Briefspiel:Regentage - Kapitel 4

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Zurück in Satara

Als beide wieder in den Schankraum zurückkehrten, hatte sich die Stimmung merklich verändert. Das Unwetter war vorbei. Das Feuer brannte. Und vor ihnen stand ein Tisch, an dem bereits Taliano saß. Der junge ya Satara hatte sich offenbar ebenfalls umgezogen. Sein Haar war noch feucht, doch die nasse Kleidung war verschwunden. Vor ihm stand bereits ein leerer Becher, daneben wartete ein weiterer Platz. Timor setzte sich neben Gardelan. Einen Augenblick später ließ sich auch Taliano wieder auf seinen Platz sinken. Zum ersten Mal an diesem Abend waren sie nicht mehr auf der Suche nach jemandem, nicht auf der Flucht vor dem Regen und nicht im Begriff, mit Wilderern zu kämpfen. Sie saßen einfach wieder gemeinsam im warmen Schankraum des Eichenen Fasses. Und vor ihnen lag eine lange Nacht. Taliano hob seinen Becher und nahm einen ersten, ausgiebigen Schluck. „Bei den Zwölfen, den habe ich gebraucht.“ Für einen Moment ließ er sich einfach zurücksinken und genoss die Wärme des Schankraums. Nach Regen, Schlamm und Wilderern fühlte sich selbst der einfache Stuhl beinahe luxuriös an. Dann hob Timor den Blick. „Signor ya Satara, eine Bitte hätte ich noch.“ Taliano sah zu ihm.

„Nach heute Abend dürfte Eure Ausgangslage für Bitten ausgesprochen gut sein.“ Timor deutete leicht in Richtung Tür. „Die Fasane, wenn sie noch leben und unverletzt sind, lasst sie frei. Sie gehören in den Wald, nicht in einen Sack oder auf den Tisch, nur weil die Wilderer sie erwischt haben.“ Taliano lehnte sich etwas zurück. „Ich werde persönlich darauf achten, dass zumindest diese beiden heute noch einmal davonkommen.“ Er hob seinen Becher ein Stück. „Es wäre vermutlich ein schlechtes Zeichen, einen Mann mit einem Fasan im Wappen bei uns aufzunehmen und anschließend zwei seiner Namensvettern verspeisen zu lassen.“ Talianos Grinsen wurde breiter. „Das könnte diplomatische Verwicklungen geben.“ Taliano nahm noch einen Schluck und sah dann zwischen Timor und Gardelan hin und her. „Bevor Ihr es Euch allerdings zu bequem macht: Lange bleiben wir nicht hier.“ Er bemerkte die fragenden Blicke und lächelte.

„Mein Onkel hat Euch nicht nur auf einen Becher eingeladen. Ihr seid heute Nacht Gäste des Hauses ya Satara. Im Herrenhaus werden bereits Zimmer für Euch vorbereitet. Wir wärmen uns auf, trinken aus und gehen dann hinüber. Eure Sachen können wir natürlich mitnehmen lassen. Außerdem wartet dort vermutlich bereits der unangenehmste Teil dieses Abends...  Die vollständige Geschichte.“ Taliano grinste. „Und bevor das alles beginnt, Signor d’Antara, schulde ich Euch noch etwas.“ Taliano betrachtete den Becher vor sich und schüttelte den Kopf. „Eigentlich hatte ich Euch einen Satarer versprochen. Aber nachdem Ihr verhindert habt, dass ich mit einer Klinge im Rücken ende, erscheint mir das inzwischen ausgesprochen geizig. Im Herrenhaus machen wir einen Banquiri auf.“ Wenig später ließen sie die Wärme des Eichenen Fasses noch einmal hinter sich. Der Weg zum Herrenhaus war nicht weit. Der Regen hatte aufgehört, doch von den Dachrinnen tropfte noch immer Wasser auf die Wege, und überall im Dorf glänzten Pfützen im Licht der Laternen.

