Briefspiel:Lilienratswahl 1046 BF/Hinterzimmerabsprachen

Briefspiel in Sewamund
Datiert auf: Tsa 1046 BF Schauplatz: Sewamund Entstehungszeitraum: Frühjahr 2026
Protagonisten: die Mitglieder des Lilienrats Autoren/Beteiligte: Amarinto, Atagon, Beo, Carenio, Cortesinio, DiPiastinza, Illumnesto, Kacheleen, Luntfeld, Marakain, Mornicala, Tribec, VanHoven, Vesselbek, ...
Zyklus: Übersicht · Hinterzimmerabsprachen · Wahl der Hofmeisterin · Wahl der Justiziarin · Wahl des Commodore · Wahl des Baumeisters · Wahl der Seneschallin · Wahl der Kämmerin · Wahl des Landvogts · Wahl des Kanzlers · Wahl des Hafenmeisters


Amelthona d'Illumnesto und Rahjane Vistelli

Eine jede Kandidatin - tatsächlich hatten sich nur weibliche Patrizierinnen für das angesehene Amt der Hofmeisterin beworben - hatte ihre Wahlkampfrede gehalten. Amelthona d'Illumnesto hatte von ihrem Platz im Ratssaal aufmerksam gelauscht. Rahjane Vistelli, geborene Tribêc, war die erste gewesen und hatte wohlgesetzte Worte mit angenehmer Melodie gewählt. Auf sie folgte Baldura di Estrano, Tochter der Familie di Estrano aus dem nahen Selzin - eines Hauses, das ähnlich wie die d'Illumnesto erst vor wenigen Monden nach Sewamund übergesiedelt war. In ihren Worten hatte viel Feuer und Wahrheit gelegen, eine Leidenschaft wie sie zu Rahjanes Eloquenz nicht gegensätzlicher sein könnte.

Nach den Redebeiträgen zerstreuten sich die Lilienratsmitglieder, um in sich zu gehen, sich zu besinnen und zu entscheiden, welche der drei Damen sie für geeignet hielten, das Amt der Hofmeisterin auszuüben. Amelthona, bis zur Ernennung Dareius Amarintos zum Baron von Sewamund, Protektorin Sewakiens und damit Regentin der Baronie, erhob sich von ihrem Platz, ihr elegantes, modisches Kleid in zartem Flieder, der zu ihrem rotbraunen, hochgesteckten Haar sowohl einen deutlichen Kontrast bildete als auch gleichsam damit harmoniert, rauschte und warf schwere Falten. Gemessenen Schrittes folgte sie Rahjane, die gerade einen Balkon des Schlosses Corello aufsuchte, um nach den anstrengenden Diskussionen ein wenig frische Luft einzuatmen.

Als die jüngere Frau die ältere bemerkte, drehte sie sich herum. Amelthona lächelte Rahjane offen an und neigte kurz grüßend ihr Gesicht. "Signora Rahjane, hättet Ihr einen Augenblick Zeit für mich?" Rahjane hatte mit vielem gerechnet an diesem Nachmittag: mit verhohlenem Lächeln, leise geflüsterten Spitzen hinter vorgehaltener Hand, den prüfenden Blicken derer, die in jeder Kandidatin weniger eine Person als eine mögliche Ordnung des Rats sahen. Doch dass ausgerechnet Amelthona d'Illumnesto ihr so rasch nachfolgen würde, ließ sie für einen Herzschlag innehalten.

Sie wandte sich ihr zu und legte die Fingerspitzen leicht an das steinerne Geländer des Balkons. Unter ihnen breitete sich die zum Strand abfallende Böschung des Schlossgeländes in der milden Helle des Nachmittags aus, das Rauschen des Meeres drang träge herauf. Rahjane nahm es kaum wahr, ihre Aufmerksamkeit galt der Frau vor ihr.

