Archiv:Rostet die Brünne (BB 24)

Aus Liebliches-Feld.net
Zur Navigation springenZur Suche springen
Rostet die Brünne?
von Vionello Svertfeger

GRANGOR/FARSID. Wer heute durch die Straßen Grangors zieht, der wird kaum noch die Spuren jener blutigen Nacht ausmachen können, in welcher der Thorwaler grausame Heerschar in der Stadt mordete und plünderte. All’ ihre Tatkraft und Schaffenskraft haben die Grangorer darangesetzt, jede Erinnerung an dieses Ereignis aus dem Stadtbild auszumerzen. Doch in der Seele ihrer Bürger hat der Angriff tiefe Spuren hinterlassen.
Seit jenem Tag im Perainemond 2515 hat sich der Handel noch nicht wieder erholt. Im Gegenteil: viele Grangorer Händler verlagern ein Großteil ihrer Geschäfte in andere Häfen – einige wenige große Familien verdienen zwar nach wie vor ihr Geld, kleinere Schiffseigner und die gemeinen Bürger jedoch müssen um ihre Einkünfte bangen. Aus dem Rat der Freien Stadt ist zu hören, man in habe diesem Jahr erstmals große Mühen gehabt, die der Krone zustehenden 1.250 Horasdor einzutreiben.
Hinter vorgehaltener Hand freilich bekommt man von namhaften Mitgliedern der Stube zu hören, dass der Angriff der Thorwaler eine sich bereits abzeichnende Krise nur beschleunigt und verschärft habe. Spätestens seitdem der Nordlandhandel durch die HPNC kontrolliert werde, so heißt es, hätte Grangor seine Bedeutung als zentraler Handelsplatz verloren. »Wir können nur noch Grangorier in die neuen Kolonien verschiffen – der lukrative Handel findet im Augenblick andernorts statt«, so heißt es. Kuslik und Belhanka hätten der Freien Stadt inzwischen in vielerlei Hinsicht den Rang abgelaufen. Vor allem, so wissen einige in der Äußeren Stube, weil diese Städte gute Verbindungen ins Hinterland hätten. Dort könne man die Ware direkt ins Herz des Reiches auf gut ausgebauten Straßen und Flüssen transportieren – während die grangorischen Straßen schlecht ausgebaut (nach Vinsalt) oder durch hohe Zölle (nach Elenvina) nicht lukrativ seien.
Die Folgen dieser tief gehenden Crisis bekommt sogar der grangorische Adel zu spüren – dort wurden in der jüngsten Vergangenheit Klagen laut, demnach die Einnahmen aus Zöllen und Steuern in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen seien. Besonders schwer fühlen sich einige phecadische Adelige getroffen: durch das vielfältige Engagement der Krone in überseeischen Colonien laste die Sicherung der Nordgrenzen immer mehr auf ihren Schultern. Der Unterhalt der Festungen und Companien verschlinge jedoch viel Geld – während zugleich die Einnahmen zurückgingen. Selbst Optimisten unter den Adeligen befürchten deshalb, dass »des Reiches Brünne rostet.«

DS