Chronik Ramaúds/Eine Frage der Nachfolge: Unterschied zwischen den Versionen
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Im Peraine 1048 BF will Phelizzio d’Antara Bande zur Werft von Ramaúd knüpfen und möglicherweise seiner alten Bekannten Dajanidra re Kust helfen, einen Nachfolger als Zunftmeisterin zu finden. | Im Peraine 1048 BF will Phelizzio d’Antara Bande zur Werft von Ramaúd knüpfen und möglicherweise seiner alten Bekannten Dajanidra re Kust helfen, einen Nachfolger als Zunftmeisterin zu finden. | ||
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"Meine werte Freundin Dajanidra, | "Meine werte Freundin Dajanidra, | ||
es mir eine große Freude, dir nach so manchen geschäftigen Wochen endlich wieder ein paar Zeilen widmen zu dürfen. Nicht selten erinnere ich mich an den Moment vor langen Jahren im Hafen von Ramaud als wir der Kiellegung eines deiner Boote beiwohnten. Wie tatsächlich die Zeit vergeht, meine Freundin. Doch ich hörte unlängst, dass deine Werft mit Nachfolgeproblemen zu kämpfen hat und es bestürzt mich zutiefst, mir deinen Kummer vorzustellen, dass dein handwerkliches Vermächtnis offen ist oder gar verfallen kann. Darum würde ich dir gerne meine Aufwartung nach langer Zeit des Nichtsehens in Ramaud machen, um dir vielleicht bei deinem Problem helfen zu können und eine Lösung zu finden. | es mir eine große Freude, dir nach so manchen geschäftigen Wochen endlich wieder ein paar Zeilen widmen zu dürfen. Nicht selten erinnere ich mich an den Moment vor langen Jahren im Hafen von Ramaud als wir der Kiellegung eines deiner Boote beiwohnten. Wie tatsächlich die Zeit vergeht, meine Freundin. Doch ich hörte unlängst, dass deine Werft mit Nachfolgeproblemen zu kämpfen hat und es bestürzt mich zutiefst, mir deinen Kummer vorzustellen, dass dein handwerkliches Vermächtnis offen ist oder gar verfallen kann. Darum würde ich dir gerne meine Aufwartung nach langer Zeit des Nichtsehens in Ramaud machen, um dir vielleicht bei deinem Problem helfen zu können und eine Lösung zu finden. | ||
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| − | + | ==Dajanidra antwortet== | |
Gegeben zu Ramaúd, am Feuertag, 1. Peraine 1048 BF | Gegeben zu Ramaúd, am Feuertag, 1. Peraine 1048 BF | ||
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21. Peraine 1048 BF | 21. Peraine 1048 BF | ||
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| − | + | ==Brief an Sandro d’Antara== | |
,,Mein lieber Neffe. Ich bitte dich um deine persönliche Anwesenheit hier in Ramaud bezüglich der Klärung der Nachfolge von Dajanidra. Die Situation hatte ich dir bereits vor meinem Aufbruch geschildert. Beiliegend erhältst du auch die Adresse der Sozietät Bolburri, die ich dich bitte vorher aufzusuchen und unsere Freunde der Rechtskunde, mit nach Ramaud zu führen. Überbring auch Ciliano meine liebsten Grüße und denke dir bitte ein Geschenk für ihn aus. Ich bleibe bis zu Euer hier und erwarte Euch mit Freude. Vergeude keine Zeit. gez. Phelizzio.” | ,,Mein lieber Neffe. Ich bitte dich um deine persönliche Anwesenheit hier in Ramaud bezüglich der Klärung der Nachfolge von Dajanidra. Die Situation hatte ich dir bereits vor meinem Aufbruch geschildert. Beiliegend erhältst du auch die Adresse der Sozietät Bolburri, die ich dich bitte vorher aufzusuchen und unsere Freunde der Rechtskunde, mit nach Ramaud zu führen. Überbring auch Ciliano meine liebsten Grüße und denke dir bitte ein Geschenk für ihn aus. Ich bleibe bis zu Euer hier und erwarte Euch mit Freude. Vergeude keine Zeit. gez. Phelizzio.” | ||
| − | + | ==Brief an die Sozietät Bolburri== | |
zu Händen Bassiano Bolburri d.J. | zu Händen Bassiano Bolburri d.J. | ||
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Bassiano ließ den Brief sinken und musste schmunzeln. Sein junger Freund hatte ehrgeizige Pläne. Er würde ihn gerne dabei unterstützen und war gespannt darauf, Sandro kennenzulernen. Er überlegte kurz und fasste dann den Entschluss, seinen Cousin Federico als Unterstützung mitzunehmen. Dieser hatte ein gutes Gespür für politische Belange und er schien Bassiano hilfreich bei diesem Auftrag zu sein. | Bassiano ließ den Brief sinken und musste schmunzeln. Sein junger Freund hatte ehrgeizige Pläne. Er würde ihn gerne dabei unterstützen und war gespannt darauf, Sandro kennenzulernen. Er überlegte kurz und fasste dann den Entschluss, seinen Cousin Federico als Unterstützung mitzunehmen. Dieser hatte ein gutes Gespür für politische Belange und er schien Bassiano hilfreich bei diesem Auftrag zu sein. | ||
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(Ramaúd, 22. Ingerimm 1048 BF) | (Ramaúd, 22. Ingerimm 1048 BF) | ||
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| − | + | =Kusliker Kurier, Ingerimm 1048 BF= | |
Nachfolge für Ramaúder Zunftmeisterin | Nachfolge für Ramaúder Zunftmeisterin | ||
Dajanidra re Kust übergibt ihre Bootswerkstatt | Dajanidra re Kust übergibt ihre Bootswerkstatt | ||
Aktuelle Version vom 11. März 2026, 09:46 Uhr
Im Peraine 1048 BF will Phelizzio d’Antara Bande zur Werft von Ramaúd knüpfen und möglicherweise seiner alten Bekannten Dajanidra re Kust helfen, einen Nachfolger als Zunftmeisterin zu finden.
Depeschen
Phelizzio schreibt
"Meine werte Freundin Dajanidra, es mir eine große Freude, dir nach so manchen geschäftigen Wochen endlich wieder ein paar Zeilen widmen zu dürfen. Nicht selten erinnere ich mich an den Moment vor langen Jahren im Hafen von Ramaud als wir der Kiellegung eines deiner Boote beiwohnten. Wie tatsächlich die Zeit vergeht, meine Freundin. Doch ich hörte unlängst, dass deine Werft mit Nachfolgeproblemen zu kämpfen hat und es bestürzt mich zutiefst, mir deinen Kummer vorzustellen, dass dein handwerkliches Vermächtnis offen ist oder gar verfallen kann. Darum würde ich dir gerne meine Aufwartung nach langer Zeit des Nichtsehens in Ramaud machen, um dir vielleicht bei deinem Problem helfen zu können und eine Lösung zu finden. In großer Freude dich alsbald wieder persönlich sprechen zu können.
