Briefspiel:Ohne Stolz und Vorurteil

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Briefspiel in Efferdas
Datiert auf: Hesinde 1046 BF Schauplatz: Villa d'Antara und Villa di Camaro Entstehungszeitraum: Frühsommer 2026
Protagonisten: Familie d’Antara und Croënar di Camaro Autoren/Beteiligte: Dajin, Fürst Federkiel


Wille zur Demut

Der Regen hatte in der Nacht nachgelassen, doch die Luft über Efferdas war noch immer schwer und feucht, als sich die Familie d’Antara am nächsten Morgen um den großen Küchentisch versammelte. Anders als der repräsentative Orangensaal war dies ein schlichter Raum – weiß getünchte Wände, dunkles Holz, der Duft von frischem Brot und Kräutern.

Phelizzio saß bereits, die Hände ineinander verschränkt. Vor ihm lag das unfertige Schreiben an Croënar di Camaro – mehrfach begonnen, mehrfach verworfen. Viana d'Antara, in den warmen Farben der Travia-Kirche gekleidet, betrachtete ihren Bruder ruhig. Ihre Augen waren wach, aber nicht streng. Neben ihr saß Orelian, breitschultrig, mit verschränkten Armen und einer Miene, die wenig Geduld für unnötige Höflichkeiten verriet.

„Du willst dich entschuldigen“, stellte Viana fest, ohne Fragezeichen.

Phelizzio nickte langsam.

„Ich habe mich im Ton vergriffen. Und… mehr noch: Ich habe einen Mann beleidigt, der mir eigentlich die Hand reichen wollte.“

Orelian blickte prüfend seinen Bruder an.

,,Er hat dich geprüft. Und du hast begonnen, Efferdas mit deinen Augen zu erklären, statt zuerst mit ihren Augen darauf zu schauen.. Diese di Camaros sind Teil der Achse dieser Stadt oder sehen sich als diese, doch DU hast aus Stolz gesprochen, und das als Gastgeber.“

Ein kurzes Schweigen trat ein. Man hörte nur das Knistern des kleinen Herdfeuers.

Viana legte schließlich die Hände auf den Tisch.

„Dann ist die Frage nicht, ob du dich entschuldigst. Sondern wie.“

Phelizzio blickte auf.

„Ich werde nicht kriechen.“

„Das sollst du auch nicht“, erwiderte sie sanft. „Eine traviagefällige Entschuldigung ist kein Kniefall. Sie ist ein Angebot zur Versöhnung.“

Orelian nickte zustimmend.

„Also keine leeren Worte. Etwas Greifbares.“

Phelizzio atmete durch und schob drei mit Stoff bedeckte Rahmen auf den Tisch.

„Aniella hat ganze Nächte daran gearbeitet. Sie möchte ihren Teil beitragen”.

Viana zog vorsichtig das Tuch zurück.

Drei Gemälde kamen zum Vorschein:

– Eines zeigte die Klippen von Efferdas im Abendlicht, das Meer ruhig und weit.

– Das zweite den Hafen, voller Leben, Boote dicht an dicht, Fischer bei der Arbeit.

– Das dritte… zeigte ein kleines Ruderboot auf offener See, allein, aber vom Licht durchzogen.

Viana lächelte leicht.

„Das ist gut. Sehr gut sogar.“

„Das Boot“, erklärte Phelizzio, „ist ein Geschenk für die Stadt. Ein echtes. Sorgfältig gebaut. Ich will Efferd um seinen Segen bitten – und es gemeinsam mit den di Camaros übergeben. Als Zeichen… dass ich verstehe, worauf diese Stadt baut. Und als Neuanfang“

Orelian hob eine Augenbraue.

„Du willst einem Efferdgläubigen ein Boot schenken? Mutig. Oder klug.“

„Beides“, murmelte Phelizzio.

Viana sah ihn nun direkt an.

„Und deine Worte?“

Phelizzio griff nach dem unfertigen Brief, zögerte – und ließ ihn dann sinken.

„Keine Briefe. Ich werde persönlich hingehen.“

Ein Hauch von Zustimmung huschte über Vianas Gesicht.

„Gut.“

Sie lehnte sich leicht vor.

„Dann merke dir eines, Bruder: Du entschuldigst dich nicht für deine Herkunft. Sondern für deinen Hochmut in diesem Moment.“

Phelizzio nickte langsam.

„Und“, fügte sie hinzu, „du hörst zu. Wirklich zu.“

Orelian stand auf und griff nach einem Stück Brot.

„Und wenn er dich wieder belehrt?“

Phelizzio lächelte schwach.

„Dann lasse ich ihn. Und lerne.“

Ein kurzes Schweigen – diesmal kein angespanntes, sondern ein festes.

Viana erhob sich ebenfalls und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Dann geh nicht allein.“

Phelizzio runzelte die Stirn. Orelian lachte leise.

„Dann wird es wenigstens nicht wieder ein Duell.“

Viana ignorierte ihn.

„Wenn Versöhnung gesucht wird, sollte Travia anwesend sein.“

Phelizzio senkte kurz den Blick – und nickte dann.

„Dann gehen wir gemeinsam.“

Auf dem Weg zu den di Camaros

Draußen brach langsam die Sonne durch die Wolken. Vor ihrem Aufbruch bat Phelizzio seinen Bruder Orelian mit seinem Vorabeiter und einigen Werftarbeitern das Zier-Ruderboot zum Efferd-Tempel zu bringen und dort eine Anfrage zur Segnung zu stellen. Danach sollte Phelizzios Bruder ein Schreiben zum Senat bringen, in dem dieser über das Geschenk an die Stadt und Republik informiert werden soll. Dem Schreiben legte der Schiffsbauer die fertige Zeichnung dazu.

Eine Geste der Entschuldigung

Lange waren Viana und Phelizzio schweigend nebeneinander her gegangen. Dem Schiffsbauer war trotz seines Entschlusses das Unbehagen deutlich anzumerken. Kurz vor der Villa di Camaro legte Viana die Hand an den Arm ihres Bruders und brachte ihn so zum halten.

Phelizzio blieb stehen und auch seine Gedanken pausierten sogleich.

„Du gehst zu schnell.“

„Wir sind beinahe da.“

„Eben deshalb.“

Phelizzio atmete tief durch und blickte zur Villa . Das unangenehme Ziehen in seiner Brust war zurückgekehrt.

„Ich habe das Gefühl, als würde ich zu einer Verhandlung gehen.“

Viana lächelte schwach.

„Dann gehst du bereits mit der falschen Haltung hinein.“

Der Schiffsbauer schwieg.  Nach einigen Augenblicken zog seine Schwester eine kleine, mit rotem Band umwickelte Kerze aus ihrer Tasche. Nichts Besonderes – einfache Handwerksarbeit aus Bienenwachs.

„Weißt du, warum Traviageweihte solche Kerzen verschenken?“

Phelizzio schaute die Kerze an und alte Erinnerungen wurden wach.

„Weil Feuer etwas Seltsames ist. Man kann es teilen, ohne selbst weniger davon zu besitzen, das waren damals auch Mutters Weisheiten.“

Sie drehte die Kerze zwischen den Fingern.

„Eine Entschuldigung funktioniert eben ähnlich.“

Phelizzio verzog leicht das Gesicht. Viana wurde ernster.

„Höre mir gut zu, Bruder.“

Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt.

„Du gehst dort nicht hin, um Recht zu behalten.“

„Das weiß ich.“

„Nein.“

Sie sah ihn direkt an.

„Du glaubst, du weißt es. Aber tief in dir möchtest du noch immer, dass Croënar erkennt, dass auch er Fehler gemacht hat.“

Phelizzio antwortete nicht. Das genügte.

„Lass es los.“

Der Wind bewegte die Blätter der Zypressen über ihnen.