Im Herrenhaus war es deutlich ruhiger als im Gasthaus. Gedämpftes Licht fiel aus den Räumen auf den Flur, irgendwo brannte ein Kamin, und die Wärme des Hauses empfing sie ebenso angenehm wie zuvor jene des Eichenen Fasses. Florina war natürlich noch wach. Kaum hatte sie Taliano entdeckt, kam sie zu ihm. Ihr Blick wanderte sofort weiter zu Timor und Gardelan. Neugier lag unverkennbar in ihren Augen. „Das sind also die beiden.“ Taliano nickte. "Signor d’Antara und Signor de Vere, die Helden des Abends.„ Florinas Blick blieb kurz an Timor hängen, dann wieder an Taliano und schien noch deutlich mehr Fragen zu haben, doch ehe sie eine davon stellen konnte, öffnete sich am anderen Ende des Flures eine Tür und eine Frau trat heraus. Sie musterte zunächst Taliano, dann die beiden Gäste. Ihr Blick war ruhig und aufmerksam, ohne dabei unfreundlich zu wirken. Dennoch lag in ihrer Haltung etwas, das sofort deutlich machte, dass sie es gewohnt war, dass man in diesem Haus auf sie achtete. Taliano richtete sich ein wenig auf. „Großmutter.“ Helaya trat näher und blieb vor Timor und Gardelan stehen. Taliano wandte sich an die beiden.

„Esquiria Helaya ya Satara. Herrin von Satara. Meine Großmutter ist stumm. Wenn sie Euch also nicht selbst begrüßt, liegt es nicht an mangelnder Gastfreundschaft.“ Helaya legte eine Hand an die Brust und neigte den Kopf zur Begrüßung. Gardelans und Helayas Blicke streiften sich und man beobachtete sich gegenseitig. Wie das Belauern alter Rivalen. Doch Gardelan nickte und gab Helaya zur Begrüßung einen Handkuss. „Signora ya Satara. Habt Dank für Eure Gastfreundschaft, die mir auch damals ein hohes Privileg war“. Damit gab er an Taliano zurück  „Aber ich glaube, das war eindeutig genug.“ Helayas Blick wanderte anschließend zu ihm. Eine kleine Bewegung ihrer Hand genügte. Taliano seufzte gespielt. „Ja, Großmutter. Natürlich willst du wissen, was passiert ist.“ Er deutete in Richtung des angrenzenden Zimmers. „Dann sollten wir uns setzen. Die kurze Fassung lautet: Gerion und Cassiano haben Wilderer gefunden, die Wilderer anschließend Gerion und Cassiano, und wir wiederum beide. Die längere Fassung enthält mehr Regen, sechs bewaffnete Männer, drei sehr hilfreiche Hunde und zwei Signores, ohne die der Abend deutlich schlechter ausgegangen wäre. Aber das erzählen wir drinnen.“ Wenig später war das Wesentliche berichtet.

Helaya hatte kaum unterbrochen, doch ihr Gesicht hatte während der Schilderung deutlich genug gezeigt, was sie von Wilderern im Arinkelwald hielt. Korodian ergänzte, was die Wache mit den Gefangenen und den sichergestellten Tieren tun würde, und auch Gerion und Cassiano hatten Gelegenheit bekommen, ihre Sicht der Dinge beizutragen. Florina hatte dabei beinahe kein Wort gesagt, dafür aber umso aufmerksamer zugehört. Erst als wirklich alles geklärt war, lehnte Taliano sich zurück. „Gut.“ Er sah in die Runde. „Damit hätten wir den unangenehmen Teil hinter uns.“ Dann griff er nach der bereitstehenden Flasche. „Jetzt kommen wir endlich zu dem Teil des Abends, den ich bereits seit dem Steinkreis für dringend notwendig halte.“ Taliano hob den Banquiri. „Wein?“ Timor ließ den Blick kurz über den Tisch wandern. Nach dem langen Ritt, dem Unwetter und dem Kampf lag in seinem Gesicht noch immer eine gewisse Müdigkeit, doch diese war einem warmherzigen Lächeln gewichen. „Sehr gerne.“ Gardelan nickte ebenfalls. „Nach diesem Abend wäre alles andere geradezu unhöflich.“

