Briefspiel:Wie man Silbertaler gewinnt/Ein Palazzo braucht ein Fundament
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Ein Palazzo braucht ein Fundament
Rondrigo Pelargon klopfte am Arbeitszimmer seiner Herrin. “Was gibt es denn?” erscholl es eher unwillig von innen. Der junge Secretarius nahm dies als Aufforderung einzutreten.
Sanjana stand an ihrer Staffelei und war dabei, das Motiv für einen Wandbehang zu entwerfen, eine Jagdszene mit Falken, den die Familie de Falcona in Auftrag gegeben hatte.
“Seniora, ein Bote aus dem Hause ya Scalior hat diese Dokumentenmappe soeben gebracht.” Unverzüglich hatte Rondrigo Sanjanas volle Aufmerksamkeit.
“Ah! Ich nehme an, das sind die Entwürfe von Adamante und die Kalkulation von Cesara” Mit diesen Worten wandte sich Sajana dem Schreibtisch zu und breitete zunächst die Pläne aus, die sie einige Minuten lang studierte.

"Ja, das gefällt mir, die Arkaden im Innenhof haben jetzt den Schwung, den ich mir wünsche.” murmelte sie dabei vor sich hin. “Aber der Turm… nein. Viel zu kantig und trutzig, das soll doch keine Festung werden.” Sie seufzte. “Ich muss noch mal mit Adamante sprechen. Vielleicht stimmt er ja doch zu Meister Bernadeo Buontalenti noch hinzuzuziehen.”
Damit wandte sie ihren Blick einer Tabelle zu, in der fein säuberlich Zahlenkollonen aufaddiert wurden. Als Sanjana die geschätzte Endsumme sah, entwich ihr ein Laut des Unmuts und kurzfristig sah sie aus, als hätte sie Zahnschmerzen.
“Meine Treu! Das nenne ich mal einen stolzen Preis!” “Darf ich?” fragte Rodrigo höflich zurückhaltend. Sanjana reichte ihrem Secretarius wortlos die Kalkulation.
Dieser ließ sich Zeit und schien im Geiste die Zahlen zu prüfen. “Eure Verwandte macht euch trotz allem einen guten Preis. Ihre Kalkulation ist nicht überzogen, eher im Gegenteil, die Preise für die Steinquader sind sogar günstig.” kommentierte der junge Mann.
Innerlich gratulierte sich Sanjana wieder einmal, dass sie den Burschen damals aufgelesen hatte und für seine Ausbildung aufgekommen war, es zahlte sich aus. "Ja, aber nichts desto trotz übersteigt das unsere Möglichkeiten bei weitem. Ich wusste ja, dass wir uns Geld werden leihen müssen, aber so viel?!” “Die Alternative wäre ein kleinerer Palazzo…” “Auf gar keinen Fall! Wir können nur einmal bauen und ich möchte nicht schlechter dastehen als die anderen Patrizier.”
Ein Secretarius mit Auftrag
Sanjana winkte ab, das Thema hatte sie schon zur Genüge erörtert. “Rondrigo, du begibst dich jetzt zur Silbertaler Bank und bringst in Erfahrung, wie die Konditionen für einen Kredit sind und ich werde zu Adamante ya Scalior gehen und die Pläne erörtern."
So betrat Rondrigo wenig später die Halle der Banca Argentale di Sant'Agreppo, und blickte sich suchend um.
Im Portico musterte die ältere Gardistin den Secretarius kurz, erkannte ihn und schlug den Ring des eisenbeschlagenen Holztors, das dann von innen geöffnet wurde. Die schmale Halle empfängt jeden Besuch mit einer Reihe umlaufender Türen, über denen die Wappen der Anteilseigner prangen, dem Eingang gegenüber das Prunkwappen der Bergstadt selbst.
Ein weiterer Gardist, dem man die Kriege der letzten Jahre ansah, brummte ein “Momento!” und wies mit seiner Pranke auf eine der beiden Holzbänke neben dem Eingang.