„Wenn du dich entschuldigst, weil du hoffst, ebenfalls eine Entschuldigung zu erhalten, dann ist es ein Handel.“

Sie legte ihm die Kerze in die Hand.

„Wenn du dich entschuldigst, weil du etwas Falsches getan hast, dann ist es Versöhnung.“

Phelizzio betrachtete das kleine Stück Wachs.

„Und wenn er mir die Tür vor der Nase zuschlägt?“

„Dann wird Travia wissen, dass du gekommen bist.“

Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Schließlich blickte Phelizzio auf den kleinen Wagen auf dem Aniellas sorgfältig verpackte Gemälde lagen.

„Meinst du, die Geschenke sind angemessen?“

Viana folgte seinem Blick.

„Die Bilder ehren seine Stadt.“

Dann lächelte sie leicht.

„Vor allem aber zeigen sie, dass du dir Gedanken gemacht hast. Das zählt oft mehr als Gold.“

Phelizzio nickte langsam. Die Worte seiner Schwester beruhigten ihn mehr, als er zugeben wollte. Er strich über das rote Band der Kerze.

„Vielleicht habe ich mich tatsächlich zu sehr daran gestört, wie er mich behandelt hat.“

„Natürlich hast du das.“

„Und vielleicht habe ich deshalb aufgehört zuzuhören.“

Viana lächelte nun offen.

„Da spricht endlich mein Bruder.“

Für einen Moment standen beide einfach nur da und blickten zur Villa. Dann setzte sich Phelizzio wieder in Bewegung. Diesmal langsamer. Ruhiger. Nicht wie ein Kaufmann, der einen Vertrag abschließen wollte. Nicht wie ein Werftbesitzer, der einen Geschäftspartner überzeugen musste. Sondern wie ein Mann, der einen Fehler eingestehen wollte. Viana beobachtete ihn kurz und folgte ihm dann.

Nun konnte der eigentliche schwierige Teil beginnen.

Als sie vor der Eingangstür angekommen waren, wurden sie sogleich von einem Diener angehalten.

,,Phelizzio d’Antara für seine Excellenz, den Senator Croënar di Camaro”:

Der Diener nickte nur kurz und ging wieder ins Innere. Das schien das allgemeine Kommando für “bitte warten zu sein.” Aus dem inneren der Villa war das Knarzen und laute Poltern von Holzbohlen zu hören, jemand ging scheinbar die Treppe schnell herunter, ja schien sie fast herunter zu fallen. Doch immerhin nur fast war der erste Eindruck des Hörens. Kurze Zeit später huschte dann ein etwa achtjähriges Mädchen vor die Tür und blickte hinaus. Als sie die Gäste erspähte, kicherte sie nur und rannte zurück in die Wohnung. Dann war von innen neben Kindergeplärre erst einmal wieder nichts zu hören. Ja, ein “Paappaaa, die mit den Orangen!” war zumindest zu verstehen, endete aber letztendlich im Quieken zweier Kinder etwa gleichen Alters, die miteinander spielten. Viana und Phelizzio blickten sich unsicher an. Sollten sie einfach hinein gehen? War das eine Einladung? Vorsichtig gingen sie zumindest die zwei Stufen zur doppelflügeligen Holztür nach oben, als dann doch eine erwachsene Person hinter der Tür erschien. Es war jedoch nicht Croënar di Camaro. Es war dessen Neffe. Seine Eminenz Efferdobal di Camaro vom Efferdtempel des güldenen Dreizacks.

Gespräch mit Efferdobal di Camaro

Die Überraschung war den Gästen anzumerken. “Oh…. eure Eminenz. Wir haben euch hier nicht erwartet.” gab Phelizzio mit einer kurzen Verbeugung kund. Doch der Geweihte lachte milde. “Schwester Viana, Senhor Phelizzio, seid gegrüßt. Ich hoffe, ihr seid nicht zu überrascht. Und keine Sorge, ich bin auch nur zufällig hier, ich habe nicht vor, euer Treffen mit meinem Neffen zu stören. Ardare wird nun bald schon acht und ihre Mutter hat nach einigen Sachen gefragt, für die meine Töchter inzwischen zu alt sind.” Für einen kurzen Moment verschwand das sanfte Lächeln in seinem Gesicht, ein kurzer Schatten, als hätte ihm etwas die Freude genommen. Doch das schüttelte er scheinbar schnell bei Seite.    

,,Senator Croënar wird gleich für euch da sein, aber wenn ich euch schon sehe, erlaubt mir, mich auch noch einmal persönlich bei euch zu entschuldigen. Ich weiß, ihr hättet es sicher auch gerne gesehen, wenn ich bei der Eröffnung eurer Werft persönlich da gewesen wäre. Aber dieses Fest fand gleichzeitig mit der Taufe der kleinen Chella statt. Es ist das erste Kind von Morto und Valencuela, welche beide zu mir in den Tempel kommen, seitdem sie selbst noch Kinder waren. Ich weiß noch, vor vier Jahren habe ich Morto geholfen, Valencuela mit einem Netz zu fangen, als er zum Fischerkönig wurde. Seitdem habe ich sie begleitet und sie haben mich gebeten, bei der Taufe anwesend zu sein, seitdem klar war, dass Valencuela in anderen Umständen war. Ich konnte mich schwerlich teilen, aber diese Segen schulde ich euch, versprochen.” lächelte er weiterhin. Dann kam er den beiden ein wenig entgegen, ging die Treppe herunter und setzte sich auf das kleine Vormäuerchen am Eingang. “Wie geht es euch denn inzwischen mit der Werft? Erfüllt sie euch mit Glück?” Er machte eine Geste mit den Armen, die man durchaus als Aufforderung hätte deuten können, sich doch neben ihn zu setzen, wenn sie wollten.

Phelizzio war für einen Moment sprachlos. Von allen Personen, denen er an diesem Morgen hätte begegnen können, hatte er den Hochgeweihten des Efferdtempels wohl am wenigsten erwartet. Und noch weniger hatte er erwartet, dass dieser sich zuerst bei ihm entschuldigen würde. Der Schiffsbauer und seine Schwester tauschten einen kurzen Blick aus.Dann trat Phelizzio näher und verbeugte sich respektvoll.

„Eurer Hochwürden, Ihr schuldet uns keinerlei Entschuldigung.“

Seine Stimme war aufrichtig.

„Eine Taufe ist ein heiliges Ereignis. Wäre ich an Eurer Stelle gewesen, hätte ich dieselbe Entscheidung getroffen.“

Viana nickte zustimmend.

„Und Travia lehrt uns, dass Verpflichtungen gegenüber der Familie und den Schutzbefohlenen niemals leichtfertig zurückgestellt werden dürfen.“

Efferdobal lächelte dankbar. Phelizzio ließ sich schließlich tatsächlich neben dem Geweihten auf dem Mäuerchen nieder. Viana blieb zunächst stehen, bevor auch sie Platz nahm. Einen Moment betrachtete Phelizzio die Umgebung. Dann antwortete er auf die Frage.

„Die Werft erfüllt mich mit Stolz.“

Er lächelte leicht.

„Und mit Sorgen.“

Efferdobal lachte leise.

„Dann führt Ihr offenbar ein gesundes Unternehmen.“

Das brachte sogar Viana zum Schmunzeln. Phelizzio fuhr fort:

„Jeder Auftrag freut mich. Jeder Arbeiter, der seinen Lohn erhält. Jedes Schiff, das vom Stapel läuft.“

Sein Blick wanderte kurz zu seinen Händen.

„Aber manchmal frage ich mich, ob ich noch lerne, ein Werftbesitzer zu sein, oder bereits lernen muss, etwas anderes zu werden.“

Efferdobal legte den Kopf leicht schief.

