Briefspiel: Ein Kulinarisches Kennenlernen
| ||||||||
1. Die Einladung
Gut Fecunda, Domäne von Familie Varducchio, um die Mittagsstunde.
Ein Dienstbote eilte hastig auf Rondriacus Varducchio, dem Oberhaupt von Familie Varducchio zu und überreichte dem Mann einen Briefumschlag aus feinem aranischen Papier, gesiegelt mit dem Fasanenwappen, dem Symbol der Familie d’Antara.
,,Travia zum Gruße, werter Signore Rondriacus,
erlaubt mir mich vorstellen. Mein Name ist Phelizzio d’Antara, stolzer Schiffsbauer und leidenschaftlicher Handwerker.
Hierzu möchte ich Euch meinen Dank für Eure vorzüglichen Olivenöle aussprechen, ohne die somanche Speisen erst gar nicht hätten vorzüglich werden können.
Dazu möchte ich mich sehr gerne revanchieren. Hiermit lade ich Euch zu einer Abendgesellschaft in meinem Hause ein, zu der Ihr selbstverständlich auch eine Begleitung mitbringen dürft.
Ich darf erwähnen, dass ich Euch einen edlen Abend vorzüglicher horasisch-aranischer Speisen sowie genussvoller Cigarren anbieten möchte, der Euer geschätztes Genießerherz höher schlagen lässt.
Es wäre mir eine großer Freude Euch als meinen Gast begrüßen zu dürfen.
(Neben dem Brief ist die Einladung mit Adresse und Daten beigelegt)
Gez. Phelizzio d’Antara , gesiegelt mit dem Fasanenwappen
„Der Herr Phex scheint mit euch zu sein. Entweder ihr habt Glück oder seid gut informiert, dass ihr mich hier noch antrefft, bevor ich abreisen wollte.“
Rondriacus nimmt dem Diener das Schriftstück ab, mustert einen Moment lang das Siegel des Fasanenwappens und bricht es dann mit einem geübten Ruck. Während er die Zeilen liest, legt sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht; beinahe unwillkürlich fährt er sich über die Lippen, als koste er schon die versprochenen Speisen. Bedächtig faltet er den Brief zusammen, zieht eine Silbermünze hervor und schnippt sie dem Boten zu.
„Richtet eurem Herrn aus, dass ich seine Einladung gerne annehme; ein Abend voller Tafelfreuden und Cigarren – darauf freue ich mich bereits.“
Einen Augenblick bleibt er still stehen, schließt die Augen und stellt sich die Genüsse des Abends vor. Der Bote will sich schon zum Gehen wenden, da erhebt Rondriacus erneut die Stimme:
„Ihr solltet nicht aufbrechen, ohne zuvor einen Schluck zu trinken und einen Happen zu essen – die Praiosscheibe steht hoch und brennt. In der Zwischenzeit werde ich Euch noch einen Antwortbrief für Euren Herrn schreiben. Außerdem sagt mir: Wisst ihr, welches Öl eurem Herrn am meisten mundet?“
Der Bote neigt dankend seinen Kopf.
,,Habt Dank, mein Herr”, sagte er knapp ehe er fortfuhr, ,,Signor Phelizzio und Signora Sybilla pflegen zu ihren Speisen das Öl Eurer Presse aus Efferdas zu verwenden aus den frischen Oliven dieses Besitzes.
Der Diener neigte zum Abschied den Kopf, ehe er sich zur Küche des Anwesens begab und das angebotene Essen entgegennahm.
„Was wollte der Bote, Vetter?“, ruft Thuan Varducchio über den Hof, während er in seiner luftigen bosparanischen Toga aus dem Haus tritt.
„Eine Einladung zum Abendessen, Vetter. Wer weiß – vielleicht ergeben sich gute Geschäfte.“ Rondriacus hebt den Brief kurz an und lächelt. „Und außerdem – die aranische Küche versteht es sicher noch, mich zu überraschen.“
Mit einer Handbewegung winkt er einen Diener herbei.
„Ja, Herr?“
„Bereitet das beste Öl der Saison vor. Ich will eine Karaffe als Geschenk mitnehmen.“
„Wie ihr wünscht, Herr.“
Rondriacus wendet sich wieder Thuan zu, der langsam an seinem Kelch nippt.
„Du solltest auch einmal wieder unter Leute kommen. Die Dienerschaft meint, du hättest den Hof seit Wochen nicht verlassen. Deine bosparanischen Feste haben doch immer die interessantesten Leute angelockt.“
Thuan zuckt die Schultern.
