Briefspiel:Der Tugend eine Zukunft
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Der Tugend eine Zukunft
Die Sonne brannte an diesem Praiostag im Rondra 1047 nach dem Fall Bosparans zur zweiten Efferdstunde heiß auf den Renascentia-Platz im Zentrum der urbasischen Oberstadt Magistralia.
Der grüne, silbrig schimmernde Taft knisterte bei jedem Schritt. Der hochgewachsene Mann, der aus dem Magistrat auf den Platz trat, schloss kurz die Augen und dachte über die erfolgreichen Entwicklungen der letzten Wochen nach.
Die Delegation des Fürsten Ralman hatte die Stadt und sein Hotel verlassen. Die Wahl zum Consiglio war glücklich ausgegangen. Alles mit Maß und Mitte - und vor allem rechtmäßig. Die Investitionen in den Zusammenhalt und die wirtschaftliche Zukunft begannen sich auszuzahlen.
Tief atmete er ein. Den Beginn des Übergabegesprächs mit der frisch gewählten Gonfaloniera und dem Familienoberhaupt der Urbeter in die Öffentlichkeit vor den Magistratspalast, aufs Grundstück des alten Palazzo Casciano zudem, zu legen, war ein Signal der Einigkeit. An diesem Ort hatte die Stadt ihre schwerste Wunde erlitten und die Prinzipien und Tugenden des Adels waren ungezählte Maße - insbesondere von diesem selbst - mit den Füßen getreten worden.
Es war eine gute Entwicklung, ohne Bedeckung über den Platz gehen zu können. Es hatte schon ganz andere Zeiten gegeben … ‘Und doch ist Boron nicht gnädig’, dachte Azzo. ‘Die kleine Cinzia Amene - hingemordet. Wir müssen unsere Prinzipien beleben, wiederbeleben. Dem Popolo Vorbild sein.’
Er schaute auf die andere Seite der Piazza. Dort tauchte gerade der Urbeter zwischen dem Campanile des Hesinde-Tempels und dem Palazzo der Deraccini auf. Wahrscheinlich kam er gerade vom Praiosdienst im Kloster.
Auricanius überquerte den zentralen Platz der Oberstadt mit langen Schritten. Ein ihn begleitender Novize hatte sichtlich Mühe, mit dem Klostervorsteher Schritt zu halten. Der Patriarch des Hauses Urbet wollte sich keinesfalls verspäten - und verlangsamte seine Schritte erst, als er zwar den neuen Priore structuris, jedoch noch nicht dessen Vorgängerin vor der Baustelle der Loggia ausmachen konnte.
“Die Zwölfe zum Gruße, Signor Azzo”, begrüßte er den Hotelier, als er zu ihm aufgeschlossen hatte, und nickte zur Begrüßung kurz.
“Seid ihr bereit, nun mit die Verantwortung hierfür zu übernehmen?”
Dabei machte er eine Geste zur im Entstehen begriffenen Loggia in der Südostecke des Platzes - dort wo einst der Eingang des gewaltigen Familienpalasts seines Bruders gelegen hatte.
Die Aufräumarbeiten waren inzwischen auf dem gesamten Grundstück weitgehend abgeschlossen. Von der Loggia kündete bereits das Podest, das ihr ‘Inneres’ einige Stufen über den restlichen Platz erhob. Die Arbeit an den rückwärtigen Wänden hatte hingegen erst begonnen und von den breiten Säulen, die das filigrane Dach dereinst tragen sollten, waren bisher nur die Sockel zu sehen. So ragte Auricanius’ neuer “bescheidener Palast” schräg dahinter auch schon - oder besser noch - im Hintergrund auf. Aus dessen Richtung kamen gerade auch zwei Bedienstete ihrem Herren entgegen, mit Erfrischungen, die dieser Azzo und Sanjana wohl darzubieten gedachte.
“Ich habe mir erlaubt, eine Weinkaraffe und etwas Obst bereitstellen zu lassen … und den Tisch, auf dem die Vorarbeiter sonst ihre Pläne studieren, für unser Gespräch zu reservieren. Ich hoffe, dass dies in eurem Interesse ist.”