Es verbleibt mit freundschaftlichen Grüßen Phelizzio d'Antara"
(gesiegelt ist der Brief aus feinem aranischen Papier mit dem Fasanenwappen der Familie d'Antara)
Dajanidra antwortet
Gegeben zu Ramaúd, am Feuertag, 1. Peraine 1048 BF
Geschätzter Meister Phelizzio,
es freut mich, wieder einmal von Euch zu lesen. Unsere letzte Begegnung liegt doch schon eine ganze Weile zurück. Ich weiß nicht, was ich Euch aus Ramaúd Neues berichten soll. Denn es geschieht zwar immer etwas, doch die hohen Herrschaften, die die Geschicke der Stadt steuern, halten diese doch recht sicher auf Kurs. Efferd sei dafür gedankt. Die städtische Werft beschäftigt mich nur gelegentlich. Dann muss ich die Anliegen der Bootsbauer vertreten, doch mit dem Tagwerk dort habe ich selten zu schaffen. Eine Pinasse steht dieser Tage kurz vor ihrer Fertigstellung. Beim Stapellauf muss ich mir wohl ein paar passende Worte einfallen lassen. Dem Schreiber Eolan, dem ich diese Zeilen diktiere - Ihr kennt ja meine kaum leserliche Handschrift -, will ich das nicht auftragen. Die Werft hat dank der vielen kleinen Schiffe, die noch vor Kuslik in Ramaúd anlegen, stets genügend Reparaturaufträge. An Arbeitern mangelt es nicht, hat man doch auf meinen Rat gehört und auskömmliche Löhne festgesetzt. Du hast dennoch richtig gehört: Seit längerem versuche ich, einen Schiffs- oder Bootsbaumeister zu finden, der mir als Zunftvorsteherin nachfolgen möchte. Ich danke Peraine und Tsa für meine noch gute Gesundheit doch ich bin nicht mehr das muntere Fischlein von einst. Es ist eine Aufgabe, die einiges an Zeit und Gelassenheit erfordert, erst recht seit Maestro Tsajano im Rat durchgesetzt hat, dass die Zunft auch für alle Werftarbeiter spricht. Von den alteingesessenen Familien in der Zunft will meine Pflichten niemand übernehmen Es geht also nicht um mein "Vermächtnis", vielmehr darum, eine Person zu finden, die nicht nur willens und fähig ist, Zunftmeister zu werden, sondern sich auch in dem Gerangel um Günste und Privilegien in der Stadt zu behaupten. Derjenige müsste überdies die Mehrheit der Meister hinter sich bringen - und überhaupt erst einmal Zunftmitglied sein. Falls Ihr, alter Freund, für diese meine Sorge eine Lösung wüsstet, wäre ich Euch zu Dank verpflichtet. Wenn Euch Euer Weg nach Ramaúd führen sollte, könnten wir dies auch bei einem guten Tee beraten. Vielleicht auch einer Tasse Tschokolatl, falls Ihr mögt. Nur um Kafee mag ich meine Schwiegertochter Rahjada nicht bitten: Dieses bittere Gebräu ist ein Frevel an des Herrn Boron größter Gabe, dem Schlaf. Es kommt mir nicht ins Haus.
Ich sende Euch die besten Wünsche, Dajanidra re Kust
Besuch auf der Werft
21. Peraine 1048 BF
Dajanidra beendete gerade ein Gespräch mit einem Werftarbeiter, als sie überrascht innehielt. Vor ihr stand Phelizzio d'Antara, gestützt auf einen verzierten Gehstock und begleitet von zwei Männer seiner Hausgarde, der Palmyramischen Wache, die respektvoll hinter ihm standen. Die beiden Männer trugen tulamidische Tuchrüstung und Turbane und symbolisierten den aranischen Einfluss der Familie d'Antara. ,,Liebe Freundin, es tut gut dich zu sehen", begrüßte Phelizzio die immer noch irritierte Dajanidra mit einer Verbeugung und einem herzlichen Lächeln. Die Zunftmeisterin der Zimmerer, Schiffs- und Bootsbauer zählte inzwischen über 80 Götterläufe. Doch ihre ungebeugte Haltung und ihr noch immer kräftiger Händedruck straften ihr Alter Lügen. Unter Vertretern ihres Handwerks begrüßte man sich auf diese Weise, doch Phelizzio umarmte seine alte Freundin auch. Mittlerweile hatte sie ihre Überraschung überwunden, schob eine weiße Strähne hinters Ohr und sagte: “So einnehmend wie jeher, Meister Phelizzio. Euer geradezu südländisches Auftreten habt Ihr seit Euren Tagen als Geselle nicht verloren. Aber Ihr hättet Euch ankündigen sollen. Jetzt hab ich gar nichts vorbereitet”, bedauerte sie. Phelizzio hob die Hand. ,,Ich weiß, ich überfalle dich durch meine plötzliche Anwesenheit, doch ich war nie ein Freund von langem Briefwechsel bezüglich wichtiger Themen. Ich möchte mir hier die Lage persönlich anschauen und dir mit Rat und Tat direkt zur Seite stehen. Deine Angelegenheiten sind, wie wir bereits brieflich kurz angeschnitten haben, sehr wichtig. Doch bitte führe mich etwas herum und lass uns erstmal uns gegenseitig belügen, wie wacker und tadellos wir in der Jugend waren". Mit dem letzten Satz und einem weiteren Lachen entlockte Phelizzio Dajanidra ebenfalls ein Lächeln. Seit seinem letzten Besuch in der Hafenstadt hatte sich mehr verändert, als der Gast angesichts deren traditionsbewusster Einwohner erwartet hatte. Das galt auch für die Werft, die ihm die alte Meisterin wie erhofft zuerst zeigte. An einigen mechanischen Neuerungen erkannte d’Antara untrüglich den modernisierenden Einfluss der Deganos aus Sewamund. Konkurrenz im selben Handwerk wie seine Familie, nicht grundlos erfolgreich. Er hoffte, dass ihr Einfluss in Ramaúd nicht zu groß war. Indes: Seit der Aufspaltung der Familie Degano vor rund zwei Götterläufen war es insbesondere um die Schiffbauerin Alesia still geworden, die zuvor den engsten Kontakt zur Ramaúder Werft gehabt hatte. Phelizzio entging nicht, dass der ein oder andere Arbeiter, der letzte Gewerke an der auf Stapel liegenden Pinasse ausführte, hin und wieder einen Blick zu den beiden Palmyramiden warf. Auch eine pockennarbige Kämpferin, die weder verbergen konnte noch wollte, dass sie zur Bewachung der Werft eingesetzt war, folgte mit den Augen Dajanidra, ihm und seinen Begleitern. Die Wachsamkeit hatte seit der versuchten Zerstörung der “Rahjalina