„Mir fehlt derzeit die Inspiration, Vetter. Ich suche nach Schriften aus den Dunklen Zeiten, um mehr über die Feste der horasischen Kaiser zu erfahren. Di immortales, manus mea ducatur – mögen die Götter meine Hand leiten.“ Mit diesen Worten dreht er sich ab und verschwindet im Haus.
Eine Stunde später sind die Reisevorbereitungen abgeschlossen, und Rondriacus macht sich auf den Weg nach Efferdas. Unterwegs kreisen seine Gedanken darum, ob er allein erscheinen soll oder jemanden mitnimmt. Seine zweite Frau ist längst verstorben, sein ältester Sohn nicht in der Stadt, Phedro spielt am Abend Delphinocco, die beiden Töchter sind ebenfalls verreist. So bleibt sein Blick schließlich bei Fabio. Der Junge mag nichts vom Schiffsbau verstehen, doch in Fragen des guten Geschmacks ist er ein feiner Kenner – und das könnte an diesem Abend nützlich sein. Als sie das Tor der Familie d’Antara erreichen, sind beide in festliche Kleidung gehüllt. An Fabio aber wirkt der feine Stoff fremd, zu ungewohnt nach all den Tagen in öliger Schürze. Immerhin hat er das Öl gründlich von Haut und Händen gewaschen.
Kurz vorher im Haus der d’Antaras
In der Villa der Schiffsbauer-Familie d'Anatara eilte die kleine Nabila in das Arbeitszimmer ihres Vaters Phelizzio, in das er sich Abends nach der Arbeit auf der Werft mindestens zwei Stunden noch zurückzog.
,,Vater?”
,,Ja, Liebes?”, blickte er von seinem Tisch auf und auch seine anwesende Frau Sybilla schaute hoch. Phelizzio holte sich bei neuen wirtschaftlichen Plänen stets noch den Rat seiner Frau ein.
,,Hier der wurde grade abgegeben”, sagte das kleine Mädchen und huschte auch wieder aus dem Zimmer.
Sybilla nahm den Briefumschlag, brach das Siegel und las.
,,Und? Was gibt es?”, fragte der alte Fasan neugierig.
,,Signor Rondriacus Varducchio hat deine Einladung höchstgerne angenommen”
,,Wunderbar!”, freute sich Phelizzio, ,,wir werden einen wahren Genussabend abhalten!
2. Der kulinarische Abend
Das Stadthaus der Familie d'Antara befindet sich an einer gepflasterten Straße mit einem weitläufigen Garten in der Nähe des Hafenviertels von Efferdas. Die Außenfassade des Hauses ist aus geziegelten Sandstein, das bereits so die aranische Einflüsse der Familie zeigt. Die Fensterbögen sind aufgrund der Sonnenseite des Hauses mit tulamidischen Holzgittern verdeckt, doch auf den Balkonkästen sowie im Vorgarten blühen prächtige Hibiskusse, Rosen und weitere strahlende Blumen. Das Haus der Gastgeber war mit orangefarbenen Lampions geschmückt und auch elegante Girladen zieren das Gebäude. Das Licht der sinkenden Abendsonne verwandelt das Gebäude in eine romantische und märchenhafte Atmosphäre.
Ein Diener tritt den Gästen entgegen, und Fabio trägt die Karaffe mit dem frisch veredelten Olivenöl wie einen Schatz. Beim Gang durch den Garten bleibt er immer wieder stehen, betrachtet Pflanzen und murmelt Überlegungen, welche Essenzen und Düfte sich wohl aus welchem Blatt gewinnen ließen. Am Eingang zum Wintergarten werden die beiden bereits von den Hausherren erwartet. Phelizzio d’Antara trägt eine edle braune Gewandung mit grüner Schärpe aus Flachs und seine Frau Sybilla trägt ein schulterfreies Kleid aus einer Kombination aus aranischen und tulamidischen Stil dazu eine Perlenkette. Mit einem herzlichen Lächeln tritt Phelizzio auf seine Gäste zu und reicht ihnen, nach einer kurzen höflichen Verneigung, die Hand und stellt folgend auch seine Frau vor.
,,Habt Dank, dass Ihr uns mit durch Eure Anwesenheit ehrt. Bitte Kommt herein, es erwartet Sie eine kulinarische Reise, meine Freunde”, lud der Hausherr seine Gäste nach drinnen in den offenen Wintergarten ein, wo bereits ein fertig gedeckter Tisch bereitstand und nur noch auf die Anrichtung des Essens wartete.
