Briefspiel:Regentage - Kapitel 2
Im Eichenen Fass
Die beiden Männer erreichten mittlerweile die Gaststube „Zum Eichenen Fass“. Schon von außen war zu erkennen, dass an diesem Nachmittag nicht nur zwei Reisende vor dem Wetter kapituliert hatten. Im ummauerten Hof des Eichenen Fasses drängten sich mehrere Pferde unter den Unterständen, und zwei Fuhrwerke standen so dicht an der Remise, dass ein Knecht laut fluchend versuchte, noch einen weiteren Wagen unterzubringen. Als sich die Tür zum Gasthaus öffnete, schlugen den Neuankömmlingen Wärme, der Geruch von nasser Wolle, gebratenem Fleisch und Holzrauch entgegen. Für einen Nachmittag war der Schankraum erstaunlich voll. Der Regen hatte offenbar alles hereingetrieben, was auf der Sheniloer Straße unterwegs gewesen war. Zwei Händler saßen mit ihren Schreibern über Bechern und aufgeschlagenen Papieren, ein durchnässter Botenreiter hielt beide Hände um einen dampfenden Krug, und mehrere Fuhrleute hatten sich an einem langen Tisch zusammengedrängt. In einer Ecke versuchte ein reisender Handwerker seine Stiefel am Feuer zu trocknen, während sein Geselle mit sichtlichem Missfallen beobachtete, wie sich darunter langsam eine Pfütze bildete.
Hinter dem Tresen bewegte sich ein leicht beleibter Mann mit erstaunlicher Geschwindigkeit zwischen Krügen, Bechern und Gästen hin und her. Eine ebenso rundliche Frau erschien immer wieder aus der Küche, verteilte Schüsseln und Anweisungen mit gleicher Entschlossenheit und verschwand anschließend wieder hinter der Tür. Dazwischen liefen zwei Jugendliche durch den Schankraum, einer mit einem Korb voller Brot, der andere mit einem Stapel leerer Becher, der gefährlich hoch bis vor seine Nase reichte. Neben dem großen Kamin lag ein Hund. Das Tier war gewaltig. Sein kräftiger Körper ruhte ausgestreckt auf den Dielen, den Kopf auf den Vorderpfoten. Mit dem Öffnen der Tür hatte es jedoch augenblicklich die Augen aufgeschlagen und den Kopf gehoben. Sein Blick ruhte einige Herzschläge auf den beiden Fremden. Die Ohren stellten sich ein wenig auf, die Nase bewegte sich prüfend. Dann schien das Tier zu einem Urteil gekommen zu sein. Von den Neuankömmlingen ging offenbar keine Gefahr aus. Der schwere Kopf sank wieder auf die Pfoten.
Unmittelbar neben dem Hund saß ein kleines schwarzhaariges Mädchen auf einer niedrigen Bank. Ein Bein hatte sie untergeschlagen, während das andere beinahe den Rücken des Tieres berührte. Auch sie hatte bei der geöffneten Tür kurz aufgesehen, schien mit der Einschätzung ihres gewaltigen Begleiters jedoch zufrieden und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schankraum zu. Von einem der Tische erklang derweil ein helles Lachen. Dort saß ein auffallend gutaussehender junger Mann mit sorgfältig gerichtetem Haar und einem gewinnenden Lächeln. Er hatte sich einer jungen Dame gegenüber niedergelassen und erzählte ihr gerade von einer Begegnung im Arinkelwald. „Ich hatte ihn kaum gesehen, da stand der Hirsch schon mitten auf dem Weg“, berichtete er und deutete mit seinem Becher in Richtung der Tür. „Ein prächtiges Tier. Zwölfender, vielleicht sogar vierzehn. Und keinen halben Steinwurf von mir entfernt.“ Die junge Frau hörte aufmerksam zu. „Und Ihr seid einfach stehen geblieben?“ „Natürlich, ich wollte ihn stellen und erledigen!“ Der junge Mann lächelte. „Er hatte acht Enden.“ Die ruhige Stimme kam von der Bank neben dem Kamin. Der junge Mann hielt inne. „Florina.“
Das schwarzhaarige Mädchen sah zu ihm herüber. „Und du warst hinter Großmutters Hund.“ Mehrere der Umstehenden begannen zu grinsen. Der junge Mann legte eine Hand an die Brust. „Ich habe die Lage beobachtet.“ „Du hast gewartet, bis der Hirsch weg war.“ Nun lachte auch die junge Dame. Der junge Mann nahm einen langen Schluck aus seinem Becher und schüttelte mit gespielter Resignation den Kopf. „Kinder“, erklärte er, „haben keinerlei Achtung vor einer guten Geschichte.“ Florina zuckte nur mit den Schultern. Der Hund neben ihr öffnete noch einmal ein Auge. Dann legte er den Kopf wieder auf die Pfoten. Gardelan schob die Tür mit der Schulter weiter auf und trat ein. Für einen Moment blieb er im Türrahmen stehen, während der Regen hinter ihm gegen das Holz peitschte. „Nun“, sagte er trocken, „ich nehme alles zurück, was ich über diese Schenke gesagt habe.“ Timor, der dicht hinter ihm eintrat, zog den durchnässten Mantel von den Schultern. Gemeinsam traten sie in den Schankraum. Die Wärme des Feuers war nach dem kalten Ritt durch den Regen beinahe überwältigend. Gardelan strich sich das Wasser aus dem Bart, während Timor zunächst versuchte, einen Überblick über die zahlreichen Gäste zu gewinnen.