auf den Wellen” folglich nicht nachgelassen, wenn an einem Schiff gebaut wurde. ,,Hier hat sich ordentlich was getan, meine Freundin”, bemerkte Phelizzio und studierte mit einigen Blicken die Veränderungen. ,,Doch wer nicht Erneuerungen wagt, wird überrumpelt mit der Zeit, das sagte auch schon mein Vater.” Sein Blick fiel im Vorbeigehen auf einige Häuser und Menschen. ,,Sie zollen dir immer noch Respekt, Dajanidra, weißt du das?”, sagte Phelizzio. Die Angesprochene lächelte leicht und meinte: ,,Das bringt wohl das Alter mit sich. Umso mehr schauen sie auf meine Entscheidungen, weil diese Auswirkungen auf ihre Zukunft haben können.” ,,Dann gib Ihnen einen Grund, auf längere Zeit beruhigt zu sein”, schlug Phelizzio vor. Er führte seinen Vorschlag aus und offenbarte den wahren Grund seines persönlichen Erscheinens in Ramaud: ,,Dajanidra. Ich bin nicht nur wegen der alten Zeiten hierher gekommen, sondern um dir ernsthaft einen Vorschlag für deine Nachfolge anzubieten. Ich biete dir meine Familie als befreundeten und verlässlichen Nachfolger für deine Stimme im Rat und deine Rolle als Zunftmeister an.” Er beobachtete Dajanidras nachdenklichen Gesichtausdruck. “Du erinnerst dich doch sicher noch an Sandro, meinen Neffen? Er kann in Sachen Schiffsbau und Durchsetzungskraft uns beiden mehr als ebenbürtig sein, ich habe ihn dazu bereits befragt und er steht dir zu Verfügung, wenn du ihm dein Vertrauen schenkst. Meines hat er und ich kann nicht stolzer sein. Was sagst du dazu?” “Lang her, dass ich ihn gesehen habe”, sagte die Alte und hielt an, um zu verschnaufen. Auf ihrem gemächlichen Spaziergang von der Werft aus durchs Hafenviertel hatten sie eine erhöhte Stelle erreicht, von der aus man bis zum Tempel von Wind und Wogen und weit übers Meer der Sieben Winde schauen konnte. Die Zunftmeisterin blickte auf das Treiben an den Anlegestellen hinab und lehnte sich gegen ein Mäuerchen, ehe sie fortfuhr: “Welchem Geschäft geht er dieser Tage nach? Ist er Eurer Familie abkömmlich? Auf welche Weise soll er hier in Ramaúd Fuß fassen?” Dajanidra schaute Phelizzio bei diesen Fragen nicht an. Ihre Augen waren auf einen Dreimaster gerichtet, der in der Ferne, wohl von Kuslik kommend, Kurs Südwest steuerte. ,,Er ist ebenfalls als Schiffsbauer in Efferdas tätig und hat zudem eine Begabung für Konstruktionspläne kleinerer Schiffstypen entwickelt. Noch dazu weiß er, wie er sich durchsetzen kann, eine Eigenschaft die heute umso wichtiger ist, nicht wahr? Er würde dir hier bereitwillig zur Verfügung stehen und deinen Platz im Rat würdig ausfüllen. Wäre Baron Gishtan bereit, ihn in den Rat zu berufen und zu bestätigen?” Phelizzio folgte ihrem Blick und blieb schweigend neben ihr stehen. Er bot ihr seinen Arm als Stütze an. Dajanidra hakte sich bei Phelizzio unter. Gemeinsam schritten sie langsam eine grob in Richtung des Efferdtempels führende Gasse entlang. “Ein Mann auf dem Stand der Zeit also, mit Blick in die Zukunft, Euer Sandro”, fasste sie zusammen. “So jemand täte Ramaúd gut, und er könnte die Unterstützung der Fortschrittlichen in Zunft und Rat gewinnen.” Sie klang wohlgesonnen. Doch als der Besucher ihren Sohn erwähnte, wurde ihr Griff um seinen Arm fester. “Ich mache Euch keinen Vorwurf, mein Lieber, sagte sie mit ernster Stimme, “aber Eure Frage belegt, dass Ihr nicht aus Ramaúd kommt und als Auswärtiger naturgemäß wenig über Interessen und Zusammenhänge hier wisst.” “Bitte erkläre”, bat der Efferdier. Sie nickte und tätschelte ihm, unerwartet, aber wohlmeinend, den Oberarm. “Der Baron mag der vom Horas anerkannte Herrscher über Land und Stadt Ramaúd sein. Doch seine Macht wird durch Gesetz und Tradition begrenzt. Und der Rat ist nicht nur das, was der Name besagt, eine Versammlung, die den Baron in seinen Entscheidungen berät. Vielmehr der Zusammenschluss aller einflussreichen Familien und Gruppen der Stadt, der diese Entscheidungen in vielen Fällen vorbereitet.” “Hochgeboren Gishtan”, nun klang sie etwas verlegen, “mein Sohn, entscheidet nicht darüber, wer dem Rat angehört. Selbst die Maestra - dieser Tage ein Maestro -, das Stadtoberhaupt, wird von der Ratsversammlung gewählt.” Sie hielt an einem Stand, der laut eines Schilds Brombeersaft mit Quellwasser verkaufte. Mit zwei ausgestreckten Fingern bestellte sie für sich und ihren Begleiter. Während der einfältig blickende Bursche am Stand zwei Tonbecher füllte, fuhr sie fort: “Wenn Ihr wollt, dass Sandra d’Antara Mitglied des Rats wird, muss meine Zunft ihn zum Zunftmeister wählen. Damit Euer Neffe sich um meine Nachfolge bewerben kann - wofür ich ihn vorschlagen könnte, wenn er sich mir vorgestellt hat -, muss er in die Zunft aufgenommen sein und von den Meistern mit Mehrheit gewählt werden- Damit er aufgenommen werden kann, müsste er sich als zünftiger Handwerker - also als Bootsbauer - in Ramaúd niederlassen. So ist das bei uns Recht und Brauch, geschätzter Phelizzio. Eine kürzere Route gibt es nicht, genauso wenig wie man auf einer Karavelle die Segel hissen kann, bevor der Kiel gelegt und der Mast aufgerichtet ist.” Phelizzio nahm einen der Tonbecher, reichte ihn an Dajanidra weiter, nahm den zweiten entgegen und gab dem Händler ein paar Münzen. Er hob die Hand in Richtung seiner alten Freundin, um ihr damit zu sagen, dass er sie einlud und darauf beharrte. Die beiden tranken vom süßlichen Getränk und Phelizzio schmeckte der Saft, sodass er leicht schmunzelte. ,,Verzeih bitte wegen Seiner Hochgeborenheit. Es lag mir fern einen Anstoß zu erregen”, entschuldigte sich der Efferdier mit einer Verbeugung. ,,Bezüglich der Eignung von Sandro und