Briefspiel:Der Fasan und die Goldschivone
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Das Treffen im Efferd-Tempel zum goldenen Dreizack, 13. Boron 1046 BF
Croënar di Camaro beendete soeben sein Gebet am Altar des Meeresgottes Efferd und verließ den Tempel.
,,Werter Senator!”, ein Mann mit schulterlangem Haar, das bereits einige graue Strähnen hatte und kurzem Bart, gestützt auf einen Gehstock, trat an ihn heran.
,,Verzeiht, ehrenwerter Senator, doch darf ich um ein paar Augenblicke Eurer kostbaren Zeit bitten?” begann der Mann und verbeugte sich höflich. ,,Ich habe Euch im Tempel flüchtig erkannt. Phelizzio d’Antara, euer Wohlgeboren. Meine Familie hat die Nachfolge der Slin-Werft angetreten und es mir bereits seit langem ein persönliches Anliegen, Euch meine Aufwartung zu machen.”
Croënar erschrak fast mit einem kleinen Lächeln. “Aber Senhor, natürlich kenne ich euch bereits, auch wenn wir uns sicher noch nicht persönlich begegnet sind.” verbeugte sich der Senator knapp. “Es muss wahrlich eilig sein, wenn euer Anliegen mir hier auf der Straße vor dem Tempel angebracht werden muss, dies alles so ganz ohne Form und Glanz. Ich hoffe, mit der Werft ist alles in Ordnung?” lächelte er weiter.
,,Gewiss doch, Euer Wohlgeboren”, lächelte Phelizzio zurück. Er strich sich die dunkelgrüne Schärpe über seiner braunen Kleidung glatt und holte aus seiner Jackentasche einen kleinen Lederumschlag hervor und zog aus diesem ein Papier aus feinem aranischen Papier, gesiegelt mit dem Fasanenwappen.
,,Bitte verzeiht mir den unprotokollarischen Stil, mit dem ich Euch belästige, doch wäre es meiner Familie und mir eine größtmögliche Freude, Euch zu einer Abendgesellschaft einladen zu dürfen.” Phelizzio überreichte das Einladungsschreiben und wartet gefasst auf die Reaktion seines Gegenübers.
Wieder reagierte Croënar etwas stutzig, aber das verblüffte war nun anders, es war ein hauch Schmeichelei darin, wenngleich er selbst darauf nie viel gab. “Ihr übergebt die Einladung mir persönlich, statt sie einem Diener zu geben, der sie meinem Diener übergibt? Dies kann heißen, dass ihr euren Dienern nicht traut oder der Grund für euer Gespräch recht brisant ist.” er setzte ein Grinsen auf. “Dies wird hoffentlich doch kein konspiratives Treffen im Dunkeln? Andererseits bin ich natürlich geehrt ob solch einer Einladung. Ich habe keinen Grund, ihr nicht nachzukommen.”
,,Bei Travia! Unsere Gäste werden uns niemals mit gespaltener Zunge sprechen hören! Der Grund dieser persönlichen Übergabe ist lediglich die bodenständige Auffassung meiner Familie, dass persönliche Anliegen auch persönlich vorgebracht werden müssen!(Phelizzio lachte). Zudem garantiere ich Euch, dass Euch kein brisantes Thema treffen wird oder zu erwarten ist. Im Anschreiben entnehmt ihr die Adresse sowie die Uhrzeit.” Phelizzio verbeugte sich lächelnd und zeigte sich sichtbar stolz, dass sein Gegenüber bald seine Gastfreundschaft genießen wird.
“Eine schöne Einstellung. Ich vermute, ihr seid jetzt schon sehr gut mit dem Hause Gerber befreundet.” nickte Croënar freundlich. “Ich werde da sein. Ist das ein Kennenlernen für die ganze Familie? Oder wollt ihr nur den Senator sprechen?”
,,Mit der ehrbaren Familie Gerber besteht bereits die Absicht einen baldigen engeren Austausches, Euer Wohlgeboren. Es ist der ganzen Familie d’Antara eine Ehre Euch und seine Würden, Efferdobal mit Euren Frau Gemahlinnen zur Abendgesellschaft begrüßen zu dürfen.”
“Ich danke euch für die Einladung, Senhor. Wirklich sehr freundlich.” nickte er. Ich werde zuhause prüfen, ob die Zeit für uns alle ohne Mühsal ist, aber ich denke, das wird sich einrichten lassen. Wir sehen uns dann.” Noch einmal gab es eine kurze, knappe Verbeugung Croënars, dann eilte er weiter den Berg hinauf.
