Archiv:In der Kanzlei verloren (BB 49)

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Quelle: Bosparanisches Blatt Nr. 49, Seite 45
Aventurisches Datum: vermutlich im oder knapp vor Tsa 1047 BF


In der Kanzlei verloren

... oder ein sehr plötzliches Umdenken

von Croenar Conventus

Vinsalt, genauer gesagt: in einer der Amtsstuben der Konventshalle, in denen der Cronconvent tagt. „Leandro“, begann Thaleia Karynthos und hielt ein schmales Aktenbündel hoch, gerade einmal zwei Seiten, jedoch kunstvoll verschnürt, „kannst du mir sagen, warum zu dieser Eingabe plötzlich eine Rückfrage auftaucht? Es wird nach dem Bearbeitungsstand gefragt.“

Leandro di Montavella nahm ihr die Akte und das beigefügte Schriftstück ab, öffnete sie und verzog den Mund zu einem routinierten Lächeln. „Nun ja. Eingaben an das Haus der Edlen genießen bekanntlich nicht immer die allerhöchste Wichtigkeit. Man sagt, Satinavs Wirken veredle manches Schriftstück erst durch geduldiges Liegenlassen. Insofern sollten wir uns nicht voreilig beunruhigen.“

Thaleia hob eine Braue. „Offenbar sieht das jemand anders.“ Ihr Blick glitt zu dem zusätzlichen Schriftstück, das Leandro unbeachtet ließ, während er weiterblätterte. Zunächst beiläufig, dann konzentrierter.

Datei:BB49-Amtsstube.png
Blick in eine der Amtsstuben des Cronconvents

„Die Eingabe ist ausdrücklich auch an das Haus der Fürsten gerichtet. Der gesamte Cronconvent soll sich mit diesem traviagefälligen Anliegen befassen“, sagte er schließlich. „Weshalb sie hier falsch einsortiert wurde, lässt sich aus der Akte nicht erkennen.“

„Das ist unerquicklich“, stellte Thaleia nüchtern fest. „Von wem stammt sie?“

„Von Comto Erlan Sirensteen.“

Thaleia nickte langsam. „Unerfreulich, ja. Aber selbst wenn der Comto nun nach dem Sachstand fragt, wird er kaum einen großen Protest lostreten. Und selbst wenn: Er ist schließlich kein Provinzherrscher.“

Leandro antwortete nicht. Er las weiter, blätterte eine Seite um und hielt inne. Dann legte er die Akte sorgfältig flach auf den Tisch.

„Die Eingabe“, sagte er ruhig, „ist zusätzlich unterzeichnet.“

Thaleia sah auf. „Von wem noch?“ Sie musterte die Akte. „Vom Grafen von Bomed, nehme ich an.“

Leandro hob den Blick. „Nein.“

Thaleia hielt inne. „Von wem dann?“

„Von seiner imperialen Majestät“, antwortete Leandro. „Dem Horas.“

Für einen Herzschlag herrschte Stille.

Thaleia verschränkte die Finger. Ihre Stimme blieb ruhig, wirkte nun jedoch merklich angespannter. „Dann handelt es sich offenkundig um eine Eingabe, deren Behandlung bislang nicht den ihr gebührenden Ernst erfahren hat.“

„Ein Fehler“, sagte Leandro.

„Ja“, entgegnete Thaleia. „Ein Fehler. Und einer, den wir korrigieren.“

Sie griff nach einem vorbereiteten Schreiben, fügte einige knappe Worte hinzu, versah das Blatt mit einem Siegel und legte es auf die Akte. „Diese Eingabe wird noch heute vorgelegt.“

„Mit Priorität“, ergänzte Leandro.

„Mit höchster Priorität.“

Thaleia erhob sich, nahm die Akte an sich und sagte im Gehen: „Man kann vielleicht ausnahmsweise einen Comto Sirensteen warten lassen. Aber sicherlich nicht den Horas.“

An der Tür hielt sie kurz inne. „Veranlassen Sie alles Weitere unverzüglich.“

Leandro hatte bereits zur Feder gegriffen. „Ich bereite die Bitte um Aufnahme einer Anhörung in die Tagesordnungen beider Häuser vor.“

Thaleia nickte knapp und verließ die Amtsstube.

Jens Matheuszik