„Etwas anderes?“

„Ein Efferdasier.“

Der Geweihte schwieg. Phelizzio bemerkte selbst, wie schwer ihm dieses Wort gefallen war.

„Als wir hierher kamen, glaubte ich, Fleiß würde genügen. Gute Arbeit. Ehrlichkeit. Verträge einhalten. Arbeiter ordentlich behandeln.“

Er schüttelte den Kopf.

„Doch diese Stadt besteht aus mehr als das.“

Nun zeigte sich ein wärmeres Lächeln auf Efferdobals Gesicht.

„Ich glaube“, fuhr Phelizzio nach kurzem Zögern fort, „dass ich dies erst vor wenigen Tagen wirklich verstanden habe.“

Viana beobachtete ihren Bruder aufmerksam. Sie bemerkte, dass er diesmal nicht kämpfte. Nicht argumentierte. Nicht überzeugen wollte. Er sprach einfach.

“Sie nennen Efferdas nicht ohne Grund “die Einzigartige”. antwortete seine Eminenz. “Der gemeine Efferdasi hat ein sehr großes Gespür für Emotionen aller Art. Um eure Werksarbeiter müsst ihr euch keine Gedanken machen. All die Tischler, die Teerer, die Mechaniker, die Dienstmägdte denen ihr Arbeit gebt, denen ihr es ermöglicht, dass sie und ihre Familien sich am Markt ihren Fisch kaufen können, sie werden euch immer danken und loyal sein bis zum nächsten zweiten Tsa, dem Tag des Dienstbotenwechsels. Manche werden dann ihre Talent für die Schränke der Trenti, die Mauern der Pecuna oder die Labore der di Solanos nutzen, andere werden zu euch wechseln und ihren neuen Helden dankbar und loyal sein, doch sie werden euch dennoch nicht vergessen und wohl von euch sprechen. Doch der zweite Tsa ist Tradition. Es ist dieser eine Tag, in dem sie über ihr persönliches Schicksal selbst bestimmen können, wo sie das Gefühl haben können, dass aus Ebbe wieder Flut folgt. Sie beten für diese Flut zu Efferd. Und sehen es als sein Geschenk an, wenn sie kommt. Das müsst ihr wirklich nicht persönlich nehmen.”

Phelizzio wog mit dem Kopf hin und her. “Ich gestehe, es sind weniger meine eigenen Arbeiter, die mir diese Sorge machen. Ich weiß nicht, ob ihr den Grund meines Besuchs bei eurem Neffen kennt…”    

Der Efferdgeweihte gab einen kurzen, quasi einsilbigen Lacher von sich. “Ha. Wir unterhalten uns miteinander, wie man es in einer Familie so tut, wenn ihr das meint.” nickte er dann doch zustimmend. “Wie sagt man in den Gassen von Efferdas so schön, die Liebe ist die Medizin unseres Stolzes und unserer Selbstgefälligkeit. Ich kann euch versichern, dass niemand euch euren Fleiß, eure gute Arbeit und Ehrlichkeit abstreitet. Gerade wie ehrlich ihr seid, konnte mein Neffe ja am eigenen Leib erfahren.” War das gar ein zynisches grinsen in seinem Gesicht? Oder mehr noch ein freundschaftlicher Aufruf zur Selbsterkenntnis? ”Doch der gemeine Efferdier identifiziert sich nicht nur mit Arbeit und Fleiß. Genau so wichtig ist den Menschen hier der Gegenüber. Sie nennen es Psaria. Man teilt alles. Nicht nur den Fisch und die Gaben des Meeres, auch Wünsche und Sorgen. Wenn einem Efferdasi Gutes widerfährt, dann blickt er darauf, ob die, die ihm etwas bedeuten, etwas Gleiches erhalten haben. Und wenn nicht, dann sorgt er sich darum. Er erwartet keine Anerkennung für sein Tun, kein Lob. Er findet eher inneren Frieden darin, nicht den Respekt des Umfeldes zu erhalten, sondern ihre Dankbarkeit. Das ist für Neuankömmlinge häufig sehr ungewöhnlich und ich glaube, dieses Lebensgefühl der Psaria hat auch mit den immer wieder aufkommenden Konflikten mit den Urbasiern im Osten zu tun. Dort ist der Wettkampfgedanke, das Streben nach Macht und Größe so ausgeprägt und das Leben in den Straßen so gravierend anders, dass sie hier, im ach so freiheitsliebenden Efferdas sie vor allem versuchen, möglichst nicht wie Urbasi zu sein. Das gelingt den Bürgern ausgesprochen gut. Aber um als Hinzugekommener das Ausmaß dieser Lebenseinstellung zu begreifen, braucht es in der Tat gerne auch mal Jahre bis Jahrzehnte.”

Phelizzio hörte aufmerksam zu. Je länger Efferdobal sprach, desto mehr erinnerte er ihn an Viana. Nicht in den Worten selbst, sondern in der Art, wie er sprach. Da war keine Belehrung darin. Kein Drang zu überzeugen. Keine versteckte Überlegenheit. Er beschrieb einfach die Welt, wie er sie sah. Als der Geweihte geendet hatte, blieb Phelizzio einen Moment still. Schließlich blickte er hinaus auf das Meer.

,,Ich kam nach Efferdas und behandelte die Stadt wie einen Markt…Das war respektlos. Dabei lebt sie offenbar eher wie ein gemeinsamer Tisch.“

Viana und Efferdobal nickten sich lächelnd einander zu. Für einen Moment dachte er an den Orangensaal zurück. An Reis, Orangenwein und verletzten Stolz. Dann senkte er leicht den Blick.

„In Aranien sagt man auch: 'Der Gast, der nur seine eigene Stimme hört, reist mit leeren Taschen heim.'“

Er atmete tief durch.

„Ich fürchte, an jenem Abend habe ich sehr viel gesprochen und zu wenig zugehört. Doch ich gelobe Besserung! Ich werde mir Eure Worte über Psaria gut merken”. Damit legte er seine Hand auf sein Herz und neigte den Kopf, dann kam ein leichtes Lächeln wieder in sein Gesicht. ,,Es klingt sehr familiär”. Eine sanft lächelnde Viana legte die Hand auf die Schulter ihres Bruders.

Er blickte in ein freundlich lächelndes, fast glückliches Gesicht. “Das ist ein sehr schönes Sprichwort. Ich werde zusehen, ob ich das nicht auch mal verwendet bekomme.” Er erhob sich von dem Mäuerchen und strich sich kurz die grünbläuchliche Robe glatt. “Ganz Efferdas ist Familie. In allen ihren Formen. Sie wissen, dass das gemeinsame Leben wie Ebbe und Flut ist, dass es Sturm geben kann und Flaute, genau so die Freude über frischen Wind in den Segeln. Und sie sind ziemlich sensibel, wenn sie ein Loch im Schiff vermuten.” Er reichte den beiden die Hand, zunächst an Viana. “Aber ich denke, mit Löchern in den Wanken kennt ihr euch ja aus, das bekommt ihr schon hin. Ich wünsche euch viel Glück da drin. Und kommt ruhig ab und an mal in die Messe.”

Viana nahm die gereichte Hand mit jener natürlichen Herzlichkeit entgegen, die man oft bei Geweihten fand, die ihren Glauben nicht nur predigten, sondern lebten.

„Ich danke Euch, Eure Eminenz.“

Ihr Lächeln wurde etwas wärmer.

„Und ich hoffe, Ihr nehmt eine Gegeneinladung nicht als Vermessenheit wahr. Wenn Ihr uns einladet, häufiger die Messe zu besuchen, dann lade ich Euch ein, eines Tages mit mir am Schrein der Gütigen Göttin zu beten. Nicht, weil ich glaube, Ihr würdet Travias Nähe benötigen.“

Nun lag ein leichtes Schmunzeln auf ihren Lippen.