Bei diesen Worten machte der Baron eine einladende Geste zum Podest der Loggia selbst, auf dem sich der angesprochene Tisch wohl befinden musste.
“Von dort oben hat man, der fehlenden Wände wegen, auch noch einen herrlichen Blick auf euren Silberpalast”, zwinkerte er dem neugewählten Priore - verschwörerisch? - zu.
Gemessenen Schrittes und mit freundlichem Lächeln ging Azzo neben dem Turaniter zum Podest. Der steinerne Grund war natürlich noch unverkleidet, machte aber einen guten, soliden Eindruck.
“PRAios mit Euch, Auricanius. Es war mir Desiderat und ist nun Donum und Ehre … und unsere Verantwortung, die Wunden zu heilen, so vielfältig - manche offen sichtbar, andere verborgen, aber nicht weniger schmerzhaft - diese sein mögen”, antwortete er in seiner ruhigen, angenehmen Stimme, nur um mit Blick auf die herbei eilenden Diener schmunzelnd fortzufahren. “Modestia. Eine Tugend, der wir als Part der Prudenza zu Aufmerksamkeit verhelfen.”
“Herrin? Ihr habt noch einen Termin.”
Rondrigo holte Sanjana aus der Lektüre auf ihrem Schreibtisch im Magistrat.
“Wie spät ist es?”
Rondrigos Antwort versetzte seine Herrin in Hektik. Sie hatte die Zeit vergessen. Andererseits steckte sie seit der Wahl bis zum Scheitel in Arbeit. Es war nicht einfach, sich in die Aufgaben einer Gonfaloniera einzuarbeiten. Gegen diese Flut an Aufgaben und Pflichten war das Amt der Priora structuris ein leichtes gewesen. Dieses hatte nun Azzo Silbertaler inne und ihn und Auricanius von Urbet sollte sie in diesem Moment eigentlich an der Baustelle der Loggia treffen.
Eilig hastete sie durch die Flure des Magistrats. Erst an der Tür nach draußen wurde sie langsamer und atmete durch. Es geziemte sich einfach nicht, dass die Gonfaloniera rannte wie ein Stallbursche. Wenn sie schon zu spät kam, dann würdevoll. Und so schritt sie schließlich gemessenen Schrittes über die Piazza auf die Männer zu.
“Den Göttern zum Gruße, Signores”, grüßte sie mit einem freundlichen Kopfnicken die beiden. “Wie ich sehe, sind die Vorbereitungen schon abgeschlossen.”
“Vorbereitungen? Welche Vorbereitungen? Für den Bau der Loggia?”
Auricanius gab sich unwissend, obschon klar war, dass dies eine rhetorische Spielerei war.
“Die Zwölfe zum Gruße, Gonfaloniera”, begrüßte er Sanjana dann doch etwas formvollendeter und lud auch sie mit einer Geste ein, ihm aufs Podest zu folgen.
“Ich habe dem Priore schon verraten, dass ich uns heute den Tisch, auf dem die Vorarbeiter auf der Baustelle sonst ihre Pläne studieren, habe reservieren lassen. Und für Erfrischungen zu sorgen, habe ich mir auch erlaubt, ohne euch irgendwie bevormunden zu wollen, selbstverständlich.”
Dabei deutete er als Ehrbezeugung eine Verbeugung an.
“Überhaupt freut es mich, dass ihr meine Einladung zum Gespräch an diesem Ort angenommen habt.”
“Zwei Oberhäupter aus den ältesten und renommiertesten Häusern der Stadt, noch dazu zwei sehr charmante, bitten zum Gespräch? Wie hätte ich da ablehnen können?”
Sanjana lächelte einnehmend.
Langsamen Schrittes ging Auricanius die breite Treppe zum Podest, ins spätere ‘Innere’ der Loggia hinauf.
“PRAios mit Euch, Sanjana”, bemühte der Hotelier die vertrautere Anrede der Gleichgestellten, indem er die kurze Distanz zu den Stufen überwand und ihr die Hand zur Überwindung derselben reichte.