„Bei Travia“, murmelte er. „Da haben wir offenbar nicht als Einzige dieselbe Idee gehabt.“ „Das Wetter hat heute einen bemerkenswerten Sinn für Gastfreundschaft", bemerkte Gardelan. Er nahm seinen Mantel ab und reichte ihn einem der Jungen, der mit einem Korb durch den Raum eilte. „Junger Mann. Wenn Ihr den dort irgendwo aufhängen könntet, wäre ich Euch dankbar.“ Der Junge nahm den Mantel entgegen, warf einen kurzen Blick auf den völlig durchnässten Stoff und verschwand damit. Timor stellte seinen eigenen Mantel dazu. „Meinst du, wir bekommen noch einen Tisch?“ Gardelan sah sich um. „Wenn nicht, stehen wir eben.“ In diesem Augenblick fiel sein Blick auf den gewaltigen Hund neben dem Kamin. Der Urbasier blieb stehen. „Ah.“ Timor folgte seinem Blick. „Was?“ „Ein sehr vernünftiger Hund.“ „Woran erkennst du das?“ „Er hat uns angesehen und beschlossen, dass wir keine Bedrohung darstellen.“ Timor grinste. „Vielleicht ist er einfach nur müde.“ „Das schließt sich nicht aus.“ Als sie am Kamin vorbeigingen, hob der Hund noch einmal den Kopf. Sein Blick wanderte von Gardelan zu Timor und wieder zurück. Timor nickte dem Tier unwillkürlich zu. „Guten Tag.“
Florina beobachtete ihn dabei. Timor bemerkte das Mädchen erst, als er sich bereits an ihr vorbeibewegen wollte. Ihr dunkles Haar stand in deutlichem Gegensatz zu ihrem hellen Gesicht. Sie saß vollkommen selbstverständlich neben dem gewaltigen Tier, als gehöre es dorthin wie der Kamin selbst. Ihre Blicke trafen sich. Timor sah zu dem Tier. Dann wandte er sich wieder ab. Vom Nachbartisch erklang erneut die Stimme des jungen Mannes. Gardelan hingegen musterte den jungen Mann etwas genauer. „Interessant.“ „Was?“ „Du hast ihn doch gerade gehört.“ „Ja.“ „Dann weißt du, dass er sich für einen großen Jäger hält.“ „Und?“ Gardelan deutete kaum merklich mit dem Kopf in dessen Richtung. „Achte auf seine Kleidung.“ Timor sah hinüber. Der junge Mann war tatsächlich auffallend gut gekleidet. Selbst die Kleidung für eine Reise durch den Arinkelwald wirkte sorgfältig gewählt. „Adel?“ „Vermutlich.“ Timor wandte sich wieder seinem Lehrer zu. Gardelan lächelte. „Ich weiß, dass er möchte, dass jeder im Raum es weiß.“ Timor unterdrückte ein Lachen. „Du bist heute besonders freundlich.“ „Der Regen macht mich milde.“ In diesem Augenblick trat der Wirt hinter dem Tresen hervor.
„Meine Herren! Wenn Ihr einen Tisch sucht, müsst Ihr Euch leider gedulden. Wir sind bis unters Dach voll.“ Gardelan deutete auf Timor. „Der Junge hier braucht etwas Warmes zu essen.“ Timor sah ihn überrascht an. „Ich kann selbst brauche einen kräftigen Becher Wein.“ Der Wirt musterte die beiden, dann nickte er. „Essen lässt sich machen. Einen Tisch müssen wir uns allerdings teilen.“ Gardelan blickte durch den Raum. „Mit wem?“ Der Wirt deutete auf den Tisch, an dem der junge Mann gerade seine Geschichte verteidigt hatte. „Dort ist noch Platz.“ Timor sah zu dem Tisch. Dann zu Gardelan. „Das wird interessant.“ „Travia zum Gruße, Signor", begrüßte Timor den jungen Mann. “Dürfen wir?" Er deutete auf die freien Plätze am Tisch. „Aber selbstverständlich, Signores.“ Der junge Mann erhob sich halb von seinem Stuhl und schob mit dem Fuß zwei der freien Plätze ein wenig vom Tisch weg. Die Unterbrechung seiner Erzählung schien ihm keineswegs ungelegen zu kommen. Im Gegenteil: Zwei weitere Zuhörer waren schließlich selten ein Nachteil. „Wenn Travia schon beschlossen hat, an diesem Nachmittag halb Satara und die halbe Sheniloer Straße unter einem Dach zusammenzutreiben, wäre es ausgesprochen unhöflich, sich ihrem Willen zu widersetzen.“
Mit einer kleinen, beinahe beiläufigen Verbeugung wandte er sich den Neuankömmlingen zu, „Taliano ya Satara.“ Auch die junge Dame am Tisch rückte bereitwillig ein Stück zur Seite. Taliano griff nach seinem Becher und deutete damit in Richtung des Tresens. „Falls Ihr noch überlegt, was Ihr bestellen sollt: Der Wildbraten ist heute ausgezeichnet. Und bei diesem Wetter würde ich zum roten Satarer raten.“ Er hob seinen Becher ein wenig. „Wenn Ihr möchtet, verfeinert Alena ihn mit Kräutern und Gewürzen und setzt ihn Euch heiß. Ich verspreche Euch, nach dem ersten Becher erinnert Ihr Euch kaum noch daran, wie nass Ihr eben wart.“ „Dein Vater hat dich gesucht.“, die ruhige Stimme kam erneut vom Kamin. Taliano sah zu dem schwarzhaarigen Mädchen von vielleicht acht maximal neun Götterläufen hinüber und antwortete „Mein liebes Cousinchen, ich bin sicher, mein Vater sucht mich häufig.“ „Dreimal.“, sagte sie trocken und streichelte dabei den großen Kopf des Hundes, welcher sich inzwischen auf ihrem Schoß befand. Taliano hielt kurz inne. „Das wiederum klingt unnötig beharrlich.“ Die junge Dame am Tisch verbarg ihr Lächeln nur mäßig erfolgreich. „Und er hat gesagt, du sollst Holz stapeln.“