Nachdem das Tor wieder geschlossen war, vernahm man das ruhige Geräusch von entspannenden Armbrustsicherungen; nichts, was dem Secretarius unbekannt war.
Eine Tür öffnete sich linkerhand, eine unauffällige Amtsschreiberin führte einen sehr jung wirkenden Mann in bestickter grauer Reiserobe ins Vestibül. Dieser schlug seinen altertümlich wirkenden Stab auf den Marmorboden und nickte Rondrigo kurz zu, bevor er sich mit einer ruhigen, aber etwas krächzenden Stimme an die Frau wandte.
“Richtet meinem Bruder die besten Wünsche von mir aus. PRAios mit Euch.” “Sehr wohl, Signore.”, antwortete die weiche Stimme der Frau, die dazu kurz den Kopf neigte, und sich sodann dem Neuankömmling zuwandte, während der augenscheinliche Adept sich anschickte, die Banca zu verlassen.
In der Banca d'Urbasi
Rondrigo erwiderte den Gruß des Magiers und wandte sich dann an die Schreiberin: ”Den Zwölfen zum Gruße, mein Name ist Rodrigo Pelargon, ich bin der persönliche Secretarius von Signora Sanjana ya Malachis, ich würde gerne mit jemandem sprechen, der mir Auskunft erteilen kann zu den Konditionen über einen Kredit.”

“Willkommen, Herr Secretarius, die Zwölfe mit Euch. Ich bin die Zweite Scriptora Malía. Sehr wohl. Ich gebe voraus zu bedenken, dass der Geldverleih nur ausgewählten Unternehmungen gewährt wird, die im Gesamtinteresse der Banca und der Stadt stehen. Sie bedürfen der Zustimmung des Directoriums."
Sie wies derweil mit der Hand zur Einladung, ihr zu folgen, und ging voraus durch die Tür linker Hand, durch die sie den Adepten herausgeführt hatte.
Sobald der Secretarius ihr folgte, verschloss sie die schwere Tür mit einem großen Eisenschlüssel von innen und führte ihn durch einen engen Gang in ein winziges Amtszimmer mit einem Schemel, einem Tritt und einem Schreib- und Lesepult unter einem schmalen vergitterten Fenster, einem deckenhohen Regal, in dem Dutzende Schriftrollen liegen. In die Nase steigt trockener Duft von Metall, Tinte, jungem Papier und altem Pergament. Dem Eingang gegenüber liegt, verschlossen, eine weitere schwere Tür.
“Stellt gerne - sub rosa - Eure Unternehmung, die Gesamtsumme und bestehende Verbindlichkeiten vor.”
Solcherart aufgefordert begann Rondrigo das Unternehmen grob zu umreißen. Er beschrieb, dass in Agreppara für die Familie ya Malachis ein Palazzo entstehen sollte, der natürlich repräsentative Zwecke erfüllen würde, aber auch mercantile und ein Kontor für den Handel mit Tuchen und Wolle enthalten sollte. Neben diesem Bauvorhaben kam noch der Umbau der alten Druckerei in eine Brokat- und Gobelinweberei dazu. Der größte Posten hier waren die modernen und komplexen Webstühle. Er hielt sich nicht damit auf einzelne Posten zu benennen, sondern umriss nur die geschätzten Gesamtkosten.
Es sprach für die Selbstbeherrschung der Schreiberin, dass sie bei der Höhe der Summe keine Miene verzog.
Aber auch Rondrigos Tonfall blieb sachlich neutral, er hätte auch übers Wetter plaudern können. Nach der Nennung der Summe machte er eine kurze Pause, damit die schwere Zahl sich setzen konnte. Abschließend erläuterte er den Nutzen für die Stadt: “Primär handelt es sich selbstredend um einen Privatauftrag des Hauses ya Malachis, aber eine solche Großbaustelle kommt natürlich sämtlichen Gewerken der Stadt zugute, es wird die Auftragsbücher der Steinzunft genauso füllen wie die der Gefäß- und Holzzunft. Und es muss auch bedacht werden, welchen Prestigeverlust es für die Stadt bedeutet, wenn eins ihrer jungen, aufstrebenden Patriziergeschlechter nicht über einen adäquaten Wohnsitz verfügt.”