Mit einem freundlichen Lächeln bedankte er sich für die überreichte Karaffe und teilte Rondriacus seine Schwärmereien von zukünftigen Essen mit, die alleine durch dieses Olivenöl wahrlich zu Festessen werden. Seiner Frau huschte ein Schmunzeln übers Gesicht und nannte einige Gerichte, die mitunter auch gleich serviert werden würden. Seinen Gästen bot Phelizzio zum Einstieg Zigarren an, die ein Diener in einer geöffneten Mandelholzschatulle präsentierte und auch einen Begrüßungsschnaps bot er beiden an.
,,Lassen Sie uns nun einen vorzüglichen Abend genießen!”, stieß Phelizzio mit dem Schnaps an.
„Wir danken euch herzlichst für eure großzügige Einladung. Ein kleiner Trunk ist jetzt genau das Richtige.“ Rondriacus nimmt ein Glas des Schnapses entgegen und hebt es zu einem kurzen, respektvollen Nicken.
Auch Fabio kostet; er zieht den Duft tief in die Nase, lässt einen kurzen Schluck über Zunge und Gaumen gleiten und murmelt leise:
„Wahrlich eine gut abgestimmte Mischung. Verzeiht, Herr d’Antara, doch welcher Schnaps ist dies?“ Unterdessen reicht man Fabio eine Cigarre, und er inhaliert langsam den ersten Rauch, schließt die Augen und lässt die Aromen wirken, während er den Worten des Hausherren lauscht.
Rondriacus tritt näher zur Frau des Hauses und verneigt sich höflich.
„Gnädige Frau, selten erblicke ich eine Erscheinung, die zugleich so würdevoll und lebensfroh wirkt wie die Eure. Euer Lächeln hellt jeden Raum, und Eure Stimme trägt jene sanfte Wärme, die man nur in seltenen Augenblicken erfährt.“
,,Ihr trinkt 'Zorganer Zungenschmeichler' mein Herr. Dieser Schnaps aus den tulamidischen Raum schmeichelt dem Gaumen ohne zu hoch destilliert worden zu sein. Es freut mich sehr, dass er Euch mundet” , antwortete Phelizzio Fabio.
,,Aber bitte doch, mein Freund. Ihr seid Gast in unserem Hause. Bitte nennt mich Sybilla und ich danke Euch von Herzen für diese Worte. Doch meine bescheidene Anwesenheit ist nicht der Rede wert im Vergleich zu Euren Künsten der Alchemie und der Destillation, die für sich selber strahlen. Ihr wisst gar nicht was es für den geschmacklichen Genuss bedeutet, wenn ein Kenner seines Handwerks am Werk ist”, sagte Sybilla lächelnd und rief den Diener herbei um nachzuschenken.
Phelizzio wandte sich lächelnd an Rondriacus und beide begangen herzlich sich miteinander über Schnaps zu unterhalten.
,,Wenn wir uns nun jetzt alle gut miteinander verstehen, lassen Sie uns doch bitte zu Tisch gehen, mein Freund. Ich kann es nicht erwarten, Euch mit unserer Küche aufzuwarten”, lud Phelizzio alle ein, Platz am gedeckten Tisch zu nehmen. ,,Als erstes möchten wir Euch mit einem Salat mit frischen Kräutern und Garnelen in einem exquisiten tulamidischen Dressing anbieten. Ich hoffe doch, dass Euch Meeresfrüchte munden? Dazu einen anregenden Weißwein mit süßliche-aromatischer Note. Bitte lasst es Euch schmecken!”, erklärten die Hausherren abwechselnd.
Rondriacus lächelt, als die ersten Schalen des Salates aufgetragen werden. Der Duft frischer Kräuter, des Meerwinds und des zarten Öls steigt ihm in die Nase – ein verheißungsvoller Auftakt. Mit geübter Hand schwenkt er den Weißwein im Glas, hebt ihn leicht gegen das Licht und betrachtet den goldenen Schimmer, der im Kerzenschein tanzt.
„Ein wundervolles Bouquet“, bemerkt er schließlich, nippt daran und nickt anerkennend. „Leicht, verspielt – fast so, als habe man die sieben Winde selbst eingefangen.“ Dann kostet er von den Garnelen, und sein Blick hellt sich sichtlich auf. „Euer Koch versteht sein Handwerk. Das Öl harmoniert vortrefflich – ein Hauch von Limette, ein Anklang von Minze … ja, das ist Kunst.“
Fabio, der bis dahin schweigend beobachtet hat, lehnt sich vor, nachdem er den ersten Bissen bedächtig hinuntergeschluckt hat.