seinem Talent, auch die standfestesten Meinungen zu beeinflussen, bin ich von ihm überzeugt.” Die beiden tranken aus, gaben die Becher zurück und gingen weiter. Phelizzio begann wieder: ,,Ich werde für die rechtliche Sache unseren Familienanwalt der Bolburri konsultieren und auch Sandro soll einen Brief erhalten, mit der Bitte, sich hierhin aufzumachen. Das wird dir auch die Gelegenheit geben, dich von ihm überzeugen. Verzeih mir meine dreiste Frage, liebe Freundin, wie würdest du deinem potentiellen Nachfolger Unterstützung zuteilwerden lassen? Jeder Hilfe ist eine Hilfe, Dajanidra”. Das Fruchtgetränk schien der Alten neue Kraft gegeben zu haben, denn sie schritt nun leichter neben dem Jüngeren her. Oder war es die Zuversicht, mit seiner Unterstützung die Bürde ihres Amts weitergeben zu können? “Einen Rechtskundigen hinzuzuziehen ist eine sinnvolle Entscheidung”, lobte sie. “Kündigt mir aber an, wann Sandro mit diesem Bolburri kommt. Eine vorläufige Bleibe werde ich dann für die beiden finden.” Sie wies auf eines der hohen schmalen Häuser entlang ihres gemeinsamen Weges: "Euch wird aufgefallen sein, dass manch Gebäude in der Stadt leer steht. So sollte es nicht schwer sein, für Euren Neffen auch eine längerfristige Wohnung zu finden, in der er auch die Geschäfte in Ramaúd führen kann. Was meinerseits darüber hinaus gehen kann…” Sie hielt wieder inne, überlegte und beschied dann: “Keiner meiner Söhne hat mein Handwerk ergriffen. Es wäre somit der leichteste Weg für Sandro, einen ersten Schritt in die Zunft zu tun, wenn er meine Werkstätte übernähme. Doch darüber und über Weiteres möchte ich mit ihm selbst beraten, wenn er sich mir vorstellt.” ,,Gewiss doch, Dajanidra. Ich werde unverzüglich Schreiben aufgeben und per Eilkurier nach Efferdas und Unterfels schicken.” Inzwischen war der Efferdtempel am Nordrand des Hafens wieder in Sicht. Dajanidra wies auf das Sakralgebäude: “Lasst uns unsere angenehme und hoffentlich in eine gute Zukunft weisende Unterhaltung beschließen und zum Herrn von Wind und Wogen beten. Lasst uns ihm ein Opfer bringen, auf dass die Familien d’Antara und re Kust künftig gemeinsam unter seinem Schutz wirken können.” Phelizzio nickte und folgte seiner alten Freundin.
Weitere Depeschen
Brief an Sandro d’Antara
,,Mein lieber Neffe. Ich bitte dich um deine persönliche Anwesenheit hier in Ramaud bezüglich der Klärung der Nachfolge von Dajanidra. Die Situation hatte ich dir bereits vor meinem Aufbruch geschildert. Beiliegend erhältst du auch die Adresse der Sozietät Bolburri, die ich dich bitte vorher aufzusuchen und unsere Freunde der Rechtskunde, mit nach Ramaud zu führen. Überbring auch Ciliano meine liebsten Grüße und denke dir bitte ein Geschenk für ihn aus. Ich bleibe bis zu Euer hier und erwarte Euch mit Freude. Vergeude keine Zeit. gez. Phelizzio.”
Brief an die Sozietät Bolburri
zu Händen Bassiano Bolburri d.J.
,,Mein werter Freund Bassiano, mit großem Stolz verfolge ich aus der Ferne die Ausbildung von Ciliano in Eurer noblen Siegelmeisterei und ich hoffe sehr, dass er sich gut schlägt. Doch die Nachfrage nach meinem Neffen ist nicht der eigentliche Grund meines Schreibens. Meine Familie bedarf Eurer rechtkundigen Hilfe in Sachen der Nachfolgesuche der Dajanidra re Kust in der Stadt Ramaud. Ich habe ihr meinen Neffen, Sandro, als potentiellen Nachfolger als der Zunftmeister der Schiffsbauer angeboten. Doch dazu bedarf es erstmal der Überwindung rechtlicher wie politischer Hürden. Doch näheres vermag vor Ort geklärt werden, daher bitte ich Euch mit meinem Neffen Sandro gemeinsam nach Ramaud zu kommen. Dieser wird Euch einen Eilreiter zu schicken, sobald er sich zwei Tage vor Unterfels befindet. Selbstredend werde ich etwaige Kosten zur Reisevorbereitung tragen und Euch erstatten. Habt Dank und ich verbleibe mit Besten Grüßen, gez. Phelizzio d’Antara” gesiegelt mit dem Fasanenwappen
Bassiano ließ den Brief sinken und musste schmunzeln. Sein junger Freund hatte ehrgeizige Pläne. Er würde ihn gerne dabei unterstützen und war gespannt darauf, Sandro kennenzulernen. Er überlegte kurz und fasste dann den Entschluss, seinen Cousin Federico als Unterstützung mitzunehmen. Dieser hatte ein gutes Gespür für politische Belange und er schien Bassiano hilfreich bei diesem Auftrag zu sein.
Guter Rat will Weile haben
(Ramaúd, 22. Ingerimm 1048 BF)
Ein guter Mond war vergangen, seitdem Phelizzio d’Antara Ramaúd hinter sich gelassen hatte, um seinen Neffen sowie Bassiano und Federico Bolburri in Kenntnis darüber zu setzen, was er von Dajanidra re Kust erfahren hatte. Selbst mit deren Wohlwollen und Fürsprache würde es viel mehr Geduld und Mühe erfordern, Sandro in eine Position zu bringen, in der er günstigen Einfluss auf die Geschäfte der Familie d’Antara nehmen könnte, als er erwartet hatte, musste Phelizzio sich selbst eingestehen. Womöglich Jahre - in Ramaúd lief vieles noch langsamer als in größeren Städten. Immerhin: Die re-Kust-Werkstatt zu übernehmen, das konnte in nicht zu ferner Zeit gelingen - der erste Schritt in die Zunft, mit dem Stadtrat als Fernziel. D’Antara betrat, mit seinen Rechtsberatern und seinem Neffen im Gefolge, das kleine Haus neben der Bootswerkstatt, in dem Dajanidra und ihre Angestellten die Geschäfte führten. Ein wortkarger Bediensteter führte sie in das enge Besprechungszimmer, in dem sechs Lehnstühle einen runden Tisch umstanden. Einer davon war bereits besetzt. Eine junge Frau saß bereits dort, die die drei Neuankömmlinge als Sanya Degano erkannten. Schräg hinter ihr stand ein Begleiter, beide wirken gespannt, wie das Gespräch verlaufen würde.