Taliano grinste zufrieden und begann, die Becher zu füllen. Der Banquiri war hell und klar, mit einem frischen, leichten Duft, der angenehm zwischen dem Holzrauch und der Wärme des Raumes hervorstach. Er schob Timor den ersten Becher zu. „Für den Mann, der mich davor bewahrt hat, künftig mit einer hässlichen Narbe auf dem Rücken aufzuwachen.“ Timor hob den Becher. „Für einen Mann, der hoffentlich künftig Fasane anders sehen wird“, auf den irritierten Blick Talianos antwortete Timor mit einem Lachen, das alle am Tisch ansteckte. Nun war wieder die Warmherzigkeit des Vaters da. Und die Anspannung des Efferdier seit dem Kampf war wie weggeflogen. Gardelan schaute ihn ernst an. Timor nickte. „Taliano. Bitte verzeiht mir meine Grobheit von vorhin“, er räusperte sich und kramte ein kleines Bild aus seiner Jackentasche. „Ich hatte große Sorge, dass es beschädigt wurde und Eure Worte reizten mich. Das ist Travienne Rizzi, meine Verlobte. Ich vermisse sie sehr…“ Das Bild zeigte eine schöne junge Frau mit orangenen Haar. Talianos Grinsen verschwand für einen Moment, als Timor das kleine Bild hervorholte. Er betrachtete es aufmerksam und dann Timor.

„Dann müsst Ihr Euch nicht entschuldigen.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Wenn Ihr das den ganzen Abend bei Euch getragen habt, während wir durch den Regen gestapft sind und uns mit Wilderern herumgeschlagen haben, kann ich durchaus verstehen, dass Eure Gedanken gerade woanders waren. Travienne Rizzi, sagtet Ihr? Die Familie stammt aus Unterfels, wenn ich mich recht entsinne. Eine sehr gut angesehene Familie. Ein sehr gute Partie!“ Er nickte anerkennend. „ und dazu noch eine wahrlich schöne Frau. Und die Haarfarbe ist außergewöhnlich für die Region.“ Dann sah er Timor wieder an, diesmal mit unverhohlener Neugier. „Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wann steht die Hochzeit an?“ Timor lächelte und begann von dem familiären Treffen der Familie d’Antara und der Familie Rizzi zu erzählen. Er erzählte vom Empfang vor dem Haus, dem Abendessen und der Segnung der Palmyramischen Wache Tage danach. Dort wurde die Hausgarde, die Gardelan als Leutnant angehört, von den Travia-Geweihten Viana d'Antara und Travileas Rizzi in ihren Eid begleitet.  Er ließ Timor das Bild wieder an sich nehmen, ehe sein Blick zu Gardelan wanderte. „Und Signor de Vere – Ihr habt vorhin erwähnt, dass Ihr Satara bereits kennt.“

Taliano deutete mit seinem Becher leicht zu Helaya. „Dann seid Ihr Großmutter vielleicht sogar schon einmal begegnet. Falls Ihr mit ihr sprechen möchtet, lasst Euch von ihrer Stummheit nicht abhalten. Mein Onkel versteht sie besser als vermutlich jeder andere und kann übersetzen. Und falls er gerade nicht zur Stelle ist, bekommen wir das auch so hin. Vielleicht erinnert sie sich ja ebenfalls an Euch.“ „Signor ya Satara. Eure hohe Frau Großmutter und ich haben einander bereits erkannt. Unsere Bekanntschaft, war damals unter anderen Umständen entstanden. Wir standen auf unterschiedlichen Seiten im Thronfolgekrieg. Ich kämpfte mit deinem Vater für den Horas. Und Eure Familie für die Ansichten der Rondrianer". Die Worte waren mit einer Selbstverständlichkeit gesprochen worden. Im tiefsten Innern waren Timors Lehrer sowie sein Vater Phelizzio noch glühende Anhänger von Timor Firdayon, doch auf eine Wiederaufnahme alter Kämpfe schienen beide nicht mehr interessiert zu sein. „Nun alte Kriegsgeschichten gehören jetzt nicht hierhin. Doch mit Signora Helaya würde ich dennoch später sprechen wollen“. Taliano hörte Gardelan aufmerksam zu. Als dieser die Rondrianer erwähnte, wanderte sein Blick für einen Moment zu seiner Großmutter.

