Archiv:Am seidenen Faden (BB 45)

Am seidenen Faden

Es war eine düstere Nacht in der Baronie Phecanostein. Der Wind heulte über die Hügellande des nördlichen Lieblichen Feldes und trieb den Regen in peitschenden Sturzbächen vor sich her. Die Feste Phecanostein ragte majestätisch über dem Fluss Phecadi empor, ein imposanter Anblick, der schon so manchen Eindringling in Furcht und Schrecken versetzt hatte. In einer Zelle, hoch oben im zentralen Rundturm, saß Gerbondo Filotrin gefangen.

Gerbondo war einst ein angesehener Zunftmeister der Gerber und Spinner in der blühenden Stadt Sewamund gewesen. Doch das Schicksal hatte ihm Feinde eingebracht. Nun wurde er als Gefangener in der Feste Phecanostein festgehalten, seine Zukunft ungewiss.

Seine Kleidung war schmutzig und zerlumpt. Gerbondo hatte viele Jahre in der Feste verbracht, sein Geist gepeinigt von dem Verbrechen, das man ihm zur Last legte. Der aufragende Rundturm, den er bewohnen musste, schien seinen Willen zu brechen, und die kalten Steine der Zelle schienen sein Leben zu verschlingen. Doch tief in seinem Herzen brannte ein Funke Hoffnung, ein unerschütterlicher Glaube an die Freiheit.

Aber Gerbondo hatte einen Freund, einen Sympathisanten namens Effernando ya Mornicala. Der war nun Sohn eines gewissen Ciro ya Mornicala, der zufälligerweise Castellan von Phecanostein ist. Es war einer Übereinkunft Ciros mit Baron Irion von Streitebeck zu verdanken, dass Gerbondo ausgerechnet in Phecanostein gefangen gehalten wurde. Es mag darüber spekuliert erden, was ihn dazu bewegte, aber Effernando hielt es an der Zeit zu handeln und für Gerbondos Freiheit zu sorgen. Seit vielen Monden erreichten nun jede Nacht einzelne Fasern die schmalen Gitterstäbe des Gefängnisfensters, die Gerbondo dank seiner Meisterschaft im Seilereihandwerk geschickt zu einem Seil zusammenflocht.

Geschickten nahm Gerbondo die einzelnen Fasern zur Hand, spürte die Textur des seidenen Fadens, der die Essenz der Freiheit barg.

Er ordnete die Fasern auf seinem Schoß an, in einem Muster, das nur er, einige andere Seilermeister Aventuriens und der heilige Stordian selbst kannten. Mit jedem Knoten, den Gerbondo sorgfältig setzte, verbanden sich die Fasern zu einem einzigen, starken Strang. Es war ein tanzendes Spiel der Fäden, bei dem sich die Kunst des Handwerks mit der Hoffnung auf Freiheit vermischte.

Die Bewegungen von Gerbondos Fingern waren fließend und präzise. Die Kerkerzelle wurde ein Schrein Stordians, in dem Gerbondo wie im Gebet Farben und Textur der Fasern miteinander tanzen ließ. Es entstand ein wundersames Geflecht, in das neben den Fasern auch ein gutes Stück Hoffnung, Mut und Entschlossenheit einfloss. Jeder Knoten, den er setzte, war ein Akt der Rebellion gegen die Ungerechtigkeit, die ihm auferlegt worden war.

Stunde um Stunde verging, Nacht für Nacht. Als er den letzten Knoten setzte und das Seil in seiner ganzen Pracht vor ihm lag, war er bereit für den nächsten Schritt. Das Seil wiederum war bereit, Gerbondo zu tragen. Er nahm es fest in die Hände, spürte seine Griffigkeit und das Versprechen der Freiheit, das darin lag.

Dann wusste Gerbondo, seine Stunde war gekommen. In einer nächtlichen Choreografie nahm er das Seil und setzte seine Hoffnung in den Faden.

Aufregung breitete sich in Gerbondo aus, während er langsam, Stück für Stück, am Seil aus der Zelle hinabkletterte. Die Dunkelheit verschluckte ihn, doch der Gedanke an die Freiheit war ein brennendes Licht in seinem Geist. Er konnte die salzige Luft des nahen Phecadi erahnen.

Währenddessen setzten Effernando und einige Getreue ein Ablenkungsmanöver in Bewegung. Geschickt getarnt und schleichend lenkten sie die Aufmerksamkeit der Wachen ab, sodass Gerbondo unbemerkt entkommen konnte.

Als Gerbondo den Boden erreichte, umfing ihn die Kühle der Nacht, aber auch die Arme seiner Verbündeten. Doch die Gefahr war nicht vorbei.

Gemeinsam schlichen sie sich durch die Gänge der Feste Phecanostein, vorbei an schlafenden Wachen und stets in den Schatten der Mauern. Jeder Schritt war von Anspannung begleitet, während sie sich unaufhaltsam der Freiheit näherten.

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