Archiv:Neues aus Trafiume (BB 49)

Neues aus Trafiume: Sie dachten, sie wüssten, wer sie regiert...
von Efferdan Fresa

Sie gehen morgens durch die Gassen der Sewamunder Altstadt, kaufen Brot auf dem Markt, lauschen im Hafen dem Ruf des Bootmanns und denken sich: „Sewamund ist doch nur eine gewöhnliche Stadt.“ Doch was, wenn ich Ihnen sage, einige der Männer, die Ihnen dort freundlich zunicken, sind in Wirklichkeit nicht die, für die Sie sie halten?
Ich habe akribisch Gerüchte gesammelt, Hinweise verfolgt und mit allerhand Augenzeugen gesprochen. Heute präsentieren ich: Die zwölf größten Doppelleben aus unserer schönen Stadt samt ihrer mutmaßlichen verborgenen Natur.
Wundersam? Gewiss. Aber was, wenn sie tatsächlich ein Doppelleben führen? Können Sie Wahrheit von Phantastik unterscheiden? Um dies zu tun, müssen Sie den Sewakknoten der eigenen Erfahrung zerschlagen und den eigenen Geist öffnen für die Dinge, die hinter dem Glauben liegen.

Efferdan Fresa

1. Sturmfriede ter Beer

Die ehemalige Fischhändlerin und nunmehr Ersatztempelvorsteherin des Efferd-Tempels wirkt unerschütterlich. Doch eine alte Novizin behauptet, sie weine nie. Und ihr Atem rieche nie nach Knoblauch, egal was sie isst. Alte Matrosen nennen sie „die Schaumgeborene“, eine Schöpfung Efferds selbst, gesandt, um Sewamund gegen den Einfluss der Dämonen zu wappnen. Reiner Aberglaube? Vielleicht. Doch in der Nacht des Sturms 1046 BF stand sie auf dem Tempeldach bei Blitz und Wind und betete laut in einer Sprache, die niemand verstand.

2. Khadan Degano

Die Deganos sind bekannt für ihren großen Werftbesitz und ihre Schiffsproduktion. Doch einige sagen, Khadan Degano sei nicht nur Produzent. Nein, er sei der Architekt, der eigentliche Stratege hinter Sewamunds Aufstieg, der Mann, der den Lilienrat lenkt, den Markt und die HPNC kontrolliert und seine Rivalen mit einem Lächeln zum Schweigen bringt. „Er wusste schon 1035 BF von Neu-Sewamund“, so ein entlassener Werftschreiber. Khadan Degano war nie besonders gesprächig. Wer aber einmal seine Residenz gesehen hat, samt eigenem Kartographen, weiß: Dieser Mann plant in Zügen.

3. Quentinius Sürzle

Der Hausmeister des Herzog-Cusimo-Collegs, Quentinius Sürzle, ist alt. Sehr alt. Manche sagen: zu alt. Eine Magierin aus Neersand, kurz zu Gast im Colleg, will gespürt haben, wie sich „in seinem Inneren nichts bewegte, kein Puls, keine Aura“. Ein uralter Golem, erschaffen vielleicht von Torvon Gilindor persönlich? Oder von einer längst vergessenen magotechnischen Schule aus der Zeit der Theaterritter? Sürzle selbst schweigt. Er lächelt. Und fegt weiter. Und weiter. Und weiter.

4. Alado Zaeffo

Im Hafen betreibt Alado Zaeffo seit über zwanzig Götterläufen die Taverne „Zum Grünen Mast“. Freundlich, ein bisschen zu glitschig in der Sprache, aber beliebt bei Matrosen und Marktfrauen. Doch ein alter Steuermann aus Farsid behauptet: „Zaeffo trägt Fischhaut an den Fingern, wenn keiner hinschaut. Ich schwör's bei Efferd!“ Der Wirt, so raunt man, sei kein Mensch, sondern ein gestürzter Neckerfürst, der in Sewamund im Exil lebt, als Strafe dafür, die Regeln der Tiefe gebrochen zu haben. Ein Lügenmärchen? Vielleicht. Aber warum wurde nie jemand gesehen, der Zaeffo baden sah?