Mit einem Zucken der Augenbraue nahm er den Tisch in Augenschein und sinnierte: “Wo wäre diese Stadt ohne ihre Architekten?", nur um überzuleiten: “Was sie ohne Tugend sei, erfahren wir hoffentlich nie …” Ein halber Atemzug, in dem ein 'wieder' Platz gefunden hätte, dann traf sich kurz der Blick vier grüner Augen. Sodann senkte der Ältere kurz das Haupt vor der Prima inter pares.
“Dieser Ort hier wird hoffentlich dabei helfen.” Ehrliche Zustimmung lag in Sanjanas Augen und ihrem Lächeln.
So standen sie an diesem an Bedeutung aufgeladenen Ort, Stadt und Land, Urbasi und Agreppara, Neu- und Altadel.
Die sonst so geschäftigen Urbasier hatten Zeit zum Flanieren. Gesetzte Notarinnen und Amtsschreiber mit zwickenden Rücken genossen die Wärme. Einige Kinder rannten jauchzend um den Brunnen, bis ihre Ammen sie etwas beruhigten und ihnen dann die Versammlung an der Baustelle näherbrachten.
Der älteste der drei Adligen wies mit einer dezenten Geste um sich. “Die Zukunft dieses Ortes. Wollt Ihr so freundlich sein, mich in diese Idee abseits der Lagepläne einzuweihen? Mir scheint die Vision der Zusammenführung der Civitas ein Element zu sein, das prägt.”
Die Bitte richtete sich an den Bauherrn und die vormalige Amtsinhaberin gleichermaßen.
“Nun, Signor, die Idee ist tatsächlich, der Gemeinde etwas wiederzugeben. Einen Ort der Begegnung vor allem, wo sich mein Bruder zuvor einen Ort des familiären Rückzugs an dieser so prominenten Stelle in der Stadt schuf … und Ruinen dann so lange eine unverheilte Wunde rissen.”
Auricanius machte bei den letzten Worten eine raumgreifende Geste, wohl weil er damit mehr als nur die Baustelle der Loggia meinte.
“Ihr wisst selbst, dass der Renascentia-Platz trotz … oder vielleicht auch wegen … seiner zentralen Lage in der Stadt nicht ihr geschäftigstes Zentrum ist. Dazu müsst ihr von eurem Palazzo nur den rückwärtigen Blick wagen. Das Leben der Popoli spielt sich weit mehr auf den Plätzen beiderseits der Brücke ab, zwischen Ingerimm-Tempel und Palazzo Flaviora. Und das wird sich auf die Schnelle auch nicht ändern, muss es auch gar nicht. Was dieser Zustand aber erreicht hat, ist eine gewisse Entfremdung der Politik, die nunmal hier ihre Heimat hat …”
Auricanius’ Blick ging dabei primär auf den Magistratspalast, auch wenn er wohl das gesamte Umfeld des Renascentia-Platzes einschloss.
“… von den alltäglichen Herausforderungen und Problemen des Großteils der Stadt, die sie regieren soll.”
Der Praios-Geweihte warf einen Seitenblick auf die neu gewählte Gonfaloniera.
“Dieser Zustand geht auch nicht erst in die Zeit zurück, als eure Familie dieses Grundstück an meinen Bruder verkauft hat, sondern bis in jene, als letztmals eine eurer Vorfahrinnen Gonfaloniera war. Die Sterilität dieses Ortes fusst bereits auf Entscheidungen, die vor einem ganzen Jahrhundert getroffen wurden.”
Auricanius gab einen leisen Seufzer von sich.
“Mein … unser … Bestreben ist es deshalb nun, den Urbasiern einen Teil des alten Zentrums der Gemeinde wiederzugeben. Dazu soll in unserem Rücken …”
Der Baron drehte sich unvermittelt wieder um, sah zur gerade erst angefangenen Rückwand und weiter hinunter zum Palioplatz.
“… der Rahja-Tempel einen zum Verweilen einladenden Garten erhalten, und hier …”
Er deutete auf den Grund, auf dem sie standen.
