Briefspiel:Wo Fremde zu Gästen werden

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Briefspiel in Efferdas
Datiert auf: Ende Firun 1046 BF Schauplatz: Klostergut Monchiesa Entstehungszeitraum: Oktober 2026
Protagonisten: Timor d'Antara sowie die Klostergemeinde Monchiesa und weiter Gläubige Autoren/Beteiligte: Fürst Federkiel


Eine Einladung nach Monchiesa

Wenige Tage nach dem Ende der Kaiserjagd

Der Alltag hatte Timor d'Antara wieder eingeholt. Die Rückkehr nach Efferdas, die Pflichten gegenüber seiner Familie, der Werft sowie seine Sekretärsarbeit für Abelmir Ventargento. Die zahlreichen Eindrücke der vergangenen Tage ließen kaum Gelegenheit, die Ereignisse von Mortecervis in Ruhe zu ordnen. Und doch kehrten seine Gedanken immer wieder zu ihnen zurück.

An die Diskussionen im Salon zu Travia und Rahja. An die Worte des Cavalliere Potulino della Dorradezza. An das Gespräch mit Baron Midor ya Ulpeggio. Und nicht zuletzt an jene seltsame Begegnung im winterlichen Dunkel, die ihm einmal mehr vor Augen geführt hatte, wie unergründlich das Wirken der Götter sein konnte.

Es war am späten Nachmittag, als ein Diener ihm meldete, dass ein Brief für ihn eingetroffen sei.

Das Schreiben trug weder das Wappen eines der großen Adelshäuser noch das Siegel einer Handelsgesellschaft. Stattdessen verschloss es ein schlichter, rotbrauner Wachsklecks, in den das Zeichen einer Gans mit einem Herdkessels gedrückt worden war.

Die Travia-Kirche. Genauer gesagt das Klostergut Monchiesa, in der südliche Gerondrata.

Timor nahm den Brief entgegen und betrachtete das Siegel einen Moment, bevor er es vorsichtig brach.

Das Schreiben war auf gutem, aber keineswegs kostbarem Papier verfasst. Die Handschrift wirkte geübt und klar. Es fehlte jede ausschweifende Anrede, jeder Hinweis auf den Anlass und selbst eine ausführlichere Erklärung.

,,An Signor Timor d’Antara,

Travia zum Gruße.

Wir bitten Euch, Euch nach dem Ende der Kaiserjagd zu gegebener Zeit im Kloster Monchiesa einzufinden.

Euer Erscheinen wird erbeten, ohne dass Ihr Euch hierfür in besonderer Weise vorzubereiten habt. Bitte setzt uns nur in Kenntnis sobald Ihr aufbrecht.

Möge die Gütige Mutter Eure Wege behüten.

Im Namen der Travia-Gemeinschaft zu Monchiesa."

Timor las die Zeilen ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Keine Unterschrift. Kein genauer Tag, keine Stunde. Nur die Bitte, sich einzufinden.

Er legte das Schreiben auf den Tisch und lehnte sich zurück.

„Nun“, murmelte er, „das ist eine Einladung, die mehr Fragen stellt, als sie beantwortet.“

Sein erster Gedanke galt seinem Vater. Phelizzio würde vermutlich wissen wollen, wer ihn rief und aus welchem Grund. Sein zweiter Gedanke galt der Möglichkeit, dass die Einladung mit den Gesprächen in Mortecervis zusammenhing.

Hatte einer der anwesenden Geweihten seine Wortmeldungen im Salon für bemerkenswert gehalten? War seine Geschichte von der Gans, die ihn vor dem Ertrinken bewahrt hatte, unter den Travianern weitergetragen worden? Oder ging es um etwas ganz anderes?

Timor vermochte es nicht zu sagen.

Er strich mit dem Daumen über den Rand des Papiers und ließ den Blick noch einmal auf dem Herdkessel ruhen.

Eine solche Einladung auszuschlagen, ohne überhaupt zu wissen, worum es ging, wäre ihm ungehörig erschienen. Und wenn Travia ihn tatsächlich rief, dann wollte er sich dem Ruf nicht aus Bequemlichkeit entziehen.

Er faltete das Schreiben sorgfältig zusammen.

„Monchiesa also.“

Er wusste, dass das Kloster nicht allein ein Ort des Gebets war. Dort lebten und wirkten Geweihte der Gütigen Mutter, unterstützt von Menschen, die sich ihrem Kult verbunden fühlten und ihm mit ihren jeweiligen Möglichkeiten dienten. Manche kümmerten sich um Bedürftige, andere um Reisende, wieder andere um die Bewahrung der Traditionen und die Pflege der Schreine.