„Sondern weil viele Menschen vergessen, dass Herdfeuer und See keine Gegensätze sind.“

Der Wind trug den Geruch von Salz und Tang über die Anhöhe.

„Ein Seemann fährt hinaus, weil sein Herdfeuer hinter ihm brennt. Eine Familie wartet am Feuer, weil jemand hinausgefahren ist. Die eine Tugend verliert ohne die andere ihren Sinn.“

Efferdobal hörte aufmerksam zu.

„Travia schenkt den Menschen einen Ort, zu dem sie zurückkehren können“, sagte Viana ruhig. „Und Efferd schenkt ihnen den Mut, ihn zu verlassen.“

Nun lächelte auch Phelizzio. Es waren genau die Worte seiner Schwester, die er selbst nie so hätte formulieren können.

„Deshalb“, schloss Viana, „habe ich nie verstanden, warum manche Menschen zwischen den Göttern Mauern errichten wollen. Die See und das Herdfeuer sprechen doch seit Anbeginn miteinander.“

Für einen Moment wurde es still. Das Kinderlachen aus der Villa klang gedämpft durch die geöffneten Fenster.

Efferdobal hatte das freundliche Lächeln nicht verlassen. “Ich glaube, da tut ihr den Bürgern dieser Stadt nicht ganz recht. Ich bin mir sehr sicher, dass sie keine Mauer um die Göttin des Herdfeuers gezogen haben. Sie glauben an alle zwölfe, so wie überall auch. Aber ja, die Art, wie die Bürger hier ihren Glauben ausleben, ist speziell. Eben… einzigartig. Wir erhalten im Tempel durchaus auch mal Protestschreiben einiger Reisender, die der Meinung sind, der Efferdglaube in der Stadt würde häretische Züge annehmen und wir sollen gefälligst etwas dagegen tun.”

Die drei lachten kurz ob dieses Gedankens.

“Und? Habt ihr das noch vor?” fragte Viana eher scherzhaft. Doch Efferdobal winkte ab.

“Zumindest ich bin mir sicher in einem. Man kann sich nicht aussuchen, woran man glaubt. Man kann es mit viel Arbeit beeinflussen, wenn man merkt, das einer seiner Fische sich selbst und andere mit seinem Glauben schadet, aber Verbundenheit ist ein Geschenk der Götter selbst, welches wir einfache Menschen nicht hinterfragen sollten.”

Er breitete kurz einen Arm aus und deutete damit in Richtung Stadt. “Die Bürger von Efferdas haben sich daran gewöhnt, dass Efferd über sie wacht und ihr Leben aktiv begleitet. Sie sind es gewohnt, das Efferd ihnen die Antwort auf ihre Fragen liefern kann. Auf ihre Bedürfnisse. Sie glauben an Travia und schätzen sie für ihre Natur, doch im Glauben sind sie Efferd so eng verbunden, dass sie vor allem seine Nähe suchen. Es ist das Meer, dass ihre Toten nimmt und ihre liebsten zurück in den Hafen führt. Es ist das Meer, dass ihnen einen vollen Magen schenkt. Ja, Efferd zeigte sich selbst hier an dieser Stelle, als der heilige Parvenus hier seinen Dreizack in den Boden rammte und dadurch eine Süßwasserquelle erschuf.” Es folgte ein kurzer Moment der andächtigen Stille, bevor Efferdobal wieder ansetzen.

“Ich bin wirklich sicher, sie hegen keinen Groll auf Travia. Aber anderen ein Heim zu bieten, auf Sitte, Moral, Anstand da vertrauen sie der Psaria und sich selbst. Oder anders gesagt, sie glauben fest daran, dass für die, die sich nicht an die Psaria halten, sie ein Sturm erwartet. Sie wissen auch, dass eine Ehe wie Ebbe und Flut ist und fühlen sich von Efferd verstanden.” Er legte sanft eine Hand auf ihr Schultergelenk.”Lasst euch nicht entmutigen und gebt mir diese Efferdier nicht auf. Ihr werdet bald schon feststellen, dass man bei ihnen nichts erzwingen kann. Aber wer Teil ihres Lebens und ihres Glaubens werden kann, den erwartet auch ihre Dankbarkeit.” Er löste die Hand und ging einen kleinen Schritt zurück. Seine Fußspitzen führten auch schon leicht von den beiden weg.  

Viana hörte aufmerksam zu und nickte immer wieder leicht, während Efferdobal sprach. Nicht in blinder Zustimmung, sondern in ehrlicher Wertschätzung für die Offenheit, mit der der Geweihte über die Menschen seiner Stadt sprach.

Als er geendet hatte, senkte sie kurz den Blick.

„Dann danke ich Euch, Eure Eminenz.“

Ihre Stimme war ruhig und warm.

„Nicht nur für Eure Worte heute, sondern auch für die Geduld, mit der Ihr mir diese Stadt erklärt habt. Travia verlangt nicht, dass man ein Feuer erzwingt. Nur, dass man bereit ist, eines anzubieten.“

Der Wind spielte kurz mit einer ihrer Haarsträhnen.

„Und wenn die Menschen von Efferdas ihre Gemeinschaft bereits leben, dann kann ich nur hoffen, ihnen dort zu dienen, wo sie es wünschen und wo es ihnen nützt. Nicht als jemand, der sie verändern möchte, sondern als jemand, der ihnen mit offenem Herdfeuer begegnet. So werde ich jedem meine Hilfe anbieten und mich auch an die Efferdbrüder wenden. Die Gemeinde der Gütigen Göttin mag zwar klein sein, doch unser helfendes Herz schlägt für jeden in Not”.Efferdobal schien mit dieser Antwort durchaus zufrieden.

Neben ihr räusperte sich Phelizzio.

Der Schiffsbauer war während des Gesprächs ungewöhnlich still geworden.

„Eure Eminenz...“

Efferdobal wandte sich ihm wieder zu.

„Ja, Signor Phelizzio?“

Der Werftbesitzer deutete auf den kleinen Wagen hinter ihnen.

„Unter den Geschenken, die wir heute mitgebracht haben, befindet sich auch ein kunstvoll verziertes Ruderboot. Doch bei uns ist es nicht. Mein Bruder orelian hat es zum Efferd-Tempel gebracht.’“

Efferdobal blickte leicht irritiert kurz hinter Phelizzio. Als würde er vergebens ein Ruderboot suchen, welches sich hinter den beiden versteckt haben könnte. Natürlich fand der Geweihte kein solches.

Phelizzios Blick wurde derweil etwas ernster, sodass auch Efferdobal sich wieder seinem Gegenüber widmete. .

,,Darf ich Euch um Euch um etwas bitten, Euer Eminenz? Wenn es Eure Zeit erlaubt, würde ich mich geehrt fühlen, wenn Ihr das Boot bei nächster Gelegenheit segnen würdet.“

Nun blickte der Geweihte tatsächlich überrascht. Nicht wegen der Bitte selbst. Sondern wegen der Art, wie sie vorgetragen wurde. Ohne Berechnung. Ohne Hintergedanken. Einfach ehrlich.

,,Das Boot ist ein Geschenk für die Stadt und die Republik. Doch soll es ebenfalls unsere tiefe Dankbarkeit verkörpern, ein neuer Teil in dieser Stadt sein zu dürfen”.

Damit neigte Phelizzio sein Haupt und Viana legte ihm lächelnd ihre Hand auf die Schulter. Damit schloss er innerlich Frieden mit der familiären Vergangenheit und dessen Haltung zu Efferd.