5. Seridio Cortesinio

„Er soll Ratsherr sein“, flüstern manche in der Altstadt, „Seridio Cortesinio, vom alten Haus, mit dem schwarzweißen Wappen.“ Und doch: Kein Schreiber hat je eine seiner Reden protokolliert, kein Bildnis hängt im Schloss Corello, und im Archiv der Stadtverwaltung ist sein Siegel zwar eingetragen, aber ohne Unterschrift. Einige sagen, er erscheine nur dann zu den Ratssitzungen, wenn der Nebel vom Sewak besonders dicht über die Zinnen des Lilienflügels kriecht und niemand sonst anwesend sei. Dann sitze er dort, blass, im alten, modrigen Mantel, schweigend, mit leeren Augen, und stimme doch ab. Immer mit den Gewinnern. Andere behaupten: Es hat nie einen Seridio Cortesinio gegeben. Wer auch immer versucht hat, ihm nachzugehen, findet: Nichts. Keine Geburtsurkunde. Kein Gesicht, das man zuordnen kann. Ein Phantom mit Stimmrecht? Oder nur ein Buchungsfehler in einer Stadt, in der zu viele alte Namen herumgeistern? Fragen Sie sich selbst: Haben Sie ihn je gesehen? Reine Legende? Vielleicht. Doch man hört es immer wieder: „Wenn Cortesinio redet, hört man, was man hören will.“

6. Mirla

Sie ist stets höflich, unauffällig, kompetent: Mirla, langjährige Ratsdienerin unter verschiedenen Lilienratsystemen, führt Schreibarbeiten, bringt Nachrichten und serviert Kräutertee. Doch eine anonyme Schreiberin behauptet: „Ihre Briefe enthalten doppelte Bedeutungen. Und sie bindet ihre Bänder in Knoten, wie es kein Mensch sonst tut.“ Ist Mirla in Wahrheit Teil des Ordens vom Kleeblatt? Ist sie eine Spionin im Dienst einer verborgenen Elite? Oder gar Botin der Rattenchronisten? Wenn Sie das nächste Mal ein Dokument von Mirla erhalten, prüfen Sie die Fäden.

7. Brøndby Torbenson

Er ist groß, bärtig und brummt beim Abschmecken wie ein Bär beim Winterschlaf. Doch laut einem Colleg-Kadetten sei der Küchenmeister Brøndby Torbenson nicht nur Koch, sondern ein ehemaliger Schüler der alchimistischen Künste aus Mengbilla. Ausgeschlossen worden sei er von seiner Schule wegen Experimenten mit ätherischem Backtrieb und spektralen Soßen. Heute soll er unauffällig am Herzog-Cusimo-Colleg nach Essenzen suchen, die das Denkvermögen steigern. Humbug? Oder ist der Sud der Colleg-Mittagssuppe der wahre Grund für den Erfolg der Kadetten?

8. Colmar Luntfeld

Ein Name wie eine Ackerfurche, ein Blick wie eine gespannte Arbalette. Doch hinter Colmar Luntfeld vermuten manche den gefährlichsten Mann Sewamunds: einen Agenten des Adlerordens. „Ich habe seinen Wappenring gesehen“, flüstert ein Brückenwächter. „Ein goldener Adler. Mit drei Augen.“ Der Adlerorden? Eine reale Institution. Seine Agenten tarnen sich gern. Wer eignet sich besser zur Tarnung als ein Mann, der mit Leidenschaft Wurstbrote beim Marktimbiss vertilgt und beim alljährlichen Fest der Freuden in Belhanka die Nebenrolle des „verwirrten Kapitäns“ spielt? Colmars Reisen durch das Reich sind aktenkundig. Nur: Was hat er dort getan? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Ein Spion also? Oder nur ein Mann mit gutem Gedächtnis, ruhiger Stimme und einer Vorliebe für Belhanka-Wein? Vielleicht ist das größte Geheimnis von Colmar Luntfeld: dass es gar keines gibt. Aber wer weiß, ist das nicht genau das, was ein echter Agent erreichen würde?