„Exquisit exotisch“, meint er leise. „Ich schmecke etwas Fruchtiges – sind das Arangen? Oder vielleicht Zitronen?“
Rondriacus wendet sich ihm zu und lächelt.
„Was für eine feine Zunge und Nase du doch hast“, lobt er mit väterlichem Stolz. „Wahrlich Werkzeuge von Präzision.“ Dann hebt er das Glas, den Blick auf Phelizzio gerichtet.
„Signor d’Antara – wir sollten anstoßen. Auf die Kunst und den Willen, aus der Natur etwas Vollkommenes zu schaffen: sei es Wein, dieses Mahl, Olivenöl … oder die Schiffe eurer Werkstätten.“
Phelizzio und Sybilla erhoben ihre Gläser und prosteten ihren Gästen zu.
,,Auf einen angenehmen Abend und die Hoffnung auf weitere dieser Art. Auf Euch, mein Freund!”, beendete Phelizzio den Trinkspruch und alle tranken darauf.
,,Es ist uns eine große Freude übrigens, das unsere Küche Euch mundet! Doch genießt bitte weiter die vorzügliche Vorspeise. Ich garantiere Euch, dass der folgende Hauptgang ebenfalls, wenn nicht sogar, größeren Genuss bedeutet”, lächelte Sybilla ihre beide Gäste an und lud mit einer sanften Handbewegung ein, die Vorspeise weiter zu genießen.
,,Doch bitte sagt mir, Signore Rondriacus, welches Gericht ist Eurer liebstes? Ich brenne darauf es Euch bei einem nächsten Besuch servieren zu lassen ‘”, fragte Phelizzio fröhlich.
Rondriacus hebt lächelnd den Blick vom Teller und erwidert Phelizzios fröhliche Frage mit einem höflichen, beinahe schelmischen Ausdruck.
„Ah, Signor Phelizzio – Ihr stellt mich auf eine harte Probe. Für einen Mann, der schon so viele Tafeln gesehen hat wie ich, ist das beinahe eine Prüfung des Herzens.“
Er lacht leise, tupft sich mit der Serviette die Lippen und lehnt sich entspannt zurück.
„Wenn ich ehrlich bin – ich erfreue mich mehr an der Gesellschaft und der Kunst des Moments als an einem einzelnen Gericht. Wie die Gelehrten von Kuslik sagen: Nicht die Speise nährt die Seele, sondern der Tisch, an dem man sie teilt.“ Er wendet sich Sybilla zu, sein Blick höflich und von leiser Verschmitztheit.
„Und ich muss gestehen – eure Küche lässt mir kaum Raum, über andere Genüsse nachzudenken.“
Mit kaum merklicher Bewegung neigt er den Kopf, die Stimme nun ruhiger:
„Doch – gestattet mir eine kleine Frage, abseits des Tisches. Ich hörte, Efferdas Werften sollen…“
Bevor er den Satz beenden kann, fällt ihm Fabio ins Wort.
„Vater, ich wüsste nicht, warum du die Frage des Herrn übergehen solltest – es sei denn, du kennst die Antwort selbst nicht.“
Er wendet sich an Signor Phelizzio, die Augen lebhaft.
„Als Antipasto würde ich marinierten Meeresfisch wählen – ganz frisch aus dem Meer der sieben Winde, in Weißwein und Essig gegart, dann in grünem Olivenöl mit Minze und Petersilie gebadet. Garniert mit gehackten Mandeln und Orangenspalten: süß, sauer, herb – alles zugleich. Der perfekte Auftakt für einen Abend, der Efferd ehrt. Darauf – als Hauptgang – ein Kapaun in süß-saurer Sauce, gewürzt mit Safran, Pfeffer und Zimt, begleitet von kandierten Birnen und Äpfeln. Und zum Abschluss – eine süße Schokoladen-Blutcreme, verfeinert mit Zimt und Orangenblüte, dazu kleine in Olivenöl gebackene Frittella. Und als Krönung ein fruchtiges, mild-scharfes Olivenöl, das auf der Zunge tanzt. Dazu ein Weißwein, sanft gewürzt mit Zimt, Pfeffer und Rosmarin.“
Rondriacus hebt die Brauen, halb überrascht, halb amüsiert.
„Nun, mein Sohn – wer hätte gedacht, dass dich der Geist der Küche so rasch ergreift? Vielleicht sollten wir dir künftig weniger Öl und mehr andere Zutaten anvertrauen.“
Phelizzio klatschte freudig und lachte.
