Archiv:Der Untergang der Sankt Parvenus (BB 42)

Der Untergang der Sankt Parvenus
von
Iridias Jezcaraldo

Der launenhafte Herr Efferd hat erstmals einen Preis für die wagemutigen Fahrten unserer Seeleute über das Südmeer nach Uthuria gefordert. Als am 5. Rahja des Jahres 1038 die dritte Uthuriaflotte von ihrer im Efferd begonnenen Reise zurückkehrte, liefen nur vier der fünf aufgebrochenen Schiffe wieder in den Sewamunder Hafen ein. Die »Sankt Parvenus«, eine aus Efferdas stammende, vormals als »Marik Raloff« bekannte Hylailer Karavelle von 150 Quader Schiffsraum, kehrte nicht mehr vom Südmeer zurück. Kapitän Damion della Turani, unter dessen Kommando bisher jede Uthuria-Flotte stand, erstattete hierüber den Leitern des Konsortiums sowie dem Efferd-Tempel Bericht. Wir berichten aus dem Inhalt der im Efferd-Tempel einsehbaren Chronik der Ereignisse.

Die dritte Südmeerfahrt ging bis weit südlich von Porto Korisande, dem letzten Aufenthalt in bekannten Gewässern, ohne bemerkenswerte Ereignisse vonstatten. Wie erwartet, mussten in der Kalmenzone südlich des Risso-Archipels stunden- oder tageweise einzelne Strecken gerudert werden, was bedeutet, dass die Schiffe von ihrer an Bord mitgeführten und mit einer Rudermannschaft besetzten Barkasse oder Schaluppe geschleppt wurden. Dies ist auf den bisherigen Fahrten für kürzere oder längere Abschnitte eine Notwendigkeit gewesen. Erst zehn Tage vor Landfall an der uthurischen Küste geriet die Flotte in einen schweren Sturm, durch den sie zerstreut wurde. Nach drei nahezu unerträglichen Tagen, in denen die Schiffe nur durch ein Sturmsegel stabilisiert die heulenden Lüfte und tobende See abwetterten, schwächte sich der Orkan ab und erlaubte den Steuerleuten, wieder einen gezielten Kurs in südliche Richtung zu halten. Weitere drei Tage später hatten sich drei der fünf Schiffe wiedergefunden, unter ihnen die »Florina Weyringer«, die einen gebrochenen Mast gesichtet und vorübergehend geborgen hatte. Aus der Größe des Bruchstücks wurde geschlossen, dass es zur »Sankt Parvenus« gehören müsste. Als am nächsten Tag auch das Flaggschiff, die »Sankt Stordian«, wieder zum Verband fand, bestätigte sich dieser Verdacht, denn alle anderen Schiffe waren ohne Mastbruch davongekommen, wenngleich von ihnen während des Orkans drei Mann über Bord gegangen und ohne Hoffnung auf Rettung in den Weiten der tobenden See entschwunden waren.

Niemand hatte die »Sankt Parvenus« sinken sehen, aber das Schiff war auch noch verschwunden geblieben, als die verbleibende Flotte schließlich in Neu-Sewamund eintraf. Da der Mast der »Sankt Parvenus« westlich der am weitesten westwärts verschlagenen »Florina Weyringer« im Wasser trieb, wurde gefolgert, dass die »Sankt Parvenus« noch weiter in westliche Richtung abgetrieben sein musste – sofern sie sich überhaupt über Wasser gehalten hatte. Nach ausgiebiger Beratschlagung in der Kolonie, an der neben dem Kapitänskollegium auch der hiesige Gouverneur Enrisco Cortesinio und der Truppenkommandeur Djurjin von Jergan teilnahmen, wurde die »Liliendrache« unter Kapitän Viviona T. Rykker nach Westen entsandt – in der vagen Hoffnung, mögliche Überlebende irgendwo am Küstensaum ausfindig zu machen.

Unter aufmerksamer Beobachtung der Küstenlinie machte sich die »Liliendrache« auf den Weg, wobei sie naturgemäß langsam vorankam. Es waren fast zwei Wochen vorüber, als ihrer Mannschaft in einer Region, in der die Küste bereits wieder in Richtung von Süden nach Norden verlief, und als sie die Suche schon verloren geben und umkehren wollte, tatsächlich noch Erfolg beschieden war. Denn unversehens wurde an der Küste ein Feuer entzündet, das absichtlich auf den Ausstoß dichten Rauchs ausgelegt war, welcher zudem zur Zeichengabe in einzelne Wölkchen zerteilt wurde. Wenngleich die »Liliendrache« aus Gründen der Vorsicht nicht zu nahe ans Ufer lief, so setzte sie doch ihre Barkasse aus, welche unbeschadet das Ufer erreichte und dort überglückliche Angehörige der »Sankt Parvenus« vorfand. Es stellte sich jedoch heraus, dass beinahe die Hälfte der an Bord befindlichen Besatzungsmitglieder und Siedler ums Leben gekommen war – einige waren bereits im Verlauf des Mastbruchs erschlagen oder tödlich verletzt worden oder mit dem Mast über Bord gegangen. Das Schiff war sodann mehrere Tage und Nächte steuerlos nach Westen abgetrieben worden, während jeder an Bord, der kräftig genug war, an den Lenzpumpen Schichtdienst leisten musste. Es ließ sich jedoch nicht verhindern, dass das Schiff, als die See noch aufgewühlt war, auf ein der Küste vorgelagertes Riff geworfen wurde und von den Strömungskräften der See innerhalb weniger Stunden auseinander gerissen wurde. Die meisten Todesopfer waren beim Versuch zu beklagen, schwimmend, auf Trümmerstücken und einem hastig improvisierten Floß an Land zu kommen, und noch einmal drei Tote gab es zwei Tage später bei dem mäßig erfolgreichen Versuch, wenigstens ein paar Vorräte, Waffen und Werkzeuge aus den auf dem Riff verbliebenen Resten des Wracks zu bergen.

Sodann hatte sich die verbliebene Gruppe in Bewegung gesetzt, um sich irgendwie in Richtung auf das ostwärts liegende Neu-Sewamund durchzuschlagen. Sie war bereits acht Tage unterwegs gewesen, hatte sich mühsam aus dem Lande ernährt und weitere vier Angehörige an Schlangen und anderes gefährliches Getier verloren. Ein Dutzend war zudem krank oder verwundet. Ob jemand von ihnen aus eigener Kraft die Kolonie erreicht hätte, darf bezweifelt werden, zumal noch an Bord der »Liliendrache« zwei weitere Opfer zu beklagen waren, die ihren Verletzungen erlagen. Die Überlebenden rühmten aber die Kapitänin und den Rat von Neu-Sewamund für ihren Entschluß, niemanden auf uthurischem Boden im Stich zu lassen, sofern dies im Rahmen des Menschenmöglichen lag und den Zwölfen gefällig war.

Aus Sicht des Konsortiums war es ein Glück im Unglück, dass sich der Verlust auf der Hinreise ereignete, da zwar Ausrüstungsgüter und Neusiedler verloren waren, nicht aber die kaufmännisch um ein Vielfaches wertvolleren uthurischen Güter, die für die Heimreise auf den Laderaum der verbleibenden vier Schiffe verteilt wurden. Dem Vernehmen nach plant das Uthuria-Konsortium, das verlorengegangene Schiff nicht nur zu ersetzen, sondern die Flotte für die nächste bevorstehende Fahrt weiter aufzustocken.

IJ