Efferdobal winkte lächelnd ab. “Ah, eine Kleinigkeit. Ruft mich, wenn es am Kai liegt und darauf wartet, eingeweiht zu werden. Ich werde natürlich Efferds Segen erbitten, auf dass euer Ruderboot ein langes Leben und viele glückliche Gäste kennen lernen wird. In diesem Sinne: wir sehen uns am Wasser.” Damit nickte er und machte sich an, sich von der Szenerie zu entfernen.  

,,Wir möchten Euch nun wahrlich nicht länger aufhalten, Euer Eminenz. Und habt dank!”, mit diesen Worten verneigten sich beide d'Antaras und Efferdobal verließe diese nun.

Der kleine Wagen mit den Gemälden war nun ebenfalls vor der Villa angekommen. Viana bat einen vorbeilaufenden Bediensteten die Bilder bereits nach drinnen zu bringen. Wieder unter sich blickte Phelizzio seine Schwester entschlossen an.

,,Mein Herz ist leichter geworden, doch es gilt nun noch etwas zu erledigen “, damit trat er einige Schritte die Stufen der Villa der di Camaros hinauf und ein Diener nickte beiden Gästen zu ihm zu folgen.

Das Aufeinandertreffen mit Croenar di Camaro

Der Diener führte die beiden d'Antaras zum Arbeitszimmer des Senator. Vor diesem angekommen, klopfte der Diener zuerst und öffnete in ruhiger wie fließender Bewegung die Tür und verschwand im Zimmer.

Nach einem kurzen Moment kam der Diener wieder heraus.

,,Seine Excellenz der Senator, ist bereit die Herrschaften d'Antara zu empfangen “, damit ging er beiseite und machte den Gästen Platz eintreten zu können.

Der Senator saß in einem Sessel und las einige Briefe, er blickte kurz über ihren Rand auf die eintretenden Gäste, dann fiel der Blick wieder kurz in den Brief, bevor er ihn weg legte. “Das ehrenwerte Haus D’Antara. Was verschafft mir die Ehre? Seid ihr wieder gekommen, um mich über eure ehrbaren Arbeitsmethoden zu belehren?” wirkte er durchaus bissig. Croënar hatte das letzte Treffen offensichtlich nicht vergessen.  

Phelizzio nahm die Spitze hin, ohne dass sich seine Miene merklich veränderte. Noch vor wenigen Tagen hätte ihn diese Begrüßung wohl sofort zur Erwiderung gereizt. Vielleicht hätte er sogar versucht, den Senator von der Ungerechtigkeit seiner Worte zu überzeugen.

Heute nicht.

Er trat einige Schritte in das Arbeitszimmer hinein, blieb in angemessenem Abstand stehen und verbeugte sich respektvoll.

„Euer Wohgeboren.“

Dann trat er einen halben Schritt zur Seite.

„Gestattet mir zunächst, meine Schwester vorzustellen. Viana d’Antara, Geweihte der gütigen Mutter Travia.“

Viana neigte den Kopf. Der Senator nickte stumm. Phelizzio richtete sich wieder auf.

„Und nein.“

Seine Stimme blieb ruhig.

„Nein, wir sind heute nicht gekommen um zu belehren. Tatsächlich bin ich gekommen, um das Gegenteil zu tun.“

Das schien selbst Croënar für einen Moment zu überraschen. Phelizzio faltete die Hände vor sich.

„Ich werde Eure Zeit nicht mit Ausflüchten verschwenden. Nicht mit Erklärungen. Nicht mit Rechtfertigungen.“

Er atmete einmal tief durch.

„An jenem Abend habt Ihr meine Einladung angenommen und seid als Gast in mein Haus gekommen. Ihr habt mir offen Eure Meinung gesagt und versucht, mir etwas über Eure Stadt zu erklären.“ Nun senkte er den Blick einen Moment. „Und ich habe darauf mit Stolz geantwortet, wo Demut angemessen gewesen wäre.“

Von Croënar gab es dazu nur ein irgendwie bestätigendes “Hm.” Er sagte nichts weiter, er wollte den Redeschwall seines Gastes nicht unterbrechen.

Im Arbeitszimmer wurde es still.

„Ich habe Euch widersprochen, statt zuzuhören. Ich habe mich angegriffen gefühlt und deshalb Worte gewählt, die eines Gastgebers unwürdig waren. Das hat mich mehr beschäftigt, als Ihr vielleicht vermuten würdet.“

Er hob den Blick wieder. Diesmal direkt zu Croënar. Die Spange des Donatorier-Ordens, die er an seiner Schärpe trug, wurde warm und blitzte unmerklich auf.

„Nicht, weil wir unterschiedlicher Meinung waren.Bei den Zwölfen, ich bin Handwerker genug, um zu wissen, dass Menschen sich widersprechen können und dürfen. Nein. Es beschäftigt mich, weil ich an diesem Abend gegen das verstoßen habe, was mir meine Familie seit meiner Kindheit gelehrt hat.“

“An diesem Abend?” fragte Croënar leise eher für sich, Phelizzio schien das nicht gehört zu haben, viel zu sehr war er in eigenen Gedanken.

Sein Blick wanderte demütig kurz zu Viana.

„Gastfreundschaft.“

Nun wurde seine Stimme fester und ernster.

„Als gläubiger Gastgeber habe ich versagt.“

Diese Worte fielen ihm sichtbar schwerer als alles andere.

„Nicht Ihr seid als Gast meinem Haus etwas schuldig gewesen. Ich war es, der Euch Respekt, Geduld und ein offenes Ohr schuldete.“

Phelizzio machte einen Schritt nach vorne. Nicht aufdringlich. Nicht fordernd. Einfach offen.

„Deshalb bitte ich Euch heute um Verzeihung.“

Er legte eine Hand auf seine Brust.

„Und ich schwöre bei Travia, Herrin des Herdfeuers und Zeugin aller aufrichtigen Worte, dass diese Bitte weder aus Berechnung noch aus Eigennutz erfolgt.“

Seine Stimme blieb fest.

„Ich suche keinen Vorteil. Kein Geschäft. Keine Gefälligkeit.“

Dann senkte er respektvoll den Kopf.

„Nur die Gelegenheit, einen Fehler einzugestehen.“

Neben ihm schwieg Viana. Sie griff nicht ein.

“Soso.” richtete sich Croënar in seinem Sessel auf. “Nun, es scheint, als hätte euch euer Verhalten wahrlich gewurmt, sonst hättet ihr hier sicher nicht so bloß gezogen. Ob diese Selbsterkenntnis aus euch selbst heraus kommt oder irgend etwas passiert ist, was euch die Augen geöffnet hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber eure Entschuldigung habe ich zur Kenntnis genommen. Als Handwerker und “bescheidener Mann des Volkes…” da konnte ein Hauch Sarkasmus in der Stimme erahnt werden. “...werdet ihr den Spruch natürlich kennen, dass am Ende Worte nur Worte sind, dafür Taten Taten. Ich würde es zu gerne sehen, wenn es euch endlich gelingt, sich in der Stadt zu akklimatisieren. Aber ihr werdet erst einmal damit leben müssen, dass ich euer handeln hier in der Stadt weiterhin genau beobachten werde. Denn ich habe mein letztes Treffen bei euch weniger persönlich genommen als dass mich eure Einstellung und Selbstverständnis für eine überlegene Lebensart in dieser Stadt schlichtweg erschreckt hat. Wie sagt man hier so schön, packe einen urbasischen Fisch ins volle Netz und du erkennst ihn am Gestank.”

Phelizzio hörte die Worte des Senators bis zum Ende an. Nicht ein einziges Mal fiel er ihm ins Wort. Auch als der Sarkasmus hörbar wurde. Auch als der Vergleich mit den Urbasi fiel. Viana bemerkte, wie sich die Finger ihres Bruders kurz spannten. Ein alter Reflex. Der Wunsch, sich zu verteidigen. Doch er ließ ihn vorüberziehen.