Efferdas, Residencia, 15. Boron, Abend
Ein prüfender Blick gen Himmel. Die Praiosscheibe war inzwischen untergegangen. Nahe der Steilklippe und dem rauschenden Auslass des Bisciadinos in die Tiefe einer Steilklippe wäre der Horizont normalerweise gut zu erkennen gewesen. Sehr häufig genossen die Bewohner der Villa Camaro vom Balkon den Blick aufs Meer, welcher sich um diese Zeit normalerweise in tiefe Orange- bis Rottöne gewandelt hätte, langsam von oben kommend von einem nächtlichen violett bis tiefblau verschlungen. Doch dies doch einer dieser gar nicht so seltenen Regentage, die alles in ein tristes, nasses und immer dunkler werdendes Grau hüllten. Es nieselte leicht, weswegen Croënar seinen regenfesten Filzhut mit der breiten, nach außen gebogenen Krempe noch einmal tiefer ins Gesicht zog und auch den Sbernia aus mit Wachs imprägnierter Wolle noch einmal über den Schultern nach vorne zog und justierte. Zum Glück war es nicht ganz so weit zum Anwesen der neuen Werftfamilie D’Antara. er blickte zurück in den Hauseingang, wo seine Frau Cassiopeia gerade noch die Regenmäntel ihrer Kinder Ardare und Genaro justierten. Die beiden wuchsen wirklich wie Unkraut, es brauchte ständig neue Kleider und die beiden freuten sich so nun ihrer neuen Regencapes. Ach, wäre genaro nur ein Mädchen geworden, dann hätte er die Kleidung der zwei Jahre älteren Schwester erben können. So aber standen sie da mit ihren inzwischen zehn und bald acht Jahren alters. Knuffig dennoch, aber alt genug, um zu wissen, wie man sich bei solchen Festen zu verhalten hatte. “Seid ihr soweit?” kam die Frage. Genaro zuppelte noch einmal an seinem Stiefel, Ardare blickte auf den Spiegel gegenüber der Garderobe und rüttelte an einer silbernen Spange. Sie saß fest, was bei ihr wohlgefallen auslöste. “Wir können!” strahlte die älteste Tochter stolz. Der Blick Croënars ging auf seine Gemahlin, welche natürlich dabei das letzte Wort hatte. Aber auch Cassiopeia schien zufrieden. “Die Kinder sind hungrig, hoffentlich serviert Senhor Phelizzio keine Experimente.” schickte sie ein Stoßgebet mehr an das Schicksal denn an ihren Mann.
“Er hat eine Aranische Ehefrau. Das könnte schon etwas exotisch werden.” zuckte er mit den Schultern. Cassiopeia nickte, sprintete kurz noch einmal in einen Nebenraum und kam kurz danach mit ein paar Notkeksen zurück. Vier großen Keksen. Zwei für jedes Kind… oder eins für jeden Camaro, das dürfte sich dann noch herausstellen.”
Als die Gäste sich dem Anwesen der Familie d’Antara näherten, konnte sie trotz des leichten Regens die aranischen Einflüsse am Haus erkennen. Die Fensterläden waren noch mit tulamidischen Holzgittern verschlossen, die Schutz vor der Sonne gewährten und mehrere orangene Lampions aus Stoff erhellten das Gebäude. Das Licht der Lampions fiel auf die verschieden farbenen Hibuskusse im Vorgarten, sodass ein buntes Blumenmeer jeden Ankömmling begrüßte.
Den di Camaros eilten einige Bedienstete, allesamt Aranier mit fließenden Horasi, mit Schirmen entgegen, um sie das letzte Stück zum Haus trocken zu begleiten. Die Diener nahmen drinnen ihnen auch sogleich die nassen Mäntel ab und die Herrschaften des Hauses, Phelizzio d’Antara und seine Frau Sybilla, kamen von der großen Treppe im Eingangsbereich ihren Gästen entgegen, um sie zu begrüßen.