“… die ganze Gemeinde einen Treffpunkt, der gemeinsame Werte betont. Die Tugenden der Zwölfe eben!”
Gerade die letzten beiden Sätze sprach Auricanius mit einer Selbstverständlichkeit, die gar keine anderen Schlüsse - andere Werte etwa - in Betracht zu ziehen schien.
Bei der Erwähnung Prajanes zog kurz ein Schatten über das Gesicht Azzos.
Er antwortete dann jedoch, wie stets, ruhig und freundlich: “Ein zugleich gesellschaftlich wie geistig anregender Ort also. Und großzügig gegenüber der Civitas.” Er neigte kurz das Haupt. “Allein, bei den Tugenden frage ich mich, wie ihre Darstellung geplant ist und welcher Künstler, welche Werkstatt Euch vorschwebt. Als Belehrung, zur Mahnung? Ah, no, zur Erbauung, zur representatio unserer Stadt jedoch, sicherlich. Strebsam den Zwölfen entgegen, die wachen und weisen. Wenn Ihr Ratschlag annehmen wollt, der Platz einer lebendigen Stadt könnte diese selbst zeigen, ihren Kern. Die Ehrwürdigkeit der Edlen und unsere Werte, den Fleiß und die Strebsamkeit der Gewerke, den Gehorsam und das Vertrauen des Popolo, all dies weisend, gleichsam kulminierend unter Alverans Schutz und Ziel.”
“Gerade bei diesem Punkt, der wahrlich kein unwichtiger ist”, antwortete Auricanius mit einem einzelnen Nicken, “besteht tatsächlich noch der größte Abstimmungsbedarf, vor allem … aber nicht nur … mit euch nun. Denn natürlich maße ich mir nicht an, diesbezüglich für alle Tugenden die beste oder gar einzig wahre Entscheidung treffen zu können.”
Er machte eine kurze Pause, gerade lang genug, dass er weiteren Fragen an dieser Stelle zuvorkam.
“Insbesondere zu einigen der Tugenden des Götterfürsten habe ich schon detailliertere Vorstellungen, die gleichsam Verknüpfungen zur Geschichte Urbasis herstellen, bis in eine Zeit hinein, die noch vor eurem berühmten Namensvorfahren, dem ersten Gonfaloniere, gar lag. Die Heilige Aureliana könnte so etwa Vorbild für die Ordnung oder die Gerechtigkeit sein … eine allegorische Darstellung der Tugenden sich an ihrem Ebenbild orientieren.”
Auricanius wies dabei weit in die Geschichte der Silberstadt, bis in die Zeit des alten rohalschen Treponti-Bunds nämlich, zurück.
“Bei der rondrianischen Tapferkeit käme ein ähnlicher Bezug etwa zur Heiligen Lutisana in Betracht, der gar bis in die Zeit von Bosparans Fall zurückverwiese.” Dass beide genannten Heiligen dem Marvinko-Geschlecht angehörten und im Haus Urbet zu den eigenen Vorfahren gezählt wurden, ließ er an dieser Stelle unerwähnt.
“Die Pluralität des gesamten Vorhabens hat mich jedoch auch darüber nachdenken lassen, alle Patrizier unserer Stadt einzuladen, sie eigene Beiträge stiften zu lassen. So könnte die Familie Solivino etwa gefragt werden, der Tugend der Harmonie ein Bildnis zu geben, in dem sich die Rahja-Gläubigen unserer Gemeinde wahrscheinlich eher wiederfinden würden, als wenn ich es in Auftrag gäbe. Was meint ihr?”
Auch wenn der Praios-Geweihte diese Frage der Amtsvorgängerin Azzos gegenüber schon einmal angerissen hatte, schien sie sich nun nochmal an beide zu richten.
Sanjana nickte zustimmend zu dem Vorschlag des Urbeters.
“Die Patrizierfamilien mit ins Boot zu holen deucht mir die richtige Entscheidung zu sein, denn damit fühlt sich jede Familie, die ein Kunstwerk stiftet, persönlich beteiligt.”