Taliano stellte seinen Becher ab und faltete die Hände vor sich. „Mein liebes Cousinchen“, sagte er mit einem nachsichtigen Lächeln, „du solltest lernen, dass nicht jede Wahrheit zu jedem Zeitpunkt ausgesprochen werden muss.“ Florina dachte einen Augenblick darüber nach. „Großmutter sagt, du sollst weniger erzählen und mehr tun.“ Ein leises Lachen ging über den Tisch. Taliano seufzte, wandte sich wieder den beiden Fremden zu und schenkte ihnen sein gewinnendes Lächeln. „Ihr seht, Signores, selbst die jüngsten Damen meines eigenen Hauses haben sich gegen meinen guten Ruf verschworen.“ Am Kamin legte Florina eine Hand auf den breiten Kopf des Hundes. „Du solltest immer noch Holz stapeln.“ Taliano ignorierte sie nun mit jener eingeübten Selbstverständlichkeit, die vermuten ließ, dass solche Wortwechsel nicht zum ersten Mal stattfanden. Stattdessen lehnte er sich etwas zurück. „Nun aber genug von meinen familiären Verpflichtungen. Mit wem habe ich das Vergnügen und was treibt euch in unser bescheidenes Dörfchen?“
Timor hielt für einen kurzen Augenblick inne. Gardelans Worte über das Haus ya Satara kamen ihm wieder in den Sinn. Fast zweihundert Götterläufe. Ein geretteter Herr von Elmantessa. Die Sheniloer Straße. Die Jagden. Und der Aufstieg durch das Haus Aurandis. Und nun saß einer der Söhne dieses Hauses offenbar vor ihm und erklärte einem ganzen Tisch, wie mutig er beinahe einen Hirsch erlegt hätte. Timor erwiderte die Verbeugung. „Timor d'Antara.“ Er deutete auf seinen Begleiter. „Und das ist mein Lehrer, Gardelan de Vere.“ Gardelan neigte höflich den Kopf. „Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Signor ya Satara.“ Timor bestelltes indes beim Wirt zwei Schüssel Eintopf mit Fleischstücke und dazu noch etwas herzhaftes Walnussbrot. „Wir sind auf dem Rückweg nach Efferdas“, erklärte er. „Von Sewamund kommend“. Gardelan ließ Timor gewähren. Der alte Urbasier lehnte sich lediglich zurück und beobachtete seinen Schüler aufmerksam. Timor bemerkte den Blick seines Lehrers. Also gut. Eine weitere Lektion. Er wandte sich wieder Taliano zu. „Wir hatten allerdings nicht vor, länger in Satara zu bleiben.“ Ein Donnerschlag ließ die Fenster erzittern. Timor sah kurz hinaus in den strömenden Regen.
„Offenbar hatte Travia andere Pläne.“, sagte der junge Schiffbauer und lachte herzlich. Taliano warf einen kurzen Blick zu den Fenstern, gegen die der Regen inzwischen in dichten Bahnen schlug. Ein weiterer Donnerschlag rollte über den Arinkelwald und ließ irgendwo im Schankraum einige Becher leise gegeneinanderklirren. „Nun“, meinte er und hob seinen Becher ein wenig, „wenn Travia Euch schon unter ihr Dach bittet und Rondra die Einladung derart nachdrücklich unterstützt, wäre es wohl ausgesprochen unhöflich, sie abzulehnen.“ Hinter dem Tresen rief Alena eine kurze Anweisung in Richtung Küche, während einer der Jugendlichen zur Tür eilte, um einem Knecht draußen beim Sichern eines Fensterladens zu helfen. Für einen Moment drang das Prasseln des Regens noch lauter in den Schankraum, ehe die Tür wieder zufiel. Auch der große Hund am Kamin hatte bei dem Donner den Kopf gehoben. Florina legte ihm beinahe beiläufig eine Hand auf den breiten Nacken. Das Tier verharrte noch einen Augenblick aufmerksam, ehe es sich wieder auf die Vorderpfoten sinken ließ. Taliano wandte seine Aufmerksamkeit zurück an den Tisch.
„Von Sewamund nach Efferdas also. Dann liegt noch ein gutes Stück Weg vor Euch.“ Sein Blick wanderte erneut zum Fenster. „Nur bezweifle ich, dass Ihr davon heute noch besonders viel zurücklegen werdet.“ Er nahm einen Schluck aus seinem Becher. „Bei diesem Wetter seid Ihr hier jedenfalls besser aufgehoben als irgendwo draußen zwischen den Bäumen. Die Sheniloer Straße wird bewacht, aber der Arinkelwald muss deshalb noch lange nicht freundlich sein.“ Taliano lehnte sich etwas zurück und lächelte. „Und ich denke, die Weiterreise wird wohl bis morgen warten können.“ Er musterte seine beiden neuen Tischgenossen mit unverhohlener Neugier. „Aber wenn wir nun schon gemeinsam hier festsitzen: Was führt Euch eigentlich von Sewamund nach Efferdas? Geschäfte, Familie – oder eine Geschichte, die interessanter ist als beides?“ Gardelan schüttelte kaum merklich den Kopf in Timors Richtung. Timor bemerkte die Bewegung sofort. Für einen Augenblick war er versucht, einfach auf die Frage einzugehen. Doch dann verstand er, was sein Lehrer ihm damit sagen wollte: Nicht alles, was man gefragt wird, muss man auch erzählen. Er nahm einen kleinen Schluck von seinem Wein und stellte den Becher wieder ab.
