bislang im Magistratsgebäude. Für die meisten Ratsmitglieder hätte es so bleiben können. Es ist mehr ein symbolischer Akt, das 'in Besitz nehmen' des ehemaligen Baronssitzes. Ich gehe schon davon aus, dass es über längere Zeit vom Lilienrat und vielleicht einem Rat der Sewaklande, der die Landstädte und dörflichen Gemeinschaften im Umland Sewamunds genutzt werden wird. Oder habt Ihr andere Erkenntnisse?”

“Nein, andere Erkenntnisse habe ich keine.” Amelthona schwieg einige wenige, kurze Augenblicke. Nachdenklich. “Gut, Dimiona. Verschieben wir die Causa Castell della Leonis auf einen späteren Zeitpunkt.” Sie schaute an der Baronessa vorbei, als taxierte sie etwas, was weit entfernt lag - bevor sie dann wieder zu ihrer Gesprächspartnerin zurückkehrte. “Auch wenn die Lilienstadt Sewamund und die Baronie Sewamund nun getrennt sind, so halte ich es doch für wichtig, dass die Sewaklande in dieser Zeit nach den Verwüstungen zusammenstehen. Lasst uns daher zurück auf die Instandsetzung des Hafens und der Küsten zurückkommen.” Sie rückte sich in ihrem Stuhl etwas zurück, das Gewand raschelte. Dann legte sie ihre Hände mit den schlanken, beinahe knochigen Fingern in den Schoß zusammen. “Die Zusammenkunft sollten wir zeitig planen und dabei gleichzeitig nicht nur den Hafen, sondern auch die Küstenregion betrachten. Wir sollten vor der Zusammenkunft Berichte aus Trîbec, Neccialto und Amarinto einholen.” Amelthona schaute Dimiona aus ihren grünen Augen heraus an, ihr Blick war scharf wie ein Rapier. “Die Ressourcen dieser ertragreichen Küstensiedlungen stehen der Landstadt Sewamund nun ja nicht mehr zur Verfügung, aber in der Betrachtung der Sewaklande sollten sie natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Vertreter der Trîbec und der Amarinto können aus ihren Domänen berichten.” Sie runzelte die Stirn. “Der Lilienrat muss sich ja selbst neu zusammensetzen, fürchte ich, aber wen würdet Ihr bei der Zusammenkunft unbedingt einladen wollen?”
Die Lilienherrin bemerkte das Taxieren durch ihr Gegenüber. Dennoch blieb Dimiona entspannt. Sie ging davon aus, dass sie beide im Grunde das Gleich wollten: das Prosperieren Sewamunds und der Sewaklande.
“Die Ämter im Lilienrat müssen neu vergeben, das ist richtig, werte Amelthona. Aber auch insgesamt müssen sich Stadt und Landstädte, die Sewaklande insgesamt, neu aufstellen. Die Versorgung der Stadt und das Prosperieren der Märkte und des Hafens sind abhängig vom Umland, das steht fest. Deshalb müssen neben den Amarinto, den Tribêc und den di Piastinza, die ich unbedingt zu einer solchen Zusammenkunft einladen würde, auch Vertreter der Landstädte eingeladen werden. Es ist gut, dass Ihr, mit Eurer Erfahrung, die Vermittlerposition zwischen dem Herzog und uns, der Stadt und dem Umland, innehabt. Würdet Ihr noch jemanden hinzuziehen?”
Die Angesprochene schwieg einige Augenblicke und ihr Blick schien in eine unbekannte Ferne zu schauen. Sie hob ihn wieder und Dimiona meinte, darin einen Funken Kalkül zu erkennen. “Das, was ich nun frage, wird Euch sicher nicht gefallen, dennoch muss ich diese Frage stellen: Können wir die Streitebeck ignorieren?” Sie hob kurz die Hand, als Dimiona gleich etwas erwidern wollte. “Ich weiß, Irion von Streitebecks Handeln war ursächlich für all die Unruhen in Sewamund. Und von ihm spreche ich auch nicht. Aber kann sich Sewamund erlauben, jemand so Einflussreiches wie etwa Baronessa Edelmunde von Streitebeck zu brüskieren?”
Die Lilienherrin ließ sich nur ungern von Amelthona an der sofortigen Replik hindern. Dann aber lauschte sie mit einem süffisanten Lächeln deren Ausführungen.
“Werteste, davon ist gar keine Rede. Ich selbst habe einige Male einen diplomatischen Disput mit Irion von Streitebeck geführt. Wir Carenios waren bis zum Beginn dieser Auseinandersetzung vollkommen loyal zum Baron und neutral innerhalb des Lilienrates. Ich habe lange gezögert, Partei zu ergreifen. Irgendwann aber ging es nicht anders. Sewamund hat meiner Familie geholfen als wir unsere Heimat verlassen mussten. Es war selbstverständlich, dass wir das in uns gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen würden. Also habe ich mich an die Spitze der diplomatischen Mission gesetzt. Leider konnte ich die rondrianische Auseinandersetzung nicht verhindern. Aber selbstverständlich gehören die Streitebecks weiterhin zu den wichtigsten Familien in den Sewaklanden.”
Amelthona nickte. “Ich verstehe.” Ihr klarer Blick verriet Dimiona, dass sie wirklich verstand. “Derartige Konflikte erproben immer wieder unsere Loyalität, vor allem, da wir in ein ganzes Geflecht aus Verbindungen und Loyalitäten eingewoben sind.” Sie lehnte sich ein wenig in dem Sessel zurück und schien etwas nachdenklich. “Dann laden wir sie ein. Ob sie jemanden entsenden werden, ist dann ihnen überlassen.” Sie lehnte sich wieder etwas vor. “Ich gehe davon aus, dass Edelmunde von Streitebeck oder wer auch immer für das Haus nun die Entscheidungen treffen wird, klug genug ist, nicht ihren Oheim Irion zu entsenden.” Ihr Lächeln schien trotz der latenten Schärfe eine Spur Humor vermitteln zu wollen. “Dann laden wir die genannten Familien sowie Vertreter der Landstädte in das Schloss Corello ein. Anlass wird ein Bericht sowohl der Landstädte als auch der Stadt Sewamund …” Amelthona nickte kurz Dimiona zu, der als Lilienherrin diese Aufgabe vermutlich obliegen würde. “...über die aktuelle wirtschaftliche Situation sowie die immer noch bestehenden Schäden sein. Im weiteren Verlauf können die versammelten Vertreter der Sewaklande darüber disputieren, wie die Schäden gemeinsam behoben werden können.” Sie schaute fragend ihre Gesprächs- und Verhandlungspartnerin an.

