Briefspiel: Klösterliche Unterstützung
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Ein Bittgesuch aus Efferdas
,,An die ehrwürdige Priorin Saria Tuachall, den ehrwürdigen Novizenmeister sowie die Gemeinschaft des Travia-Klosters St. Lamea zu Shenilo.
Travia zum Gruße meine Brüder und Schwester.
In Demut und geschwisterlicher Verbundenheit wende ich mich mit einer Bitte an Euch.
Die Aufgaben, welche mir in Efferdas im Dienste unserer Herrin Travia anvertraut sind, haben in den vergangenen Monden merklich zugenommen. Neben den Göttinnendiensten und Andachten verlangen die Sorge um Bedürftige, die Besuche bei kranken und betagten Gemeindemitgliedern, die Unterweisung junger Gläubiger sowie die Pflege unseres Schreines und seiner Einrichtungen zunehmend meine volle Kraft.
Aus diesem Grunde bitte ich Euch demütig, mir für eine begrenzte Zeit eine Novizin oder einen Novizen zu entsenden. Die oder der Entsandte soll mich nicht nur bei den alltäglichen Diensten unterstützen, sondern zugleich Gelegenheit erhalten, das Leben einer Geweihten außerhalb der Klostermauern kennenzulernen. Möge sie oder er erfahren, wie sich die Lehren Travias im Dienst an Familien, Reisenden, Armen und Hilfesuchenden bewähren.
Ich verspreche, die oder den Entsandten mit Geduld und Wohlwollen anzuleiten, ihrem oder seinem Ausbildungsstand entsprechend Aufgaben zu übertragen und Sorge dafür zu tragen, dass diese Zeit sowohl dem Kloster als auch der Novizin oder dem Novizen zum Segen gereicht.
Solltet Ihr meinem Gesuch entsprechen, so möge die entsandte Novizinn oder der entsandte Novize sich nach ihrer oder seiner Ankunft unverzüglich im Travia-Tempel zu Efferdas melden.
Möge Travias Herdfeuer stets über Eurer Gemeinschaft wachen und Euch in Weisheit leiten.
In ehrfürchtiger Verbundenheit
Schwester Viana d'Antara
Geweihte der Herrin Travia zu Efferdas”
Im Kloster Sancta Lamea
Die Laudes waren verklungen. Der letzte Choral verklang unter den hohen Gewölben des Travia-Klosters St. Lamea zu Shenilo, ehe sich die Schwestern und Brüder in stiller Ordnung erhoben. In einer ruhigen Prozession schritten sie durch den Kreuzgang, dessen Arkaden vom sanften Licht des jungen Morgens durchflutet wurden. Kein unnötiges Wort wurde gesprochen. Lediglich das leise Rascheln der Gewänder und das Klacken hölzerner Sandalen auf den Steinplatten begleiteten ihren Weg.
Im Refektorium war bereits das einfache Frühstück bereitet. Frisches Brot, etwas Käse, Obst der Saison und warmer Kräutertee standen auf den langen Holztischen. Während die Gemeinschaft ihre Mahlzeit in andächtiger Stille einnahm, trat eine ältere Schwester an das Lesepult und trug mit ruhiger Stimme eine Passage aus den Lehren der Heiligen Travia vor. Erst als die letzte Schale geleert und das Dankgebet gesprochen war, löste sich die morgendliche Stille.
Die Tische wurden gemeinsam abgeräumt, ehe sich die Klostergemeinschaft erneut erhob. Im Kapitelsaal nahm Priorin Saria Tuachall ihren Platz ein. Mit einem kurzen Nicken bat sie um Aufmerksamkeit, worauf augenblicklich Ruhe einkehrte.
„Schwestern und Brüder“, begann sie mit warmer, aber bestimmter Stimme. „Der Herrin Travia sei Dank für diesen neuen Tag. Möge unser Werk heute ihrem Herdfeuer Ehre bereiten.“
Anschließend verlas sie die Aufgaben des Tages. Sie bestimmte, welche Schwestern die Küche versorgen, welche Brüder in den Gärten arbeiten, wer die Schreibstube betreuen, Pilger empfangen oder die Krankenstation unterstützen würde. Auch die Arbeiten außerhalb der Klostermauern wurden genannt, bis schließlich alle Dienste vergeben waren.
Als die Priorin geendet hatte, erhob sich Cellerarin Thessalia d'Antara. Mit einer leichten Verneigung bat sie um das Wort, das ihr von der Priorin gewährt wurde. Als Verwalterin der weltlichen Angelegenheiten des Klosters trat sie vor die Reihen der versammelten Novizinnen und Novizen.