„Eine Geschichte, die interessanter ist als Geschäfte oder Familie, habe ich leider nicht zu bieten, Signor ya Satara.“ Ein höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen. „Wir sind wegen geschäftlicher Angelegenheiten in Sewamund gewesen und nun auf dem Rückweg nach Efferdas. Die Reise war bisher ruhig, wenn auch länger, als wir zunächst erwartet hatten.“ Er warf einen kurzen Blick zum Fenster, hinter dem der Regen unvermindert gegen die Scheiben schlug. „Dass wir nun ausgerechnet hier zum Bleiben gezwungen werden, war allerdings nicht Teil unserer Planung. Jedoch bevor wir hier einkehrten, sprachen wir über Satara. Sagt mir, Signor, was hat dieser Landstrich denn schönes zu bieten?“ Taliano hob bei der Frage leicht die Brauen. „Was Satara Schönes zu bieten hat?“ Er lehnte sich zurück und ließ den Blick für einen Moment durch den Schankraum schweifen, als müsse er ernsthaft darüber nachdenken. „Nun, offensichtlich zunächst ausgezeichneten Wein, gutes Essen und ausgesprochen angenehme Gesellschaft.“ Zeitgleich wie Taliano davon sprach wurde auch das Essen für die Männer aus Efferdas gebracht. Das gewinnende Lächeln ließ wenig Zweifel daran, wen er zumindest teilweise mit Letzterem meinte.
„Wobei Ihr unserem Wein vermutlich schon näher wart, als Euch bewusst gewesen ist. Wenn Ihr von Sewamund über Arinken gekommen seid, seid Ihr am Banquir beinahe an unserem Weingut vorbeigereist.“ Er hob seinen Becher ein wenig. „Gut Valdoro. Dort kommt auch der Satarer her, den Ihr hier bekommt. Weiß und rot für Leute, die einen guten Wein trinken möchten, ohne vorher ihren Geldbeutel um Verzeihung bitten zu müssen. Und dann gibt es noch unseren Banquiri.“ Bei dessen Namen schwang unverkennbar etwas mehr Stolz in seiner Stimme mit. „Ein heller Wein vom Banquir. Der hat inzwischen auch außerhalb unserer Gegend einen ganz ordentlichen Namen. Meine Verwandtschaft auf dem Gut würde Euch wahrscheinlich einen ganzen Abend erklären können, weshalb das an den Reben, den Hängen, dem Nebel über dem Fluss und mindestens einem Dutzend anderer Dinge liegt.“ Taliano nahm einen Schluck. „Ich beschränke mich gewöhnlich darauf, ihn zu trinken.“ Dann hob er leicht die Schultern.
„Und meine Cousine Rahjane ist gerade dabei, auf dem Gut mit einem neuen Wein zu experimentieren und die ganze Winzerei, wie sie sagt, in die Zukunft zu führen. Was genau sie damit meint, müsstet Ihr allerdings sie fragen. Ich verstehe vom Wein genug, um zu wissen, welcher mir schmeckt – für alles Weitere gibt es in meiner Familie deutlich geeignetere Leute.“ „Aber wenn Ihr morgen noch etwas Zeit habt, bevor Ihr weiterreist, solltet Ihr Euch das Dorf bei besserem Wetter ansehen. Satara ist nicht groß, doch wir leben hier beinahe vollständig mit dem Wald.“ Er deutete mit dem Becher ungefähr in Richtung der Außenwand. „Oberhalb des Dorfes liegt Sataras Weiher. Von dort kommt das Wasser für unser Sägewerk. Wenn Ihr dem Bach weiter folgt, kommt Ihr an den Holzplätzen, der Fassbinderei und schließlich am Herrenhaus vorbei. Mein Vater würde vermutlich behaupten, das Sägewerk sei das Sehenswerteste an ganz Satara.“ Für einen kurzen Moment huschte ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht. Bei der Nennung des Sägewerks funkelten Timors Augen leidenschaftlich auf, doch er ließ sein Gegenüber zunächst ausreden.