Was sie von ihm wollten, blieb ihm verborgen.

Und so beschloss Timor, weder seinem Vater noch seinen Verwandten gegenüber voreilige Vermutungen anzustellen. Er würde alleine nach Monchiesa reisen und hören, was man ihm zu sagen hatte. Sein Lehrer Gardelan sollte in Efferdas bleiben, diese Reise müsste er alleine antreten. Vielleicht erwartete ihn eine schlichte Unterredung. Vielleicht eine Ermahnung, die er sich redlich verdient hatte. Oder vielleicht hatte die Gütige Mutter tatsächlich etwas mit ihm vor.

In Monchiesa

Als Timor schließlich vor den Toren des Klosters eintraf, war der Himmel von einem bleichen Herbstgrau überzogen. Die Reise hatte er ohne großes Gefolge angetreten. Er trug einen schlichten, dunklen Mantel und das Traviaamulett, das ihn seit Jahren begleitete.

Ein Bruder öffnete ihm das Tor und begrüßte ihn freundlich.

„Signor d’Antara?. Wir haben Euch erwartet.“

Timor nickte und erwiderte den Gruß.

„Ihr kommt zur rechten Zeit.“

Der Bruder führte ihn durch den stillen Innenhof. Aus der Küche drang der Duft frisch gebackenen Brotes, während hinter einer geöffneten Tür leise Gebete gesprochen wurden. Alles wirkte vertraut und zugleich feierlicher, als Timor es von einem gewöhnlichen Besuch erwartet hätte.

Schließlich blieb der Bruder vor einer Tür stehen.

„Bitte wartet einen Augenblick. Man wird Euch sogleich empfangen.“

Timor nickte und blieb allein zurück.

Er hörte Schritte hinter der Tür, gedämpfte Stimmen und das leise Scharren eines Stuhles. Dann öffnete sich die Tür.

Ein älterer Mann trat heraus. Es schien der Abt selbst zu sein.

„Signor d’Antara“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. „Es freut mich, dass Ihr unserer Bitte gefolgt seid.“

Timor verbeugte sich.

„Die Einladung war knapp, Euer Gnaden. Umso größer ist meine Neugier.“

Der Geweihte lächelte, verriet jedoch nichts.

„Das kann ich verstehen. Doch bevor wir sprechen, möchte ich Euch bitten, mit mir zu kommen.“

Er führte Timor in einen kleinen Saal, dessen Wände von schlichten Wandteppichen geschmückt wurden. Am Ende des Raumes stand ein Tisch mit einer brennenden Kerze und einer kleinen Darstellung der Gütigen Mutter.

Dort warteten mehrere Personen.

Timor erkannte zwei der Travia-Geweihten, die während der Kaiserjagd anwesend gewesen waren. Daneben standen einige Gäste des philosophischen Salons: Männer und Frauen, mit denen er über Treue, Verantwortung und die Bedeutung des Traviabundes gesprochen hatte.

Auch Gesichter, die ihm aus den Diskussionen über die Stellung Travias gegenüber Rahja vertraut waren, blickten ihm entgegen. Ein leises Erstaunen ging durch Timor. Er hatte mit einem Gespräch gerechnet. Nicht mit einer solchen Versammlung.

Der ältere Geweihte bedeutete ihm, näher zu treten.

„Ihr habt während der Kaiserjagd viel über die Gütige Mutter gesprochen“, begann er. „Und Ihr habt nicht nur gesprochen.“

Timor schwieg.

„Ihr habt Euch für ihre Gebote eingesetzt, ohne Euch hinter Eurem Familiennamen zu verbergen. Ihr habt über Treue und Verantwortung gesprochen und Euch dabei nicht gescheut, auch jenen zu widersprechen, deren Rang Euch hätte einschüchtern können.“

Der Geweihte machte eine kurze Pause.

„Doch was uns besonders beeindruckt hat, war nicht allein Eure Haltung im Salon.“

Sein Blick wurde ernster.

„Es war die Art, wie Ihr Travias Gebote außerhalb der Worte gelebt habt. In Eurer Bereitschaft, einem Menschen beizustehen. In Eurer Achtung vor dem Herd, der jedem offenstehen sollte. Und in Eurer Dankbarkeit für das Leben, das Euch bewahrt wurde.“

Timor spürte, wie sich seine Haltung unwillkürlich straffte.

