Archiv:In der Tiefe regt sich was (BB 49)

In der Tiefe regt sich was

Sewamund, 1048 nach Bosparans Fall. Ich schwöre bei allen zwölf Göttern und den alten Heiligtümern des Sewaks, dass ich bei diesem Bericht weder durch Alkohol, Traumkraut noch besonders unruhige Nächte beeinflusst bin. Und doch: Die Kunde will mir nicht aus dem Sinn, die mir ein alter, halb debiler Arbeiter der Familie ter Hoven unlängst in der Taverne Zur Geflickten Kehle zwischen zwei Gläsern Vinsalter Schwarzwein ins Ohr raunte. Es heißt, unter den Straßen Sewamunds, dort, wo sich angeblich längst vergessene Sturmflutkanäle wie ein steinernes Aderwerk durch den Boden winden, rege sich etwas. Kein Ungeziefer, keine Obdachlosen, keine räudigen Hunde. Nein. Ein großer Wurm, wie man ihn sonst nur aus den finsteren Minen der Angroschim oder aus den Legenden des tiefen Südens kennt.
Ich hörte von Vibrationen im Mauerwerk des alten Turms an der Drahtzieherei, der seit Jahrzehnten leer steht. Von verschütteten Ausbesserungstrupps der Stadtkanalarbeiter, deren Namen heute keiner mehr nennt. Von einem Gaukler, der durch die Flöte die Tiefe lockte und nie wieder auftauchte. Die Alchimistin der Altstadt, eine gewisse Fra Lurezia, spricht gar von „subterraner Resonanz“ und meint damit Beben in der Tiefe, die dem Zyklus eines lebendigen Wesens folgen sollen.
Ein Efferdgeweihter, der anonym bleiben wollte (man munkelt, es sei der uralte Vater Cordovan, der einst die „Schwermut Sewamunds“ heilte), behauptete gar, dies sei eine Prüfung des Meeresgottes Efferd selbst: Ein uraltes Wesen, durch Kanalmagie und götterungefällige Alchemie einst geweckt, sei im Schlummer nur durch ständigen Wasserfluss besänftigt worden. Und jetzt, wo die alten Kanäle verfallen und Efferds Zorn von 1046 BF die Stadt durchspülte, würde es langsam erwachen.
Ich selbst stieg mit einem stadtbekannten Glücksritter und zwei Laternen in einen der vergessenen Abstiegsschächte nahe der alten Porzellanmanufaktur. Tiefer Nebel, modrige Schwaden, Kratzgeräusche. Und dann, ein Windstoß, ohne Wind. Ein Hauch, als atme etwas sehr Großes, sehr Altes.
Ich war ein Horasier mein Leben lang, und doch sage ich euch: In Sewamund liegt mehr im Argen, als es der schillernde Lack aus Maskenbällen, Weizenbier und Yaquirwein glauben macht. Als wären wir durch den Dämonenstieg, Baron Irions Gewalttaten und manch Verrückten am Oberlauf des Sewaks nicht schon genug gestraft. Ich, Geron Einhand, werde weiter nachforschen. Doch ich rate jedem, der mit leichtem Gemüt den Pflastersteinen dieser ehrwürdigen Stadt folgt: Tretet mit Respekt. Denn unter euren Sohlen schläft vielleicht ein uralter Schrecken.