„Schwestern und Brüder der Novizenschaft“, begann sie mit freundlicher Stimme, während ihr Blick über die jungen Gesichter wanderte. „Uns erreichte ein Bittgesuch unserer Schwester Viana d'Antara, meiner Tante, aus Efferdas. Aufgrund der zahlreichen Aufgaben, die ihr dort im Dienste der Herrin Travia obliegen, bittet sie unser Kloster um die Entsendung einer Novizin oder eines Novizen, die oder der sie für einige Zeit bei ihren täglichen Pflichten unterstützt.“
Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr.
„Mit Zustimmung der Priorin und des Novizenmeisters darf eine oder einer von euch diese Aufgabe übernehmen. Gemäß der Ordnung unseres Hauses sollen sich zunächst die Novizenältesten melden. Nach Beratung wird der Novizenmeister entscheiden, wem diese Verantwortung übertragen wird.“
Kaum waren ihre Worte verklungen, ging ein leises Murmeln durch die Reihen der jungen Schwestern und Brüder. Manche tauschten erwartungsvolle Blicke, andere senkten ehrfürchtig den Kopf und schienen still über die Bedeutung dieser Aufgabe nachzudenken. Ein Dienst an einer erfahrenen Geweihten außerhalb der Klostermauern galt als Auszeichnung – eine Gelegenheit, das Erlernte im Alltag zu bewähren und zugleich der Gemeinschaft Travias auf besondere Weise zu dienen.
Im Saal kehrte wieder Ruhe ein. Nun wartete alles darauf, wer den Mut aufbringen würde, den ersten Schritt nach vorn zu wagen.
Für einige Herzschläge regte sich niemand. Die Worte der Cellerarin schienen in den Gesichtern der Novizinnen und Novizen nachzuhallen. Ein Dienst außerhalb der schützenden Mauern des Klosters war keine gewöhnliche Aufgabe. Er bedeutete Vertrauen – und zugleich Verantwortung.
Schließlich erhob sich einer der Novizenältesten. Er trat einen Schritt vor, legte die rechte Hand über die Brust und verneigte sich ehrfürchtig vor der Priorin und der Cellerarin.
„Ehrwürdige Mutter Priorin, ehrwürdige Cellerarin“, sprach er mit ruhiger Stimme, „wenn es dem Willen Travias entspricht und der Novizenmeister es für angemessen erachtet, bin ich bereit, Schwester Viana in Efferdas zu dienen.“
Kaum hatte er geendet, folgten weitere. Eine Novizin trat aus der Reihe und senkte respektvoll das Haupt.
„Auch ich stelle mich in den Dienst unserer Herrin. Sollte die Wahl auf mich fallen, werde ich Schwester Viana nach bestem Vermögen unterstützen.“
Nach und nach meldeten sich weitere Novizenälteste. Keiner drängte sich vor, keiner erhob die Stimme über die der anderen. Jeder trat mit derselben Demut vor, sprach seine Bereitschaft aus und kehrte anschließend schweigend an seinen Platz zurück.
Als sich keine weiteren Freiwilligen mehr meldeten, erhob sich der Novizenmeister. Sein ernster, zugleich gütiger Blick ruhte einen Moment auf den jungen Ordensangehörigen.
„Ich danke euch für eure Bereitschaft“, sagte er. „Nicht der Eifer allein entscheidet über einen solchen Dienst, sondern auch die Frage, wem er zum rechten Zeitpunkt anvertraut werden kann. Schwester Viana benötigt eine helfende Hand, aber ebenso eine Schwester oder einen Bruder, der das Kloster würdig vertritt und bereit ist, von ihr zu lernen.“
Er schwieg einen Augenblick und schloss für einen Moment die Augen, als spräche er ein stilles Gebet.
„Ich werde eure Namen bedenken und mit der Priorin beraten. Vor der Mittagshore werde ich meine Entscheidung bekanntgeben. Der oder die Erwählte wird bereits morgen im Morgengrauen nach Efferdas aufbrechen.“
Ein zustimmendes Nicken ging durch die Reihen. Niemand zeigte Enttäuschung oder Ungeduld; vielmehr war allen bewusst, dass Gehorsam und Demut ebenso Teil ihres Weges waren wie Fleiß und Frömmigkeit.
Die Priorin erhob sich ein letztes Mal.