Amelthonas Lächeln war offen genug, um angenehm zu wirken, und doch nicht so offen, dass man darin bereits viel ablesen könnte. Rahjane kannte diese Art von Offenheit, sie war im Rat gebräuchlicher als in manchem Phextempel. "Aber gewiss, Signora d'Illumnesto", erwiderte sie mit einer kleinen Verneigung des Kopfes. Ihre Stimme war ruhig. Nur wer sie gut kannte, hätte bemerkt, dass ein kleine Unruhe sie beschlicht. "Für Euch nehme ich mir gern einen Augenblick. Oder auch zwei, wenn die Sache es verdient."

Ein kaum merkliches Schmunzeln glitt ihr über die Lippen, gerade genug, um die ehrliche Höflichkeit mit überzeugend gut vorgetäuschtem Selbstbewusstsein zu ergänzen. Während sie sprach, musterte sie Amelthona aus gesenkten Wimpern. Das fliederfarbene Kleid war klug gewählt, nicht bloß modisch, sondern mit jenem Verständnis für Wirkung, das nicht jeder besaß. Eine Frau, die wusste, dass Macht in Sewamund nicht allein mit Worten ausgedrückt wurde, sondern ebenso in Stoffen, Farben, Pausen und der Frage, wen man vor versammeltem Rat ansah und wen erst auf dem Balkon.

Einige Augenblicke genoss die Kronvögtin von Talante den Ausblick auf den Strand. In diesem Moment wirkte Sewamund so friedlich und die ganzen Katastrophen schienen viel weiter in der Vergangenheit zu liegen als nur wenige Wochen. Sie wandte sich wieder Rahjane zu. "Ihr habt eine äußerst eloquente Rede gehalten, wenn ich dies anmerken darf. Ich vernahm eine gewisse Leidenschaft für die Aufgaben der Hofmeisterin Sewamunds." Sie lächelte. "Ihr wisst, dass mein Haus, die d'Illumnesto, neu in Sewamund sind." Sie öffnete ihre Hände und breitete sie ein wenig aus, die Handflächen nach oben. Eine Einladung oder einfach nur eine Untermalung des Gesagten? "Wir sind noch nicht sehr vertraut mit den Gepflogenheiten hier geschweige denn mit..." Sie lachte kurz fröhlich auf, auch wenn Rahjane für einen Moment die Ehrlichkeit dieses Frohsinns hinterfragen mochte. "...allen hiesigen Patrzierfamilien. Ihr seid eine geborene Tribêc und eine verheiratete Vistelli, richtig?" Auf Rahjanes Nicken fuhr sie fort. "Damit verbindet Ihr zwei der vornehmsten Familien der Stadt. Ich möchte offen zu Euch sein, Signora Rahjane, gerne würde ich die Gelegenheit nutzen, mit Euch und Eurem Hause zu kooperieren, wenn Ihr dies wünscht. Zum Einen glaube ich Euch Eure Leidenschaft und die Befähigung für das Amt der Hofmeisterin, zum Anderen glaube ich ebenfalls, dass die d'Illumnesto mit unseren Ressourcen und Verbindungen über Sewamund hinaus und die Vistelli mit ihren Ressourcen und Verbindungen in Sewamund einiges zum Wohle der Stadt bewegen könnten."

Rahjane hielt Amelthonas Blick für einen Moment. So schmeichelhaft deren Worte auch klangen, so spürte sie doch, welches Gewicht darin lag. Es war nicht bloß Anerkennung, sondern eine ausgestreckte Hand. Das schmeichelte ihr und es beunruhigte sie. Für einen Augenblick glaubte sie, die Stimmen ihrer Familie zu vernehmen: die drängende Mahnung ihrer Mutter, Einfluss erwachse niemals von selbst, sondern müsse gewonnen werden. Die süffisante Gewissheit ihres Onkels Gerodan, Politik sei im Grunde nur die Kunst, andere lächeln zu lassen, während sie einem bereits den Weg bahnten. Rahjane wünschte, sie könnte in diesem Moment sicher wissen, was von ihren Gedanken tatsächlich ihre eigenen waren.