,,Welch vortrefflicher Geschmack! Euer Maß an Feinheit dieses Mahls ist beeindruckend. Ich garantiere Euch, dass ich mir dieses Gericht für das nächste Mal merken werde”, lachte Phelizzio, griff nach seinem Glas, trank und lehnte sich in dem Korbstuhl zurück.
Sybilla beugte sich interessiert vor.
,,Ihr sagtet, dass Ihr Eurem Sohn vielleicht mehr anzuvertrauen gedenkt. Da würde ich Euch eine bescheidene Frage stellen”, erklärte sie und deutete in Richtung des Glasflakon mit dem Alkohol. ,,Wir hatten seit einiger Zeit ein Gedankenspiel, meine edlen Freunde. Aus meiner Heimat Aranien und auch aus diesen Landen haben wir eine gewisse Anzahl von bisher ungenutzten Rezepten verschiedener feiner Destillate gesammelt.”
,,Was haltet Ihr davon nicht nur den Genuss zu erleben, sondern diesen auch herzustellen?”, fragte Phelizzio erweiternd, doch die Frage ging unter, was die freudige Stimmung keinen Abriss gab.
Mittlerweile waren alle am Tisch mit der Vorspeise fertig, sodass die Hausherren abräumen ließen und Sybilla läutete mit einem kleinen Glöckchen das Bringen des Hauptganges ein.
,,Wir bieten Euch nun den Hauptgang”.
Auf großen Tellern, auf Salat gelegt, waren rote Hummer serviert, die einen Kranz bildeten. Dazu wurde jedem eine Schale Reis und eine kleine Karaffe würzige Sauce gereicht. Als Getränk wird ein mundiger Rotwein mit fruchtiger Note serviert.
,,Ich bitte Euch, genießt den Hauptgang: Covernischer Hummer mit feinem pikanten Reis aus Aranien und mild-würziger Sauce. Noch dazu ein fruchtiger Roter”, lächelte Phelizzio. Rondriacus beobachtet mit sichtlicher Freude, wie der Hauptgang aufgetragen wird. Er lehnt sich leicht nach vorne, betrachtet das kunstvolle Arrangement – die rote Pracht des Meergetiers auf dem grünen Bett des Salates – und atmet tief ein.
„Bei Efferds Gunst – welch ein Anblick“, sagt er schließlich, und ein Lächeln zieht über sein Gesicht. „Wenn man bedenkt, dass einst nur Fürsten in solche Pracht auf der Zunge spürten … und nun, hier, bei uns – wird das Meer selbst zum Gast.“
Er hebt das Glas mit Rotwein, prüft kurz dessen Farbe gegen das Kerzenlicht und nippt daran. Ein leises, zustimmendes „Hmm“ entfährt ihm.
„Ein samtiger Tropfen. Fruchtig, aber nicht aufdringlich – wie ein höfischer Tänzer, der weiß, wann er zurückzutreten hat.“
Dann legt er Besteck an den Hummer und beginnt, mit geübter Geste das Fleisch aus der Schale zu lösen. Nach dem ersten Bissen lehnt er sich zurück und seufzt leise.
„Signor Phelizzio, Ihr versteht es, den Gaumen in ferne Länder zu entführen. Aranische Würze, horasische Eleganz – und doch bleibt Efferdas in jedem Bissen spürbar. Ihr habt ein seltenes Talent, mein Freund: das, was andere Kulturen trennt, in Harmonie zu bringen.“
Fabio blickt zu Sybilla. „Signora – ich sehe ihr habt den wahren Geist einer Schöpferin. Ich bin gewiss, Rahja selbst würde Gefallen daran finden.“
Er legt die Serviette beiseite, beugt sich leicht vor.
„Destillation allein ist wahrlich kein allzu schwieriger Prozess. Dabei aber auch auf Aromen zu achten, ist schon anspruchsvoller. - Wenn Ihr mir einige Eurer Rezepte zeigen wollt, könnte ich Versuche wagen.“ ,,Es wäre uns ein Fest”, erklärte Sybilla und nickte höflich.
Mit einem amüsierten Funkeln in den Augen hebt Rondriacus erneut sein Glas.
„Doch bevor wir über Geschäfte sprechen – sollten wir essen. Solche Köstlichkeiten darf man nicht kalt werden lassen. Und auf das Wohl jener, die nicht nur den Geschmack, sondern auch den Geist des Genusses ehren.“ Er prostet den Gastgebern zu.