„So geht nun an eure Arbeiten. Möge jedes Werk, sei es klein oder groß, das Herdfeuer Travias nähren und den Menschen zum Segen gereichen.“
Mit einer gemeinsamen Verneigung antworteten die Schwestern und Brüder:
„Travia zum Gruße.“
Darauf löste sich die Versammlung auf. Während einige den Weg zu den Gärten einschlugen, andere die Küche oder das Skriptorium aufsuchten, blieb unter den Novizinnen und Novizen ein leises Gefühl gespannter Erwartung zurück. Bis zur Mittagshore würde sich entscheiden, wer das Kloster verlassen und an der Seite von Schwester Viana d'Antara in Efferdas dienen durfte – eine Aufgabe, die gleichermaßen Dienst, Prüfung und Auszeichnung war.
Die Stunden bis zur Mittagshore vergingen im gewohnten Rhythmus des Klosters. Aus der Schreibstube drang das leise Kratzen von Gänsekielen über Pergament, im Kräutergarten pflegten Novizinnen sorgsam die Heilpflanzen, während aus der Backstube der Duft frischen Brotes über den Kreuzgang zog. Andere halfen in der Küche, versorgten die Pilger oder arbeiteten in den Werkstätten. Trotz aller Geschäftigkeit lag eine kaum merkliche Spannung über der Novizenschaft. Immer wieder schweiften Gedanken nach Efferdas und zu der Frage, wen der Novizenmeister auswählen würde.
Als schließlich die Glocke zur Mittagshore erklang, legten alle ihre Arbeit nieder. Erneut versammelten sich Schwestern und Brüder in der Klosterkirche. Gemeinsam sangen sie die Psalmen, lauschten der Lesung und schlossen die Hore mit dem Segen der Priorin.
Nach dem Gebet bat der Novizenmeister die Novizinnen und Novizen, noch einen Augenblick zu verweilen. Die übrigen Ordensgeschwister verließen schweigend die Kirche, bis nur noch die jungen Frauen und Männer, die Priorin Saria Tuachall und Cellerarin Thessalia d'Antara im Chorraum zurückblieben.
Der Novizenmeister trat einen Schritt nach vorn.
„Ich habe über eure Bereitschaft nachgedacht und mit der ehrwürdigen Priorin beraten. Es erfüllt mich mit Freude, dass sich mehrere von euch bereit erklärt haben, diesen Dienst zu übernehmen. Dies zeigt, dass ihr den Geist unserer Herrin Travia verstanden habt: zu dienen, ohne nach Ehre zu streben.“
Sein Blick wanderte langsam durch die Reihen und blieb schließlich auf einem der Novizen ruhen.
„Bruder Cusimo Casavostra“, sprach der Novizenmeister ruhig. „Tritt bitte vor.“
Der junge Novize löste sich aus der Reihe, trat mit gesenktem Haupt nach vorn und verneigte sich vor der Priorin und dem Novizenmeister.
Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann erhob sich Priorin Saria Tuachall von ihrem Platz.
„Bruder Cusimo“, begann sie mit ruhiger Stimme, „du hast in den vergangenen Jahren bewiesen, dass du deine Aufgaben mit Fleiß, Besonnenheit und einem offenen Herzen erfüllst. Wer den Herd unserer Herrin hütet, muss nicht nur arbeiten können, sondern auch zuhören, trösten und dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen.“
Ihr Blick ruhte freundlich auf dem jungen Novizen.
„Schwester Viana benötigt keine außergewöhnlichen Taten, sondern einen verlässlichen Bruder an ihrer Seite. Wir sind überzeugt, dass du diese Aufgabe in Demut erfüllen und zugleich viel lernen wirst. Diene ihr so, wie du hier gedient hast: mit Geduld, Freundlichkeit und dem Vertrauen, dass auch die kleinsten Werke das Herdfeuer Travias nähren.“
Cusimo legte die rechte Hand über die Brust und neigte ehrfürchtig den Kopf.
„Ich danke Euch für Euer Vertrauen, ehrwürdige Mutter Priorin. Mit Travias Hilfe werde ich mich bemühen, Eurer Entscheidung würdig zu sein und Schwester Viana nach bestem Vermögen zu dienen.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über das Gesicht der Priorin.
„So bereite dich auf die Reise vor. Morgen, mit dem ersten Licht, wirst du nach Efferdas aufbrechen. Möge Travia über deinen Weg wachen und jedes Haus, das dir seine Türe öffnet, mit ihrem Segen erfüllen.“
„Travia zum Gruße“, antwortete Cusimo.
„Travia zum Gruße“, erwiderte die Gemeinschaft wie aus einem Mund.