Dajanidra hatte sich jemanden aus der Schiffsbauerfamilie als Beraterin erbeten, und Sanya war entsandt worden. Diese war eine junge Frau von 18 Jahren, die sichtlich aufgeregt war, an dieser “Mission” teilzunehmen. Durchaus attraktiv war sie, aber keine Salonschönheit, und hier und da sah man ihr an, dass sie auch als Handwerkerin tätig war. So trug sie um ihren rechten Daumen eine Ledermanschette, die das Daumengelenk wohl etwas unterstützen sollte. Begleitet wurde sie von einem Mann etwa Ende 30, den sie als Ottavio Brigonetti vorstellte, Schiffsbaumeister auf der Deganowerft in Sewamund. Sanyas Vater Dorifer war der momentane Werftleiter in Sewamund; sie wollte das Handwerk ihres Vater erlernen und ihm vielleicht irgendwann nachfolgen. Aus diesem Grund reiste sie immer wieder mal zu anderen Werften des Horasreiches. Eine Tradition bei den Deganos. Auch wenn die Deganowerft weiterhin fast ausschließlich Karavellen baute, war immer wieder ein Blick in die Arbeitsweisen anderer Werften gut. Leben war Veränderung und innerhalb einer Generation konnte viel passieren.
Als Sandro d’Antara mit den zwei Anwälten Bassiano und Federico Bolburri den Raum betrat, ging der Schiffsbauer aus Efferdas zielstrebig zur jungen Sanya Degano und begrüßte sie lächelnd mit einem festen Händedruck. Ebenso begrüßte er Ottavio. Die beiden Schiffsbauer-Familien waren durch die Freundschaft von Orelian d’Antara und Holdur Degano, und durch die Heirat von Orelian mit Morena Degano eng miteinander verbunden. So kannte Sandro bereits sein Gegenüber und stellte seine zwei Begleiter vor.
Ein Bediensteter schlurfte wortlos herein und brachte den Besuchern Becher sowie einen Krug mit gesüßtem Kräutertee, dazu jedem ein noch warmes Brombeerküchlein. Eine einfache Geste der Gastfreundlichkeit. Schließlich tat sich eine Tür auf und die alte Dajanidra trat herein, begleitet von einer mausgesichtigen Schreiberin mittleren Alters. Die jüngere Frau rückte der Zunftmeisterin respektvoll den Stuhl zurecht, was diese trotz einer abwehrenden Geste annahm, und bezog dann Position an einem Stehsekretär in einer Zimmerecke. Sie würde festhalten, was gesprochen und vereinbart ward und war von den Anwesenden sogleich wieder aus ihrer Aufmerksamkeit entlassen. Dajanidra hatte ihre Besucher bereits zuvor einzeln bei deren Eintreffen begrüßt, sodass keine Notwendigkeit mehr für Floskeln bestand.
Punkt 1: Die Werkstatt Freundlich, aber etwas förmlich eröffnete sie die Beratung: “Da wir nun hier alle beisammen sind, wollen wir die von meiner… Secretaria vorbereitete Tagesordnung der Reihe nach abhandeln - so wie man es auch im Rat von Ramaúd macht”, ergänzte sie mit einem aufmunternden Lächeln in Richtung Sandros. Sie blickte auf ein mit Stichworten beschriebenes Pergament, das sie als Erinnerungsstütze vor sich auf die Tischplatte gelegt hatte: “Punkt 1 ist die Übergabe meiner Geschäfte und der Bootsbauerwerkstatt re Kust an den hier anwesenden Meister Sandro d’Antara aus Efferdas. Mithin eine Grundvoraussetzung dafür, dass Besagter in die Zunft der Boots- und Schiffsbauer zu Ramaúd aufgenommen werden kann. Was gibt es dabei zu beachten und was bietet die Familie d’Antara dafür?” Dajanidra blickte erst Sanya und dann Sandro an.
Sandro räusperte sich und begann: ,,Werte Signora Dajanidra”, er neigte höflich den Kopf, “und werte Vertreter der ehrbaren Familien Degano und Bolburri. Meine Familie und ich möchten sich für dieses Gespräch bei allen Anwesenden bedanken und wir freuen uns auf eine für aller Seiten akzeptable Lösung. Die Familie d’Antara garantiert als aller erstes die Übernahme und Weiterbeschäftigung der Arbeiter in der Werkstatt! Hierzu habe ich bereits ein Vertrag an alle Beschäftige anfertigen lassen.” Er blickte zu Bassiano Bolburri, die entsprechenden Dokumente vorzulegen. Aufs Stichwort legte Bassiano einen entsprechenden Vertrag auf den Tisch. “Signor d'Antara verpflichtet sich durch diesen Vertrag, dass alle bisherigen Arbeiter für mindestens INGerimmheilige 11 mal 11 Wochen in der Werkstatt beschäftigt bleiben und ihren gerechten Lohn bekommen. Darüber hinaus garantiert er die Versorgung bei Krankheit.”
“Weiterhin stelle ich durch familiäre Handelskontakte die Materialversorgung der Werkstatt sicher.”
Dajanidra schmunzelte: “Ersteres ist ein kluger Vorschlag, denn ohne meinen Gesellen, der längst selbst Meister sein könnte, und die handverlesenen Lehrlinge, die fleißig mit anpacken, würdet Ihr Euch schwer tun, die Aufträge für Reparaturen und gelegentliche Neubauten fristgerecht zu erfüllen. Ihr werdet feststellen, dass Ihr nach der garantierten Zeitspanne nicht auf sie verzichten möchtet. Das Zweite ist eine Notwendigkeit, aber ich rate Euch sehr, Werkmaterial bevorzugt bei den bisherigen Lieferanten zu kaufen.”
Sandro notierte sich etwas auf einem Blatt Pergament, sprach kurz mit Bassiano unverständlich. ,,In dieser Hinsicht werde ich Euren Rat bevorzugen und die Lieferanten persönlich meine Aufwartung machen, und sie von der Weiterführung bisheriger Geschäftsbeziehungen dann unterrichten. Würdet Ihr dazu mir eine Lieferantenliste zukommen lassen?"
“Auch diese Übersicht sollt Ihr erhalten”, bestätigte die Meisterin, “zusammen mit allen anderen Dokumenten, die für die Übertragung der Werkstatt erforderlich oder zumindest nützlich sind. Doch von dem, was Ihr benötigt, zurück zu jenem, was die Eure Familie im Gegenzug noch anbietet.”