„Dann kennt Ihr Euch tatsächlich. Und offenbar lange genug, dass meine Großmutter Euch nach all den Jahren noch erkennt.“ Dass die beiden einst auf unterschiedlichen Seiten gestanden hatten, schien Taliano weit weniger zu beschäftigen. „Was damals zwischen Timoristen und Rondrianern lag, soll meinetwegen auch dort bleiben – in der Vergangenheit. Heute seid Ihr Gast unseres Hauses. Und nachdem Ihr mit uns durch den Arinkelwald gezogen seid, um zwei ya Satara zu suchen, werde zumindest ich ganz sicher keinen alten Krieg mit Euch beginnen.“ Dann nickte er in Richtung Helayas. „Und natürlich könnt Ihr später mit meiner Großmutter sprechen. Onkel Korodian kann Euch übersetzen, falls es notwendig wird. Ich vermute, dass ihr so einiges miteinander zu besprechen habt.“ Damit ließ Taliano die alten Kriegsgeschichten tatsächlich ruhen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Timor zu. Er hörte dessen Erzählung über das Zusammentreffen der Familien d’Antara und Rizzi, das gemeinsame Essen und schließlich die Segnung der Palmyramischen Wache aufmerksam an. Bei der Erwähnung Traviennes erschien wieder ein wissendes Lächeln auf seinem Gesicht. Als Timor schließlich endete, hob Taliano seinen Becher. „Eine schöne Geschichte, Signor d’Antara.“

Er nahm einen Schluck und musterte ihn anschließend über den Rand des Bechers hinweg. „Allerdings habt Ihr einen, wie ich finde, ausgesprochen wichtigen Teil ausgelassen.“ Taliano deutete auf das kleine Bild Traviennes. „Ihr habt mir erzählt, wie sich Eure Familien trafen. Ihr habt mir von einem Empfang, einem Abendessen und sogar der Segnung Eurer Wache erzählt.“ Sein Grinsen wurde breiter. „Aber noch immer nicht, wie aus Travienne Rizzi die Frau wurde, die Ihr heiraten wollt?“ „Glaubt Ihr an Liebe auf den ersten Blick?“, Timor schaute Taliano wieder ernster an. „Und an eine Person, die ihr seit der Begegnung an Eurer Seite wissen wollt? Und mit der Ihr Euch sofort versteht und Eurer Seelenpartner ist?" Lächelnd lehnte sich der Efferdier zurück und wartete auf eine Antwort. Taliano hatte offenbar mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass Timor die Frage einfach an ihn zurückgab. Für einen Moment schwieg er und drehte den Becher zwischen seinen Händen.

„An Liebe auf den ersten Blick?“ Er dachte tatsächlich darüber nach. „Ja. Ich glaube schon.  Ich glaube zumindest daran, dass man einem Menschen begegnen kann und in diesem Augenblick etwas anders ist als bei allen anderen zuvor. Dass man ihn ansieht und plötzlich mehr wissen möchte. Alles eigentlich. Ob das bereits Liebe ist oder erst der Anfang davon, kann ich Euch allerdings nicht sagen.“ Bei Timors zweiter Frage wurde er noch einen Moment nachdenklicher. „Aber wenn Ihr mich fragt, ob ich diesem Menschen bereits begegnet bin, muss ich Euch enttäuschen. Bislang habe ich offenbar vor allem Frauen kennengelernt, bei denen der erste Blick hervorragend funktioniert.  Bei der Sache mit der Seelenverwandtschaft hapert es noch ein wenig.“ Taliano nahm einen Schluck. „Aber so wie Ihr von Travienne sprecht, nehme ich an, bei Euch hat beides gleichzeitig funktioniert.“