Die Hausherren lächelten und prosteten zur Erwiderung ihren Gästen zurück. Gemeinsam begannen sie nun das köstliche Mahl einzunehmen und sprachen über den Werdegang der d’Antaras, über die Verbundenheit zu Aranien, die Besitzungen der Familie Varduccio und vieles mehr.
Das Mahl war verzehrt und die Diener nahmen das Geschirr ab.
Den Gästen schien es geschmeckt zu haben und doch bot Phelizzio noch einen Nachtisch an.
,,Wenn es Euch geschmeckt hat, würde ich Euch gerne noch auf einen Nachtisch oder auf einen Aperitif einladen, was haltet Ihr davon, mein Freund?”
Rondriacus lehnt sich zurück, sichtbar zufrieden nach dem Mahl. Er wischt sich die Lippen, hebt kurz den Blick zu Fabio.
„Ein vortreffliches Fest, mein Sohn. Was meinst du – etwas Süßes oder lieber ein kräftiger Tropfen zum Abschluss?“
Fabio lächelt. „Warum nicht beides. Ich glaube, Signora Sybilla versteht sich auf den süßen Geschmack Rahjas (Sybilla nickte bestätigend). Und das Signor Phelizzio sich auf einen guten Tropfen versteht ist wohl klar.“
Rondriacus nickte schmunzelnd.
Er richtet den Blick zur Gastgeberseite, neigt leicht den Kopf und deutet höflich an, dass sie bereit seien. Auf die Zustimmung der Gäste hin wurde nun der Nachtisch serviert: ein leicht kühler Fruchtjoghurt aranischer Küche mit kleinen Nougat und Nussstücken. Rondriacus kostet, schließt kurz die Augen.
„Zart und fein – wie ein Traume Rahjas.“
Er hebt das Glas leicht, wendet sich zu Fabio. Fabio lacht leise, hebt seinerseits das Glas.
„Auf den Geschmack, Vater – und auf die Kunst, ihn zu teilen.“ Die beiden stoßen an; das leise Klingen ihrer Gläser verklingt, während sie den letzten Bissen still genießen.
Nachdem der Nachttisch den Gaumen aller Anwesenden erfreut hat, wandte sich Phelizzio nun ernst an Rondriacus und Fabio:
,,Meine Freunde, es freut Sybilla und mich, dass der Abend ein wahrer Genuss für alle war, doch ich möchte Euch nun ernst ein Vorschlag unterbreiten. Was würdet Ihr davon halten, wenn diese Köstlichkeiten aus Aranien sowie Euer vorzügliches Olivenöl auf Schiffen in andere Landesteile gebracht und verkauft werden, um dort Genuss zu garantieren? Hier nun direkter, würdet Ihr in ein Schiffsbau investieren und den Gewinn gemeinsam aufteilen wollen?”
Rondriacus nippt am Glas, lässt den Wein einen Augenblick auf der Zunge verweilen.
„Schiffsbau ist kein leichtes Unterfangen, doch in Euren Händen“ – er deutet mit einer eleganten Geste auf Phelizzio – „mag selbst der Kiel zu Gold werden. Ich will nichts übereilen, doch…“ Er wendet sich an Fabio. „Was meinst du, mein Sohn? Du hast ein gutes Gespür für solche Dinge.“
Fabio richtet sich auf, die Augen lebhaft.
„Ein kühnes Vorhaben, Vater – aber von jener Art, die den Namen Varducchio und d’Antara verbinden könnte. Wenn unsere Öle über neue Handelsrouten reisen, tragen sie nicht nur Geschmack, sondern horasische Kultur in die Welt. Wir sollten jedoch zuvor mit Vetter Silem sprechen – er kennt die Strömungen und Märkte besser als jeder andere.“
Rondriacus nickt zustimmend, ein zufriedenes Lächeln umspielt seine Lippen.
„Ihr hört es, Signor d’Antara – selbst mein Sohn erkennt den Wert Eurer Idee. Lasst uns mit klarem Kopf weiter darüber sprechen, sobald ich Silems Rat eingeholt habe. Doch mein Interesse… das habt Ihr gewiss geweckt.“
Er hebt das Glas, die Stimme nun fest und ruhig.
„Auf neue Wege – über See, über Grenzen, und auf den Wohlstand, der aus Zusammenarbeit erwächst.“
,,Auf neue Wege des gemeinsamen Erfolgs”, erwiderte Phelizzio und Sybilla.