Cassiopeia und Croënar blickten durchaus erstaunt umher. Sie kannten das Gebäude natürlich schon länger, direkt neben dem Hesindetempel gelegen auf einer Klippe. Das Erdbeben vor einigen Jahren hatte natürlich auch hier ihre Schäden hinterlassen, doch der Erdrutsch, welcher teile der Steilklippe damals in die Tiefe fielen ließ, waren ein Stück abseits der Villa selbst und so stand sie weiterhin auf festem Fundament und gewährte im Wohnraum mit den großen Fenstern weiter einen schönen ausblick auf Hafen, Tempel und Meer. Doch soweit waren sie noch nicht. Zunächst blickten sie verwundert darauf, wie das Enterieur sich verändert hatte, hin vom Vorbesitzer zum jetzigen Bewohner. Sie hatten die Fenster austauschen lassen und es wirkte… ungewohnt. Wenngleich das mit den Lampions aus Stoff eine schöne Idee war, welche alles in ein anmutiges Licht setzte. Aber warum nun alle Diener nicht aus Efferdas waren… es war ein ungewöhnliches Zeichen von Prunk. Wollte Phelizzio ihnen damit imponieren? Croënar versuchte sich nichts anmerken zu lassen, übergab artig den fremdartigen Dienern seinen Mantel und sah, wie die ebenfalls etwas staunenden Kinder und seine Gemahlin es ihm gleich taten. Als er das Paar dann die Treppe herunterkamen sah, straffte er sich. “Senhora Sybilla, Senhor Phelizzio! Ich sehe, ihr habt einiges mit dem alten Palazzo gemacht. Schick! Darf ich euch meine Frau Cassiopeia Trenti sowie meine Kinder Ardare und Genaro vorstellen?”
,,Eure Wohlgeboren”, begrüßten Phelizzio und Sybilla abwechselnd Croenar und Cassiopeia und gaben den kleinen die Hand. ,,Travia zum Gruße”.
,,Ich begrüße Euch ganz herzlich im Palazzo Fazanir und ich danke Euch für die Annahme unserer Einladung. Das Wetter muss Euch sicher mitgespielt haben, bitte folgt uns in den Orangensaal, der Kamin ist bereits angefacht und das Essen wird in Kürze bereit stehen.
“Orangensaal” wirkte Croënar freundlich überrascht. Er hatte definitiv nicht erwartet, heute Efferdas so sehr verlassen zu würden. “Ein prasselndes Kaminfeuer klingt in der Tat einladend.” gab er fröhlich zurück und achtete kurz auf seine Kinder, welche staunend die bunten Glaslampions an der Decke betrachteten. Auch war der Duft hier recht süßlich und fruchtig, als hätten die ein oder andere Kerze ein Parfum in sich. Die Familienmitglieder der di Camaros waren wirklich gespannt, was sie nun im Orangensaal erwarten würde.
Die Hausherren führten ihre Gäste nach oben in den Orangensaal. Dort stand ein großer Tisch aus massiven Holz aus der Coverna, bereits gedeckt und mit Kerzen erleuchtet. In der Mitte des Saales brannte bereits der Kamin, der eine wohltuende Wärme wiedergab. Auf dem Kamin lagen in kleinen Tellern aus Ton Orangenschalen, die den Duft der Frucht im ganzen Zimmer verteilten. Dieser hatte allerdings aus einem anderen Grund den Eigennamen. An den Wänden hingen verschiedene farbige Skizzen und Bilder von Orangenbäumen, die deutlich in den tulamdischen Raum künstlerisch gesetzt worden waren.
Sybilla lächelt mit einem Hauch von Stolz, da sie durch dieses Zimmer einen Vorgeschmack zu ihrer aranischen Heimat den Gästen präsentierte.
Phelizzio lud alle Anwesenden ein, Platz zu nehmen und klingelte ein kleines Glöckchen, das sofort die Aufmerksamkeit der kleinen di Camaros auf sich zog. Nach wenigen Augenblicken traten Diener in den Saal und servierten den Erwachsenen einen milden Orangenwein und den Kindern mild-gesüsstes Orangenwasser.
Die Kinder schienen glücklich mit diesem Getränk. Warum auch nicht, es war gesüßt. Vor vier Jahren wären die beiden ob dieses Getränks hyperaktiv durch die Wohnung getollt und hätten Zofe wie Mutter den letzten Nerv geraubt, doch zum Glück hatten eben auch die beiden eben inzwischen ein “Vorzeigbares” Alter erreicht und hatten sich mehr unter Kontrolle. Aber auch Cassiopeia roch interessiert an ihrem Wein. “Meine Güte, es ist euch wirklich gelungen, dieses Palazzo in eine ganz andere Atmosphäre zu setzen. Als sei man gar nicht mehr in Efferd.” genehmigte sie sich einen kurzen Sipp. Croënar stieg hinein.
