Briefspiel:Albornsburg/Ein Treffen im Palazzo Modesto
| ||||||||||
Ein Treffen im Palazzo Modesto
Mitte Rahja 1047 BF, im Palazzo Modesto des Hauses Urbet in Urbasi
Autoren: Gonfaloniere, Rhutkles
|
Schauplatz des Treffens: der Palazzo Modesto in der Oberstadt Magistralia |
Auricanius' Blick war auf den Obelisken fixiert, während er wartete. Der im leichten Dunst irgendwie urtümlich wirkende Palazzo Silbertaler dahinter verschwamm zur Kulisse, obschon dort gerade sein eigentliches Interesse lag. Solange sein entsandter Bote darin verschwunden war und keine Bewegung auf eine Rückkehr hindeutete, blieb ihm aber ohnehin nichts anderes übrig, als zu warten.
Die beiden Obelisken auf dem Palioplatz, der vordere, derzeit fixierte, wie auch sein weiter nördlich stehender Zwilling, waren ein weiteres Mysterium der Silberstadt, wenn er es recht bedachte. Rund um ihre Errichtung in der Regentschaft der Berater gab es erstaunlich wenige Quellen. Angeblich sollen in ihnen Relikte einer noch älteren Zeit verbaut worden sein. Warum das so war – oder auch warum sie überhaupt auf dem Palioplatz standen, vor allem beim alljährlichen Wettschießen der Nachbarschaften selbst zum Teil der Kulisse wurden – schien in Urbasi niemand mehr zu hinterfragen. Sie waren einfach da … als stumme Zeugen in einer geschäftigen Stadt.
Beim letzten Gedanken ließ der Praios-Geweihte seinen Blick einmal zurück ins Innere des Saals schweifen, zur gerade auch sehr stummen 'Zeugin', die wie er auf Vollzug seiner Botenmission in den Palazzo wartete. Die Idee, den ersten Priore iuris Urbasis in ihre Pläne einzubinden, war ihm, dem Baron gekommen. Seine entfernte Kusine hatte jedoch zugestimmt … zu warten, ob sich ein spontanes Treffen vereinbaren ließ. Anders als er wartete sie jedoch nicht direkt an den großen Fenstern des Saals, die zum Rahja-Tempel und Palioplatz ausgerichtet waren, sondern in den Schatten des hinteren Teils des Saals. Wie es eher ihrem Naturell entsprach …
Dann sah Auricanius aus dem Augenwinkel eine Bewegung direkt am Portal des Palazzo Silbertaler. Tatsächlich war es sein entsandter Bote, der wieder auf den Platz mit den Obelisken trat. Er machte gegenüber jemandem hinter ihm noch eine leichte Verbeugung, dann drehte er sich auch zu ihm – zu Auricanius – um und gab das verabredete Zeichen.
„Er kommt“, sprach der Praios-Geweihte halb zu sich selbst, halb zur 'stummen Zeugin'.
„Gut“, erwiderte diese.
Der Bote war nicht weit in den Palazzo Silbertaler eingedrungen, wo er sich mit seinem ungewöhnlichen Anliegen dem Regime der kleinwüchsigen, ältlichen Secretaria unterwerfen musste, die sich nur ob des Ranges des Herren dazu durchrang, in den Turm hinabzusteigen, um die carta di invito zu überbringen.
Der Adressierte hatte einen Blick von dem Kärtchen auf die Papierbögen geworfen, sodann die Feder vom Tuscheblock benommen, Sand vom letzten Blatt rinnen lassen und die Manschetten vom Umhang gestreift.
‘Was die Jugend so alles “urgente” heißt. Doch stocke ich erneut an den immer gleichen capitoli’, hatte der Alte gedacht, indem er einen Blick auf die dutzenden Pergamentrollen und den fein säuberlichen Stapel Papierbögen geworfen hatte, bevor das Licht verloschen war.
Er hatte, auf den Gehstock gestützt, die Stufen erklommen, ihm war in den leichten Überwurf geholfen worden und er hatte den Einwurf der Secretaria, das formale Vorgehen betreffend, beiseite gewischt.
‘Gnade dem Praioten, wenn es nicht “urgente” sei. Doch selbst in diesem Fall würde dieser sich anhören müssen …’
Der Hausherr hatte seinen Bediensteten Anweisung gegeben, einfach nur zu läuten, wenn der erwartete Gast eintreffen sollte. Dies hatten sie gerade getan. Kurz darauf vernahm er langsame Schritte, die die das letzte Halbgeschoss bis zum Saal überbrückende Treppe erklommen. Auricanius öffnete selbst das Saalportal, allerdings nur so weit, dass einem einzelnen Gast bequemer Zutritt möglich war. In der angelehnten Tür machte er vor dem Gransignor des Rechtswesens der Fürstlichen Gemeinde sodann eine ehrerbietige Verbeugung und gab ihm ein Zeichen einzutreten. Erst als nun seine Bediensteten hinter ihnen das Portal wieder verschlossen hatten, begrüßte er den Neuankömmling auch mit Worten.