Dennoch hob sie das Kinn mit sanfter Würde und schenkte Amelthona ein offenes Lächeln. "Ihr seid sehr freigebig in Eurem Urteil, Signora", sagte sie. "Und ich will Eure Offenheit nicht mit bloßen Höflichkeiten beantworten. Ja, ich bin eine geborene Tribêc und eine Vistelli durch Heirat. Das verpflichtet. Man könnte meinen, mehr noch, als es nützt." Sie ließ den Blick für einen Moment aufs Meer gleiten, als suche sie dort die passenden Worte für die Antwort, ehe sie sich wieder Amelthona zuwandte. "Ich glaube", fuhr sie fort, "dass Sewamund in diesen Tagen mehr braucht als schöne Reden und stolze Namen. Die Stadt hat in kurzer Zeit viel Unruhe gesehen. Gerade deshalb scheint mir jede Verbindung wertvoll, die nicht aus Eitelkeit, sondern aus ernstem Willen zum Ausgleich entsteht. Wenn Euer Haus in Sewamund Wurzeln schlagen will und meines dabei helfen kann, so wäre es töricht, darin nicht eine Gelegenheit für die Stadt zu sehen." Diese, ihre Worte gefielen ihr. Sogar sehr. Rahjane war erleichtert darüber, als habe sie eine Brücke betreten und erst auf halbem Wege bemerkt, dass sie trug.

"Mein Haus", sagte sie und zögerte kurz, "oder vielmehr die Vistelli verfügen zweifellos über Bande in der Stadt, die nützlich sein können. Die Tribêc verstehen..." Sie stockte, weil ihr nicht einfiel, was ihre Mutter gesagt hätte: Einfluss? Handel? Haltung? Sowas. "...sich auf die Gewichte, die eine Stadt im Gleichgewicht halten." Das war nicht ganz so elegant, wie sie es sich gewünscht hätte, und kurz ärgerte sie sich darüber. Doch sie lächelte gleich wieder, als könne sie so die schiefe Formulierung entfernen.

"Ich schlage also nicht aus, mit Euch und dem Hause d'Illumnesto nach Wegen zu suchen", erklärte sie. "Vorausgesetzt, dass wir dabei nicht nur den Nutzen unserer Familien, sondern auch Sewamunds Würde im Blick behalten." Bei diesen Worten glaubte sie selbst für einen Moment fest, sie seien wahr. "Offen gestanden", sagte sie, nachdem sie ein wenig näher gekommen war, mit einem Hauch Mädchenhaftigkeit, "würde es mich freuen, wenn eine Zusammenarbeit mit Eurem Hause nicht aus Berechnung erwüchse. Ihr seid neu hier, doch vielleicht ist das ein Vorzug. Wer neu auf eine Stadt blickt, sieht manches klarer als die, die sich seit Jahren an dieselben Gesichter und Bräuche gewöhnt haben."

Rahjane legte den Kopf etwas schief. In ihren Augen lag Neugier, aber auch vorsichtiger Ernst. "Sagt mir, Signora d'Illumnesto", bat sie. "Wenn Ihr von Kooperation sprecht, meint Ihr damit diese Wahl? Oder sprecht Ihr von danach?" Sie hielt kurz inne. Obwohl ihre Haltung gefasst blieb, lag in der Frage der Wunsch, endlich einmal nicht Gegenstand fremder Pläne zu sein, sondern die eigene Richtung zu verstehen, gar mitzubestimmen. "Über das Erste wäre ich dankbar", sagte sie. "Für das Zweite wäre ich empfänglich."