“Ja, ich weiß noch, als ich das letzte mal hier war… das ist sicher zehn bis fünfzehn Jahre her. Es war alles viel… Bodenständiger… ist das falsche Wort. Rudimentärer? Es vermittelte auf jeden Fall einen ganz anderen Charme. Ich weiß noch, der Hausdiener war ein alter Delphinoccospieler. Tandato… Terdato… Zuverlässig, still, leicht zittern, aber auch sehr bider. Wenn man mal ein wenig seine persönlichen Hausregeln missachtete, konnte er natürlich wenig dagegen tun, aber er hatte diesen Blick drauf, als hätte man gerade in einen Delfin gebissen. Was wohl aus ihm geworden ist…”
,,Gewiss, es hat sich einiges getan in der Zwischenzeit, Euer Wohlgeboren. Die Welt ist im Wandel und doch bleiben wir im Kopf bodenständig und nahbar”, sagte Phelizzio ernst und trank erneut von seinem Orangenwein.
Elam, der oberste Hausdiener kam herein und nickte Phelizzio zu. Dieser lud nun die Anwesenden ein, gemeinsam das angerichtete Mahl einzunehmen. Es handelte sich um einen Garnelensalat mit beigestelltem Reis. Die Meeresfrüchte waren fangfrisch und der Reis mildgewürzt.
Die Vorspeise brachte die Kinder bereits an ihre Grenzen. Doch der strafende Blick der Mutter zeigte schnell, dass sie schon in diesem Alter eine Lektion gelernt hatten. Wenn man bei Gästen ist, ist man einmal das Essen des Gastgebers, auch wenn es nicht schmeckt. Und danach dankt man und sagt, dass man dieses Essen nie wieder essen würde. Mit stählernem Gesicht nahmen sie ihre Kinderportion, während Cassiopeia und Croënar die Vorspeise sehr wohl zu genießen wussten. “Reis, welche Seltenheit. Ich vermute, ihr habt diesen aus Suderstein am Chabab liefern lassen?” Honorierte Croënar die nächste Mühe.
,,Oh, da liegt Ihr richtig. Ich hoffe, es schmeckt Euch. Es ist eine kulinarische Abwechslung, die etwas gewagter ist. Doch wir wollten Euch damit bewusst überraschen”, erklärte Sybilla.
Cassiopeia nickte. “Es ist eine in der Tat erfreuliche Erfahrung.”
“Ja, die Überraschung ist euch gelungen. Wirklich, all diese Mühen, die ihr für dieses Kennenlernen bereits aufgenommen habt… sollten wir so langsam ein schlechtes Gewissen bekommen?” fügte Croënar hinzu. “Wir haben bisher so wenig getan, um solch exotik zu verdienen.” Croënar wusste, dass bei solch einem Aufwand normalerweise eine Frage hinterher kam, die dann schnell unangenehm werden konnte. Getreu dem Almadanischen Motto - willst du etwas erreichen, dann erpresse nicht. Mache Geschenke.
,,Erstmal lag es in unser beider Interesse uns Euch vorzustellen und Travias Gebote der Gastfreundschaft zu ehren, aber Ihr habt es direkt angesprochen. Durch einen bedeutenden Schiffsauftrag ist unsere Investitionmöglichkeit gestiegen und wir würden dies gerne in bescheidene Landverpachtung einfließen lassen. Würden wir da zusammen kommen können?”, sagte Phelizzio ernst.
“Na, dann erst einmal ein Prost auf euren Auftrag.” er hob das Glas Orangenwein in die Höhe. “Ob wir einfach so Land verpachten können… da hättet ihr doch besser meinen Vater gefragt, Senhor Esteban di Camaro. Ich bin ja nur ein Stadtsenator. Aber dies wird denke ich erst einmal eine Frage für die Buchprüfer sein. Ich denke, ihr versteht, dass nach den Geschehnissen der letzten Jahre ein jeder sehr vorsichtig mit seinen Investitionsgütern umgeht. Ich meine, schaut nur, wie viele Leute durch irgendwelche Pleiten hier in letzter Zeit ihr Geld verloren haben. Erst die Raloff, dann die Slin, die Chanbari, die Punta, die ya Bocca... Torrem… und ich bin sicher, da draußen gibt es auch Leute, die ihr Geld auf die D’Oro gesetzt haben. Sie alle haben großen Schaden hinterlassen. Aber sagt, wan was habt ihr denn gedacht? Eine der alten Villen in Saliceria? Ein Weizenfeld in Callaneo?”
