Briefspiel:Alte Werft, neuer Glanz/Die Ankündigung und das Stadtgeschenk
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Die Ankündigung und das Stadtgeschenk
Nachdem der Tanz des Abends abgeklungen war und verschiedene Familien ihre Dankesworte an die Gastgeber richteten und ihnen auch alles Gute für die Werft wünschten, klopfte Phelizzio laut gegen sein Glas, um die Aufmerksamkeit seiner Gäste zu erregen. Hinter ihm wurde in einer dunkelgrünen Plane gehüllt ein großer Gegenstand herangetragen.
,,Verzeiht mir, meine hohen Herrschaften und Freunde der Familie. Ungern reiße ich Euch aus dieser schönen Feier, doch ich möchte eine Ankündigung machen. Wenn Ihr das erlaubt?
(Ein Lachen aus der Menge).
Mit dieser Werfteröffnung beginnt etwas Neues in Efferdas einzuhalten. Mit neuen Talenten und neuen Techniken werden wir der Schiffsbaukunst unsere Aufwartung machen, doch nicht nur das. Diese Werft steht nicht allein nur für eine handwerkliche Zukunft. Sondern sie verbindet auch Menschen im Sinne Travias zu einer Gemeinschaft. Sei es freundschaftlich oder beruflich. Doch heute darf ich Ihnen allen voller Freude mitteilen, dass mein Sohn Timor sich mit Travienne Rizzi verlobt hat! Mögen die Zwölfe die beiden segnen!”, erklärte Phelizzio mit Tränen des Stolzes in seinen Augen und dankte für den Jubel und dem Applaus.
,,Werte Signoras und Signori. Die Covernische Schiffswerft d’Antara möchte der Republik wie der Stadt Efferdas einen Geschmack auf die Handwerkskunst dieser Werft geben”. Er zog die Plane weg und darunter kam ein fein gearbeitetes Ruderboot zum Vorschein.
Silem Varducchio raunte, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem:
„Ein feines Boot – doch hochseetauglich ist es sicher nicht.“
Für einen Moment verlor sich sein Blick jenseits der Molen, hinaus auf das offene Wasser. Erinnerungen stiegen in ihm auf: an ferne myranische Inseln, die er einst mit kaum mehr als einem solchen Boot erreicht hatte, das Ruder noch salzverkrustet in der Hand.
Und in seinen Gedanken lag bereits das nächste Ziel – vielleicht, so raunte eine leise Ahnung, würden ähnliche Boote ihn auch uthurischen Boden betreten lassen. Zu ihm gesellte sich Sandro d'Antara und Rahjamir d'Antara, der eine Schiffsbaumeister, der andere erfahrener Seefahrer. Und die drei Männer kamen schnell zu einer lebhaften Unterhaltung über das Thema Uthuria und Schifffahrt.
Als das Murmeln der Gäste verebbte, trat Horasianne Varducchio einige Schritte vor. Der Abendwind strich sanft durch die Takelage der nahegelegenen Schiffe, und für einen Moment lag über der Werft eine erwartungsvolle Stille.
Ihre Stimme erhob sich klar und ruhig, getragen von jener würdevollen Autorität, wie man sie von einer Senatorin Efferdas’ erwarten durfte.
„Geehrte Bürger von Efferdas, werte Gäste und Freunde des Meeres. Sehr geehrte Signori d’Antara.
Zunächst möchte ich im Namen des Senats und der Bürger unserer Stadt meinen Dank für das Geschenk aussprechen, das Ihr Efferdas heute gemacht habt. Ein Schiff ist mehr als Holz und Segel – es ist ein Versprechen. Ein Versprechen, dass unsere Stadt hinausblickt auf das Meer und zugleich fest in ihrem Hafen verwurzelt bleibt.“
Sie ließ den Blick kurz über das Hafenbecken gleiten, wo eines der neuen Boote sanft im Wasser schaukelte.
„Heute stehen wir an einem Ort, der mehr ist als Holz, Seile und Stein. Eine Werft ist das Tor einer Stadt zur Welt. Hier nehmen Träume Gestalt an – in Planken und Masten, in Kiel und Segel. Von hier brechen jene Reisen auf, die Waren, Wissen und Geschichten über Efferds Ozeane tragen.“
Langsam ließ sie ihren Blick über die Versammelten schweifen.
„Im Namen des Senats von Efferdas danke ich der Familie d’Antara für ihren Mut und ihre Tatkraft. Eine Werft zu führen und in sie zu investieren heißt, an die Zukunft zu glauben. Mit diesem Ort schenken sie unserer Stadt nicht nur Arbeit und Handel – sie schenken ihr Hoffnung auf ferne Horizonte.“
Für einen Atemzug schwieg sie, während das leise Schlagen der Wellen gegen die Pfähle der Anlegestelle zu hören war.