Sandro d’Antara nickte und bat Bassiano Bolburri daraufhin mehrere in Leder gebundene Mappen den Anwesenden zu verteilen. Als einjeder eine vor sich liegen hatte, begann der Schiffsbauer die vorher gestellte Frage detailliert zu beantworten: “Neben Investionskapital werde ich folgende Punkte einbringen:
1. Auf Seite 2 finden sie Schiffs-und Bootskonstruktionen für Spezialproduktion von Sonderaufträgen für vor allem adlige Kundenschaft (kleine Teichboote in Form von Schwänen oder Fischen). Beiliegend finden Sie auch einige Konzeptzeichnungen zu erwähnten Aussehenstypen sowie eine dazugehörende Kostenaufstellung. Dieses Angebot unterstreicht die handwerkliche Erfahrung sowie den Qualitätsanspruch.
2. Auf den Seiten 5-8 finden sie einen Konstruktionsvorschlag für einen weiterentwickelten Kutter, der vorrangig für den Fischereibedarf an den küstennahen Fanggründen vorgesehen ist. Nichtsdestotrotz kann dieser Kuttertyp auch für den militärischen Bedarf für Patrouillen- und Begleitdienste umgerüstet werden. Somit können auch Aufträge von Handelskompanien oder der Horaskaiserlichen Marine erworben werden.
3. Durch den Austausch mit der urbasischen Floßschiffwerft Caracciolo ist der Bau von Flussschiffen möglich, als Erweiterung des Bausortiments, sodass wir auch überregional uns etablieren können. Auf den Seiten 9-12 finden Sie dazu näheres.
4. Zukunftsförderungen von begabten Talenten sowie die uneingeschränkte Versorgung bei Krankenfällen von Arbeitern.” Sandroro sah auf und erklärte: “Der tiefe Glauben an Travia bezieht auch die Unterstützung der Werksfamilie ein.
5. Zu guter letzt werden wir den anfallenden Bedarf an neuen und hochwertigen Werkzeugen für die Werkstatt bedingungslos sicher stellen. Daneben liegt mir die allzeit konstruktive Zusammenarbeit zwischen Rat, der Gilde und der Stadt besonders am Herzen. Fürs Protokoll erkläre ich meine Bereitschaft, nach Ramaud selbst zu ziehen, um direkter Teil der Werksfamilie zu werden und als Ansprechpartner vor Ort zu dienen.”
Dajanidra hatte bei diesem ausführlichen Vortrag mehrfach zustimmend genickt und bisweilen angenehm überrascht gewirkt. Mitgelesen hatte sie nicht - den Blick in die Unterlagen übernahm Sanya Degano. Dieser warf die rüstige Alte nun einen Seitenblick zu: “Mögt Ihr gleich etwas anmerken?”
Sanya klingelten förmlich die Ohren, nachdem in fünf Punkten aufgezählt wurde, was alles gemacht werden wollte und sollte. Ottavio erkaufte ihr etwas Zeit, indem er sich zum in Punkt 2 Genannten äußerte: “Halte ich für sehr schwierig einen Typ zu entwickeln und für einen Preis anzubieten, der sich rechnet, wenn es sowohl den Anforderungen der Fischer als auch der Flotte erfüllen soll. Kann ich mir kaum vorstellen…” Das war der jungen Sanya dann doch etwas zu undiplomatisch und sie fügte schnell an: “Es sind in meinen Augen sehr ambitionierte Pläne, was ja grundsätzlich nichts Schlechtes sein muss. Ich komme aber nicht umhin zu sagen, dass es vor allem auch sehr teure fünf Punkte sind, die große Investitionen und langen Atem benötigen. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Menge an Geld vorhanden ist. Aus Schiffbauersicht sieht es sonst gut aus… nur wie gesagt fällt es mir gerade schwer mir auszumalen wann das alles Gewinn abwirft!”
Nun ergriff Dajanidra wieder das Wort: “Was Ihr anbietet, Meister Sandro, wirkt für mich sinnvoll und zukunftsweisend. Eine Anmerkung oder Frage habe ich… oder zwei.” Letzteres sagte sie mehr zu sich selbst. “Ihr wollt Flussschiffe bauen, sagt Ihr. Womöglich zieht man in Efferdas die Grenze zwischen Boot und Schiff weniger scharf. Doch Ihr habt die Werkstatt und den dazugehörigen Liegeplatz am Strandhafen besichtigt - und werdet sicher mit mir übereinstimmen, dass alles, was die Länge eines großen Boots überschreitet - vielleicht jene eines Beiboots für eine Schivone - unsere derzeitigen Möglichkeiten übersteigt?”
Sandro nickte verstehend: ,,Werte Dajanidra, die hiesigen Kapazitäten habe ich vor unserem Treffen begutachten können, und ich bin von diesen begeistert! Doch sollte die Auflistung der Baumöglichkeit von Flussschiffen vor allem die Visionssicht meinerseits darstellen und Euch ebenjene potentielle langfristig gedachte Marktchance auflisten.” Er blickte in die Runde.
Sie schien mit dieser Antwort zufrieden sein. “Und die zweite Frage?”, wollte d’Antara wissen. Verlegen richtete die Meisterin den Blick auf ihre kräftigen, aber vom Alter krummen Finger und zögerte. Zu Hilfe meldete sich die unscheinbare Secretaria, die alle am Tisch sitzenden Personen an ihrem Stehpult schnell vergessen hatten. Ihre Stimme war leise, freundlich und fein artikuliert: “Signora re Kust möchte sicherlich wissen, ob die versprochene Fürsorge für die Werksfamilie auch sie selbst umfassen würde und sie ein Altenteil im Gebäude erhielte.” Dajanidra nickte leicht, obgleich zu erkennen war, dass ihr dieses Anliegen fast peinlich war. “Nicht, dass die Baronsmutter dessen bedürfte”, ergänzte die Frau am Stehpult. “Doch einen alten Baum versetzt man nicht mehr.”