„Mein Vater und ich haben allerdings unterschiedliche Auffassungen davon, wie lange ein Mensch freiwillig einer Säge bei der Arbeit zusehen sollte.“ Talianos Tischgäste unterdrückten ein Schmunzeln, nur Gardelan schüttelte leicht den Kopf. Dann wurde sein Ton ein wenig ernsthafter. „Und natürlich ist da der Arinkelwald selbst.“ Bei diesen Worten verschwand etwas von der spielerischen Leichtigkeit aus seiner Stimme. „Von der Straße aus sieht man eigentlich nur seinen Rand. Wenn man weiß, welche Wege man nehmen darf, gibt es dort Weiher, alte Bäume, Lichtungen und Stellen, an denen man kaum glauben möchte, noch im Lieblichen Feld zu sein.“ Er blickte kurz zum Fenster, hinter dem ein fahler Blitz zwischen den Bäumen aufflackerte. „Man sollte allerdings jemanden dabeihaben, der den Wald kennt. Er hat die unangenehme Angewohnheit, Fremden sehr schnell zu zeigen, dass sie Fremde sind.“ Taliano nahm noch einen Schluck und lächelte wieder. „Sollte Rondra morgen also mit ihrer heutigen Darbietung fertig sein und Eure Abreise nicht allzu früh anstehen, könnte ich Euch zumindest zeigen, was man von Satara gesehen haben sollte. Vorausgesetzt natürlich, mein Vater hat mich bis dahin nicht doch noch unter einem Berg Holz begraben.“
Timor hatte Taliano bis dahin aufmerksam, aber ohne große Regung zugehört. Erst bei den Worten über das Sägewerk veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Sein Blick wanderte kurz zu Gardelan. Der alte Urbasier bemerkte es natürlich sofort. „Oh nein“, murmelte er leise. Timor überhörte die Bemerkung geflissentlich. „Ihr habt ein eigenes Sägewerk?“, fragte er Taliano. Es war die erste Frage, die er seit Beginn des Gesprächs gestellt hatte, bei der seine Zurückhaltung beinahe vollständig verschwunden war. „Und Ihr sagt, es wird vom Wasser des Weihers betrieben?“ Taliano nickte. Timor stellte seinen Becher ab und beugte sich ein wenig vor. „Wie groß ist es? Und wie viele Sägen habt Ihr dort?“ Gardelan schüttelte kaum merklich den Kopf, diesmal allerdings mit einem gewissen Schmunzeln. „Da ist es wieder.“ Timor sah kurz zu ihm. „Was?“ „Deine Begeisterung.“ „Ich bin lediglich interessiert.“ „Natürlich.“ Timor wandte sich wieder Taliano zu. „Entschuldigt. Ich interessiere mich für Handwerk und den Bau von Maschinen. Und wenn Ihr tatsächlich einen wasserbetriebenen Sägebetrieb habt, würde ich ihn mir sehr gern ansehen.“ Er hielt kurz inne. „Falls das möglich ist, selbstverständlich.“
Sein Blick wanderte erneut in Richtung Fenster, als könne er durch das schlechte Wetter hindurch bereits die Anlage erkennen. „Bei der Gelegenheit würden der junge Nobile wie auch meine Wenigkeit, Eurem Herrn Vater unsere Aufwartung machen “, fügte der Urbasier hinzu und tadelte Timor mit einen kurzen blick. Taliano betrachtete den jungen Mann einen Moment lang mit unverhohlener Überraschung. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Bei den Zwölfen. Und ich dachte schon, mein Vater sei der einzige Mensch, der beim Gedanken an eine Säge derart lebendig werden kann.“ Timor lächelte. Taliano stellte seinen Becher ab. „Ja, das Werk wird mit dem Wasser aus Sataras Weiher betrieben. Ein Wehr leitet einen Teil des Baches in einen Mühlgraben, dort treibt das Wasser ein großes Rad an. Drei große Sägen, soweit Ihr das wissen wolltet. Dazu noch allerlei kleineres Gerät, das mein Vater vermutlich ebenfalls aufzählen würde, wenn Ihr ihn nur lange genug fragt.“ Taliano machte eine kleine Handbewegung. „Wie genau das Rad nun dafür sorgt, dass sich drei Sägeblätter den ganzen Tag auf und ab bewegen, solltet Ihr allerdings besser ihn fragen. Ich habe mich bislang erfolgreich darauf beschränkt festzustellen, dass es funktioniert.“
Vom Kamin her hob Florina den Blick. „Du weißt auch, wie man es ziemlich schnell abstellt.“ Taliano sah zu ihr hinüber; „Natürlich weiß ich das!“ „Weil du es einmal aus Versehen gemacht hast.“ Eine kurze Pause entstand bis Taliano sich räusperte. „Wie ich sagte: Ich weiß, wie man es abstellt.“ Dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu: „Wenn Ihr allerdings jemanden sucht, der Euch jede Säge, jeden Holzstapel und vermutlich noch den letzten Eisenbeschlag erklären kann, dann seid Ihr bei meinem Vater richtig. Oder bei meiner älteren Schwester Madalena.“ Er verzog leicht den Mund. „Die beiden teilen eine geradezu beunruhigende Begeisterung für Holz.“ Timor nickte Gardelan zu, dieser zeigte keinen einwand gegen den Wunsch seines Schützlinge. Ein amüsiertes Lächeln kehrte zurück. „Madalena wird einmal das Sägewerk übernehmen, wenn es nach meinem Vater geht – und vermutlich auch, wenn es nach ihr selbst geht. Ich fürchte, bei ihr könntet Ihr mit Eurem Interesse also ebenfalls einen ausgesprochen langen Aufenthalt provozieren.“ Er nahm seinen Becher wieder auf.
„Das Werk selbst ist tatsächlich groß. Rundholzplatz, Trockenschuppen, Lager, Fassbinderei, Werkstätten – und überall Holz. Mehr Holz, als ein vernünftiger Mensch meiner Meinung nach an einem einzigen Ort versammeln sollte.“ Taliano lehnte sich etwas zurück. „Ansehen könnt Ihr Euch das selbstverständlich. Wenn Rondra uns morgen wieder vor die Tür lässt, führe ich Euch hin.“ „Und mein Vater wird Euch gewiss gerne empfangen. Wobei ich Euch warnen sollte: Wenn Ihr ihm gegenüber dieselbe Begeisterung für Wasserräder, Sägen und Maschinen zeigt wie gerade eben, wird aus einer kurzen Aufwartung vermutlich sehr schnell ein längerer Aufenthalt.“ Er hob seinen Becher mit einem schiefen Lächeln. „Und sollte Madalena dazukommen, würde ich für den restlichen Tag keine weiteren Pläne mehr machen.“ Timors Gesicht hellte sich sichtlich auf. „Das wäre mir eine große Freude, Signor ya Satara.“ Er warf Gardelan einen kurzen Blick zu. Der ältere Mann hatte bereits diesen Ausdruck angenommen, den Timor inzwischen gut kannte: eine Mischung aus stiller Belustigung und der Erkenntnis, dass sein Schützling gerade etwas gefunden hatte, das ihn tatsächlich interessierte.