„Signor Danilo, seid meines tiefsten Danks schon dafür versichert, dass ihr meiner Einladung so schnell nachkommen konntet. Ebenso dafür, dass ihr diesen unzeremoniellen Empfang auf euch nehmt. Wir …“
Auricanius schien das 'wir' ganz selbstverständlich zu gebrauchen, jedoch nicht im 'pluralis majestatis' zu sprechen.
„… sehen jedoch berechtigten Grund zur Eile, weil sich gerade ein lange verstecktes Haupt wieder erhoben hat, das in unserer Gemeinde schon mehrfach eine Spur der Zerstörung hinterließ. Und nicht nur das … es scheint zudem nun gemeinsame Sache zu machen mit einem anderen Haupt, das zu entlarven mir euer Sohn in Vinsalt vor einigen Götterläufen half.“
Mit dieser kurzen Begrüßung hatte der Geweihte seinem Gast an sich schon mehr Informationen gegeben, als dieser bisher zum anberaumten Treffen erhalten hatte. Die 'stumme Zeugin', von der Danilo noch gar nichts wusste, hielt sich indes weiter im Hintergrund, beobachtete das Verhalten der einzigen anderen beiden Anwesenden im Saal jedoch sehr genau.
Mühsamen Schrittes, doch aufrecht wie die Obelisken, trat er nun in den von den Rahjastrahlen erleuchteten wie beschatteten Saal des Palazzo Modesto. Mit tiefer, aber an brüchiges Pergament erinnernder Stimme erwiderte Danilo Silbertaler die Begrüßung nach einer kurzen Pause, in der er zwar höchst angeregt die Eröffnung verarbeitete und sich dennoch entschied, den auf dem Weg hierher vorbereiteten Einwurf anzubringen.
Er neigte das Haupt, so tief er es noch vollbrachte, und warf dem Baron einen mahnenden Blick zu. “PRAios mit Euch, Signore Praetor. Unzeremoniell, in der Tat unzeremoniell”, deklamierte er und hob die altersfleckige, große Hand mit den langen Fingern wie tadelnd. “... doch importanten Dringlichkeiten gehorchen die einfachen Diener des Herrn ohne Verzug”, schloss er die Hand und ließ sie hernieder fahren. “Ergo, Signore, mein Ratschlag ist der Eurige zum ewigen Wohle unserer …” Eine Betonung, die das Haus Urbet einschloss. “... cività. Legt Eure causa dar - am liebsten bei einem heißen Tee von Salbei oder Fenchel!”
Am Stock schritt er langsam an Auricanius vorbei. Sein Geist wälzte derweil weiter dessen Worte.
Während Danilo an ihm vorbei weiter in den Saal trat, öffnete Auricanius noch einmal das Portal und gab einem wohl dahinter wartenden Bediensteten Anweisung.
“Ihr sollt bekommen, wonach ihr verlangt, Signor”, erwiderte er dann dem älteren Herrn, nachdem die Saaltür wieder verschlossen war. “Was Erfrischung wie auch Informationen angeht.”
Entschlossen folgte er seinem Gast an die nordöstliche Fensterfront, zu der dieser sich zunächst gewandt hatte. Das Licht spielte hier ob der teilweise eingefärbten Glasscheiben, die es durchbrach, sein ganz eigenes Spiel.
“Ihr habt sicherlich von der Verhaftung des Kroncastellans der Albornsburg vor einigen Tagen gehört”, setzte er zu einer Erklärung an. “Vielleicht habt ihr mit den Tauben aus der Hauptstadt auch bereits erfahren, welch geballter Anklage er sich nun wohl zu stellen hat.”
Auricanius machte eine kurze Pause.
“Dies ist eine bemerkenswerte Entwicklung, gerade ob der kolportierten Reichstreue des Angeklagten, die aber … selbstverständlich … für sich genommen erstmal wenig mit unserer Gemeinde zu tun hat. Zurecht mögt ihr euch fragen, was das auch mich anginge … oder meinen weiteren Gast …”
Dabei machte er eine Geste in die dunkleren Schatten des Saals, wo sich die Silhouette einer in ein eng anliegendes, schwarzes Kleid gewandeten Dame abzeichnete.
“Nun …”
Er machte eine weitere kurze Pause, während der er sich wohl eine Formulierung zurechtlegte.
“Es waren Parteigänger meines Gastes, die beobachtet haben, dass das Haupt, dessen Machenschaften nicht nur meine Familie seit nun schon dreizehn Jahren malträtieren, sich erst wenige Tage vor der Verhaftung des Castellans wieder erhoben hat. Bei einem heimlichen Besuch der Albornsburg zudem - einer Infiltration, wenn man so will.”
An dieser Stelle wartete der Geweihte erstmal auf eine Reaktion seines Gegenübers.