Die Antwort Timors fiel schlicht aus, doch gerade darin lag etwas Endgültiges. Taliano nahm sie mit einem zufriedenen Lächeln auf, als hätte sich damit ein letzter fehlender Teil des Bildes gefügt. Die drei Männer ließen das Gespräch danach nicht mehr allein um Travienne kreisen. Mal ging es um Familien, mal um Reisen, um die Eigenheiten verschiedener Gegenden oder um Geschichten, die jeder von ihnen mit einem gewissen Abstand zu sich selbst erzählte. Der Banquiri tat dabei langsam seine Wirkung. Die anfängliche Anspannung des Abends wich einer angenehmen Müdigkeit. Die Stimmen wurden leiser, das Lachen ungezwungener. Draußen rauschte noch immer der Regen gegen die Fensterläden, während drinnen das Feuer im Kamin knackte und warmes Licht über die Gesichter warf. Timor und Taliano fanden dabei immer mehr gemeinsame Themen. Aus der anfänglichen Unterhaltung wurde ein echtes gegenseitiges Interesse. Taliano erzählte von Satara, vom Wald und von den Eigenheiten seiner Verwandtschaft, während Timor von Efferdas, der Werft und den Vorstellungen sprach, die er für die Zukunft seiner Familie hatte. Immer wieder driftete das Gespräch zu Handwerk, Reisen und den Dingen ab, die einen Menschen dazu brachten, einen bestimmten Weg einzuschlagen.

Gardelan blieb noch eine Weile bei ihnen sitzen, hörte mehr zu, als dass er selbst sprach, und beobachtete mit einem leisen Schmunzeln, wie schnell sich zwischen den beiden jungen Männern eine gewisse Vertrautheit entwickelte. Schließlich erhob er sich. Sein Blick wanderte hinüber zu Helaya, die etwas abseits saß und das Gespräch der Männer aufmerksam verfolgt hatte. Gardelan strich seinen Mantel glatt und nahm seinen Becher mit. „Ich glaube“, sagte er ruhig, „ich schulde Eurer Großmutter noch einen Besuch.“ Taliano nickte und machte eine einladende Geste in ihre Richtung. Gardelan wandte sich Helaya zu, legte seinen Hut an sein Herz und verneigte sich respektvoll. Sie erwiderte den Gruß und erhob sich ebenfalls. Das Gesicht des Urbasiers nahm mildere Züge an, als würde er ihre letzte Begegnung vor einigen Jahren niemandem mehr nachtragen. Es war Krieg, doch Jahre sind vergangen und nun betrachtete er lächelnd Taliano und Timor, die miteinander scherzten. „Damals hätte ich sowas nicht erahnen können. Ihr gestattet, Signora?“ Die Esquiria bot mit einer Hand ihm einem Stuhl an ihrer Seite an und ihr Blick folgte ebenfalls Taliano und Timor.

Helaya deutete auf den Stuhl neben sich und wartete, bis Gardelan Platz genommen hatte. Noch bevor sie jedoch die Hände hob, trat Korodian zu ihnen. Sein Blick ruhte einen Moment auf dem Urbasier: „Ich glaube, für dieses Gespräch werde ich gebraucht.“ Dann setzte er sich so, dass er sowohl seine Mutter als auch Gardelan sehen konnte. „Doch bevor wir über die Vergangenheit sprechen, möchte ich Euch noch einmal danken, Signor de Vere. Nicht als ya Satara und auch nicht im Namen dieses Hauses. Sondern als Vater. Ihr seid heute Abend hinaus in diesen Sturm gegangen, um meine Söhne zu suchen. Ihr kanntet die beiden kaum, und dennoch habt Ihr Euch mit Taliano und Signor d’Antara sechs bewaffneten Männern entgegengestellt, um sie zurückzubringen - Dafür stehe ich tief in Eurer Schuld.“ Er ließ einen kurzen Moment verstreichen. „Und bevor Ihr fragt: Ja. Auch ich erinnere mich an Euch. Ich war damals nicht oft in Satara. Der Krieg führte mich an andere Orte. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, nach Hause gekommen zu sein und feststellen zu müssen, dass meine Mutter einen verwundeten Feind unter unserem Dach beherbergte.“ Korodian ließ den Blick kurz zu Helaya wandern. „Ich war jung. Und ich war davon nicht begeistert.“