,,Sowie Ihr Rücksprache mit Signor Silem gehalten habt, lade ich Euch gerne zu uns in die Werft ein und wir sprechen dort gemeinsam alles weitere ab, und ich möchte Euch den Werftbetrieb zeigen, so gewinnt Ihr auch vor Ort einen guten Eindruck!”, lud Phelizzio mit einem herzlichen Lächeln ein.
Rondriacus erwidert das Lächeln und neigt leicht den Kopf.
„Eine Einladung, die ich mit Freude annehme, Signor Phelizzio. Es ist lange her, dass ich eine Werft besucht habe - und selten eine, die so vielversprechend klingt wie die Eure.“
Er legt die Hand auf die Lehne seines Stuhles, das Glas noch in der anderen, und sein Blick wird kurz nachdenklich.
„Ich werde Silem in den kommenden Tagen versuchen zu kontaktieren. Wenn jemand die Tragweite eines solchen Vorhabens einschätzen kann, dann er. Danach, so Praios will, werden wir uns bei Euch in der Werft wiedersehen, mit klaren Zahlen, neuen Ideen und der Bereitschaft, etwas Bleibendes zu schaffen.“
Rondriacus lacht leise und erhebt sein Glas ein letztes Mal.
2. Geschäftlicher Teil
Wenige Tage später in der Covernischen Schiffswerft d'Antara in Efferdas.
Phelizzio erwartete seine Gäste bereits im Innenhof der Werft unter dem großen Orangenbaum, der den Mittelpunkt des Hofes darstellt. Der Schiffsbauer begrüßte Rondriacus und Silem mit einer höflichen Verbeugung und heißt beide herzlich auf dem Werftgelände willkommen. Silem Varducchio, ein Mann von wettergegerbter Haut und klarem, meerblauem Blick, strich sich über den gepflegten, grau durchzogenen Bart. Sein prüfender Blick wanderte über die schmalen Schiffe, den Kran am Dock, die Werkhallen.
„Ich hoffe, der Herr Phex sorgt für eure Geschäfte – und Efferd für gnädige Winde“, sagte er mit rauer, doch wohlklingender Stimme. Dann trat er an den Rumpf eines halbfertigen Schiffs heran, legte die Hand auf das Holz und klopfte zweimal prüfend dagegen. „Hm. Gute Baumannskunst – das kann man euch nicht nehmen. Ihr versteht, was ihr tut.“
Phelizzio nickte anerkennend.
Rondriacus öffnete gerade den Mund, um etwas zu erwidern, da wandte sich Silem schon mit einem plötzlichen Funkeln in den Augen an Phelizzio.
„Ihr wollt also gen Uthuria – das Land der zehntausend Götter, wie manche ketzerischen Zungen es nennen?“ Er schob die Hände in den Gürtel, musterte den Schiffsbauer mit einem Blick zwischen Respekt und Herausforderung. „Sagt mir, was treibt euch? Wollt ihr bloß Waren aus Nova Methumisa holen – oder ruft euch mehr? Gold, Wissen, Ruhm?“
„Verzeiht meinem Vetter seine Direktheit“, warf Rondriacus schnell ein, halb amüsiert, halb beschwichtigend. „Die See macht ihn zuweilen direkter, als es in einem Salon üblich wäre.“
Der Schiffsbauer lachte.
,,Seid versichert, dass es nichts zu verzeihen gibt. Mir liegt viel an Direktheit gerade bei umfassenden Themen. Erstmal geht es mir nicht um Ruhmsucht oder Kapitalgewinnung. Allein letztes Jahr las ich über mehrere Verluste von Schiffen, die unterwegs in die Charyptik waren und erhebliche Schäden aufgrund der dortigen Gezeiten wie Meeresströmungen erlitten. Daher arbeite ich seit einiger Zeit an einem Entwurf einer Südmeer-Karavelle, die weite Strecke klar gewachsen ist. Natürlich ist ein fähiger Kapitän ein gewisser Vertrauenspunkt auf See, doch es braucht bei den dortigen oft gefährlichen Seelagen neue Schiffstypen. Das erstreckt sich auch ins Güldenland", grinste er den Seefahrer an.
Silem lachte leise, griff in seine Reisetasche und warf Phelizzio ein kleines Päckchen zu. „Fangt.“
Phelizzio fing es mit beiden Händen; es war sorgfältig in dunkles Papier gewickelt, aus dem ein feiner, fruchtiger Duft entwich. Phelizzio öffnete das Papier und roch in das Päckchen hinein dessen angenehmer Geruch nun kräftiger war.