„Doch kein Werk des Menschen gedeiht ohne den Segen der Götter. Darum danken wir heute besonders Peraine, die das Holz der Wälder gedeihen lässt, aus dem diese stolzen Schiffe entstehen. Und wir danken Efferd, dessen Winde die Segel füllen und dessen unergründliche Tiefe unsere Schiffe prüft. Möge seine Hand gnädig über jenen wachen, die von hier hinausfahren.“
Dann hob sie langsam ihren Kelch, in dem das Abendlicht aufschimmerte.
„Möge diese Werft viele Schiffe hervorbringen, stark im Kiel und treu im Lauf der Wellen. Mögen ihre Fahrten Glück und Reichtum nach Efferdas tragen.
Und mögen jene, die von hier aufbrechen, stets wieder den Weg in diesen Hafen finden.“
Ein sanftes Lächeln trat auf ihre Lippen.
„Auf Efferdas. - Auf die Werft d’Antara. - Und auf die Zukunft, die heute hier beginnt.“
“Und auf den Horas!”, rief Folnor mit erhobenem Trinkpokal und zog kurzfristig die Aufmerksamkeit auf sich, die sich rasch wieder legte.
Die Gastgeber traten zur Senatorin und gaben ihr nach einer höflichen Verbeugung die Hand als Dank für die Rede.
,,Werte Signora Senatorin. Habt Dank für die Rede, wir fühlen uns geehrt wie geschmeichelt”, begann Sybilla. ,,Möge heute eine neue Zukunft anbrechen und Efferdas und der ganzen Republik Wohlstand und Erfolg bringen”.
Es wurde mit den Gläsern Wein angestoßen.
,,Darf unsere Familie Eurer Person ihre Unterstützung anbieten? Ihr habt noch keinen Sekretär für Eure Arbeit im Senat berufen. Unser Sohn Brigon ist ein wahres Zahlengenie, gewiss er ist jung, doch Ihr würdet schnell merken, dass er mit Bravour allem gewachsen ist”.
,,Ich kann nicht für eine spannende Arbeit garantieren. Aber wenn der Junge pfiffig im Kopf ist, sehe ich keinen Grund, ihm zumindest die Chance zu gewähren. Und wenn er sich bewährt, wird er es vielleicht auch weit in der Politik bringen”.
Sybilla reichte der Senatorin zum besiegeln dieser Angelegenheit die Hand und mit einem gegenseitigen festen Händedruck war es beschlossen.
,,Ihr habt unser Wort, das er sich gut machen wird”, erklärte die Aranierin, ,,und was die Politik betrifft, möchten wir erstmal ‘Gut Ding braucht Weile’ pflegen”.
Als die anderen Varducchios zum Gespräch dazukommen, waren es Phelizzio und Rondriacus die sich wieder prächtig über die kulinarische Köstlichkeiten des Abends austauschten und in der Runde wurde freudig miteinander gelacht.
Mireia und Icaro ya Pirras hoben ihre Weinpokale nur so hoch wie notwendig und ersparten sich irgendwelche Gemütsäußerungen. Mit einem Lächeln schaute Mireia ihren Mann an. “So so, im Namen des Senats. Ich wusste ja überhaupt nicht, dass dein Vater irgendetwas in dieser Richtung erwähnt hatte.” Icaro verzog leicht die Lippen. “Das hat er auch nicht. Aber der Übermut der d'Antara scheint auch auf andere Familien überzugreifen.” “Wie wahr, wie wahr.”, sinnierte Mireia. “Sie sollten eher darauf achten, nicht auf ihrem Olivenöl auszurutschen.” “Es ergeben sich auf jeden Fall neue Bündnisse, die im Auge gehalten werden sollten. Zu unserem eigenen Schutz.” Langsam stand Icaro auf und reichte seiner Frau die Hand. “Sollen wir gehen. Es beginnt mich hier zu langweilen vor lauter Beweihräucherungen.” Mireia reichte ihrem Gatten die Hand. “Natürlich, mein Lieber. Ganz wie du willst.”
Die Herren aus Valbeno suchten nochmal kurz das Gespräch mit den d’Antaras ehe sie selbst sich verabschiedeten, um rechtzeitig wieder zu ihren Pflichten zurückzukehren. Nachdem beide Cerranos samt ihren Wachen wieder in den Satteln ihrer Pferde saßen und nach langem Schweigen einiger Zeit später die Stadttore passierten, wagte es Ferrante ein ehrliches Wort zu seinem Vetter zu sprechen: “Ein gelungener Abend wahrlich. Die d’Antaras werden hoffentlich sich stark verankern können in der Gesellschaft in Efferdas. Jedoch biedern sie sich ein wenig zu stark an. Was meinst du, Folnor?”
“Da hast du schon Recht, Ferrante. Jedoch bleiben mir die ya Pirras auch in Erinnerung. Reden von einer praiosgefälligen Ordnung und unterwerfen sich dem Pöbel dieser Republik. Amüsante Posse. Erinnert mich an die letzte Komödie der Vinsalter Oper. Weißt du noch?”, entgegnete Folnor.
Mit einem Lachen bejahte dies Ferrante und beide ließen lachend die Stadt hinter sich.