„Ich würde Eurem Vater und Eurer Schwester sehr gerne meine Aufwartung machen“, fuhr Timor fort. „Und das Sägewerk natürlich ebenfalls.“ „Natürlich“, murmelte Gardelan. Timor ignorierte den Einwurf. „Ein wasserbetriebenes Werk mit drei Sägen und eigener Fassbinderei sieht man schließlich nicht jeden Tag.“ Für einen Moment wandte er den Blick zum Fenster. Der Regen prasselte noch immer gegen die Scheiben, doch inzwischen hatte sich die anfängliche Ungeduld, die Rückreise fortzusetzen, deutlich gelegt. „Aber“, fügte er nach kurzem Zögern hinzu, „wenn wir schon bis morgen hier festsitzen …“ Er sah wieder zu Taliano. „… würde ich mich auch sehr freuen, Eure Gesellschaft bei einem Ausritt genießen zu dürfen.“ Taliano hob interessiert die Brauen. Timor deutete mit einer kleinen Bewegung auf das Fenster. „Natürlich nur, wenn das Wetter es zulässt. Und wenn Ihr morgen tatsächlich Zeit dafür findet.“ Gardelan nickte zustimmend. „Ein wenig Bewegung nach der langen Reise wäre uns beiden willkommen.“ „Und“, fügte Timor mit einem Seitenblick auf seinen Lehrer hinzu, „Mein Lehrer wird vermutlich ebenfalls froh sein, einmal nicht über Verträge, Handel und Straßenverbindungen sprechen zu müssen.“
„Ich höre mich selbst kaum noch reden“, entgegnete Gardelan trocken. „Aber wo es nun angesprochen wurde, ich würde mich sehr gerne mit einigen Leuten austauschen. Ich war bereits schon länger nicht mehr hier“, sagte der Urbasier und weilte gedankenverloren in nostalgischen Zeiten. Bei der Einladung zum Ausritt veränderte sich Talianos Miene merklich. Das höfliche Interesse wich einem deutlich aufrichtigeren Lächeln. „Nun, Signor d’Antara, damit habt Ihr etwas gefunden, wozu Ihr mich erheblich weniger überreden müsstet als zu einem Vormittag zwischen Holzstapeln und Sägespänen.“ Er hob seinen Becher leicht. „Sehr gern. Wenn Rondra sich bis morgen wieder beruhigt hat, können wir nach Eurem Besuch im Sägewerk noch ein Stück ausreiten. Es gibt einige Wege rund um Satara, auf denen man vom Arinkelwald deutlich mehr sieht als von der Sheniloer Straße aus, ohne sich gleich in seine tieferen Teile zu verirren.“ Sein Blick wanderte kurz zum Fenster. „Nach einem solchen Regen würde ich allerdings nichts versprechen, was tiefer zwischen die Bäume führt. Manche Wege dort verwandeln sich schneller in Schlamm und Wasser, als einem lieb sein kann.“ Taliano überlegte einen Moment.
„Wir könnten am Weiher vorbei und anschließend ein Stück am Waldrand entlang. Von den höheren Wegen hat man bei klarem Wetter einen recht schönen Blick über die Gegend.“ Dann deutete er mit seinem Becher beiläufig zum Kamin. „Und falls Ihr wirklich etwas vom Arinkelwald sehen wollt, wäre ohnehin Florinas Vater der bessere Mann dafür.“ Das schwarzhaarige Mädchen hob bei der Erwähnung ihres Vaters kurz den Blick. „Mein Onkel Korodian ist hier aufgewachsen. Schon als Junge soll er mehr Zeit zwischen den Bäumen als im Herrenhaus verbracht haben, und heute kennt er vermutlich jeden brauchbaren Pfad, jede Lichtung und jeden Wildwechsel im Umkreis.“ Taliano lächelte. „Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb seine Kinder kaum in Satara angekommen sind, bevor es sie ebenfalls in den Wald zieht.“ Sein Blick wanderte zu Florina. „Wo sind deine Brüder eigentlich?“ Florina zuckte mit den Schultern. „Weiß ich nicht. Irgendwo draußen.“ Taliano hob leicht die Brauen. „Bei dem Wetter?“ „Rufus und Malki sind bei ihnen.“ Das schien als Erklärung zu genügen. Taliano nickte nur. „Dann werden sie schon wieder auftauchen.“ Florina nahm einen Schluck aus ihrem Becher, als wäre die Sache damit erledigt. Taliano wandte sich wieder seinen Gästen zu.
