Briefspiel:Gedenken am 4. Peraine - Teil 1
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Beteiligte (irdisch)
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Autor: Erlan
Oberfels, am Abend des 4. Peraine 1047 BF.
Die Wellenbrecher am Palazzo Yaquirbruch
Es war ein lauschiger Abend mit angenehmem Wetter. Die Sonne hatte den ganzen Tag geschienen, ohne erbarmungslos oder sengend zu sein. Immer wieder kam etwas Wind auf, doch die Oberfläche des mächtigen Yaquirs ließ sich davon kaum beeinflussen. Auf Höhe der Stadt Oberfels war der trutzige Palazzo Yaquirbruch auf einer Brücke errichtet worden, die weit in den Fluss hineinragte. Das Wasser strömte ruhig unter den steinernen Bögen hindurch; nur vereinzelt brachen sich kleine Wellen an den Pfeilern, gedämpft und gleichmäßig. Es herrschte kein starker Wellengang, kein Drängen oder Toben des Flusses.
Alles wirkte still, beinahe heimelig, als ruhe der Strom selbst für diesen Abend.
Vor dem eigentlichen Eingang des Palazzo, dem formalen Sitz der gleichnamigen Baronie Yaquirbruch, standen vier Gardisten der Yaquirbrucher Wellenbrecher, der vor einigen Jahren neu formierten Garde der Baronie. Zwei von ihnen hielten etwas vor dem Tor Wache, klar sichtbar im Licht der Fackeln. Ihre Uniformen bestanden aus gestreiften Wämsern, breiten Gürteln und Schärpen in Blau – für den Yaquir –, ergänzt durch Besätze in Grün und Gelb. Auf den Helmen trugen sie Federbüsche in Blau.
Zwei weitere Gardisten standen etwas zurückversetzt im Torbogen selbst, halb im Schatten des gemauerten Durchgangs. Ihre Mienen wirkten grimmiger, ihre Haltung wehrhafter. Auch sie führten Hellebarden, trugen jedoch zusätzlich metallene Rüstungsteile, die das flache Abendlicht einfingen, so dass sich der Schein der Fackeln und der Praiosscheibe darin brach und das Metall dezent glänzen ließ.
Vorne standen die etwas ältere Gardistin Usvina, mit festem Stand und ruhigem Blick, und neben ihr der hochgewachsene Tolman: jung, aufmerksam, zugleich noch von einer gewissen nervösen Anspannung erfüllt, da er erst vor Kurzem erstmals hier als Wache eingesetzt worden war.
Von der Stadt her näherte sich ein Reiter dem Palazzo.
Der Reiter
Orban Patros hatte eine lange Reise hinter sich, und seine Erschöpfung ließ sich nicht ganz verbergen. Er war ein hochgewachsener Hüne, fast zwei Schritt groß, breitschultrig, von ruhiger Präsenz. Dunkles Haar fiel ihm schulterlang über den Kragen. Sein Reitgewand war edel gearbeitet und sauber gehalten. An den Ärmeln waren sorgfältig applizierte Stoffteile angebracht, die wie blaue Wappenschilde wirkten, auf denen jeweils eine goldene Scheibe prangte.
Als er bei Usvina und Tolman ankam, sprang er mit einem gewissen Sicherheitsabstand vom Pferd. Dieses war ein großes, kräftiges Reittier mit ruhigem Blick, gut gepflegt, das trotz der späten Stunde geduldig wartete und nur leise schnaubte – zweifellos ein Tier aus den besten Zuchten des Reiches.
Orban trat vor, hielt kurz inne und neigte knapp den Kopf.
„Die Zwölfe und der heilige Herr Horas voran zum Gruße“, sagte er und wandte sich dabei an Tolman – vielleicht, weil er ihm zumindest körperlich auf Augenhöhe erschien. „Darf ich mich vorstellen? Orban Patras. Ich wollte zu dem Treffen.“
Tolman blinzelte. „Zu welchem Treffen?“
Orban wirkte einen Moment lang irritiert. „Nun … Ihr wisst schon. Das Treffen.“
Usvina und Tolman schüttelten fast gleichzeitig den Kopf. Hinter ihnen blieben die beiden Gardisten im Torbogen reglos.
Der Mann runzelte die Stirn. „Ist heute nicht der vierte Peraine?“
Tolman nickte. „Doch. Heute ist der vierte Peraine.“ Er zögerte. „Aber was für ein Treffen meint Ihr?“
„Das unserer Parteiung im Kronkonvent“, antwortete Morakoras und deutete dabei auf die Stoffapplikation an seinem Ärmel.
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann räusperte sich Usvina und wandte sich an ihren jüngeren Kameraden.
„Ich habe meinen Dienst ja gerade erst angetreten“, sagte sie leise. „Weilt der Herr noch in Vinsalt?“
Tolman zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Ich war heute noch gar nicht im Palazzo selbst. Meine Schicht hat auch erst vor Kurzem angefangen.“
Usvina nickte knapp, entschuldigte sich kurz bei dem Gast und ging zum Torbogen. Sie trat durch den Durchgang und verschwand zwischen den beiden hinteren Gardisten im Inneren des Palazzo.
Nur wenige Minuten vergingen, dann kehrte sie zurück.
„Der Herr lässt bitten“, sagte sie. „Tretet bitte ein.“
Sie trat zur Seite und wies dem Gast den Weg durch das Tor.
„Ich kümmere mich um Euer Pferd“, sagte Tolman und griff nach den Zügeln. Die beiden Gardisten im Hintergrund machten wortlos Platz. Unter Usvinas Führung verschwand Orban Patras im Palazzo Yaquirbruch.