Dimiona nickte zustimmend. “Ja, das ist ein guter Aufhänger”, erwiderte sie und unterließ dabei ihrem Gegenüber zu gestehen, dass ihr gerade der Rechenschaftsbericht über die wirtschaftliche Situation der Stadt nach den Schäden durch die Flut und die kriegerischen Auseinandersetzung mit den Truppen des Barons, Bauchgrimmen und schlaflose Nächte verursachte. Die Kassen der Stadt waren eigentlich leer. Die Wiederaufbauarbeiten hatten schon große Teile der Rücklagen aufgebraucht und es waren noch lange nicht alle Schäden behoben. Alleine die Aussicht auf ein Prosperieren des Hafens durch Ein- und Ausfuhren und die neu eingeweihte Kadettenakademie ließen auf Einnahmen hoffen. Es würde einiges an Anstrengungen brauchen, um wieder Rücklagen für zukünftige Projekte aufzubauen. “Ich werde den Kämmerer um einen aktuellen Bericht bitten.”
“Ich werde ebenfalls die Finanzen der Baronie Sewamund diesbezüglich sichten.” Dimiona wusste nichts von Amelthonas Gedanken, ebenso wie jene nicht die Dimionas wahrnehmen konnte - und doch glichen sich beide: Auch die Kassen der Baronie waren leer, die Rücklagen erschöpft oder bereits zumindest gedanklich gebunden in notwendige Projekte. Erste Sichtungen der Bücher zeigten auf, dass große Lücken bestanden, irgendwo musste ein Sumpf bestanden haben, der das Geld einfach aufgesogen hatte. Aber ihr neuer Cancellarius, der erst vor wenigen Tagen das Amt übernommen hatte, stürzte sich wie ein Bluthund auf den Fuchs auf die Konten und versuchte, jeden versteckten Kreuzer zu finden, dessen er habhaft werden konnte. “Gemeinsam können wir in dieser neuen, politischen und wirtschaftlichen Situation mehr erreichen als allein.” Und nur gemeinsam würden sie vielleicht genug Silber zusammenkratzen, um den Wiederaufbau überhaupt einleiten zu können, dachte Amelthona und unterdrückte ein Seufzen. “Ihr werdet die städtischen Patrizier einladen und ich die Signori der Baronien?” Sie stutzte kurz. “Vielleicht sollte ich explizit Vertreter der betroffenen Herrschaften einladen, da die Trîbec und die Amarinto auch zum städtischen Patriziat zählen. Die Organisation dieser Konferenz können wir mit Sicherheit unseren jeweiligen Beauftragten überlassen?” Dimiona beobachtete in der jüngeren Frau eine gewisse Aufbruchsstimmung, einen Tatendrang angesichts dieses konkreten Vorhabens.
“So sollten wir es halten! Ich werde gleich die Kanzlei anweisen, Einladungen an die städtischen Patrizierfamilien zu verfassen und auszuhändigen. Wenn es Euch beliebt, lasse ich Euren Namen unter die Einladungen für die Familien Trîbec und Amarinto setzten. Mein Kanzler wird sie Euch dann zum Siegeln übergeben. Ich freue mich, dass wir eine so tragfähige Übereinkunft gefunden haben. Der Rest wird sich dann bei den gemeinsamen Verhandlungen zeigen. Ich hoffe sehr auf eine gute und konstruktive Versammlung. Wer weiß? Vielleicht wird sie gar ein neues Zukunftsmodell für die Sewaklande sein? Was denkt Ihr, Werteste?”
Sewakien umfasst ja mehr als nur Sewamund und die Küste.” klang Amelthona nüchtern auf. “Farsid, Veliris, Selzin, sie alle profitieren von Sewamunds Hafen.” Wieder runzelte sie die Stirn. “Und wie wir ja schon festgestellt haben…” erklärte sie nun lächelnd. “... trotz der Trennung zwischen Landstadt und Baronie Sewamund können beide nur gemeinsam erfolgreich sein. Ich denke, wenn wir jetzt schon unsere Anstrengungen bündeln, können wir den Grundstein für dieses Zukunftsmodell legen.” Ihr Lächeln wurde breiter. “Und wir zwei sind die Urheberinnen eines solchen Bundes.”

Dimiona della Carenio nickte lächelnd und man konnte deutlich die Einigkeit der beiden fühlen. Es schien als spürten beide die Wichtigkeit dieses Treffens für die Zukunft ihrer geliebten Heimat.