,,Ein berechtigter Einwand, mein Freund. Vorsichtig ist besser als Nachsicht, doch sollten wir nicht grade im Bemühen um unsere Stadt die Wirtschaft am laufen halten? Grade Ihr mit der Bekleidung eines öffentlichen Amtes und wir als handwerkliche Nachfolger der Familie Slin, würden damit ein Zeichen setzen, nicht wahr. Wenn Ihr es so Vorschlagt läge in unserem Interesse Weizen oder die Holzproduktion, sofern es Euch zusagen würde, uns als Pächter zu akzeptieren?”, fragte der Hausherr.
“Wozu braucht ihr Weizen? Baut ihr nicht Schiffe?” stellte Cassiopeia eine Zwischenfrage. Croënar machte durchaus den Eindruck, als wäre sie froh, dass sie die Frage gestellt hatte, sie lag ihm wohl auch auf der Seele. Er fügte aber auch noch etwas hinzu. “Im Bemühen “unserer” Stadt? Die Sägemühlen und Kornspeicher in unseren Ländern produzieren doch bereits, mit einem Wechsel des Pächters wäre dies nur eine Umverteilung der bisherigen Güter. Wärt nicht eher ihr die Person, die davon profitiert? Ich meine - eure Motivation ist nachvollziehbar. Dennoch solltet ihr vorsichtig sein, wenn ihr für eure Geschäfte mein Amt als Senator nun nutzen zu wollen… ihr erwartet hoffentlich nicht, dass ich für eure Geschäfte nun im Senat Gesetzesänderungen vorschlage, die euch einen Vorteil verschaffen. Das wäre nämlich dann Korruption. Und ich denke, dafür sind wir di Camaros dann doch die falschen.” wirkte er mit einem strafenden Blick.
...das Gespräch wird hitziger
Bei dem indirekten Vorwurf Korruption nutzen zu wollen wurde Phelizzios Miene zum ersten Mal finster. Welch eine dreiste Beleidigung! War den di Camaros nicht bekannt, wie lange die Familie d'Antara für ihren Aufstieg schuften mussten und das stehts in traviafrommer Glaubenstreue? Er blickte auf seine mit Narben gezeichneten Hände, die lange Arbeitsjahre kannten.
Dann hielt er diese seinen Gästen vor.
,,Seht Ihr diese Narben? Viele Adlige haben diese Narben nicht. Die sind durch fast 30 Jahren harter und durch körperlich schwerer Arbeit entstanden, ohne dass in diesen Jahren jemals Gold unmoralisch verschoben wurde! Uns liegt diese Stadt am Herzen, darum sind wir auch nach den Turbulenzen dieser Stadt hierher gezogen und haben alles frühere aufgegeben, da uns nun auch alles bisher verdient erreichte erwartet. Die Familien Slin, Changbari etc haben schwere wirtschaftliche Schäden hinterlassen und sofern wir nicht alsbald von Belhanka und Sewamund ökonomisch dominiert werden wollen, müssen wir Efferdier unsere Stadt stärken. Durch Schiffbau. Durch Holzhandel. Durch Kornernte. Durch die vielen Zweige, die unser aller Domänen sind.
Ich gebe Euch hiermit meinen Eid bei der gütigen Göttin Travia, sofern Ihr dem Weizenfeld zustimmen würdet, wird Korn und Ertrag dem hiesigen Waisenhaus zufließen und als Spende zum Bau eines Travia-Tempels. Ja. Travia-Tempel. Efferd schützt unsere Männer und Frauen auf See und so soll Travia sie zum heimischen Herdfeuer leiten!”