‘Historie, immer wieder folgen die Schatten aus diesen Tiefen’, kam dem Silbertaler in den Sinn und er reagierte zuerst mit einem neutralen: “Idealiter.”
Dazu bemühte er eine leise Anekdote, die er wirken ließ: “Ich fuhr vor einigen Götterläufen gen Oberfels, Mantrash'Mor zu betrachten. Ein Monument der Einheit. Es hat mich denken lassen, dass eine Idee gut bedacht sein will.”
Und doch dachte er: ‘Das Feuer der Eitelkeiten lodert ungehemmt.’
“Oh, ihr wart in Mantrash’Mor?”, zeigte sich Auricanius interessiert. “Ein schöner Ort, mit langer … ja geradezu überaus langer Geschichte dazu.”
Er schien einen Moment zu sinnieren, ehe er mit einem Zwinkern fortfuhr: “Ganz so lange sollten wir uns für dieses Vorhaben hier jedoch vielleicht nicht Zeit lassen. Gibt es denn Tugenden, deren Darstellung euch persönlich besonders interessiert?”
Wieder sah Auricanius dabei zunächst Azzo an, schien die Frage aber ebenso an Sanjana zu richten.
Geschickt und humorvoll überspielte der Turaniter die Einwände des Silbertalers und nahm die Gesprächsführung in eine feste Hand.
“Weder so lang sollte es dauern, noch so unvollständig sich zeigen”, erwiderte Azzo mit einem Lächeln. “Welche Allegorie mir vorschwebt, will ich allzu gern offenbaren: es ist die Mäßigung.”
Er versuchte, seine Bedenken gegen die Idee einer Vielzahl an einzelnen Stiftungen auf andere Art auszudrücken.
“Die Einbindung der Familien, auch der Zünfte und der Geweihtenschaft erscheint klug. Die Differenzen zwischen den einzelnen werden sich sicherlich auch auf diesem Untergrund in Farbe und Form einbringen. Damit an diesem Orte kein Mahnmal der Eitelkeiten und des Zwiespalts entstünde - so ist es unser aller Ziel - sondern eines, das dem Charakter der Piazza, der Gemeinde und den Herausforderungen des Kommenden gerecht werde, gilt es, das Voranschreiten des Vorhaben klug zu wägen. Daher könnte ein Wettbewerb der Entwürfe Historie und Zukunft miteinander verbinden, wie man ihn von den Kunstwerkstätten kennt und er auch im Aurelat verschiedentlich tradizione hat. So behielte man die Führung in einer freundlichen Hand.”
Auricanius sah den neuen Priore structuris interessiert an. Auch seine Absicht schien er jetzt auszumachen.
“Die Allegorie der Mäßigung ist euer Favorit … soso”, griff er dennoch zunächst Azzos Antwort auf seine eigene Frage auf. “Manche würden sie eine Tugend der Tugenden nennen, weil sie so viele Aspekte anderer … man könnte sagen: begriffsklarerer … Tugenden in sich vereint. Die Demut, die Beherrschung, die Bescheidenheit, die Mild- und die Wohltätigkeit gar.”
Ein Lächeln zog über Auricanius’ Lippen.
“Habt ihr schon einmal das Spiel der Tugenden, das an der Universität in Methumis als ‘Curriculum Vitae’ firmiert, ausprobieren können?”
Die Frage schien vornehmlich rhetorischer Natur zu sein, da der Praios-Geweihte gar keine Antwort abwartete. Vielleicht wollte er auch nicht allzu sehr vom eigentlichen Vorschlag Azzos ablenken.
“Aber ja, ihr werft einen durchaus bedenkenswerten Ansatz auf. Zu Stiftungen einzuladen, ohne einen Blick fürs Gesamte zu haben, könnte zu Auswucherungen führen, die der eigentlichen Idee entgegenwirken. Hättet ihr denn ein Interesse daran, einen Wettbewerb, wie er euch vorschwebt, in die Wege zu leiten? Ihn gewissermaßen zu eurer ersten Amtshandlung zu machen?”