Helaya hob eine Braue. Korodian bemerkte es sofort. „Nein, Mutter. Das ist vermutlich noch freundlich ausgedrückt.“ Für einen Augenblick lag beinahe etwas Amüsiertes in seinem Gesicht, ehe er wieder zu Gardelan sah. „Aber das ist lange her. Und heute seid Ihr mit meinem Neffen in diesen Wald gegangen, um meine Kinder zu suchen. Ihr habt an ihrer Seite gekämpft und dafür gesorgt, dass beide wieder hier sitzen.“ Korodian wandte sich wieder Gardelan zu. „Sollte zwischen Euch und diesem Haus von damals noch irgendeine Schuld bestanden haben, weil meine Mutter Euch Schutz und Heilung gewährte, dann ist sie seit heute Abend mehr als abgegolten.“ Helaya hatte ihm aufmerksam zugesehen. Nun bewegten sich ihre Hände. Korodian wollte bereits übersetzen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Seine Mutter sah ihn mit jenem bestimmten Ausdruck an, den offenbar auch ein erwachsener Sohn noch verstand, ohne dass es dafür irgendwelcher Handzeichen bedurfte. Dann übersetzte er: „Sie sagt: Siehst du.“ Korodian atmete hörbar durch. Helayas Hände bewegten sich weiter. „Ich wusste schon damals, dass dieser Kämpfer, so gewaltig er auch aussehen mag, ein reines Herz besitzt und schützenswert ist. Und auch ich danke euch, dass ihr meine Enkel gerettet habt.“

Korodian schwieg einen Augenblick. Dann sah er seine Mutter an. „Fast zwanzig Jahre, und du hast darauf gewartet, mir das sagen zu können, nicht wahr?“ Helayas Lächeln war Antwort genug. Gardelan ließ die Worte Korodians einen Augenblick auf sich wirken. Sein Blick wanderte zu Helaya, deren Lächeln noch immer auf ihren Zügen lag, ehe er sich wieder dem Hausherrn zuwandte. „Signor Korodian“, sagte er schließlich ruhig, „dann darf ich wohl mit gutem Gewissen sagen, dass auch Ihr mir heute eine Schuld abgenommen habt.“ Er erhob seinen Becher leicht. „Und was den Dank betrifft: Ihr müsst mir nichts schulden. Ich bin mit Eurem Neffen und meinem jungen Schützling hinausgegangen, weil zwei Kinder im Sturm draußen waren.“ Ein kurzes Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Allerdings muss ich gestehen, dass ich zu Beginn nicht damit gerechnet hatte, dass aus einer einfachen Suche nach zwei Jungen ein Kampf gegen eine halbe Bande von Wilderern werden würde.“ Korodian lächelte schwach. Gardelan wandte sich nun wieder Helaya zu.