„Rufus und Malki sind zwei der größten Hunde unserer Zucht. Wenn die beiden dabei sind, würde ich mir um meine jungen Vettern nicht allzu viele Gedanken machen.“ Er grinste. „Ich kenne die Wege, auf denen man einen angenehmen Ausritt machen kann. Onkel Korodian kennt dagegen auch noch jene, bei denen ich mich längst fragen würde, ob dort jemals überhaupt ein Weg gewesen ist.“ Bei Gardelans letzten Worten wurde Taliano jedoch aufmerksam. Für einen Augenblick musterte er den älteren Mann neugierig. „Ihr wart also schon früher in Satara? Dann solltet Ihr Euch morgen vielleicht auf die eine oder andere Veränderung einstellen. Mein Vater würde vermutlich behaupten, alles Wesentliche sei noch genau so, wie es immer war. Meine Schwester würde Euch erklären, was inzwischen alles verbessert wurde.“ Er nahm einen Schluck und lehnte sich ein wenig zurück, bevor er sprach: „Wenn Ihr tatsächlich schon länger nicht mehr hier wart, Signor de Vere, bin ich allerdings neugierig: Wen oder was verbindet Ihr mit Satara?“
Gardelan faltete die Hände ineinander und nahm ernste Gesichtszüge an. „Die Vergangenheit, junger Signor. Verzeiht mir, doch ich möchte es dabei zunächst belassen“. Timor blickte seinen Lehrmeister an, doch er kannte ihn bereits so gut, dass Taliano nichts mehr aus ihm herausbekommen wird. „Sind Eure Hunde solch gute Weggefährten? Oder sollen wir Euch helfen, sie wohlbehalten zurück zu bringen?“, bot der junge d’Antara ernsthaft besorgt an. Taliano warf einen Blick in Richtung seiner Cousine und der großen Hündin am Feuer. Mit seinem Becher deutete er leicht zu den beiden hinüber. „Solange Janu so ruhig bleibt, würde ich mir noch keine Sorgen machen. Sie ist die Mutter von Rufus und Malki – und ich glaube, sie hält Florinas Brüder inzwischen ebenfalls für einen Teil ihres Wurfes.“ Wieder fuhr ein Blitz vom Himmel und tauchte das Dorf und den dunklen Wald dahinter für einen Herzschlag in ein kaltes, beinahe gespenstisches Licht. Kurz darauf folgte ein Donnerschlag, der die Scheiben erzittern ließ. Janu hob den schweren Kopf. Ihre Ohren richteten sich auf, doch nach einem kurzen Blick zu Florina legte sie ihn wieder auf die Vorderpfoten.
Taliano sah einen Moment länger als zuvor zum Fenster und sprach: „Rufus und Malki sind nicht nur groß. Die Hunde unseres Hauses werden für die Jagd, für Patrouillen und auch dafür ausgebildet, Menschen im Wald wiederzufinden. Und die beiden Jungs sind in Satara kaum weniger oft zwischen den Bäumen unterwegs, als sie es im Dorf sind.“ Er schwieg kurz, während ein weiterer Windstoß den Regen gegen die Fenster trieb, dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu: „Euer Angebot ehrt Euch dennoch, Signor d’Antara. Die meisten Reisenden wären vermutlich froh, bei diesem Wetter keinen Fuß mehr vor die Tür setzen zu müssen.“ Florina strich der Hündin ruhig über den breiten Nacken. Talianos Blick wanderte erneut zum Fenster. „Trotzdem“, fügte er etwas leiser hinzu, „dürften sie sich langsam auf den Heimweg machen.“ Dann sah er wieder zu dem jungen d’Antara. Ein leichtes Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück. „Sagt – kennt Ihr Euch im Wald aus? Oder war das gerade mehr Mut als Erfahrung?“
Timor bemerkte den leiser gewordenen Ton in Talianos Stimme. Auch der Blick des jungen Satara, der nun wiederholt zum Fenster wanderte, war ihm nicht entgangen. Draußen grollte der Donner über dem Arinkelwald, während der Regen gegen die Scheiben schlug. Für einen Moment schwieg Timor. Dann stellte er seinen Becher ab. „Dann sollten wir vielleicht nicht länger sitzen bleiben und darauf hoffen, dass sie von allein wieder auftauchen.“ Gardelan sah zu ihm. Timor erhob sich. „Wenn die beiden Jungen tatsächlich noch draußen im Wald sind, wird ihre Familie sie vermutlich erwarten. Und bei diesem Wetter sollten wir sie nicht unnötig lange allein lassen.“ Er strich sich die Ärmel seines Wamses glatt und wandte sich an Taliano. „Travia würde wohl kaum Gefallen daran finden, wenn wir hier warm und trocken sitzen, während zwei Kinder bei diesem Wetter irgendwo im Wald unterwegs sind.“ Gardelan erhob sich ebenfalls und griff nach seinem Mantel. „Eine durchaus vernünftige Begründung.“ Timor schenkte seinem Lehrer ein kurzes Lächeln. Dann wandte er sich wieder Taliano zu. „Ihr kennt den Wald. Eure Hunde kennen ihn. Und Ihr wisst offenbar auch, wo Eure Cousins unterwegs sind.“
Ein herausforderndes, aber freundliches Lächeln erschien auf Timors Gesicht. „Was meint Ihr, Signor ya Satara? Wollt Ihr uns begleiten und dafür sorgen, dass wir die beiden schneller finden?“ Er griff nach seinem Mantel. „Also, Signor ya Satara?“ Er deutete mit einer Hand auf die Tür. „Begleitet Ihr uns?“ Taliano sah den jungen d’Antara einen Augenblick lang an. Dann erschien wieder jenes schiefe Lächeln auf seinem Gesicht. „Ihr versteht es, einem Mann vor versammelter Gesellschaft erstaunlich wenig Raum für eine ehrenhafte Ausrede zu lassen, Signor d’Antara.“ Er stellte seinen Becher ab und erhob sich. „Also gut.“ Dann wandte er sich zum Kamin. „Florina – haben deine Brüder in letzter Zeit wieder vom Steinkreis gesprochen?“ Das Mädchen hob sofort den Kopf. „Gerion wollte Cassiano beweisen, dass er sich auch bei Dunkelheit hintraut.“ Taliano verzog das Gesicht. „Natürlich wollte er das.“ Florina blickte zum Fenster. Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel. „Dann sind sie bestimmt dort.“ Ihre Hand schloss sich fester um Janus Halsband. Taliano wandte sich wieder seinen Gästen zu.
