Briefspiel:Unser Garten muss schöner werden/Das Treffen
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Reise
Für die Reise ins Aurelat würde Phelizzio d'Antara vier Hausgardisten mitnehmen, mehrere in gepolsterten Kisten aufbewarte Modelle zum Vorzeigen, seine Skizzen für weitere Modelle sowie einen Katalog zum Nachlesen für den Rahja-Geweihten, sowie einiges mehr, das er dachte für das Vortragen seiner Zierboote brauchen zu müssen.
Die Mietkutsche war bereits vorgefahren und in Gedanken ging er noch einmal die letzten Dinge durch. Er hatte ein befremdliches Gefühl, einem Rahja-Geweihten gegenüberzustehen, obwohl er die Rahja-Kirche seit Belhanka eigentlich als vertraut ansieht, dies war seinem Glauben an Travia geschuldet, die das unmoralische Verhalten einiger Rahja-Gläubigen zutiefst missbilligt. Doch er wurde für einen potentiellen Auftrag nach Urbasi gerufen und nicht zu einem Kirchendialog.
Zum Abschied winkte er noch seiner Familie aus dem Kutschenfenster und trat die Reise gen Nordosten an.
Ankunft
Die Kutsche hielt sanft vor dem Tempel der Liebholden Göttin Rahja. Es war früher Nachmittag und die Reise war angenehm und ohne Zwischenfälle verlaufen. Phelizzio d’Antara blieb vor dem Tempel stehen und ließ die traumhafte Erscheinung des Gebäudes mehrere Augenblicke auf sich wirken. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht als er den Kuppelbau betrachtete. Dieses Kirchenhaus schmeichelt unwissentlich der aranischen Seite seiner Familie, daher sagte er unbewusst ‘wunderschön’ auf tulamdisch, doch er besann sich wieder und teilte einem auf ihn zu steuernden Novizen mit, wer er sei und das er eine Audienz bei seiner Hochwürden Rahjalin Solivino hat. Der junge Mann nickte und verbeugte sich und bat Phelizzio ihm zu folgen. Dieser lächelte und gehorchte. Mit einem Wink hielt er seine Begleiter an, an der Kutsche zu bleiben. Er würde ihnen später mitteilen wo sie alles aufbauen können, doch erstmal galt es seiner Hochwürden seine Aufwartung zu machen.
Der Novize führte ihn in die Tempelhalle, die heute gut besucht war. Der Tempelvorsteher unterhielt sich gerade mit einer Zuckerbäckerin, beendete das Gespräch jedoch mit einigen höflichen Floskeln, sobald er den Novizen und Phelizzio bemerkte.
“Ah, Signor Phelizzio! Es ist mir eine Freude, Euch nun endlich in Person zu begegnen.” Er lächelte fröhlich. “Seid willkommen in unseren Hallen. Darf ich Euch zunächst auf eine Erfrischung einladen?”
Er nickte dem Novizen zu. “Danke, Alricio.”, woraufhin sich dieser mit einer Verbeugung zurückzog.
Phelizzio lächelte und verbeugte sich höflich vor dem Geweihten.
,,Euer Hochwürden, habt Dank für eure Einladung in diese wahrlich wunderschönen Hallen. Ich darf mich nochmal für Euer Vertrauen in meine Handwerkskunst bedanken!”, erneut neigte der Schiffsbauer sein Haupt. Eine Erfrischung nehme ich gerne, doch bitte keinen Wein dergleichen, so ist es mein brauch. Solange ich arbeite bleibt mein Kopf klar und meine Hände fleißig “, er lachte herzhaft, dass Rahjalin sogar mit einstimmte.
“Ganz wie Ihr wünscht.” Für Rahjalin erschloss es sich zwar nicht, wie jemand freiwillig Wein ablehnen konnte, doch jemanden zu irgendetwas drängen, war wohl das Letzte, was der Göttin gefällig war.
Er ließ Alricio erneut rufen und ein Tablett mit Wasser und (für ihn selbst) Wein bringen.
“Auf unsere kommende Zusammenarbeit, Signor!”, rief er und stieß mit ihm an.
Danach zeigte er ihm nicht ohne Stolz den Tempel, der zu dieser Jahreszeit noch mit Winterrosen und gerade erst frisch erblühenden Frühlingsblumen geschmückt war. Eine Novizin war gerade dabei, einen bunten Kranz aus Krokussen, Goldsternen, Narzissen und Lilien zu flechten, um ihn über dem Altar aufzuhängen. Ein Akoluth stellte einen Strauß Tulpen in eine Vase. Durch das offenstehende zweiflügelige Tor wehte leichter Wind hinein, Sonnenlicht fiel durch die Fenster.
Beim Rundgang kamen zunächst keine Anekdoten zu den Zierbooten auf. Man unterhielt sich über die Architektur und besonders über die Bepflanzung. Schnell merkte man, dass die beiden Männer eine gleiche Chemie trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verband.