„Und Euch, Esquiria Helaya, danke ich für Eure Worte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass Ihr mir damals geholfen habt. Auch wenn wir uns zu jener Zeit auf verschiedenen Seiten gegenüberstanden, habe ich Eure Entscheidung nie vergessen.“ Er neigte respektvoll den Kopf. „Es ist schön zu erfahren, dass Ihr Euch ebenfalls erinnert.“ Helaya erwiderte seinen Blick ruhig. Gardelan ließ sich einen Moment Zeit, bevor er fortfuhr. „Doch ich möchte Euch nicht nur wegen alter Geschichten aufgesucht haben.“ Korodian hob leicht den Kopf. „Timor“, erklärte Gardelan, „hat während unseres Aufenthalts hier etwas entdeckt, das ihn beinahe ebenso sehr beschäftigt wie die Rettung Eurer Enkel.“ Korodian schmunzelte bereits. „Das Sägewerk.“ Helaya sah zwischen den beiden Männern hin und her. Gardelan lächelte. „Ich fürchte, Signor d’Antara hat ein besonderes Talent dafür, sich für alles zu begeistern, was sich mit Holz, Wasser und einem ordentlichen Getriebe bewegt. Ganz der Tradition der Schiffsbauerfamilie d'Antara.  Korodian lachte leise. Der Urbasier setzte den Becher ab und wurde wieder etwas förmlicher.

„Wenn es Euer Haus gestattet, würde Timor das Sägewerk morgen sehr gerne besichtigen. Nicht nur aus bloßer Neugier, sondern durchaus mit ernsthaftem Interesse an der Bauweise und den technischen Einrichtungen. Sein Vater, Signor Phelizzio d’Antara, würde sich gewiss freuen, wenn sein Sohn von einer solchen Anlage berichten kann.“ Helaya nickte langsam. Gardelan fuhr fort. „Und damit komme ich zu einem zweiten Anliegen.“ Er richtete sich etwas auf. „Im Namen von Esquirio Phelizzio d’Antara möchte ich Euch, Haus ya Satara, zugleich nach Efferdas einladen.“ Korodian sah ihn aufmerksam an. „Mein Herr und Freund möchte Euch und Eurer Familie zum Dank für den Beistand seines Sohnes seine Gastfreundschaft anbieten. Ihr seid jederzeit willkommen, die Covernische Schiffswerft d’Antara zu besuchen, Efferdas kennenzulernen und natürlich auch die Werft selbst in Augenschein zu nehmen.“ Ein leichtes Lächeln begleitete seine nächsten Worte. „Ich vermute, dass ein Haus, das sich seit Generationen mit dem Wald, dem Holz und der Jagd beschäftigt, durchaus etwas mit einer Familie zu besprechen hätte, die ihr Leben dem Bau von Schiffen widmet.“

Korodian hörte Gardelan aufmerksam zu. Als dieser das Sägewerk erwähnte, zeigte sich ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht. „Das Sägewerk. Ich hatte bereits den Eindruck gewonnen, dass Signor d’Antara Satara nur ungern verlassen würde, ohne es gesehen zu haben. Selbstverständlich ist er dort morgen willkommen. Mein Vetter Folnor leitet das Sägewerk. Ich werde ihm Bescheid geben, damit er sich die Zeit nimmt, Signor d’Antara alles zu zeigen.“ Damit schien die Angelegenheit für Korodian zunächst geklärt. Die Einladung nach Efferdas hingegen überraschte ihn sichtlich. Er ließ Gardelan ausreden und sah anschließend zu seiner Mutter. Helaya hatte ebenso aufmerksam zugehört. Einen Moment blieb sie ruhig, dann bewegten sich ihre Hände. Korodian folgte ihren Zeichen. „Meine Mutter sagt, dass diese Einladung unser Haus ehrt und Ihr Esquirio Phelizzio unseren aufrichtigen Dank dafür überbringen sollt.“ Helaya setzte hinzu, Korodian nickte. „Und dass Haus ya Satara sie gerne annimmt.“ Nun wandte er sich selbst wieder Gardelan zu. „Dem kann ich mich nur anschließen. Wann sich die Gelegenheit für eine Reise nach Efferdas ergibt und wer von uns sie wahrnehmen wird, werden wir in Ruhe besprechen. Aber richtet Esquirio Phelizzio aus, dass seine Einladung uns sehr freut.“