Erst als Croënar geendet hatte, nickte Phelizzio langsam.

„Das ist Euer gutes Recht, Eurer Wohlgeboren.“

Seine Stimme blieb ruhig und ernst.

„Tatsächlich wäre ich an Eurer Stelle vermutlich nicht anders. Wenn ein Mann bei mir in die Werft käme, sich selbst überschätzte und anschließend erklärte, er wisse besser als meine Meister, wie man Schiffe baut, würde ich ihn vermutlich ebenfalls einige Zeit beobachten.“

Für einen Moment lag sogar ein Hauch von Selbstironie in seiner Stimme. Dann wurde er wieder ernst.

„Und nein.“ Er schüttelte leicht den Kopf.

„Ich werde nicht behaupten, dass Ihr mich falsch verstanden habt.“

Diese Worte schienen Croënar kurz zu überraschen.

„Denn wenn mehrere Menschen denselben Eindruck gewinnen, liegt die Schuld meistens nicht bei den Zuhörern.“

Phelizzio atmete ruhig aus.

„Vielleicht habe ich tatsächlich geglaubt, meine Erfahrungen seien allgemeingültig.“

Sein Blick wanderte kurz durch das Arbeitszimmer.

„In Aranien ist das anders. Dort wird der Wille, Dinge zu verändern hochgeschätzt.“

Nun blickte er wieder den Senator an.

„Hier beginne ich zu lernen, dass manches zuerst verstanden werden will, bevor es verändert werden kann.“

Ein kurzes Schweigen entstand. Croënar atmete tief ein und versuchte die Antwort, die ihm nun auf den Lippen lag nicht auszusprechen. Es mochte sein, dass er sich selbst meinte. Aber wenn er die Stadt Efferdas meinte, die erst verstehen soll, bevor es sich ändern könne, beziehungsweise dass Efferdas nicht in der Lage wäre, sich zu verändern, dann war klar, dass er trotz seiner Entschuldigung nicht viel gelernt hatte. Aber er gab ihm die Chance, sich selbst gemeint zu haben und unterbrach ihn nicht weiter.

Und Phelizzio fügte hinzu:

„Und was den urbasischen Fisch betrifft...“

Viana blickte in unmerklich prüfend an.

„...so hoffe ich zumindest, dass man mich künftig eher nach meinem Verhalten beurteilt als nach meinem Geruch. Aber Ihr habt Recht, Worte allein reichen nicht.“

Croënar rollte innerlich mit den Augen, doch war zumindest in der Lage zustimmend zuzunicken.

„Deshalb erwarte ich weder Vertrauen noch Freundschaft aufgrund dieser Entschuldigung. Ich bin heute nicht gekommen, um Euch von mir zu überzeugen.“ Einen möglichen Einspruch oder Konterspruches vonseiten des Senators ließ der Schiffsbauer mit ruhiger erhobener Hand nicht zu. Dieselbe Hand führte  Phelizzio nun ruhig in Richtung der Zimmertür

„Ich bin gekommen, weil ich nicht wollte, dass zwischen unseren Häusern etwas stehen bleibt, das dort nicht hingehört. Ob Ihr meine Worte glaubt, wird die Zeit zeigen.“

Dann neigte er respektvoll den Kopf. Neben ihm nickte Viana zustimmend.

„Travia lehrt, dass Vertrauen langsam wächst“, ergänzte sie ruhig. „Wie ein Herdfeuer, das man nicht mit einem einzigen Holzscheit entzünden kann. Und deshalb haben wir Euch heute auch nicht nur Worte mitgebracht.“

Croënar erwartete einen aranischen Leibdiener, Rosenparfum oder Arratistanischen Reis, einen Kaftan oder Samowar oder sonst etwas ähnliches. Prüfend blickte er die Szenerie vor sich genauer an.

Phelizzios Blick zu den verhüllten Gegenständen hinter ihnen, die mehrere  Diener in ihren Händen hielten.

,,Als sichtbares Zeichen dessen, was Worte allein nicht leisten konnten, möchte ich Euch und Eurer Familie diese Gemälde überreichen. Zudem werdet Ihr vernommen haben, dass ich auf meiner Werfteröffnung ein Zier-Ruderboot präsentiert habe. Ich bat bereits seine Eminenz Efferdobal di Camaro darum, dieses im Namen des Launischen zu segnen. Zudem… wäre es mir und meiner Familie eine große Ehre, wenn Ihr dieses Geschenk an die Republik und Stadt Efferdas dem Senat vorstellen würdet".

Nun folgte eine aufrichtige Verneigung und nun fiel dem Senator auch das kurze Aufleuchten der Donatorier-Spange seines Gegenübers auf.

Wieder schwante Croënar übles, es ward doch hoffentlich kein Portraitbild der Familie D’Antara sein oder irgend ein Aranisches Motiv. Aber nein, es handelte sich tatsächlich um Bilder von Efferdas, die durchaus gut gezeichnet waren. “Das sind hübsche Motive. Wer ist der Zeichner?”

“Das Werk geht auf Aniella Villestano zurück, Meine Schwiegertochter.” antwortete Viana freundlich.

Croenar lächelte. “Ich mag ihren Pinselstrich. Wenn mich nicht alles irrt, hat sie sich dazu an die Kante vom Quarto Novo begeben, dort hat man wirklich einen wunderbaren Blick. Ich erinnere mich, dass Aniella mit meiner Schwester Phelippa zusammen in die Schule ging. Sie hat schon damals sehr gut gezeichnet, aber ich bin erfreut zu sehen, wie viel an Talent sie seitdem dazu gewonnen hat. Ich danke euch für dieses Geschenk.” nickte er seinen Gästen zu. “Ich denke, diese werden ihren Weg in die Gallerie finden. Zu eurer Bitte, lasst mich kurz nachfragen, ihr wollt ein Geschenk an den Senat und den Baron übergeben und wollt, dass ich es vorstelle? Ich…” er wirkte etwas grübelnder “sehe darin mehr Verantwortung denn Ehre.” er lächelte, diesesmal aber deutlich freundlicherer Natur. “Ich weiß ja gar nicht, ob euer Geschenk schwimmen kann. Ich meine - ich gehe davon aus, warum solltet ihr Boote bauen, die nicht schwimmen können. Aber ich kenne die Nuancen des Baus nicht, bin nicht talentiert genug, um potentielle Geschichten und Botschaften innerhalb des Geschenkes zu erkennen. Und habe um ehrlich zu sein auch nichts getan, weswegen ich die Ehre verdient hätte, um euch euren Auftritt zu nehmen, wenn es doch darum geht zu zeigen, dass euer Herz efferdisch schlägt. Ich denke, ihr seid in dieser Stadt ein gehobener wirtschaftlicher Faktor, welcher es euch auch vom Stande her mühelos erlaubt, dieses Geschenk dem Senat selbst zu übergeben, ihr braucht da niemanden, der eure Lorbeeren bräunt. Von daher würde ich an der Stelle sagen “zu viel der Ehre.” Die Bilder sind schon Entschuldigung genug, sie erfreuen mein Herz.”  

Phelizzio blinzelte überrascht. Er hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. Für einen Augenblick fehlten ihm tatsächlich die Worte.

„Ihr...“ Er räusperte sich kurz.

„Ihr würdet mir gestatten... vor dem Senat zu sprechen?“

Croënars Antwort hatte ihn sichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Schiffsbauer blickte für einen Moment zu Viana hinüber, als müsse er sich vergewissern, dass er richtig gehört hatte. Dann senkte er langsam den Blick.

„Euer Wohlgeboren...“ Er sprach nun deutlich ruhiger. „Das ist mehr Vertrauen, als ich nach zu erwarten gewagt hätte.“

Ein schwaches Lächeln trat auf sein Gesicht. Er hob den Blick wieder.