Sandro erhob sich um dem Nachfolgenden Bedeutung beizumessen. ,,Bei Travia! Es ist der gütigen Göttin besonderes Lobgefallen, die Gastfreundschaft anzubieten. So möchten Phelizzio, ich selbst und auch die ganze Familie d'Antara Euch diese mit großer Ehre gewähren! Ihr seid eine Freundin der Familie seit Jahren. So lange Ihr lebt, wird Euch ein Altenteil gewährt und Ihr habt immer einen Platz an meinem Tisch, werte Dajanidra”, erklärte er und verbeugte sich. Nachdem Dajanidra sichtlich gerührt diese Geste mit einem lächelnden Nicken beantwortet hatte, setzte sich der Schiffsbauer wieder an seinen Platz. Punkt 2: Kauf oder Pacht “Wie ihr das Handwerk weiterführen wollt, wäre damit festgehalten und soll in den Vertrag”, sagte Dajanidra zufrieden. Die Alte beugte sich über die Papiere vor ihr und las die nächste Zeile darauf. Ihren vom Alter krummen Zeigefinger nahm sie zu Hilfe, um nicht zu verrutschen: “Der zweite Punkt betrifft das Gebäude, den Grund, auf dem dieses steht, und den Liegeplatz am Hafen…” ,,Ich gedenke einen Pachtvertrag für die Dauer von fünf Jahren mit anschließender Übernahme abzuschließen”, hakte Sandro sogleich ein. “Die Eigentums- und Besitzrechte sowie die Entscheidungshoheit würde allerdings in meinen Händen liegen. Dem sachkundigen Rat der werten Dajanidra räume ich weiterhin einen festen Platz ein, sofern Ihr das wünscht. Was würdet Ihr davon halten? ” Sie wiegte ihren Kopf hin und her und eine dünne, weiße Haarsträhne rutschte ihr auf die Stirn: “Sozusagen eine beiderseitige Zeit, zu erproben, ob sich alles so entwickelt, wie wir uns das wünschen? Ein kluger Ansatz.” Sie nahm einen Schluck aus ihrem Becher, bevor sie fortfuhr: “Gerne will ich Euch die Werkstatt, das Gebäude, die Parzelle und die Liege vorerst zur Pacht überlassen. Ihr müsst aber wissen, dass nur das Gebäude im eigentlichen Sinn verkäuflich ist. Das Grundstück, auf dem es errichtet worden ist, steht mit von der Stadt gewährtem Erbbaurecht zur Verfügung. Und der Liegeplatz ist zwar seit jeher der unsere, jedoch von der Zunft der Bootsbaumeister gepachtet.” Einige der Anwesenden gaben wissende Laute von sich, runzelten die Stirn oder rollten mit den Augen. Das kleine Ramaúd war uralt, seine Einwohner eigensinnig, die Rechte und Regeln oft verflochten. Sandro d’Antara würde guten Rats bedürfen, wenn er sich hier zurechtfinden wollte. Den Unterfelser Advokaten überraschten solcherart Besitzverhältnisse nicht sehr. Er hatte schon einige unübersichtliche Fälle bearbeitet. Bassiano lächelte also und sagte: “Signora Dajanidra, mit Eurer Hilfe werden wir sicherlich alle Verträge für Euch zufriedenstellend formulieren. Und auch für Ramaúd.” Sie nickte zuversichtlich und sagte: “Gewiss, und ich will Euch zu helfen versuchen. Und meine Beraterinnen”, sie schaute zu Sanya, “werden auch Augen darauf haben, dass ihr nicht in Fallstricke geratet.” ,,Es obliegt stets meinem Ansinnen, den geschichtsträchtigen Rechten der Stadt Ramaud zu entsprechen!”, unterstrich Sandra. “Wenn ich das so formulieren darf: sobald meine Frau und ich hierhin gezogen sind, wird Ramaud nicht mehr einen Außenseiter sondern einen der ihren begrüßen dürfen.” Sandro verneigte sich dankend, dann fuhr er fort:,, Mit Eurem Einverständnis, werte Dajanidra, werde ich mit der Zunft der Bootsbauer sprechen und einen beiderseitigen Kompromiss versuchen zu erzielen. Darf ich da auf Eure Unterstützung zählen?” “Auch das”, stimmte Dajanidra zu. “Die Details mögen die Rechtskundigen miteinander ausarbeiten.” Dies war also vereinbart.
Punkt 3: Pekuniäres
Nun schien sie auf etwas zu erwarten, aber nicht gewillt zu sein, es selbst auszusprechen. Sandro d’Antara vermutete, dass noch eine Übereinkunft über den Wert der beweglichen Güter, Werkzeuge und des sonstigen Inventars seiner künftigen Werkstatt gefunden werden musste. Er fuhr fort: ,,Nun zu einem anderen Punkt, werte Anwesende. Ohne Werkzeuge und Materialien ist ein jedes Werk nicht umsetzbar. Wie stehen mir die hiesigen in ihrer Verwendung zu? Da favorisiere ich einen Nutzungsvertrag besagter Dinge, mit dem Zusatz meiner Pflicht zur sofortigen Ersetzung bei Verbrauch oder Verschleiß. Doch möchte ich bei anfallender kompletter Neuanschaffung von Werkzeugen mit Euch, werte Dajanidra, Rücksprache halten und auch die Vorarbeiter in diese Entscheidung mit einbinden. Sie wissen aus erster Hand, ob nicht sogar neuere Werkzeugmodelle benötigt werden. Wäre das akzeptabel?” Die Zunftmeisterin überlegte länger als erwartet, seufzte dann, blickte auf ihre von arbeitsamen Jahrzehnten krummen und schwieligen Finger und antwortete: “Ich muss es einsehen: Ich habe doch keine Verwendung für diese Dinge mehr. Und einem Meister sollten seine Werkzeuge auch selbst gehören, braver Sandro. Ich würde Euch all das, was ich im Ruhestand nicht mehr benötige, zum Zeitwert überlassen. Und was Ihr künftig an Ersatz kauft, falls etwas ausgetauscht werden muss, da will ich Euch nicht hinreinreden.” Sandro d’Antara neigte dankend den Kopf. ,,Werte Dajanidra. Ich danke Euch sehr für Eure Großzügigkeit!” Der Schiffsbauer schaute in die Runde der Anwesenden. ,,Wenn von allen Seiten zustimmen, stehe ich, sobald alle Verträge und Formalitäten unterzeichnet sind, als Schiffsbauer für Ramud zur Verfügung!” “Bootsbauer”, korrigierte die Secretaria vom Stehpult aus leise und nachsichtig. “Eins nach dem anderen”, stimmte Dajanidra zu. “Aber ich bin zuversichtlich, dass Ihr Euren Weg machen werdet, guter Sandro. Falls”, fuhr sie fort, um weiteren, großen Ankündigungen des Efferdiers zuvorzukommen, “Ihr Euch auf die Traditionen, mündlichen Regeln und schriftlichen Gesetze der Stadt einlasst und allem seinen hier üblichen Weg in seiner von euren hiesigen Mitbürgern erwarteten Geschwindigkeit zu nehmen erlaubt. Eins nach dem anderen”, wiederholte sie abschließend. Sandro nickte verstehend und gab seinerseits zum Abschluss sein Wort, die genannten Punkte zu erfüllen und sich danach zu richten.