9. Dareius Amarinto

Dareius Amarinto, Baron von Sewamund, lässt sich nur selten im Lilienrat blicken, höflich, zurückhaltend, staatstragend. Doch ein Fischer aus Tribêc behauptet, ihn bei einer nächtlichen Andacht an einem verborgenen Schrein des Shinxir gesehen zu haben, in purpurrotem Mantel und mit goldenem Insektenamulett. Zufall? Eingeweihte nennen ihn: „Den Schwertträger im Schatten“. Seine Abstammung ist bekanntermaßen alttulamidisch, der Orden des Shinxir wirkt im Verborgenen und Dareius hat nie öffentlich einem anderen Gott als Rondra gehuldigt. Vielleicht, weil Shinxir es nicht wünscht.

10. Irion von Streitebeck

Offiziell lebt Irion von Streitebeck, der ehemalige Baron, seit seinem Rückzug in Almada, wo er geduldig Wein keltert. Doch manche sagen: Er lebt zwei Leben. Als „der Seilermeister“ soll er ein Netz von Schmugglern, Verschwörern und Seelendieben kontrollieren, das sich bis in Sewamunds Kanäle zieht. Ein Zeuge behauptet: „Ich hab ihn jüngst im Schleusenschieberhaus gesehen, in phexgrauer Robe.“ Wer Irion kennt, weiß: Er ist kein Mann der Untätigkeit. Seine Nähe zur Phexkirche ist dokumentiert. Doch Phexgeweihter? Und dann auch noch der Seilermeister? Ein Körnchen Wahrheit oder ein ganzes Knotenseil?

11. Tsaida Tribêc

Tsaida Tribêc, Herrin des Hauses Tribêc, ist für viele das elegante Gesicht des alten Patriziats. Doch eine zuverlässige Quelle aus dem Peraine-Spital behauptet: „Sie war schon so alt, als meine Großmutter jung war. Und sie sieht noch immer gleich aus.“ Andere sprechen von einem geheimen Alraunenelixier oder gar einem Zeitzauber, den ihr Urahn, der Theaterritter Roncal Tribêc, bei seinem Marsch ins Bornland entdeckte. Ist Tsaida Tribêc in Wahrheit eine Zeitwandlerin, die sich selbst in Zyklen verjüngt, um die Geschicke Sewamunds zu lenken, unerkannt durch die Jahrhunderte? Ein Schriftstück aus dem Jahr 895 BF, gefunden im Archiv von Burg Sewakstein, erwähnt eine „Dame Tribêc mit violettem Blick“… Zufall?

12. Dimiona della Carenio

Man kennt sie als kluge, scharfsinnige Vertreterin ihrer Familie im Lilienrat. Doch hinter verschlossenen Türen wird Dimiona della Carenio eine andere Rolle zugeschrieben: Sie soll die wahre Anführerin der „Laternenbande“ sein, jenes losen Netzwerks von Spitzeln, Kurieren und Informationshändlern, das nachts durch die Altstadt schleicht. Ein Stadtbüttel berichtet: „Immer wenn wir einer Spur nachgehen, ist sie schon gelöscht. Als würde jemand im Voraus wissen, was wir suchen.“ Dimiona schweigt zu solchen Vorwürfen und lächelt höflich. Aber warum finden sich in ihrer Ratsmappe angeblich stets exakt die gleichen Informationen, die in der Nacht zuvor verschwanden?

13. Praiodan ter Braken

Er gab sich als entschlossener, aufrechter Kämpfer für Ordnung und Anstand. Ein Mann, der stets mit gewissenhaftem Blick durch die Stadt schreitet. Doch ein alter Seemann flüsterte jüngst in einem Wirtshaus: „Ich habe ihn damals auf einem Dach gesehen. Mit Maske. Und einem Säbel.“ Gerüchten zufolge führte Praiodan ter Braken ein zweites Leben als nächtlicher Vigilant, der die dunklen Viertel Sewamunds von Dieben, Kultisten und Schwarzalchemisten reinigte. Manche nennen ihn „den Mitternachtsfalken“ als Anspielung auf den blauen Umhang, den er angeblich bei seinen nächtlichen Streifzügen trägt. Wahr? Oder der feuchte Traum eines zu viel Efferdmost trinkenden Dichters aus der Burgschänke? Fest steht: Seit Praiodans Tod ist die Kriminalität in Sewamund kaum gesunken, im Gegenteil.

Diese Thesen seien pure Einbildung, sagen Sie? Oder sind sie nur noch nicht bewiesen? Glauben Sie nicht alles. Aber glauben Sie auch nicht alles nicht.