Briefspiel:Wenn der Ölbaum trägt

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Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: Efferd 1047 BF Schauplatz: bei Rethis Entstehungszeitraum: Oktober 2026
Protagonisten: Tarquinio della Pena, Zephyros aus Phrygaios Autoren/Beteiligte: Horasio


Im selbstgewählten Exil: Tarquinio della Pena

Wenn der Ölbaum trägt

Die Terrasse lag so hoch über Rethis, dass vom Hafen nur noch das Klopfen aus der Werft heraufdrang. Tarquinio stand an der Mauer und sah über die weißen Häuser der Oberstadt hinweg auf die Masten, auf die Hafeneinfahrt und auf den Koloss auf seiner Felseninsel. Ein Schiff lief eben aus, die Segel noch halb gerefft. Er folgte ihm mit dem Blick, bis hinter ihm Schritte auf dem Kies knirschten.

Zephyros ließ sich auf der Steinbank unter dem alten Ölbaum nieder, schenkte zwei Becher voll und wies mit einer knappen Bewegung auf den Platz neben sich. Der silbergraue Bart reichte ihm bis auf die Brust. Darunter schimmerten die Amulette, Geschenke dankbarer Zuhörer, wie er jedem erklärte, der danach fragte. Er selbst fragte nichts. Wer zu ihm kam, begann früher oder später von allein zu sprechen.

Tarquinio setzte sich und drehte den Becher zwischen den Fingern. Viele Jahre lebte er nun auf den Inseln. Anfangs hatte er sie gezählt, irgendwann nicht mehr, und er hätte nicht sagen können, wann er aufgehört hatte, sich als Gast zu fühlen.

„Ich denke darüber nach, aufs Festland zurückzukehren“, sagte er schließlich. „Je länger ich es tue, desto weniger weiß ich, ob es Mut wäre oder Leichtsinn. Drüben hat man meinen Namen nicht vergessen, und wer sich an ihn erinnert, tut es selten gern. Meine Familie hat gelernt, ohne mich auszukommen. Die Tür weisen wird mir dort vermutlich niemand. Aber ob ich dem Haus einen Dienst erweise, wenn ich den Platz wieder einnehme, den man all die Jahre für mich freigehalten hat, oder ob ich nur aufreiße, was gerade verheilt ist, das weiß ich nicht. Ihr kennt die Menschen. Was würdet Ihr an meiner Stelle tun?“

Zephyros antwortete nicht gleich. Er sah in die Zweige über ihnen, wo der Wind die Blätter wendete, bis ihre hellen Unterseiten aufblitzten. „Diesen Baum hat jemand gepflanzt, der nie eine Olive von ihm gegessen hat“, sagte er dann. „So ist es mit Ölbäumen. In den ersten Jahren treiben sie fast nur Wurzeln, und wer vorbeigeht, hält sie für kümmerlich. Ein kluger Bauer lässt sie in Ruhe, solange sie es brauchen. Er weiß aber auch, wann das Jahr kommt, in dem sie tragen. Wer dann nicht erntet, sieht zu, wie die Früchte herabfallen und im Staub verderben.“ Er hob seinen Becher, ohne zu trinken, und hielt ihn still zwischen beiden Händen.

Weiser Philosoph und Berater des Seekönigs

Tarquinio wartete darauf, dass der Alte das Gleichnis auf ihn anwandte. Zephyros wollte stattdessen wissen, wohin er zuerst gehen würde, falls er führe. Tarquinio musste nicht überlegen. Er würde in Efferdas anlegen und von dort aus nach Urbasi reisen, nach Hause. Zephyros fragte weiter, nach dem Weg, nach den Tagen, die er brauchen würde, und danach, was ihn in Urbasi erwartete. Tarquinio antwortete auf alles ohne Zögern. Er hatte sich diese Reise schon oft ausgemalt, ohne es sich einzugestehen. Irgendwann hielt er inne. Der Wein in seinem Becher war warm geworden, und er hatte noch keinen Schluck davon genommen. „Hier habe ich mich nie erklären müssen“, sagte er. „Niemand fragt, wofür ich stehe, und ich muss es niemandem beweisen. Drüben wird man das wieder tun, und nicht jede Antwort wird man hören wollen.“

Zephyros nickte langsam, als hätte er auf diesen Einwand gewartet. Auf dem Festland gibt es einige, die von den Palästen und den Tempeln nichts mehr erwarten. Mit ihnen spricht niemand, der selbst etwas verloren hat. Einem, der gefallen ist und wiederkommt, hören sie zu.“ Tarquinio sah auf die Stadt hinab. Blieb seine Familie. Er sprach es nicht aus, doch der Alte schien es ihm anzusehen. „Ihr sagt, sie habe gelernt, ohne Euch auszukommen.“ Zephyros strich mit dem Daumen über den Rand seines Bechers. „Ein Haus gewöhnt sich daran, wenn der Platz am Kopf der Tafel leer bleibt. Vergessen wird er dort nie. Jeder, der am Tisch sitzt, sieht ihn, Tag für Tag, und richtet sich nach ihm.“

Unten kroch der Schatten des Kolosses über das Wasser auf die Hafeneinfahrt zu. Tarquinio stellte den Becher auf die Mauer. Er hatte die letzte Stunde davon gesprochen, wie er ankommen würde, und kein einziges Mal mehr davon, ob er überhaupt fahren sollte. Die Unruhe, die ihn den Hang heraufgetrieben hatte, war fort. An ihre Stelle war etwas Ruhigeres getreten, das sich nach festem Boden anfühlte.

„Ich werde gehen“, sagte er. Nach einer Weile fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu: „Dabei habt Ihr mir nicht einmal einen Rat gegeben.“

„Ihr hattet Euch entschieden, bevor Ihr heraufgekommen seid, Signor Tarquinio. Ich habe nur zugehört.“

Zephyros hob den Becher und trank ihn in einem langen Zug leer. Über der Hafeneinfahrt flammte die Feuerschale des Kolosses auf.