"Signora Rahjane..." Amelthona schaute der jüngeren Frau offen in die Augen und auch wenn in ihren nicht die gleiche Offenheit und vielleicht auch Begeisterung zu erkennen war wie in Rahjanes, so meinte sie, eine gewisse Ehrlichkeit zu erkennen. "Ich meine wirklich beides." Beinahe hatte es den Anschein, als wollte die zwanzig Jahre ältere Frau nach den Händen der jüngeren greifen. War Amelthona kalt, aber gleichzeitig versiert genug, um Rahjane derart etwas vorzuspielen oder zeigte sich hier wirklich Zustimmung zu den Gedanken der Baronessa? "Ich habe den Lilienrat und Sewamund in den Konflikten bereitwillig unterstützt und dafür auch eine Schwadron der Rommilyser Reiterei geführt." Sie neigte ein wenig den Kopf, nur einen Hauch, was ihr trotz ihrer über 50 Jahre einen Hauch Jugendlichkeit verleihen mochte. "Und in der Zeit als Protektorin Sewakiens hatte ich vor allem den Wiederaufbau der Baronie gemeinsam mit der Stadt im Sinn." Rahjane erinnerte sich, dass es schon bald nach Amelthonas Einsetzung Gespräche zwischen ihr als Protektorin und Dimiona della Carenio als Lilienherrin gegeben hatte, nach denen verschiedene Anstrengungen unter anderem zur Instandsetzung nicht nur der Küstengebiete sondern auch des Sewamunder Hafens unternommen worden waren. "Ich würde Euch belügen, wenn ich nicht auch eigene Interessen vertreten würde, immerhin bin ich das Oberhaupt meiner Familie. Aber ohne ein blühendes Sewamund würden auch die d'Illumnesto..." Ja, diese prosaische Redewendung kam ihr über die Lippen, auch wenn sie sich etwas holprig anfühlte. Doch konnte Amelthona sich nicht gegen dieses Bild erwehren, zwängte es sich doch nachgerade auf. "...verblühen. Die Wahl des Lilienrates wäre nur ein Rädchen in den gesamten Mechanismus, doch soll es damit nicht enden, sondern erst beginnen, Signora.”


Cariana Amarinto und Rhjane Vistelli

Der Abendwind strich kühl vom Hafen herauf, trug noch immer einen Hauch Salz und Moder mit sich, wie Sewamund ihn seit der Sturmflut nicht mehr ganz losgeworden war. Über den Dächern lag jenes eigentümliche Licht, das beschädigtes Mauerwerk fast schön erscheinen ließ, wenn man weit genug davon entfernt stand. Cariana Thalionmel Amarinto stand auf dem Balkon des Palazzo Amarinto, die Hände auf den Stein gelegt, und blickte hinab in den Hof. Unten ließ ihre Knappin Methelessa Gerber einen Knecht ein widerspenstiges Pferd im Kreis führen. Das Tier hatte seit den Gefechten um Sewamund einen nervösen Zug bekommen, und Methelessa übte sich darin, Haltung durch Ruhe zu erzwingen.

"Sie hat einen festen Sitz", sagte eine Stimme hinter ihr. "Und eine gute Hand für Zügel." Cariana musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer da sprach. "Rahjane Vistelli“, sagte sie trocken. "Ihr schleicht Euch an wie eine Spionin."

"Wie enttäuschend", erwiderte Rahjane. "Ich hatte auf ‚wie eine Katze‘ gehofft." Erst jetzt wandte Cariana sich um. Rahjane trug kein Ratsgewand, sondern etwas, das bewusst zwischen Besuch und Auftritt lag: dunkler Stoff, schmale Handschuhe, ein Mantel, dessen Schnitt teuer war, ohne es aufdringlich zu beweisen. Sie lächelte nicht zu breit. Bei Rahjane war das oft das Klügste. "Ich nehme an, Ihr seid nicht hier, um Methelessas Sitz zu begutachten."

"Nein", sagte Rahjane mit offenem Zug, der ehrlich wirkte. "Obwohl ich das nicht uninteressant finde." Sie trat an die Brüstung, aber nicht zu nah. Rahjane verstand Abstände; sie wusste, wann Nähe wirkte und wann es Frechheit gewesen wäre. "Es heißt, Ihr habt die Mauern des Palazzo auf eigene Kosten ausbessern lassen."

Cariana verzog kaum sichtbar den Mund. "Es heißt vieles." "Manches stimmt sogar." "Wollt Ihr mir schmeicheln, Signora?" "Ein wenig", sagte Rahjane, beinahe heiter. "Ich habe gehört, Ihr seid klug genug, es zu merken, und eitel genug, es nicht sofort zu verachten."

Cariana schnaubte, schon fast nah an einer Belustigung. "Sagt lieber, was Ihr wollt."