Er ahnte nun, dass dieser Besuch weit mehr bedeuten könnte, als er zunächst angenommen hatte.

Der Geweihte trat einen Schritt näher.

„Doch bevor wir Euch sagen, weshalb wir Euch hierhergebeten haben, möchten wir Euch eine Frage stellen.“

Er deutete auf die Darstellung der Gütigen Mutter.

„Timor d’Antara: Seid Ihr bereit, Euch über Eure persönlichen Überzeugungen hinaus in den Dienst Travias zu stellen? Nicht allein mit Worten, sondern mit Eurer Zeit, Euren Händen und Eurem Handeln?“

Alle Augen ruhten auf ihm.

Und in der Stille des kleinen Klosters wurde Timor zum ersten Mal bewusst, dass die Ereignisse von Mortecervis möglicherweise nicht mit dem Ende der Kaiserjagd abgeschlossen gewesen waren.

Vielleicht hatte etwas begonnen, dessen Tragweite er noch gar nicht ermessen konnte.

weiter

Timor ließ den Blick über die Versammelten wandern. Einige Gesichter begegneten ihm mit freundlicher Offenheit, andere mit jener ernsten Aufmerksamkeit, die er bereits aus den Gesprächen in Mortecervis kannte. Niemand schien ihn drängen zu wollen. Dennoch lag in der Frage des älteren Geweihten ein Gewicht, das eine beiläufige Antwort verbot.

Er wandte sich der Darstellung der Gütigen Mutter zu.

„Euer Gnaden, ich bin kein Geweihter. Ich kenne weder alle Gebete noch die rechten Worte für jede Liturgie. Und ich will nicht vorgeben, mehr zu sein, als ich bin.“

Er hielt kurz inne.

„Aber ich weiß, was es bedeutet, ein Heim zu haben. Ich weiß, was es bedeutet, Menschen zu verlieren, auf die man sich verlassen hat, und wie viel es wert ist, wenn einem jemand die Tür öffnet, ohne zuerst nach dem Namen oder dem Stand zu fragen.“

Seine Finger schlossen sich unwillkürlich um das Amulett unter seinem Wams.

„Wenn Ihr mich fragt, ob ich bereit bin, Travia zu dienen, dann lautet meine Antwort: Ja. Solange Ihr nicht erwartet, dass ich dafür aufhöre, Fragen zu stellen. Denn ich glaube nicht, dass die Gütige Mutter von uns verlangt, den Verstand vor ihrer Schwelle abzulegen.“

Ein leises Schmunzeln ging durch einen Teil der Versammlung. Auch der ältere Geweihte lächelte.

„Das“, erwiderte er, „hat gewiss niemand von Euch verlangt.“

Er bedeutete Timor, sich an den bereitstehenden Tisch zu setzen. Doch bevor der junge d’Antara der Aufforderung nachkommen konnte, trat eine der anwesenden Geweihten hervor. Timor erkannte sie nun wieder: Es war eine der Travia-Geweihten, die während der Kaiserjagd den philosophischen Salon besucht hatten. Sie hatte damals nur wenig gesprochen, dafür umso aufmerksamer zugehört.

„Ihr habt im Salon eine bemerkenswerte Unterscheidung getroffen, Signor d’Antara“, begann sie. „Ihr habt Rahja nicht geschmäht, um Travia zu ehren. Ihr habt vielmehr erklärt, dass die Leidenschaft ihren Platz haben müsse, wenn aus einer Begegnung etwas Dauerhaftes werden solle.“

Sie lächelte leicht.

„Und als Ihr von der Gans erzähltet, die Euch aus dem Eis gerettet hat, habt Ihr nicht verlangt, dass man Euch glaubt. Ihr habt lediglich bezeugt, was Euch widerfahren ist.“

Timor senkte den Kopf.

„Ich kann nur erzählen, was ich erlebt habe.“

„Eben.“

Die Geweihte wandte sich an den älteren Abt.

„Wir haben während der Kaiserjagd viele Worte über die Götter gehört. Einige waren gelehrt, andere leidenschaftlich, manche ausgesprochen selbstgefällig. Doch bei Euch, Timor d’Antara, fanden wir etwas, das uns wichtiger erschien als eine besonders geschliffene Rede: die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen auch dann zu vertreten, wenn sie unbequem werden.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Und die Bereitschaft, aus ihnen Pflichten abzuleiten.“

Timor blickte sie aufmerksam an.