Croënar lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte. Er verschrenkte die Arme und blickte Phelizzio mit leicht geneigtem Kopf an. “Senhor Phelizzio, ich weiß, ihr seid neu in dieser Stadt und auch der Wappenschild ist noch neu in eurer ach so geschundenen Hand. Daher erlaubt mir an dieser Stelle einen Rat. Wenn ihr in dieser Stadt bestehen wollt, solltet ihr lernen, mit Widerstand zurechtzukommen und vielleicht ein wenig eure Weltsicht eurem Umfeld anpassen. Den Adeligen dieser Stadt vorzuwerfen, sie hätten nie gearbeitet… da frage ich mich natürlich schon, wen ihr damit meinen könntet? Das Haus Efferdas, dass seit Generationen über die Stadt Geschehnisse wacht und die seit jeher die Verantwortung über diese Stadt trugen, was oftmals mit dem vergießen eigenen Blutes einher ging? Oder meint ihr vielleicht das Haus ya Pirras? Die, die schon in den Zeiten Bosparans hier in der Region Obst anbauten und entsprechend seit mehr als tausend Jahren ihre Hände für diese Region schmutzig machten? Meint ihr das Haus Trenti, die als Handwerker sich hier ihr Imperium aufbauten und über Generationen gute Arbeit verrichteten, bis sie sich nach langem Sparen endlich ihr verdientes Prädikat erbauen konnten? Oder sind es die Gerber? Die mit der Bodenständigkeit und Bescheidenheit einer Familie, die ihr Imperium quasi aus Ochsenpisse heraus gebildet haben aufbauen konnte? Oder sprecht ihr gar von den di Camaro selbst, welche seit mehr als dreihundert Jahren sich der Gefahr der Piraterie erwehrt und mehr noch die Verantwortung für den Glauben der ganzen Stadt auf ihren Schultern tragen muss? Senhor, versteht mich nicht falsch, dass ihr die Hallen der Familie Slin übernehmen konntet, ist ein “wirtschaftlicher” Gewinn für die Stadt. Über den freuen wir uns. Aber ihr gewöhnt euch besser daran, dass ihr nun kein Geldsack mehr seid, sondern dass ihr nun seit drei Jahren einen Ehrenschild tragt. Und wenn ihr euch nicht entsprechend verhaltet und solche saloppen Brandreden einmal zu häufig vom Stapel lässt, wird man euch als unwürdig des Schildes brandmarken und dann verkauft ihr so schnell gar keine Schiffe mehr. Und noch am Rande erwähnt, würden euch die Geschicke der Stadt wirklich so sehr am Herzen liegen, wie ihr es gerade behauptet hat, dann würdet ihr eure Werftarbeiter einmal fragen, warum es in der Stadt keinen Traviatempel gibt. Weil es dafür keinen Bedarf gibt. Das Meer nährt die Bürger dieser Stadt. Das Meer lehrt sie, wie man mit Gästen umgeht, es lehrt sie Passion, Geduld und Liebe. Die Menschen der Stadt leben nicht etwa keine Nähe zu Travia aus, weil es keinen Tempel gäbe, sondern es gibt keinen Tempel, weil die Menschen der Stadt darin keinen Bedarf sehen. Und das schließt sogar die Waisenkinder Miserias mit ein, die wissen, dass ihre Zukunft auf Booten, an Netzen, in den Wanken von Segeln zu finden sind. Ich kann die Antwort meines Vaters auf die Idee dieses Kornfeldes für Arme jetzt schon vorweg nehmen. Wenn ihr Land pachten wollt, um das Korn zu verschenken, dann fehlen euch die Einnahmen, um die Pacht des Landes auch zu bezahlen. Er wird sicher kein Land an jemanden verpachten, der neu in der Stadt ist, der auf Kredit lebt und vorhat, das wenige Geld, dass er noch hat zu verschenken. Von daher solltet ihr eure Strategie vielleicht noch einmal etwas bearbeiten. Wie gesagt, dies als gut gemeinter Rat von Herzen. Aber ich bin sicher, das wisst ihr alles selbst. Ich denke, es wartet noch ein weiterer Hauptgang mit exotischen Köstlichkeiten auf uns, die nie ein einfacher Arbeiter aus Efferdas je zu essen bekommen hat, es wäre doch eine Schande, wenn wir dieses Mahl mit grimmigem Gesichte zu uns nehmen müssten, oder?”
,,Phelizzio lächelte ebenfalls und beugte sich etwas vor. ,,Offenbar glaubt Ihr über meine Wirtschaftlichkeit bestens Bescheid zu wissen und selbstredend steht es Euch auch frei, sich über Neuankömmlinge zu informieren, doch ich muss Euch enttäuschen, mein Freund. Eure Quellen scheinen mir etwas veraltet zu sein.