So empfahl Phelizzio dem Geweihten, die wunderschöne Pracht von Hibiskussen in verschiedenen Farben, auch Weinrot, im Frühsommer und weiterer Ziersträucher in Betracht zu ziehen und kam aus dem Schwärmen für die Tempelanlage gar nicht mehr heraus.
,,Euer Hochwürden. Ich kann wirklich stundenlang durch diesen wunderschönen Tempel gehen, doch ich möchte natürlich meinen Beitrag dazu leisten, ihn noch mehr zum Strahlen zu bringen. Bitte sagt mir, wo ich die Vorführung abhalten kann, dass ich meinen Begleitern sagen kann, wo sie alles aufbauen können. Ich werdet begeistert sein”, sagte der Schiffsbauer mit einem warmen Lächeln.
“Ganz wie Ihr wünscht. Dass Ihr eine Vorführung vorbereitet habt, wäre wirklich nicht nötig gewesen, Signor! Ich bin sehr gespannt. Nun, dann folgt mir doch in den Garten.”
Sie verließen den Tempel und gingen wenige Meter über den Renascentia-Platz an der Marvikotreppe vorbei zum benachbarten Grundstück. Die Rahjanis hatten sich Mühe gegeben. Da, wo vorher die Ruinen eines abgebrannten Palazzos das Stadtbild eher verdüstert hatten, waren mehrere Etagen an Terassen angelegt worden, jeweils mit Wiesen und Blumenbeeten sowie mehreren Weinstöcken, die wohl später einmal terassenübergreifend wachsen sollten. Ein paar Setzlinge waren ebenfalls schon eingesetzt. Doch bis der Garten auch nur annähernd so prächtig werden würde wie die Architektur des Tempels, fehlte noch viel.
Bevor die beiden Männer sich zum Garten aufmachten, bat Phelizzio den Novizen Alricio, seine Begleiter zu informieren, alles im Garten aufzubauen. Diesen Auftrag erfüllten diese sehr eilig, sodass alles gerade fertig aufgebaut worden war, als der Geweihte und der Schiffsbauer im Garten ankamen.
Vorstellung der Zierboote
Auf mehreren kleinen Tischen, die mit einer dunkelgrünen Tischdecke geschmückt waren, standen hölzerne Modelle verschiedener Zierboot-Formen. Der Aufbau wurde von weinroten Hibuskussen wie blauen Hortensien in Kübeln begleitet, die der Schiffbauer aus seinem Garten gezogen hatte. Auf den Tischen waren ein liegendes Pferd, ein Schwan, eine Seerose, klassisch ein Schiff und eine Schale mit Weinreben auf den jeweiligen Tischen präsentiert. In jeder der Figuren war ein Platz für eine Kerze eingearbeitet, um beim Treiben im Wasser diese tragen zu können.
Phelizzio führte den Geweihten lächelnd mit einer einladenden Geste an die Modelle heran.
"Oh, bitte, Euer Hochwürden, tretet doch näher. Vor Euch steht mein bescheidener Vorschlag diesen traumhaften Garten malerisch zu verschönern”.
“Wenn er bisher traumhaft war, kann er durch Eure Vorschläge nur wahrhaft paradiesisch werden!” Bewundernd schritt Rahjalin um die Zierboote. “Die sind alle so perfekt. Nur ein wahrer Künstler kann so etwas erschaffen. Ein wahrer Künstler mit Rahjas Gunst.
Es fällt wahrlich schwer, sich zu entscheiden. Sagt, wie würden sich wohl Pferd, Schwan und Seerose machen?”
Er strahlte den Efferdasi an.
Der Schiffsbauer erwiderte das Strahlen und machte eine Geste, als würde er den Garten darin gesamt einspannen wollen.
"Die Auswahl muss selbstredend dieses schöne Umfeld entsprechen und später zu einem fließenden Gesamteindruck beitragen”, er deutete auf die Seerosen zuerst. ,,Mit den Seerosen werdet Ihr den Wirkungsbereich Teich auf natürliche Weise ergänzen und mit Schwänen sehr gut verbinden können. Die Pferde-Zierboote empfehle ich separat mit Seerosen einzusetzen, um eben Pferd und Schwan beide gut in der optischen Wahrnehmung präsentieren zu können. Eure genannten Wünsche, Euer Hochwürden, wäre aus meiner fachlichen Sicht eine treffende Wahl für fließende Optik, malerische Unterstreichung sowie das gewisse ,,Etwas” in einer Landschaftszone wie dieser”. Der Efferdasi fuhr damit fort, dass man bei den Seerosen auch leichte Kupferplatten an die Blätter befestigen könnten, um gerade bei “rahjanischen” Kerzenfarben, diese noch einmal von der Lichtwirkung zu maximieren.
Rahjalin klatschte erfreut in die Hände.”Hach, dann nehmen wir alle drei! Mit den Kupferplatten.” Er runzelte die Stirn, als hätte er etwas vergessen. “Ach so, wieviel würden die Prachtstücke denn kosten?”