Nun begriff er, dass die Anwesenden ihn nicht allein wegen seiner Ansichten zusammengerufen hatten. Sie hatten ihn beobachtet. Sie hatten darüber gesprochen, was sie in ihm sahen, und waren zu einem Entschluss gekommen.

Der ältere Geweihte erhob sich.

„Timor d’Antara, wir haben Euch hierhergebeten, weil wir Euch ein Angebot unterbreiten möchten.“

Er trat vor die kleine Darstellung der Gütigen Mutter und legte beide Hände auf den Tisch.

„Die Dienerschaft Travias besteht nicht allein aus jenen, die ihre Stimme im Tempel erheben. Unsere Gemeinschaft braucht Menschen, die bei der Vorbereitung von Festen helfen, Reisende empfangen, Bedürftige versorgen, Schreine pflegen und dafür sorgen, dass die Gebote der Gütigen Mutter auch außerhalb unserer Mauern gelebt werden.“

Sein Blick ruhte auf Timor.

„Wir möchten Euch in den Kreis der Akoluthen der Gütigen Mutter aufnehmen.“

Für einen Augenblick schien Timor das Wort nicht recht zu erreichen.

Akoluth.

Er kannte die Bedeutung. Ein Laiendiener, der sich der Kirche verpflichtete und die Geweihten bei ihren Aufgaben unterstützte. Kein Priester, kein Träger einer höheren Weihe, sondern jemand, der seinen Glauben durch tätigen Dienst zum Ausdruck brachte.

Es war eine Ehre, gewiss. Aber auch eine Verpflichtung, die über einen einzelnen Abend, eine schöne Rede oder eine bewegende Begegnung hinausging.

„Ihr wollt mich zum Akoluthen berufen?“, fragte er schließlich.

„Wenn Ihr bereit seid, diese Verpflichtung anzunehmen“, antwortete der Geweihte. „Wir können Euch den Weg eröffnen. Gehen müsst Ihr ihn selbst.“

Timor blickte auf seine Hände.

Er dachte an die Werft seines Vaters, an die Männer, die dort ihr Brot verdienten, an die Familie, deren Name ihm Verantwortung auferlegte. Er dachte an die Armen in den Gassen von Efferdas und an die Reisenden, die auf den Straßen des Horasreiches auf Schutz und Gastfreundschaft angewiesen waren.

Und er dachte an das Eis. An den Augenblick, in dem er geglaubt hatte, nicht mehr aus eigener Kraft entkommen zu können. An die Gans. An die Wärme seines Amuletts. Er wusste nicht, ob all dies Zeichen waren. Er konnte nicht behaupten, den Willen der Götter zweifelsfrei zu kennen. Aber er wusste, dass sein Leben nicht allein ihm gehörte, wenn er es ernst mit seinen Überzeugungen meinte.

Langsam erhob er sich.

„Euer Gnaden, ich will Euch nicht mit einem großen Versprechen beeindrucken, das ich morgen schon nicht mehr halten kann.“

Er sah den älteren Geweihten offen an.

„Aber ich bin bereit, zu lernen. Ich bin bereit, meine Zeit und meine Hände in den Dienst der Gütigen Mutter zu stellen. Und ich bin bereit, mich daran messen zu lassen, ob ich ihre Gebote auch dann achte, wenn niemand zusieht.“

Seine Stimme wurde etwas leiser.

„Wenn Ihr glaubt, dass ich dafür geeignet bin, nehme ich Eure Berufung mit tiefer Dankbarkeit und Demut an.“

Der ältere Geweihte neigte den Kopf.

„Dann möge Travia Euren Entschluss segnen.“

Die Berufung

Die Versammelten traten näher an den Tisch. Eine der Geweihten entzündete eine zweite Kerze, während ein Bruder eine schlichte Schale mit Wasser und einen kleinen Laib Brot herbeibrachte. Es war keine prunkvolle Zeremonie. Keine kostbaren Gewänder wurden entfaltet, keine Trompeten erklangen. Gerade die Schlichtheit der Handlung schien dem Anlass angemessen.

Der ältere Geweihte sprach ein Gebet, in dem er die Gütige Mutter bat, Timor auf seinem Weg zu begleiten. Die Anwesenden antworteten mit den überlieferten Worten ihres Kultes.

Dann wandte er sich wieder an Timor.