Die Schreiberin folgte aufmerksam dieser Ausführung, ihre Feder kratzte gelegentlich über ein altes Pergament. “Ich verstehe.”
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Sie trat vom Schreibpult zurück und ließ ihre graugrünen Augen über die Regalfächer gleiten. Sie traf eine Entscheidung, zog den Tritt an die rechte Stelle und stieg bis auf die oberste Stufe und musste sich strecken, um eine Lederhülse aus einem der obersten Fächer zu holen. Zurück am Pult öffneten schmale Finger routiniert die Lederbänder.
Die Macht der Zahlen
Doch bevor die Kappe fallen konnte, donnerte San Palladios Glocke; als würde ihr eine versäumte Pflicht einfallen, zuckte die Schreiberin zusammen und begann, sich entschuldigend, am Schlüsselring zu nesteln. Doch noch bevor der letzte Ton verklungen war, öffnete sich die gegenüberliegende Tür und eine schmale Frau trat ein. Der Blick ihrer Augen, die je nach Situation zwischen verschiedenen Blautönen changiert, taxierte die beiden Anwesenden. Ihre langen Finger streckten der Schreiberin ein Blatt hin, die dieses annahm.
Die Esquiria, wie häufig in eine schwarz-silberne, enge Robe gekleidet, die die Blässe ihrer Haut nur noch mehr betonte, richtete das schnelle Wort an den Mann: “Pelargon, Rondrigo.”
“Maestra Directora Signora Silbertaler.”, stellte die Schreiberin überflüssigerweise vor.
Unaufgefordert wanderte das Pergament vom Pult in die Hand der Patrizierin, die einen kurzen, präzisen Blick darauf warf. Die Malía machte einen Schritt zurück. “Eine Kreditinformation.”

Die folgende Kalkulation, schnell, exakt und ohne Rücksicht vorgetragen, traf schmerzhafte Punkte und beschrieb eine realistische Risikoabwägung von Gewinn zu Ausfall. Endlich fiel das entscheidende Fazit, laut dem eine sehr kurze Kreditlaufzeit auf hohe Zinsen traf. “Diese Konditionen übersteigen die aktuellen Finanzmittel der Familie ya Malachis, soweit sie mir bekannt sind. Mercatorische Erschließung unter Cooperatio mit Investitionen ist mein Rat an Eure Herrin. Die Zwölfe mit Euch und meine Ehrerbietung an Signora Sanjana.”
Ihr Blick wanderte leicht ungeduldig zur Schreiberin, die aufmerksam dem Kurzvortrag mit der halb geöffneten Lederhülse in den Händen gefolgt war und jetzt erst ins Hier und Jetzt fand. “Diktat. In einem Zwölftel.”, und verließ den Raum, wie sie gekommen war, so dass sie das bestätigende Verneigen gar nicht mehr wahrnahm.
Ihr Blick, halb entschuldigend, halb noch in Bewunderung begriffen, traf Rondrigo.
Der junge Secretario stand leicht unter Schock, noch bevor er seine Contenance vollends wiedererlangte, entfuhr ihm ein halb entsetztes, halb bewunderndes “Ist sie immer so?”
Dann räusperte er sich. “Hat sie gerade vorgeschlagen, dass wir unser Warensortiment ausbauen und neue Absatzmöglichkeiten erschließen sollen?”
Wie eine Mirhamionette nickte die Scriptora und flüsterte, mit der Schriftrollenhülle wedelnd. “Ja, ich hätte sicherlich ein Stundenglas für die Berechnungen benötigt.” Sogleich schüttelte sie sich vollends wach. “Sie hat dargelegt, dass sich mit Kooperationen die beiden Unternehmungen finanzierbarer gestalten könnten, glaube ich. Das habe ich in all den Jahren selten erlebt.” Sie legte die Hülse auf das Pult und ihre Körpersprache sprach, das Gespräch wäre zu einem Ende gekommen.
Die Scriptora geleitete den Secretarius noch hinaus.