Auricanius hielt für einen Moment inne, fuhr dann aber noch fort: “Natürlich unter der Voraussetzung eines wohl angemessenen, aber nicht zu sehr verzögernden Zeitraums. Und vielleicht mit Gonfaloniera Sanjana …” Er warf einen fragenden Seitenblick zu selbigen. “... und meiner eigenen Person als weiteren Juroren, was einen möglichen Siegesentwurf anginge?”
Azzo verneigte sich. Er war sich der Verantwortung und des politischen Risikos bewusst.
Da er in sich den ehrlichen Mittler spürte, antwortete er auf die Frage mit einem überlegten: “So mögen PRAios und INGerimm, TSA und RAHja unseren Ratschlag besegnen. Bis zum ersten Tage des Cassienti - so könnte der Aufruf an die Familien und Zünfte gehen - Eingaben ihrer bevorzugten Tugenden und Darstellung beizubringen; und der abschließende Entwurf sollte am Tag der Volkskunst präsentiert werden. Ein halber Götterlauf stellte keine Verzögerung dar, nicht wahr? Habt Ihr eine ausführende Werkstatt im Sinn, Signore? Den Gallasini, die Korden, den Rahjenhand, eine unserer einheimischen Vertretungen der Künste? Oder schweben Euch eher Skulpturen vor? Eine interazione aus beidem gar?”
Auricanius nickte schon, während Azzo noch sprach.
“Bis zum Tag der Volkskunst wird allemal Zeit sein”, antwortete er dann zunächst auf des Silbertalers erste Frage. “Ihr seht ja den aktuellen Stand der Bauarbeiten … und ein Dach über der Loggia zu haben, bevor wertgeschätzte Kunst einzieht, dünkt mir vorteilhaft.”
Er konnte sich an dieser Stelle ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
“Am Ende sollten sich dabei auch Stücke aus verschiedenen Werkstätten kombinieren lassen, solange das konzeptionelle Grundgerüst steht … und natürlich beachtet wird. Für die Verkörperung der Tugenden habe ich mir jedoch tatsächlich vor allem Skulpturen vorgestellt, weil ein plastischer Ansatz sie gleichsam ‘greifbarer’ machen könnte, falls ihr versteht, was ich meine.”
Der Praios-Geweihte warf den beiden Anwesenden dabei einen fragenden Blick zu, auch wenn er noch etwas hinzuzufügen gedachte.
“Zugleich wäre es aber wohl eine vergeudete Gelegenheit, die beiden entstehenden Wände - unter Berücksichtigung der schon statisch notwendigen Säulen wohl eher vier ‘Fächer’ - nicht auch für Gemälde zu nutzen, die bestenfalls Bezüge zwischen den plastisch hervorstehenden Tugenden herstellen. Was meint ihr?”
“Das hört sich für mich nach sehr guten Vorschlägen an. Wobei ich als Alternative zu Gemälden die Technik des Mosaiks einwerfen möchte als Wandschmuck, zumal diese Kunst in Urbasi eine gewisse Tradition hat”, ergänzte Sanjana den Vorschlag.
“Eine interazione dell’ arte also, die Heitere wird es freuen. Vier Bodenmosaike, Agreppara, Urbasi, Vinsalt und Sikram vielleicht, Relieffriese der Zwölfe zu je dreien gefügt, Frescomalerei als Rahmung der skulpturalen Tugenden. All dies werden die Eingaben zeigen und von uns dreien beschieden.”
Azzo winkte zum Tisch hinüber und forderte die Bediensteten wortlos auf, den Wein zu kredenzen. Eine kleine Geste nur, jedoch mit dem erwünschten Ergebnis. Drei Becher wurden gereicht und erhoben.
“Möge es an diesem Platze für die Fürstliche Gemeinde unter der Anrufung der guten Götter beschlossen und begossen sein: der Tugend eine Zukunft.”
“Ich bin auf die Eingaben gespannt, Priore”, hob Auricanius seinen Becher und griff dann den Trinkspruch Azzos auf, “der Tugend eine Zukunft!”