„Ein Akoluth ist kein Geweihter. Er spricht nicht kraft eines göttlichen Amtes, und er beansprucht keine Vollmacht, die ihm nicht zusteht. Doch er stellt sich bewusst in den Dienst der Kirche der Gütigen Mutter. Er hilft, wo Hilfe gebraucht wird, und trägt die Verantwortung dafür, dass sein Handeln dem Glauben, den er bekennt, nicht widerspricht.“

Er legte eine Hand auf den Laib Brot.

„Travia lehrt uns, dass ein gedeckter Tisch erst dann seinen Zweck erfüllt, wenn auch der Fremde daran Platz findet.“

Dann deutete er auf die Schale mit Wasser.

„Ein Heim ist nicht allein ein Dach über dem Kopf. Es ist ein Ort, an dem ein Mensch ohne Furcht einkehren darf.“

Schließlich sah er Timor an.

„Seid Ihr bereit, Euch an diese Aufgaben zu binden?“

„Ja.“

„Seid Ihr bereit, den Kult der Gütigen Mutter nach Euren Kräften zu unterstützen, ihren Schreinen und ihren Dienern beizustehen und Gastfreundschaft, Treue und Fürsorge nicht allein zu predigen, sondern zu üben?“

„Ja, das bin ich.“

„Und seid Ihr bereit, Euch auch dann an diese Pflichten zu erinnern, wenn sie Euch Mühe bereiten, Eurem Vorteil entgegenstehen oder Euch den Spott anderer eintragen?“

Timor dachte an den Cavalliere, an die Diskussionen im Salon und an jene Augenblicke, in denen er sich bewusst gegen die Bequemlichkeit entschieden hatte.

„Ja. Auch dann.“

Der Geweihte nickte.

„So sei Euer Dienst der Gütigen Mutter anempfohlen.“

Er reichte Timor das Brot.

„Nehmt es als Zeichen der Gemeinschaft, der Ihr Euch anschließt. Möget Ihr stets daran denken, dass das Brot des Hauses nicht allein dem Hausherrn gehört.“

Timor nahm es mit beiden Händen entgegen.

Danach reichte ihm die Geweihte die Schale. Er berührte das Wasser mit den Fingerspitzen und neigte den Kopf.

Die Anwesenden sprachen gemeinsam einen letzten Segenswunsch.

Als Timor sich wieder aufrichtete, begegnete er den Blicken jener Menschen, die ihn bereits aus Mortecervis kannten. Einer der Herren des philosophischen Salons lächelte ihm zu. Eine Dame, die sich während der Debatte für den Vorrang des Traviabundes ausgesprochen hatte, nickte ihm anerkennend zu.

Und der ältere Geweihte sagte:

„Willkommen im Dienst der Gütigen Mutter, Travienlieb Timor d’Antara.“

Timor atmete langsam aus.

Er hatte erwartet, nach Monchiesa zu kommen, Fragen zu beantworten und vielleicht eine Ermahnung entgegenzunehmen.

Stattdessen hatte er eine neue Verpflichtung angenommen.

Er betrachtete den Laib Brot in seinen Händen und musste unwillkürlich lächeln.

„Dann“, sagte er, „hoffe ich, dass Ihr mir bald zeigt, wo ich meine Hände zuerst gebrauchen kann.“

Der ältere Geweihte lachte leise.

„Darüber müsst Ihr Euch keine Sorgen machen, mein Sohn. An Aufgaben mangelt es uns selten.“

Und während draußen die Glocke des Klosters zur Abendandacht rief, begann für Timor d’Antara ein neuer Abschnitt seines Lebens.

Das Glaubensversprechen

Als der ältere Geweihte Timor als Akoluthen der Gütigen Mutter willkommen geheißen hatte, trat eine kurze Stille ein. Das Kerzenlicht flackerte sanft auf der Darstellung Travias, und der Duft des frischen Brotes lag in der warmen Luft des kleinen Saales.

Timor hielt den Laib noch immer in beiden Händen. Er betrachtete ihn einen Augenblick, ehe er ihn behutsam auf dem Tisch niederlegte.

„Euer Gnaden“, begann er, „bevor ich diesen Ort verlasse, möchte ich selbst noch ein Wort an die Gütige Mutter richten.“

Der ältere Geweihte neigte zustimmend den Kopf.

Timor trat vor die Darstellung der Göttin. Er kniete nieder, legte die rechte Hand auf sein Travia-Amulett und senkte für einen Moment den Blick. Als er schließlich sprach, klang seine Stimme fest, doch frei von jeder feierlichen Selbstgefälligkeit.