„Ihr habt mir Verantwortung gegeben.“

Diese Erkenntnis schien ihn mehr zu bewegen als jede Auszeichnung.

„In Aranien sagt man: 'Vertrauen ist der kostbarste Gast – und Dankbarkeit sein treuester Begleiter

Er lächelte beinahe verlegen.

„Dass Ihr mir zutraut, selbst vor dem Senat zu sprechen...“ Er schüttelte langsam den Kopf. „...empfinde ich meinerseits als Ehre.“

Er machte eine kurze Pause. Viana beobachtete ihren Bruder schweigend. Sie kannte ihn gut genug, um zu erkennen, dass diese Worte nicht höfliche Förmlichkeit waren.

Phelizzio fuhr fort:

„Dann werde ich keine große Rede halten.“ Er lächelte leicht.

„Ich werde ihnen erzählen, weshalb ein Schiffbauer ein Boot schenkt.“

Sein Blick glitt zu den Gemälden.

„Und warum eine Familie, die erst seit kurzer Zeit hier lebt, einer Stadt und Republik danken möchte, die ihr Arbeit, Heimat und Zukunft gegeben hat.“

Er verbeugte sich respektvoll.

„Für dieses Vertrauen danke ich Euch aufrichtig.“

Viana nickte zustimmend. Er straffte unmerklich die Schultern. Nicht aus Stolz. Sondern weil ihm gerade bewusst geworden war, dass seine eigentliche Aufnahmeprüfung in Efferdas vielleicht nicht mit der Übernahme einer Werft begonnen hatte. Sondern genau in diesem Augenblick.

Der Senator blickte ein wenig irritiert. “Senhor… ehm… um euren Anflug von Euphorie und Dankbarkeit genauer einzuordnen, natürlich unterscheidet man zwischen einem Wortrecht “im” Senat und “vor” dem Senat.”

Phelizzio erhob beschwichtigend die Hände, um deutlich zu machen, dass er natürlich ,,vor” dem Senat sprechen gemeint hatte. Er blieb auf dem Boden der Tatsachen, auch wenn die Gelegenheit vor dem Senat der Republik zu sprechen,  ihm Stolz und Freude bereitete.

,,Wenn es um eine Plenarsitzung geht, bei der die Geschicke der Stadt entschieden werden sollen, da ist eine Stimme natürlich nicht vorgesehen, dort wäre sie für euer Geschenk aber auch gar nicht angebracht. Aber eine Audienz vor den Senatoren, um Anträge vorzuschlagen - welche ja auch sonst über die Kapitanate oder als gemeine Stimmung am Forum herein getragen werden, diese sind natürlich möglich. Es gibt dahingehend ein Protokoll, einen Dienstweg und je nach erwünschter Popularität und Priorität auch eine vorgeschriebene Bearbeitungszeit. Und da kann ich ganz sicher helfen, dass ihr dort priorisiertes Gehör erhaltet. Was mich wundert, wäre, dass Vermögen und Einfluss für euch überhaupt kein Problem darstellen dürften, um die ausreichende Priorität für dieses Anliegen zu erhalten. Ihr besitzt eine der beiden Werften in Efferdas. Wenn man sich da einen Namen mit Qualität und Seriosität machen kann, werdet ihr euch um den Einfluss in der Stadt auf Jahrzehnte keine Gedanken mehr machen zu müssen. Von daher, bevor ihr mir nun ewige Dankbarkeit schwört, euer Anteil daran, dass es möglich ist, dieses Geschenk dem Senat zu überreichen, ist weitaus höher als ihr es euch vielleicht eingestehen wollt. Ich bin eh sicher, dass viele von euch bald erwarten werden, dass ihr selbst bei der nächsten Senatswahl euren Hut in den Ring werfen werdet, oder nicht?”

Phelizzio hielt den ernsten Blick des Senators mit ebenfalls festen Blick stand, ehe er ruhig antwortete: ,,Die Wege des Schicksals sind ungewiss, Euer Wohlgeboren. Ich möchte mich in der Zeit bis zur nächsten Senatswahl erst als würdig erweisen. Die Bürger möchte ich als ein Garant für wirtschaftliche Sicherheit wie als sozialer Unterstützer überzeugen. Sicher habt Ihr dazu auch von der Situation in Miseria gehört (er nickte entschlossen Viana zu). "Da möchten meine Familie und ich uns engagieren."

Die eigene Unsicherheit bezüglich selbst ein Senator zu werden, hatte Phelizzio nicht durchblicken lassen.

Croënar zuckte mit den Schultern. “Miseria geht es wie immer. Sie jammern, sie sammeln sich in Banden und verprügeln sich gegenseitig wegen Sprechgesangseinlagen, zudem wissen sie ihren Anschluss an die Kanalisation nicht zu würdigen und sie warten darauf, dass jemand endlich die Arbeiten koordiniert, die durch die Pleite des Hauses Changbari entstanden sind. Immerhin sind die Tuche der Ventargento ja bereits ein hilfreiches Gewerbe für diese Leute. ich bin sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis es wieder jemand neues gibt, der den Leuten im Nordosten der Stadt das Fischen lehrt. Der Efferdier ist ja bekanntlich pfiffig. Ich denke, die Therbuniter dort leisten gute Dienste und das Waisenhaus passt gut auf die Kinder auf. Sie werden sich natürlich nicht beschweren, wenn ihr ihnen ein paar Äpfel schenkt. Aber diese werden gegessen und vergessen. Wirklich helfen können diesen leuten nur die Stadtverwaltung. Und sie tun vieles denke ich.”

Bislang hatte Viana das Gespräch überwiegend schweigend verfolgt. Nun aber richtete sie sich etwas auf. Ihre Miene blieb freundlich, doch in ihren Augen lag jene ruhige Entschlossenheit, die man oft bei Menschen fand, deren Überzeugungen tief verwurzelt waren.

„Dann ist es gut zu hören, dass die Stadt bereits vieles tut, Euer Wohlgeboren.“

Ihre Stimme war warm, aber fest.

„Denn Not sollte niemals die Last eines Einzelnen sein.“

Sie faltete die Hände vor sich.

„Doch ebenso wenig sollte sie die Sorge der Verwaltung allein sein. Die Gütige Göttin lehrt uns, dass ein Herdfeuer nicht deshalb brennt, weil einer allein Holz nachlegt. Es brennt, weil viele Hände Sorge dafür tragen.“

Sie lächelte leicht.

„Wenn die Stadt verwaltet, die Therbuniter dienen, das Waisenhaus die Kinder schützt und Handwerker Arbeit schaffen, dann sind das keine konkurrierenden Bemühungen. Es sind Glieder derselben Kette.“

Für einen Moment entstand Stille.

„Ihr habt recht, Äpfel werden gegessen und vergessen.“

Sie nickte sogar zustimmend.

„Ein einmaliges Almosen sättigt nur einen Abend.“

Dann wurde ihre Stimme etwas ernster.

„Aber ein Kind vergisst nicht, wer ihm zuhörte. Eine Witwe vergisst nicht, wer ihr in schwerer Zeit Brennholz brachte. Und ein Mensch vergisst nur selten, wer ihm in seiner Not das Gefühl gab, nicht allein zu sein.“

Sie blickte kurz aus dem Fenster in Richtung der Stadt.

„Vielleicht bin ich zu sehr Geweihte, um dies anders sehen zu können. Doch ich glaube, Gemeinschaft entsteht gerade aus diesen kleinen Dingen. Nicht, weil sie die Welt auf einen Schlag verändern, sondern weil sie verhindern, dass Menschen sich von der Welt vergessen fühlen.“

Phelizzio nickte zustimmend. Er kannte diese Stimme seiner Schwester. Es war dieselbe Stimme, mit der sie Trauernde tröstete oder streitende Familien wieder an einen Tisch brachte.