Der Efferdasi lächelte milde, als hätte er genau mit dieser Frage gerechnet.
„Nun“, begann er und strich gedankenverloren durch den Bart, „wahre Schönheit lässt sich schwer in Münzen messen. Doch für Euch — und für jemanden, der solch feines Gespür für Licht und Stimmung besitzt — würde ich sagen, wir finden gewiss einen Preis, der dem Herzen leichter fällt als dem Geldbeutel.“
Er neigte leicht den Kopf. „Sagen wir… genug, um die Handwerkskunst zu ehren — aber nicht so viel, dass Ihr auf ihre Freude verzichten müsst”.
“Perfekt. So soll es sein. Und seid Euch gewiss, dass ich Kunst zu schätzen weiß und diese auch gerne fördere.” Er lächelte, als er daran dachte, wie sein Bruder bei dieser Ausage die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte. Doch Rahjalin war nicht geizig und wollte es auch niemals werden. “Sie ist der Herrin Rahja gefällig.”, schloss er seine Begründung ab.
Phelizzio schaute für einen flüchtigen Moment überrascht drein, doch er fing sich ebenso schnell wieder. ,,Rahjagefällig”, sowas hatte man ihm noch nie entgegen gebracht, zumal er seinen Glaubensansatz bei Travia sieht. Doch er verbeugte sich dankend und strahlte den Geweihten an.
Geschenkübergaben
,,Euer Hochwürden, darf ich Euch zu guter Letzt um etwas persönliches bitten? Würdet Ihr ein Empfehlungsschreiben für meine Werft aufsetzen?”, damit neigte er demütig sein Haupt. Bevor der Geweihte der Liebholden antworten konnte, winkte er seine Begleiter heran, die mehre Pflanzen in Kübeln aus Weidenkörben mit sich trugen.
,,Doch bevor ich es vergessen, möchte meine Familie einen weiteren Beitrag für diesen Garten leisten. Diese weinroten Hibiskusse wie Hortensien sind aus unserem Garten und sollen Euch dabei helfen und ebenso traumhaft zu machen, wie wir ihn uns beide vorstellen!”
Falls er die Überraschung in Phelizzios Augen bemerkt hatte, ließ der Rahjani sich jedenfalls nichts anmerken. “Das werde ich sofort mit Freuden tun, Signor.” Rahjalin strahlte ein weiteres Mal und begutachtete die hübschen Blüten, die seine Geschenke zierten. “Es ist wahrlich so, als könntet Ihr mir meine Wünsche und Vorstellungen für diesen Garten von den Lippen ablesen. Ihr seid zu großzügig. Erlaubt mir nun, Euch ebenfalls ein kleines Geschenk zu überreichen.” Er nickte dem Novizen zu, welcher davoneilte und kurz darauf mit einer Kiste unter dem Arm zurückkam, die eine rote Schleife zierte.
Er überreichte sie Phelizzio.
“Bitte, öffnet es doch.”, forderte Rahjalin seinen Gast auf.
In der Kiste befanden sich zwei Flaschen Rotwein sowie zwei kunstvoll gearbeitete Weingläser, an deren Stielen sich filigrane Weinranken nach oben schlängelten. Die Etiketten der Flaschen selbst waren kleine, verspielte Kunstwerke in bunten Aquarelltönen.
“Ein Frühlings- und ein Sommerwein aus dem letzten Jahr, von den Landgütern meiner Familie. Diese fabelhaften Gläser stammen von der Glaszunft Urbasis.”, stellte Rahjalin sein Geschenk vor. “Ach ja, und die einzigartigen Etiketten haben wir den Novizen aus diesem Tempel und aus dem Kloster meiner Familie zu verdanken.”
Alricio errötete leicht bei dem Lob.
Staunend über die handwerkliche Kunst betrachtete Phelizzio die Gläser. Er nahm eines aus der Kiste und ließ es im Sonnenlicht kreisen, um alle Details zu betrachten. Damit hatte er nicht gerechnet, ein solch elegantes Geschenk zu erhalten. Der Efferdier legte das Glas zurück und reichte strahlend dem Geweihten die Hand zum Dank. Unüblich und bestimmt nicht standesgemäß, doch das war ihm egal. Seinen Dank wollte er Nachbar ausdrücken und nicht hinter Protokollverhalten verbergen. Mit einem Wink ließ er die Kiste von einem seiner Begleiter wegbringen. Phelizzio wollte nun nicht mehr als notwendig Die Zeit des Geweihten in Anspruch nehmen und beide Männer gingen zurück zur Kutsche, wohin Rahjalin persönlich darauf bestand seinen Gast zu verabschieden.
Voller Vorfreude auf den neuen Garten, der heute um gleich drei Kunstwerke reicher geworden war, ging Rahjalin mit federnden Schritten zu seinem Tempel zurück.