„Vor Travia, der Gütigen Mutter, vor Euch, ihren Dienern, und vor allen, die heute hier versammelt sind, gelobe ich Folgendes:

Ich will das Heim achten, das mir anvertraut ist, und meine Familie nicht vergessen, während ich anderen diene. Ich will die Treue bewahren, die ich verspreche, und meine Worte nicht leichtfertig geben, wenn meine Hände nicht bereit sind, ihnen zu folgen.

Ich will dem Fremden eine Tür öffnen, dem Bedürftigen einen Platz am Tisch gewähren und dem Verzweifelten beistehen, soweit meine Kräfte reichen. Ich will nicht nach dem Stand eines Menschen fragen, ehe ich ihm meine Hilfe anbiete, und keinen Armen geringer achten als einen Herrn, nur weil ihm Reichtum und Ansehen fehlen.

Ich will Travias Gebote nicht als Waffen gegen andere führen, sondern als Maßstab für mich selbst. Wo ich irre, will ich mich zurechtweisen lassen. Wo ich schuldig werde, will ich um Vergebung bitten. Und wo ich Zeuge von Unrecht bin, will ich nicht aus Bequemlichkeit schweigen.“

Er hielt kurz inne. Seine Finger ruhten noch immer auf dem Amulett.

„Ich gelobe ferner, der Kirche der Gütigen Mutter nach meinen Kräften zu unterstützen, ihren Geweihten beizustehen und meine Zeit, meine Hände und meinen Besitz dort einzusetzen, wo sie dem Wohl ihrer Kinder dienen können.

Nicht, weil ich mich für besser halte als andere. Nicht, weil ich dafür Ehre oder Anerkennung erwarte. Sondern weil ich empfangen habe, was ich selbst nicht aus eigener Kraft bewahren konnte.“

Für einen Augenblick dachte Timor an das dunkle Wasser, an das Eis und an das unversehrte Gefieder der Gans, die ihm das Leben gerettet hatte. Seine Stimme wurde leiser, ohne an Festigkeit zu verlieren.

„Und wenn ich dereinst vergessen sollte, weshalb ich diesen Weg begonnen habe, dann möge Travia mich an diesen Tag erinnern. Möge sie mich lehren, dass ein Herdfeuer nicht dem gehört, der es entzündet, sondern allen, die seine Wärme benötigen.

So gelobe ich es vor der Gütigen Mutter. Nicht als Geweihter, der ich nicht bin, sondern als ihr Diener, der ich zu werden hoffe.“

Timor senkte den Kopf.

„Travia sei mein Zeuge.“

Lange sagte niemand etwas.

Dann trat der ältere Geweihte an ihn heran und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter.

„Möge die Gütige Mutter Euer Gelöbnis annehmen, Timor d’Antara. Und möge sie Euch die Weisheit schenken, Eure Kräfte nicht zu überschätzen, die Demut, Hilfe anzunehmen, und die Standhaftigkeit, Euren Weg auch dann fortzusetzen, wenn er beschwerlich wird.“

Er wartete, bis Timor sich wieder erhoben hatte.

„Vergesst eines niemals: Ein Schwur ist nicht an dem Tage erfüllt, an dem er gesprochen wird. Er beginnt erst am Tage danach.“

Timor begegnete seinem Blick und nickte ernst.

„Das, Euer Gnaden, werde ich mir merken.“

Hinter ihnen erhoben sich die Anwesenden. Einige sprachen leise ihre Zustimmung, andere neigten andächtig die Köpfe. Einer der Herren aus dem philosophischen Salon legte die Hand auf die Brust, während eine der älteren Travia-Geweihten mit einem warmen Lächeln den Laib Brot wieder aufnahm und Timor reichte.

„Dann kommt, Travienlieb Timor d’Antara“, sagte sie. „Es wird Zeit, dass Ihr Euer erstes Versprechen in die Tat umsetzt.“

Timor sah sie fragend an.

Sie deutete zur Tür, hinter der bereits die Stimmen der Klosterbewohner zu hören waren.

„Das Abendessen wird vorbereitet. Und in unserer Küche gibt es mehr Arbeit, als zwei Hände allein bewältigen können. Zudem kann ich mir vorstellen, dass Schwester Viana Euch in Efferdas bei etwaiger Hilfe benötigen wird”.

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag lachte Timor herzlich.

„Dann wollen wir die Gütige Mutter nicht länger warten lassen.“