Über den wahren Einsatz einiger covernischer Adelsfamilien lässt sich natürlich streiten, doch die Geschichte hilft uns da immer Licht ins Dunkeln zu bringen. Haus Efferdas musste der Republik Belhanka den Eid leisten, folglich sind wir durch diese verantwortungsvolle Führung zu einer Republik geworden in der Chancengleichheit besteht, wie Ihr an uns bestens sehen könnt. Haus ya Pirras ist edel und stolz, aber auch verbannt hier im Exil, weil man sich die Hände zu schmutzig wohl gemacht hatte, die alte Perückenherrschaft wieder einführen zu wollen. Mein Freund, vielleicht seid Ihr noch nicht in den außerordentlichen Luxus gekommen, andere Meinungen als Euer selbst zu hören, doch Diskurs fördert stets die Entwicklung eigener Ansichten, zumal ich nun mehr über Euch erfahren habe, als Ihr über mich.
Bezüglich Eurer Anekdoten zu Eurer Haltung, die anscheinend auch plötzlich die ganze Stadt zu haben scheint, sehnen sich alle Fischer, Seeleute und Armen zurück an die Wärme des Gütigen Herdfeuers. Efferd schützt und nährt sie auf und durch die See. Aber nach Travias Wärme in eigenem Heim sehnen sie sich auch!
Ihr habt Recht, grimmigen Gesichtes lässt sich ein Mahl nicht einnehmen. Darf Euch nun ein einfacher Handwerker das Brot in Travias Namen reichen?”
Beide Camaros verengten die Augen, sie versuchten zu verarbeiten, was ihnen ihr Gastgeber da erzählte. Beide schauten sich kurz irritiert an und waren sich nicht sicher, wie sie auf diese Antwort reagieren sollten. Dann übernahm Croënar wieder. Er roch am Orangenwein. “Senhor Phelizzio, ihr habt mich zum Essen eingeladen. Und ihr habt die Werft der Slin gekauft und zudem ein Adelsprädikat. Glaubt ihr allen ernstes, ich hätte mich nicht vorbereitet auf dieses Treffen? Und meine Quellen sind… veraltet? Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen. Ich habe den Putschversuch der Thirindars miterlebt und es waren auch ya Pirras, die sich in größte Gefahr begeben haben, um den Ursupator zu stellen. Und dann werft ihr mir Arroganz und Ignoranz vor? Senhor Phelizzio, ihr fordert mich wahrlich heraus, die Rolle des guten Gastes darstellen zu können. Ich zumindest kenne das Lästern über die Adeligen der Stadt bei weitem nicht als Travias Tugend. Und dass ihr dann auch noch behauptet, ich würde die Stimme des Volkes nicht kennen - eben jenes Volkes, mit dem wir zusammen die Usurpatoren vertrieben haben, unter denen wir aufgewachsen sind, die uns zu Senatoren gewählt haben, die Wesen in unserer Mitte sind und die der Stadt Efferdas ihren unverwechselbaren Charakter geben, sei es das FLor Falar, sei es die Flauta und vor allem sei es ihr Glauben an Efferd, den Meeresgott, dessen höchster Geweihter mein Cousin ist, dies ist wahrlich kein Zeichen von Demut. Ich habe euch einen Gefallen tun wollen, euch einen Rat geben wollen, wie man Teil der Gesellschaft werden kann und alles, was ihr übrig habt, ist Spott und das Verhalten eines verbitterten Handwerkers. Verzeiht mir, wenn ich das so sage, aber das irritiert mich massiv. Ihr wollt mir erzählen, was das Volk von Efferdas denkt, während ihr eure Diener durch Tulamiden ausgetauscht habt? Ihr wollt wissen, wie Efferdis wohnen, während ihr euer Haus in eine Tulamidische Karawanserei verwandelt habt? Ihr wollt wissen, was die Bewohner der Stadt wollen und ein Waisenhaus mit Korn füttern, während ihr Reis und Orangenwein serviert? Ich hoffe ihr seht, wie es sehr leicht schwer fallen kann, eure Wertung der Wünsche der Bewohner Efferdas ernst zu nehmen. Von daher hoffe ich doch, dass ihr wieder zur Demut findet. Denn wenn ihr euch anderen Senatoren gegenüber auch so gebt, werdet ihr euch Feinde machen. Und es sind die Leute, die ihr gerade beleidigt habt, die eure Schiffe kaufen sollen. Sie werden das nicht tun, wenn ihr nicht bald beginnt, wie sie zu handeln. Und wenn ihr keine Schiffe verkauft, denke ich, dann habt ihr eine Sorge mehr.”