Für einen Augenblick wurde es stiller zwischen ihnen. Helayas Blick lag noch immer auf Gardelan. Schließlich hob sie erneut die Hände. Diesmal beobachtete Korodian die Zeichen länger. Als er danach zu Gardelan sah, lag ein ruhiges Lächeln auf seinem Gesicht. „Sie sagt, dass sie damals nicht wusste, ob Ihr beide Euch jemals wiedersehen würdet. Aber sollte es geschehen, hatte sie auf andere Umstände gehofft.“ Korodian ließ den Blick kurz zu seinen Söhnen schweifen. „Ich denke, dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Damals kamt Ihr verwundet nach Satara. Als Feind, wie ich Euch damals unbedingt nennen wollte.“ Ein schmales Lächeln huschte über sein Gesicht. „Meine Mutter sah das schon damals anders.“ Sein Blick ging kurz zu Helaya. „Heute seid Ihr wieder unter ihrem Dach. Nur dieses Mal habt Ihr zuvor mitgeholfen, ihre Enkel zurückzubringen.“ Nun hob Korodian den Becher Gardelan entgegen. „Ich glaube, viel mehr muss man über die vergangenen Jahre gar nicht sagen.“ Er hielt einen Augenblick inne. „Ihr seid als Gegner zum ersten Mal nach Satara gekommen, Signor de Vere.“ Sein Lächeln wurde etwas wärmer. „Heute seid Ihr als Freund unseres Hauses hier.“ Helaya hob ebenfalls ihren Becher.

Gardelan hielt den Becher zunächst nur in der Hand und sah Korodian schweigend an. Dann wanderte sein Blick zu Helaya. In ihrem Gesicht lag noch immer jenes ruhige Lächeln, das ihm bereits bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war. Für einen Moment schien der alte Krieger tatsächlich wieder den jungen Mann vor sich zu sehen, der einst verwundet und erschöpft unter diesem Dach gelegen hatte und nicht hatte wissen können, ob er den nächsten Morgen erleben würde. Langsam hob Gardelan seinen Becher. Er erwiderte den Trinkspruch ohne Hast und trank einen langen Schluck. Danach stellte er den Becher ab und neigte zunächst Helaya, dann Korodian den Kopf zu. In dieser Geste lag mehr als bloße Höflichkeit. Es war Dankbarkeit, aber auch die Anerkennung eines alten Versprechens, das nie ausgesprochen worden war und dennoch all die Jahre Bestand gehabt hatte. Die Vergangenheit war damit nicht vergessen. Sie war nur an ihren richtigen Platz gerückt.

Gardelan ließ den Blick noch einmal durch den Raum wandern. Über die Gesichter der Familie, über die jungen Männer, die heute gemeinsam durch den Arinkelwald gezogen waren, bis hin zu Timor, der inzwischen wieder mit Taliano am Tisch saß und sich offenbar längst in ein Gespräch über irgendeine handwerkliche Einzelheit vertieft hatte. Ein leises Schmunzeln erschien auf Gardelans Gesicht. Als er nach so vielen Jahren wieder nach Satara gekommen war, hatte er nicht erwartet, unter diesem Herdfeuer erneut Platz nehmen zu dürfen. Noch weniger hatte er erwartet, dass er es nicht als ehemaliger Gegner, sondern als Gast und Freund verlassen würde. Er erhob sich schließlich. Nicht mit der Würde eines Kriegsmannes, der einen alten Feind hinter sich ließ, sondern mit der ruhigen Dankbarkeit eines Menschen, der begriffen hatte, dass manche Wege sich nach vielen Götterläufen tatsächlich noch einmal kreuzen konnten. Und als er sich von Helaya verabschiedete, lag in seinem Blick die Gewissheit, dass dieser Abend das Ende einer alten Geschichte war. Der Abend klang nun angenehm für alle aus.

Der Abend im Herrenhaus zog sich danach noch eine Weile hin. Bei gutem Essen, Wein und Gesprächen verloren selbst die Ereignisse des Tages allmählich etwas von ihrer Schwere. Irgendwann wurden die Becher ein letztes Mal gefüllt, ehe sich die Gesellschaft nach und nach zurückzog.

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