Punkt 4: Sonstiges Sowohl Ottavio Brigonetti als auch Sanya Degano hatten bei den verschiedenen Punkten, die noch geklärt wurden, aufmerksam zugehört. Da aber bei keinem Punkt größere Unstimmigkeiten auftauchten hatten sie bislang nichts weiter zur Diskussion beigetragen. Als nun das Ganze sich dem Ende näherte, beschloss Sanya doch noch eine Sache anzusprechen: “Auf der Deganowerft ist es üblich, wenn ein Handwerker verstirbt oder sich auf sein Altenteil zurückzieht, dass am passenden Praiostag nach dem Götterdienst er seine gesamte Habe, die er für die Arbeit auf der Werft benötigt hat, auf einem Tisch präsentiert. Also sowohl Werkzeuge als auch Kleidung, eventuelle persönliche Andenken und so weiter. Natürlich abzüglich derer, die er wirklich behalten möchte. Dann ist es so, dass die auf der Werft verbleibenden Arbeiter, angefangen beim jüngsten Lehrling, sich jeweils einen Gegenstand aussuchen und diesen an sich nehmen. Im Gegenzug dafür dann eine angemessene Spende für den Ruheständler oder seine Familie da lassen. Dabei wird gemessen, was angemessen ist, zum einen mit dem Stand desjenigen, der es gibt, also bei einem Lehrling natürlich weniger als bei einem Meister. Aber auch daran, wie der Ruheständler beziehungsweise seine Familie versorgt ist. Ein reicher Meister bekommt also viel weniger als jemand, der irgendwo zur Untermiete wohnt. Dieses Vorgehen hat sich auf unserer Werft als sehr vorteilhaft gezeigt und ich kann nur empfehlen, solches oder ähnliches auch einzuführen!” Sandro d'Antara hörte sich diesen Vorschlag aufmerksam an. Durch die Frau seines Onkels Orelian, Morena, geborene Degano, war er mit dieser Tradition bereits bekannt, doch in der familiären covernischen Schiffswerft d'Antara in Efferdas war sie noch nicht umgesetzt worden. Doch die positiven Rückmeldungen von Morena hatten ihn dafür offen gemacht. Er blickte erwartungsvoll in Richtung von Dajanidra, da er diese Entscheidung von ihr getroffen haben wollte. Sollte er gefragt werden, würde er diese Tradition übernehmen wollen. Die alte re Kust hatte der jungen Degano mit Interesse gelauscht. Ihre Miene drückte Zustimmung aus, und ihre Stellungnahme unterstrich dies jetzt: “Ich kann wieder einmal verstehen, weshalb mein lieber Sohn und seine kluge Gemahlin”, sagte sie lächelnd, “die fortschrittlichen Degano zur Unterstützung der Werft gewinnen wollten. Auch bei meiner kleinen Werkstatt, um die es heute geht, bringt diese Familie mit Euch, geschätzte Signorina, kluge Neuerungen ins Gespräch. Ja, meine Angestellten, die künftig in den Diensten Meister Sandros sein werden, sollen sich aus meinem Handwerkszeug jeder etwas aussuchen dürfen. Und falls das Euch, Sandro, genehm wäre, soll das in diesem Vertrag auch für künftige Zeiten gelten, wenn Ihr oder ein anderer Meister der Bootsbauerei d’Antara zu Ramaúd (vormals re Kust) das Altenteil wählt. Vielleicht macht es das einfacher, neue Lehrlinge und Arbeiter zu finden. Und vielleicht würde es auch einen guten Einstand für Eue Ziel bedeuten, in die Zunft aufgenommen zu werden.” Sandro nickte zustimmend: ,,Von meiner Seite spricht nichts dagegen. Durch meine Tante Morena, eine gebürtige Degano, bin ich bereits mit dieser Tradition vertraut, ebenso wie die herausragende Wirkung dadurch. Wo Ihr gerade die nicht bestreitbaren sowie erfolgreichen Neuerungen der geschätzten Familie Degano erwähnt habt, gestattet mir dazu einen einfachen wie aufrichtigen Konter. Werte Dajanidra, werte Sanya, Ihr kennt beide meinen Onkel Phelizzio. Euch ist bekannt, dass er das Personal unter ihm immer als Teil der Familie betrachtet hat und stets Verbesserungen umzusetzen gedenkt, um Effizienz wie Arbeitssicherheit zu erreichen. So werde ich es auch halten!” Als er endete, sah Dajanidra in Sandros Augen die gleiche Aufrichtigkeit und Fürsorge funkeln, die sie es immer an Phelizzio bemerkt hatte. Auch Sandro wollte sich immer hinter das Werftpersonal stellen, und wenn nötig sogar schützend vor dieses. “So wird sich auch das zu meinem Wohlgefallen ergeben”, sagte die Alte erfreut. Sie schaute zu der unscheinbaren Schreiberin am Pult hinter sich, um zu prüfen, ob diese alles Gesprochene festgehalten hatte. Diese nickte leicht und Dajanidra fuhr fort: “Nach dieser langen Beratung ist die Arbeit für jene, die den Vertrag aufsetzen, prüfen und zur Unterzeichnung vorbereiten werden, noch nicht abgeschlossen. Wir anderen aber”, schloss sie die d’Antaras, Deganos und Bolburris ein, “haben bereits genug getan, um uns traviagefällig zu stärken. Lasst uns einen Spaziergang in die Oberstadt machen. Am Grünen Platz ist ein Tisch für uns alle in der ‘Roten Krone’ frei. Ein angemessener Ort, um diesen Handel zu beschließen.”
Kusliker Kurier, Ingerimm 1048 BF
Nachfolge für Ramaúder Zunftmeisterin Dajanidra re Kust übergibt ihre Bootswerkstatt
Von Eolan ya Aragonza
Ramaúd. In der alten Hafenstadt Ramaúd hält man an Bewährtem fest und Veränderungen verlaufen meist langsam. Da ist es eine Nachricht wert, wenn eine neue Familie Platz unter den zünftigen Handwerkern nimmt.
Die Bootsbaumeisterin Dajanidra re Kust, die inzwischen mehr als 80 Sommer erlebt hat, übergab im Ingerimmmond 1048 BF ihre Werkstatt mit alle, was dazu gehört, an den jungen Sandro d’Antara. Dieser entspringt einer aufstrebenden Familie aus Efferdas und hat seinen eigenen Verlautbarungen nach große Pläne für den kleinen Betrieb.
Eine erste Hürde hat er bereits überwunden: Mit knappster Mehrheit von einer Stimme nahm ihn die Ramaúder Zunft der Boots- und Schiffsbauer auf.
Dajanidra hingegen zieht sich aufs Altenteil zurück, das ihr Meister d’Antara dauerhaft gewährt: „Da können mich meine Enkel besuchen“, sagte sie unserem Berichterstatter unlängst.
Wer ihr als Zunftmeisterin und damit auch im Rat der Stadt nachfolgen wird, war bei Redaktionsschluss noch offen. Sollte das neu aufgenommene Zunftmitglied auf dieses Amt spekulieren, sollte er mit einer Gegenkandidatur aus den alteingesessenen Familien rechnen.