Viana wandte sich wieder dem Senator zu.

„Und deshalb möchte ich mich in Miseria einbringen.“

Sie sprach es nicht wie ein Vorhaben aus. Sondern wie eine schlichte Tatsache.

„Nicht, weil ich glaube, die Stadt retten zu können. Nicht, weil ich die Arbeit der Verwaltung für ungenügend halte. Und gewiss nicht, weil ich den Menschen dort etwas aufzwingen möchte.“

Nun lächelte sie wieder.

„Sondern weil ich Traviageweihte bin. Und wenn irgendwo in Efferdas ein Herdfeuer schwächer brennt, dann empfinde ich es als meine Pflicht, hinzugehen und zu fragen, ob noch Holz benötigt wird.“

Die Worte waren einfach.

Gerade deshalb wirkten sie aufrichtig.

Sie neigte leicht den Kopf.

„Wenn die Menschen von Miseria unsere Hilfe eines Tages nicht benötigen, dann werde ich mich darüber aufrichtig freuen. Bis dahin aber möchte ich zumindest bereit sein, ihnen meine Hand anzubieten.“

,,So wie ich und unsere Familie die unsrige”, fügte der Schiffsbauer ebenfalls entschlossen hinzu.

Croënar legte den Kopf etwas schief und blickte die Geweihte an. “Ihr müsst euch für eure Bemühungen nicht rechtfertigen. Alles ist in Ordnung. Aber erlaubt mir die Frage, wenn ihr es schon tut, müsst ihr dazu wirklich so viel Polemik nutzen? Miseria “retten” können... wovor denn auch? Miserias Problem ist ja nicht Hunger oder Krankheit, es ist nicht mal eine hohe Arbeitslosigkeit, sondern dass rund um den Staubmarkt Jugend- und Veteranengruppen sich zu Mobs zusammenschließen, um sich gegenseitig ihre Form von Moral und Anstand mit der Faust zu lehren. Die Region ist schlicht und ergreifend gefährlich. Ihr habt es dort mit den Levthansbuben, den Xeledonsjüngern oder dem Orden der Sauberkeit zu tun. Diese sind keine Gefahr für die Seele der Stadt, aber Sinnbild einer Gruppe von Menschen, deren Fähigkeit, an sich selbst zu arbeiten, Visionen zu haben oder sich ob seiner Taten selbst zu hinterfragen stark limitiert sind. Es ist eine Gruppe, die für alles und jeden einen Schuldigen brauchen, über den sie sich aufregen können. Und die ihre Freunde und Feinde wöchentlich wechseln wie anderer Leute Untergewand. Sie mögen sich dankbar zeigen, wenn man ihnen einen Fisch gibt, aber noch lange nicht loyal. Deswegen, hier geht es überhaupt nicht darum, euren Glauben in Frage zu stellen. Niemand wird euch daran hindern, euch in Miseria einzubringen. Aber ihr solltet dann auch wissen, wie genau ihr euch einbringen könnt und wie ihr ihnen helfen wollt. Und ihr solltet wissen, mit wem ihr es zu tun habt. Diese Menschen dort haben ihren spirituellen Anker bei Efferd gefunden, er schenkt ihnen Arbeit, den Fisch und den Glauben daran, dass sich alles irgendwie wandeln kann, mit dem sie unzufrieden sind. Wenn sie euch als jemanden wahrnehmen, die nur hilft, weil die Miserier den Eindruck erweckt haben, ihr bisheriges Leben oder Glaube wäre falsch gewesen, dann werden sie euch nicht würdigen und eure Rettung vielleicht gar mit Gewalt ablehnen. Und das ganz gleichgültig ob dies eure wahren Absichten wären oder nicht, sie sind zu stolz und zu eitel, um aus ihrer Haut zu kommen. Wenn ihr euch gedacht habt, ihr geht da einfach hin, verteilt ein paar Psomi, schüttelt ein paar Kinderhände und hofft danach auf eine gesonderte Anerkennung eurer Herrin, dann lasst mich euch sagen, dass dies vermutlich nicht den gewünschten Effekt erzielen wird. Deswegen - ich spotte nicht ob eurer Motivation. Ich gebe euch nur den guten Rat, euer Ziel nicht leichtfertig zu wählen. Manche Menschen wollen einfach keine Hilfe.”

Viana hörte dem Senator aufmerksam zu. Es war deutlich zu erkennen, dass sie seine Worte nicht als Angriff verstand. Als er geendet hatte, schwieg sie einen Moment.

„Euer Wohlgeboren, ich danke Euch für diese Offenheit.“

Sie faltete ruhig die Hände.

„Und ich glaube nicht, dass Ihr spottet. Im Gegenteil. Ich denke, Ihr versucht, uns vor Enttäuschungen zu bewahren. Vielleicht sehe ich die Menschen von Miseria tatsächlich mit anderen Augen als Ihr. Nicht, weil ich Eure Schilderungen anzweifle, sondern weil mein Glaube und meine Weihe mich gewissermaßen dazu verpflichten“

Sie blickte kurz aus dem Fenster, als könne sie den Nordosten der Stadt vor sich sehen.

„Wenn dort Zorn herrscht, woher kommt er. Wenn dort Stolz herrscht, was hat ihn verletzt. Und wenn Menschen Hilfe zurückweisen, welche Erfahrungen haben sie gemacht,um fremde Hände zu misstrauen.“

Sie wandte sich wieder dem Senator zu.

„Das bedeutet nicht, dass ich glaube, jeden erreichen zu können. Manche Türen bleiben verschlossen. Manche Herzen ebenfalls.Und doch habe ich in meinem Leben gelernt, dass selbst die stolzesten Menschen gelegentlich einen Ort brauchen, an dem sie weder belehrt noch verurteilt werden.“

Sie hob leicht die Hand.

„Ich möchte nicht nach Miseria gehen, um jemanden zu retten.“

Dann schüttelte sie den Kopf.

„Die Menschen dort sind keine Schiffbrüchigen, die auf ihre Erlösung warten.Ich möchte lediglich gegenwärtig sein.“

Eine kurze Pause entstand.

„Ihr sagt, Efferd gibt ihnen Fisch.“

Nun wurde ihr Lächeln etwas wärmer.

„Das glaube ich gerne.Und vielleicht möchte Travia ihnen gelegentlich etwas Brot reichen.“

Für einen Moment wurde es still.

„Nicht, weil Fisch nicht genügte.“

Sie schüttelte erneut leicht den Kopf.

„Sondern weil eine Mahlzeit manchmal erst dann vollständig wird, wenn Menschen sich dazu an einen Tisch setzen.“

Nun sah sie Croënar wieder offen an.

„Wenn man mir die Tür weist, werde ich gehen. Wenn man mein Brot nicht möchte, werde ich es wieder mitnehmen. Wenn man meine Gegenwart als Einmischung empfindet, werde ich dies respektieren.“

Dann lächelte sie.

„Aber bevor ich all das annehme, möchte ich die Menschen von Miseria erst einmal kennenlernen.“

Phelizzio blickte seine Schwester einen Moment an.

Er kannte diesen Ausdruck in ihrem Gesicht. Es war nicht Eifer.Nicht Mission.

Sondern jene stille Beharrlichkeit, die man kaum erschüttern konnte.

,, Doch wir möchten Eure kostbare Zeit nicht länger als notwendig in Anspruch nehmen. Wir wissen, mit welchem Arbeitseinsatz Ihr Euer Amt bekleidet, Euer Wohlgeboren “, sagte Phelizzio anerkennend. Damit erhoben sich beide d'Antaras und bedankten sich für die gewährte Audienz.