Bruder Cusimos Ankunft in Efferdas
Die Reise von Shenilo nach Efferdas nahm mehrere Tage in Anspruch. Cusimo legte den Weg gemeinsam mit einer kleinen Händlergruppe zurück, die ihn bis an die Küste begleitete. Mit jedem Schritt entfernte er sich weiter von den vertrauten Mauern des Klosters und trat tiefer in den Dienst Travias unter den Menschen. Er gedachte der Worte seiner Priorin und des Novizenmeisters, die ihn auf den Weg gesandt hatten, und sprach bei jedem Sonnenaufgang ein stilles Gebet an die Herrin des Herdfeuers. Als schließlich die Mauern Efferdas' am Horizont erschienen, umwehte ihn bereits der salzige Duft des Meeres. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Möwen kreisten über den Hafen, und das Knarren vertäuter Schiffe mischte sich mit den Rufen der Seeleute. Im Stadtviertel Sanct Parvenus stand der kleiner Travia-Schrein . Vor seinem Eingang brannte unablässig eine schlichte Öllampe, deren Flamme selbst im Seewind ruhig zu tanzen schien. Der Meereswind zog durch die in Töpfen gepflanzten Kräuter, die seitlich des Schreins standen und verbreiteten einen angenehmen Duft.
Dort wartete bereits Schwester Viana d'Antara. Sie schnitt mit einer kleinen Sichel Rosmarinzweige ab, die sie für das Brot am Nachmittag brauchen würde.
Sie trug das orangefarbene Gewand einer Travia-Geweihten, darüber eine schlichte Schürze. Eine bronzene Gänsefibel hielt den Mantel auf ihrer Schulter zusammen. Als sie den jungen Novizen erblickte, legte sich ein warmes Lächeln auf ihr Gesicht.
„Travia zum Gruße“, begrüßte sie ihn herzlich. „Sei willkommen in Efferdas.“
Cusimo blieb vor ihr stehen, verneigte sich ehrfürchtig und überreichte mit beiden Händen das versiegelte Schreiben des Klosters.
„Travia zum Gruße, Schwester Viana. Ich bringe Euch Grüße aus dem Kloster St. Lamea zu Shenilo sowie dieses Schreiben der ehrwürdigen Priorin.“
Viana nahm den Brief entgegen, betrachtete kurz das Siegel und nickte zufrieden.
„Ich danke dir. Mein Name ist Schwester Viana, Bruder Cusimo“ Sie deutete mit einer freundlichen Handbewegung auf den kleinen Schrein hinter sich. „Zunächst wollen wir der Herrin für deine sichere Reise danken.“
Gemeinsam traten sie vor den Schrein. Für einen Moment herrschte Stille, während beide ein kurzes Dankgebet sprachen. Erst danach wandte sich Viana wieder an den jungen Novizen.
„Du hast eine lange Reise hinter dir. Bevor wir über deine Aufgaben sprechen, sollst du erst einmal in Ruhe ankommen. Ein müder Diener verrichtet selten gute Arbeit.“
Sie lächelte herzlich.
„Mein Bruder Phelizzio hat sein Haus für dich geöffnet. Dort wirst du für die Zeit deines Dienstes wohnen. Er und seine Familie haben sich bereit erklärt, dich wie einen Angehörigen ihrer Hausgemeinschaft aufzunehmen. Es ist ihr Wunsch, dass du dich nicht als Gast fühlst, sondern als Teil einer neuen Gemeinschaft – so, wie es dem Gebot unserer Herrin entspricht.“
Cusimo blickte überrascht auf.
„Das ist mehr Güte, als ich erwartet hätte, Euer Gnaden.“
„Schwester Viana, bitte. Gastfreundschaft ist kein Opfer“, erwiderte Viana sanft. „Sie ist eine Freude. Komm. Meine Familie wartet bereits auf dich, und ich bin sicher, dass am Herdfeuer noch eine warme Mahlzeit auf uns wartet. Erst wenn du angekommen bist, werden wir über deinen Dienst sprechen.“
Gemeinsam verließen sie den kleinen Traviaschrein und schlugen den Weg durch die belebten Gassen der Hafenstadt ein. Während um sie herum das geschäftige Leben Efferdas pulsierte, spürte Cusimo, dass er bereits bei seinen ersten Schritten in der Stadt etwas von jenem Herdfeuer erfahren durfte, dessen Dienst ihn aus Shenilo hierher geführt hatte. Hier begann nicht nur eine neue Aufgabe – sondern auch ein neues Kapitel seines Weges im Dienste Travias.