„Südöstlich des Dorfes liegt ein alter, zerstörter Steinkreis. Die Erwachsenen meiden ihn eher – was ihn für die Kinder natürlich umso interessanter macht.“ Florina stand bereits auf. „Ich komme mit.“ Taliano schüttelte den Kopf. „Nein, Cousinchen. Diesmal nicht.“ „Aber es sind meine Brüder.“ „Ich weiß.“ Sein Ton wurde ernster. „Und genau deshalb bleibst du hier. Ich gehe nicht hinaus, um zwei Kinder zurückzubringen, und nehme dafür das dritte mit. Dein Vater würde mir den Kopf abreißen. Wenn er kommt oder deine Großmutter, dann sag ihnen wo wir suchen.“ Florina gefiel das sichtlich nicht, doch sie widersprach nicht mehr. „Nimm Janu mit.“ Taliano nickte. „Das hatte ich vor.“ Die große Hündin erhob sich. Taliano griff nach seinem Mantel. „Wir beginnen am Steinkreis. Wenn Rufus und Malki dort sind oder waren, wird Janu sie finden.“ Dann blickte er zu seinen Gästen und mit einer Geste in Richtung des dunklen Waldes sagte er: „Ihr wolltet den Arinkelwald kennenlernen, Signores. Ich hatte nur gehofft, wir würden damit bis morgen warten.“
Timor bemerkte die Veränderung in Talianos Stimme. Die Unsicherheit, die für einen kurzen Augenblick über das Gesicht des jungen Satara gehuscht war, war ihm nicht entgangen. Ebenso wenig der Blick zum Fenster, als der Donner erneut über dem Wald grollte. Timor trat einen Schritt näher und legte den Kopf leicht schief. „Dann lasst uns keine Zeit verlieren.“ Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. „Ich bin zuversichtlich, dass wir sie finden. Ihr habt Janu bei Euch, und Ihr kennt den Wald. Außerdem wissen wir zumindest, wo wir anfangen müssen.“ Er griff nach seinem Mantel und zog ihn sich über. „Und wenn die beiden wirklich am Steinkreis sind, werden sie vermutlich heilfroh sein, Euch zu sehen.“ Dann hielt Timor kurz inne und sah Taliano offen an. „Verzeiht bitte, wenn ich Euch in Verlegenheit gebracht haben sollte, Signor ya Satara“, der Efferdasier verbeugte sich aufrichtig. „Wir sind nur allzu gern bereit zu helfen. Zusammen bringen wir Eure Angehörige sicher und wohlbehalten zu Travias warmen Herdfeuer zurück. Ihr habt mein Wort!“ Mittlerweile hatte sich auch Gardelan erhoben und seinen Mantel übergeben, er nickte seinem Schützling zu und signalisierte Timor damit, dass er bereit zum Aufbruch ist.
„Werter Signor ya Satara. Wir sind bereit. Wir folgen Euren Weisungen“, erklärte er mit Faust zur Brust in Richtung von Taliano. Taliano erwiderte Gardelans Geste mit einem kurzen Nicken, hielt dann jedoch noch einen Moment inne. Sein Blick wanderte zum Wirt. „Welche Stunde würdet Ihr sagen, haben wir inzwischen?“ Der Mann blickte zunächst zum Fenster, dann beinahe gewohnheitsmäßig durch den Schankraum, als ließe sich die Tageszeit irgendwo zwischen Feuer, Gästen und den Vorbereitungen für den Abend ablesen. „Müsste gerade Firunstunde geworden sein.“ Taliano nickte langsam. Unter anderen Umständen hätte ihn diese Antwort vermutlich beruhigt. Die Zwillinge waren oft bis zum Abend unterwegs, wenn sie in Satara waren, und selten kümmerte sich jemand darum, solange Rufus und Malki bei ihnen waren. Nur das Gewitter machte aus einem gewöhnlichen Streifzug inzwischen etwas anderes. Er zog seinen Mantel zurecht. „Dann sind sie eigentlich noch nicht einmal wirklich spät dran.“ Ein weiterer Donner rollte über das Dorf. „Aber heute möchte ich trotzdem lieber wissen, wo sie stecken.“ Sein Blick fiel kurz zu Florina und dann zu Janu, die inzwischen aufmerksam bei der Tür stand.
„Und damit wir uns nicht missverstehen: Wenn wir die beiden finden, werden sie sich vermutlich keineswegs darüber freuen.“ Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Gerion wird uns erklären, dass sie selbstverständlich allein zurückgefunden hätten. Cassiano wird ihm zustimmen – vermutlich etwas weniger überzeugend – und beide werden behaupten, dass wir wegen ihnen völlig unnötig durch den Regen gelaufen sind.“ Taliano griff nach Janus Halsband. „Das können sie uns dann allerdings sehr gerne erzählen, wenn sie wieder hier im Trockenen sitzen.“ Er sah zur Tür. „Also zum Steinkreis.“ Alena reichte ihm noch eine kleine, gegen den Regen geschützte Laterne vom Haken hinter dem Tresen. Taliano nahm sie mit einem dankbaren Nicken entgegen. Florina stand noch immer neben Janu. Bevor Taliano die Hündin mit sich nahm, beugte sich das Mädchen zu ihr hinunter und legte beide Hände für einen Moment an ihren breiten Kopf. „Such sie.“ Janu leckte ihr einmal über die Hand. Taliano öffnete die Tür. Sofort drückte der Wind Regen in den Schankraum. Das warme Licht des Eichenen Fasses fiel nur wenige Schritt weit auf die nasse Straße hinaus, dahinter lag Satara bereits unter einem grauen Schleier aus Wasser und beginnender Abenddämmerung.