„Mein Lieblingstee, ein Vorgeschmack auf das, was jenseits des Meeres wartet; Kolonialwaren von den myranischen Küsten – manche nennen es Tee, andere sehen nur Gold. Ob der aus Uthuria so stark ist wie jener aus Myranor, vermag ich nicht zu sagen – doch er hat Charakter, wie die Länder, aus denen er stammt. - Bestimmt habt ihr von diesen neuartigen Quaffeehäusern aus bereits gehört“
Der Schiffsbauer schmunzelte.
,, Aber ja doch. Hier in Efferdas hat übrigens vor kurzem eines eröffnet. Das Kaffee bzw. Teehaus ,,Zur Wüstenrose”. Dort arbeiten einige Familienangehörige von mir. Hier wenn Ihr erlaubt”, er kramte aus seiner Westentasche eine kleine Holzschachtel hervor und holte aus ihr drei Zigarillos hervor. Phelizzio reichte seinen Gästen jeweils eine und holte auch Streichhölzer hervor. Er selbst nahm ebenfalls eine. ,,Hier nun das was mich persönlich für Uthuria eintreten lässt wie Ihr Euren höchstangenehmen Tee aus Myranor habt, mein Freund “.
Später im ,,Zur Wüstenrose”.
Zur Mittagszeit flirrt das Licht über den hellen Sandsteinfassaden, und ein süßer Hauch von Kaffee, Kardamom und Rosenwasser hängt in der Luft. Vor der Tür sitzen Gäste unter schattigen Sonnenschirmen, ihre Gespräche klingen wie leises Murmeln in der Sommerhitze. Ab und zu zieht eine Brise vom Meer herauf, trägt den salzigen Atem der Wellen heran und vermischt ihn mit dem Duft aranischer Süße. Ein Ort, wo Händler Pläne schmieden, Dichter träumen und Reisende ihre Gedanken in den blauen Himmel über Efferdas entlassen, während die Sonne den Platz in goldenes Licht taucht.
“Ein überaus exotischer Geschmack.” gibt Silem von sich, nachdem er seinen ersten Schluck Kaffee probiert hat. Und lässt sich einen Schuss Milch in sein braunes Gold gießen.
“Sagt, was reizt euch an Uthuria. Wollt ihr nur Handel treiben? Das Eiland erkunden? Arkane Geheimnisse ergründen?”
Silem lauscht gespannt während er einen großes Stück seines Tortenstücks Richtung Mund führt und genüsslich isst.
Phelizzio nahm einen Schluck seines Kaffees, setzte die Tasse ab und blickte sein Gegenüber ernst an.
,,Uthuria. Dieser Kontinent verheißt mir neue Handelswaren für unsere Stadt, denn Ihr wisst ja, Efferdas hinkt in Sachen Kolonialwaren im Vergleich zu anderen Städten deutlich hinterher. Eine dieser Waren trinkt ihr gerade und Kaffeehäuser wie dieses werden bald zunehmen im Reich. Daher sehe ich da die Gunst der Stunde. Aber neben den profitablen Gründen, ist auch meine Abenteuerlust und Fernliebe geweckt worden. Natürlich werde ich nie persönlich den großen Südkontinent erblicken, doch ich kann Schiffe bauen, die Entdecker und Expeditions- und Kolonialgesellschaften nach Süden tragen und uns alle Träume erfüllen. Dazu möchte ich Euch ein wagemutiges Angebot unterbreiten. Ich möchte Eure Expertise für meine Werft dauerhaft unter Vertrag nehmen. Ihr und Eure Erfahrung zur Fernseefahrt sehe ich als beispiellos in ganz Efferdas an. Was sagt Ihr, Signore?”
“Nie persönlich den großen Südkontinent erblicken”, das ist nur eine Frage des Willens. Ein Schiff zu betreten, den Wind im Gesicht zu spüren, auf die Weiten des Meeres hinauszublicken, das ist Freiheit. Niemand kann euch hindern nach Süden aufzubrechen. Naja, eure Frau vielleicht.
Phelizzio lachte auf.
,,Nun sobald ihr nicht gedenkt mich längere Zeit in Efferdas stranden zu lassen, dann haben wir eine Übereinkunft".
Silem streckt die Hand aus.
,,Wenn das erste Südmeer-Schiff bereit steht, werdet Ihr sein Kapitän sein und Ihr habt die Ehre den Namen des Schiffes zu bestimmen. An Eurer Seite wird Euch dann auch ein d'Antara begleiten. (Er blickte auf sich). Nur nicht dieser hier, meine Frau würde das verhindern”, er lachte. Der Schiffsbauer nahm die ausgestreckte Hand entgegen und erwiderte den festen Händedruck.