,,Wir danken Euch für die mit Sorgen verbundenen Ansichten”, schaltete sich Sybilla nun ein, während Phelizzio sich bemühte im Zaum zu halten.
,,Ihr mögt befremdliche Ansichten über unsere Familie haben, das ist Euer gutes Recht. Wir haben die unsrigen, die durch Erfahrung und Harte Arbeit geprägt worden sind. Zumal das nicht aufgenommen werden soll, dass andere achtbare Familien nicht weniger erfahren noch hart arbeitend sind. Vielleicht vermag ein Nachschank im Wein die erhitzten Gemüter zu beruhigen?” Sie schaute fordernd zu Phelizzio, der nach einem langen Blickkontakt mit ihr und seinen Gästen nun zu nickte und damit sein Gemüt wieder beherrscht hatte.
,,Vergebt mir meinen Ausbruch und feindselige Worte im Eifer des Wortgefechtes. Doch ich möchte nur richtig stellen, was unbeabsichtigt zu Tage gefördert wurde: wir sind stolz auf unsere Leistung, die uns hierhin brachte. Ich sehe das niemals als eine Selbstverständlichkeit an. Wir werden mit harter Arbeit uns weiterhin die Achtung der hohen Stadt Efferdas verdienen. Und seiner Diener”, er blickte in die Augen seiner Gäste.
Der Senator hob sein Glas. “Dann lasst uns noch einmal einschenken. Wie gesagt, ihr habt ja noch mindestens ein Hauptgericht für uns vorbereitet, wie furchtbar wäre dies, wenn all die Mühe vergebens gewesen wäre.” Er ließ die Diener den Orangenwein nachfüllen. “Und euch will auch niemand eure Stolz auf euer Lebenswerk nehmen. Es ist euer Eifer, der euch euren Ehrenschild verdient hat. Und wir sind sicher auch nicht hier, um euren Glauben in Frage zu stellen, wer wären wir. Seht es so. Diese Stadt ist offen für vieles neues, sicher auch für Orangenwein und Reis. Aber wir sollten uns nicht anmaßen zu wissen, was sie wollen oder nicht auf Basis dessen, was uns selbst am Herzen liegt. Ja, einerseits ist es unsere Aufgabe, den einfachen Menschen zu geben was sie brauchen, statt das, was sie wollen. Aber Efferdas ist eine Stadt ihrer Bewohner. Eine freie Republik, deren Menschen stolz auf ihre Lebensart sind und die so auch über Jahrhunderte gewachsen ist. Für viele außerhalb der Coverna ist diese Stadt mehr als nur befremdlich, kompliziert zu verstehen. Und wenn jemand nach drei Jahren meint zu wissen, was die Efferdasi wollen, dann ist das ein Wort der Warnung wert. Ihr hattet noch keinen Kontakt mit einer Stadtteilweiten Flauta. Das ist kein Spaß…” nun klang Croënar fast etwas erschöpft, als würde er über eine eigene, hart gelernte Lektion referieren.
Nun wurde das Hauptgericht serviert: auf einfachen Serviertabletts lagen auf Salatblättern gebettet, mehrere Fleischscheiben, dazu wurde Brot mit Kräuterbutter gereicht.
Phelizzio lud nun die Anwesenden zum Einnehmen des Hauptgerichtes ein.
Der Abend klingte ruhig aus, man verabschiedete sich höflich voneinander.
Phelizzio blieb am Fuße der großen Treppe stehen und schaute sich das Innendekor nachdenklich an. ,,Tulamidische Karawanserei”. Diese abfälligen Worte hallten ihm im Kopf nach. Sybilla kam zu ihm und berührte ihn am Arm. ,,Nimm es dir nicht allzu Herzen, mein Liebster. Es waren einige hitzige Worte gefallen. Du warst auch nicht so wie ich dich kenne, Phelizzio”. ,,Ja, verzeih mir, dass ich in deiner Anwesenheit bei diesen Leuten die Beherrschung verloren habe. Es wird nicht mehr passieren “, er küsste ihren Handrücken. ,,Ich gehe nun noch was arbeiten und einige Briefe aufsetzen”, er nickte ihr zu und begab sich in sein Arbeitszimmer.