Briefspiel:Lilienratswahl 1046 BF/Kämmerer
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Die Kandidaten
Zur Wahl stellten sich die Ratsherrinnen Maralita Cortesinio und Tsaida Tribêc.
Rede von Maralita Cortesinio
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Rede von Tsaida Tribêc
Verehrte Mitglieder des Lilienrats,
geschätzte Damen und Herren,
keine Sorge, ich werde Sie nicht mit Zahlen erschlagen. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich Ihnen Abschriften aus den Kassenbüchern austeilen lassen, und Sie hätten die nächsten Minuten weit schweigsamer verbracht.
Nein. Ich möchte vier Einträge loswerden:
Erster Eintrag: Vertrauen.
Ihr kennt mich. Selbst wenn Ihr mich nicht mögt, kennt Ihr mich zumeist wenigstens lange genug, um zu wissen, dass ich meine Arbeit tue. Seit vielen Jahren bin ich Kämmerin dieser Stadt, seit vielen Jahren beaufsichtige ich die Börse und die Kasse Sewamunds, in die Steuern, Geldstrafen, Kurtaxen und Zölle fließen und aus der bezahlt wird, was die Stadt zusammenhält: Wachen, Bauten, Instandsetzungen, Vorräte, Verpflichtungen, Notwendigkeiten.
In all diesen Jahren hat man mir vieles nachsagen können, dass ich streng bin, dass ich zuweilen genau nachfrage, dass ich manche Rechnungen länger ansehe als Gesichter, dass ich bei Ausgaben selten in Verzückung gerate, aber eines hat man mir nicht nachsagen können, dass ich mir an Sewamunds Geld auch nur einen Heller habe zuschulden kommen lassen. Keine verschwundene Münze, kein seltsam leichter Beutel, kein Zoll, der im Nirgendwo versickerte, keine Geldstrafe, die aus Versehen in die falsche Truhe fiel.
Ihr wisst, dass durch meine Hände viele Schlüssel gingen, aber nie einer, den ich nicht haben durfte. Das führt zu meinem
Zweiten Eintrag: Versuchung.
Darüber will ich offen sprechen. Es ist kein Geheimnis, dass ich mit Baron Irion befreundet war, vielleicht inniger, als es politisch klug war. Nun gut. Ich mochte ihn. Tsa bewahre mich vor einem Alter, in dem das nicht angebracht gewesen wäre, ungeachtet seiner späteren Taten. Das wäre kein Zeichen von Weisheit, sondern ein trauriger Verlust an Lebensfreude.
Aber, weder ein schönes Lächeln noch ein wohlgeschnittener Wamsrock, weder Freundschaft noch Zuneigung haben mir je die Hand an Sewamunds Kasse geführt.
Ich konnte einem Freund ein Ohr leihen, ich konnte ein Glas einschenken, ich konnte, bei günstiger Stimmung, sogar mehr Nachsicht im Ton schenken.
Aber niemals die Stadtkasse. Das halte ich für die eigentliche Probe einer Kämmerin: Nicht, wie sie mit Feinden umgeht, sondern ob sie selbst Freunden Grenzen setzt. Wer einem Freund kein Geld schenkt, das ihm nicht gehört, der wird einem Fremden erst recht nichts nachwerfen.
Lasst mich also über Geld sprechen.
Dritter Eintrag: Einnahmen und Ausgaben
Die Kämmerin beaufsichtigt nicht irgendeine Truhe in einem dunklen Zimmer, sie wacht über den Kreislauf der Stadt, Steuern, Zölle, Kurtaxen, Geldstrafen, Einnahmen aus Markt und Handel, Ausgaben für Schutz, Ordnung, Bau, Versorgung und Verwaltung.
Das klingt nach viel Arbeit. Und ja, das ist es auch. Aber eine Stadt bezahlt Deiche nicht mit Begeisterung, sie flickt ihre Mauern nicht mit schönen Worten und Marktbüttel arbeiten, soweit ich weiß, nur höchst ungern für Dankbarkeit allein.
Eine Stadt muss sich erneuern können, sie muss an der rechten Stelle investieren können, sie muss im rechten Augenblick ausgeben können, ohne später zu darben.
Darum erlauben Sie mir diesen Satz: Ein Stadtsäckel ist wie ein gutes Mieder. Zieht man ihn zu locker, fällt alles auseinander, schnürt man ihn zu fest, bekommt niemand mehr Luft.
Eine gute Kämmerin muss wissen, wann sie fester ziehen muss und wann sie lockern darf, ohne dass der Auftritt entgleist.
Ich weiß, wann man sparen muss. Ich weiß, wann Aufschub teuer wird. Ich weiß, wann eine neue Abgabe nötig ist und wann sie der Stadt mehr schadet als nützt. Und ich weiß vor allem, dass Geld nicht dazu da ist, die Eitelkeit einzelner zu füttern, sondern das Gemeinwesen zu tragen.
Vierter Eintrag: Ordnung
Die Kämmerin zählt nicht nur Geld. Sie sorgt auch dafür, dass es ankommt, bewacht und ordentlich erhoben wird. Darum befehligt sie die Marktbüttel, darum ernennt sie Gastherr, Marktherr und den Korporal der Marktbüttel.
Das sind keine Nebenrollen, das sind die Hände, Augen und Stiefel des Amtes. Der Gastherr muss wissen, wie man Einnahmen aus Ausschank und Herberge beaufsichtigt, ohne jedes Wirtshaus wie eine Räuberhöhle zu behandeln. Der Marktherr muss Maß, Waage, Zoll und Handel im Blick behalten, ohne den Markt mit Kleinlichkeit abzuwürgen. Und der Korporal der Marktbüttel muss Ordnung durchsetzen, ohne aus einem schiefen Karrenrad einen Notfall zu machen.
Ich werde diese Ämter nicht nach Gefälligkeit vergeben. Nicht nach Lautstärke. Nicht nach Familiennamen allein. Sondern nach Tauglichkeit.
Darin zeigt sich der Unterschied zwischen einer ehrbaren Kämmerin und einer schlechten:
Die eine sammelt Münzen, die andere baut ein zuverlässiges Gefüge.
Ich kenne Sewamund gut genug, um zu wissen, wer für solche Aufgaben taugt und wer sich nur gern mit Schlüsselbund und Befehlsstimme sehen würde.
Meine Damen und Herren,
ich möchte Ihnen heute keine schillernde Zukunft verkaufen, ich verspreche Ihnen keine goldenen Brunnen und keine Wunder, sondern etwas Schlichtes, und, wie ich finde, etwas Wertvolleres: Bewährung.
Ihr kennt mich, Ihr kennt mein Wesen, Ihr kennt meine Strenge, meinen Blick, meine Geduld und gelegentlich auch meine Ungeduld.
Ihr wisst, dass ich nicht jedem gefalle, aber Ihr wisst auch, dass ich der Stadt gedient habe, ohne mich an ihr zu bedienen.
Darum bitte ich Sie um Ihre Stimme.
Ergebnis
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