Rahjane legte die Fingerspitzen auf den verwitterten Stein. "Ich will Baumeisterin werden." "Das ist bereits zu mir durchgedrungen." "Und Ihr stimmt für das Haus Amarinto ab." "Auch das sollte Euch bekannt sein." "Dann wäre es recht unhöflich von mir, so zu tun, als führte ich ein zufälliges Abendgespräch." Cariana sah sie jetzt scharf an. "Immerhin seid Ihr ehrlich." Rahjane neigte den Kopf ein wenig. "In Maßen." Unten im Hof hob Methelessa die Stimme gegen den Knecht, klar, jung und unerbittlich. Cariana blickte kurz hinab, und Rahjane bemerkte es. "Ihr bildet sie gut aus." „Sie lernt schnell. Der Konflikt hat sie dazu gezwungen. Zum Glück war ich selbst nicht gezwungen bereits in diesem jungen Alter Leben zu nehmen. Das kam erst später.“ "Sie wird Platz brauchen. Zum ordentlichen Üben. Stallungen. Eines Tages eine Turnierbahn."

Cariana schwieg. Rahjane fuhr in mildem Ton fort: "Sewamund verändert sich. Flüchtlinge aus Amarinto, neue Familien und Ansprüche, alte Schäden, halbe Reparaturen, volle Listen. Eure Familie wird hier nicht kleiner werden, sondern wichtiger. Das heißt, Ihr braucht keinen Rat, der nur verwaltet, was ohnehin steht. Ihr braucht jemanden, der weiß, wie man Raum schafft, bevor Streit entsteht."

"Und dieser Jemand seid natürlich Ihr." "Natürlich", sagte Rahjane, charmant genug, um die Anmaßung fast zu entschuldigen. Cariana musterte sie. "Warum sollte das Haus Amarinto Euch wählen?"

Das war die Stelle, auf die Rahjane gewartet hatte. Nicht, weil sie ihre Antwort bereithielt, sondern weil sie diese Frage liebte. Sie gab ihr die Erlaubnis, präzise zu werden. "Weil ich verstehe, was eine alte Familie einer verwundeten Stadt braucht", sagte sie. "Nicht bloß Steine, sondern Vorrang dort, wo er gerechtfertigt ist. Verlässliche Wege, gesicherte Lager, befestigte Zufahrten. Vor allem einen Blick auf Sewamund, der nicht so tut, als bestünden alle Interessen hier aus dem gleichen Maß Holz und Kalk."

Carianas Miene blieb kühl. "Das klingt wie ein Angebot." Rahjane lächelte. "Das ist Politik, Cavalliera. Angebote klingen nur unanständig, wenn man sie plump formuliert." "Und plump seid Ihr nicht." "Gewöhnlich nicht."

Es entstand eine Pause. Möwen kreischten draußen über die Dächer. Nicht weit schuftete wieder ein Luntfelder Arbeiter viel zu lange, schlug ein Hammer gegen Metall. Cariana lehnte sich mit verschränkten Armen an die Brüstung. "Meine Mutter würde sagen, eine Baumeisterin schuldet der ganzen Stadt etwas, nicht einzelnen Häusern." "Das stimmt", sagte Rahjane. "Aber die Stadt besteht aus einzelnen Häusern, einigen besseren darunter."

„Aha.“ "Ihr dürft dieses ‚Aha‘ gern missbilligend klingen lassen. Es macht Euch beeindruckender."

Cariana schüttelte unwillkürlich den Kopf. "Ihr redet Euch aus vielem heraus, Signora Rahjane." "Nicht aus allem." Dann wurde Rahjane etwas ernster. Nicht kühl, eher überraschend unverstellt. "Hört", sagte sie. "Ich weiß, Ihr haltet wenig von Intrigengerede, Ihr seid eine Ritterin. Ihr mögt Dinge, die geradeaus laufen, möglichst mit festem Schritt und gezogenem Stahl. Und vielleicht bin ich töricht genug, genau das zu mögen." Das wirkte fast unpolitisch, wie echtes Gefallen. Rahjane war nicht nur Taktikerin, sondern tatsächlich beeindruckt. Cariana bemerkte es. Ein dünnes Lächeln erschien in ihrem sonst so stoischen Gesicht.

[...]