Im bunten Lichte der Scheiben stehend, konnte der alte Advocat und Richter im dunkleren Teil des Raumes kaum so viel erkennen, wie sein Stock reichte. Er gab sich jedoch nicht die Blöße, die Augen zusammen zu kneifen und zu spähen.
Beruhigend hob er vielmehr erneut die Hand und sprach leiser werdend: “Beim Herrn des Lichts, Ihr seid beinahe außer Euch. Zwar meine ich die segnende Geste der Allweisen noch auf meinen Haupte zu spüren, doch gewisslich mochte auch ein jüngerer Intellekt nicht zu folgen, von welchen Häuptern Ihr zum zweiten Male sprecht, da der Unholde Zahl gar überreichlich ist.”
Er ließ die Hand sinken und machte eine einladende Geste ins Dunkel. “Ecco, Signore, bevor ich eingestehe oder dementiere, was meine Augen an Schrift von meines Sohnes Hand erreicht haben möge oder auch nicht: Bei Urischar, ein Teil der Ordnung folge der anderen. Lasst uns den Prinzipien unserer Erziehung Tribut zollen. Ich bitte Euch, Euren weiteren Visitor zu introduzieren.” Er verneigte sich leicht gegen die Schatten.
Auricanius war sich seiner leicht erregten Stimmlage beim Bericht Danilo gegenüber gar nicht bewusst gewesen. So atmete er nach der Ermahnung des Älteren erstmal tief durch. Kein anderes Thema als dieses, kein anderes Haupt als ihres vermochte ihn freilich mehr zur Rage zu bringen.
“Verzeiht, Signor”, sprach er dann ruhig weiter. “Ihr habt Recht, natürlich. Euer Empfang war schon … unzeremoniell genug, doch müssen wir deshalb nicht einfach so fortfahren. Es ist die Comtessa Sarissa von Marvinko, die ich schon vor euch empfangen … durfte. Und die …”
“Die Zwölfe zum Gruße, Signor”, schnitt ihm die Höhergestellte das Wort ab. “Ich erinnere mich, euch bei der feierlichen Eröffnung des Hesinde-Tempels und der Expediasi vor … bald drei … Götterläufen gesehen zu haben.”
Ihre Stimme klang fast ein wenig lauernd, während sie für einen Moment ins bunte Licht der Saalfenster trat und den hinzugekommenen Gast offen abschätzend musterte.
Nun kniff der Alte die katzengrünen Augen doch zusammen und verneigte sich trotz Krücke, von jahrzwölftelanger Etikette getrieben, tief vor der Vertreterin des Comitats und ihres Vaters. Beides diente der Höflichkeit und zugleich dazu, einem anderen Impuls zu folgen, den im Angesicht einer Vertreterin berüchtigten Kinderschrecks. Denn allzu offen waren die Gerüchte und allzu präsent die Umstände der angesprochenen Ereignisse und der daran hängenden Erinnerungen.
Als er das Gesicht mit dem beredten Wunsch auf den dünnen Lippen “Comtessa, mögen die Götter Eure Wege stets begleiten.” wieder hob, wirkte es noch älter als zuvor, den Eindruck von Harmlosigkeit vermittelnd. Das Glitzern des Grüns war verschwunden, als er ihr geradewegs in die blassblauen Augen schaute. “Ihr schmeichelt, Euch an mich zu erinnern. Hin und wieder wird ein alter Mann nach Rat gefragt und gebeten, die Fürstliche Gemeinde, deren Verfasstheit er zu einem winzigen Teil begründen durfte, zu präsentieren.”
‘Ihr hingegen bedürft keiner Schmeicheleien und Lobreden’, dachte er bei sich und dann waren seine Gedanken versiegelt, wie es der Vorvorgänger des Gastgebers ihn vor gefühlten Ewigkeiten gelehrt hatte.
Er wankte leicht, hieb wie trotzig das silberbeschlagene Ende auf den hübsch gelegten Holzboden und fasste sich.
“Sobald der Horasthron Anklage erhebt, ist die causa iudizieret, wie Ihr sehr wohl aus eigener Erfahrung wisst, Hochwürden. Denn welcher Leumund stünde in dieser Sphäre über dem Horas? Hingegen - und da berühren wir interessantes punctum - erscheint nicht nur die Anklage derart umfassend wie nur rare Präzedenzen, auch eine Inkonsequenz ist darin verhaftet, inkurrierend geradezu. Wenn, davon abgesehen, Ihr Zeugen benennen könnt - wenngleich intrikat - dass Machenschaften Dritter den Fall des Kroncastellans herbeiführten, sodann will ich Euch gerne raten. Denn die Feinde der Interessen unserer Fürstlichen Gemeinde finden stets Gegnerschaft an diesem Platz.”
Er deutete aus dem Fenster, sein Eröffnungsplädoyer beendend. Seine Hand zitterte vom Alter und er schaute sich nach einem Sitzmöbel um, entdeckte dieses und bewegte sich langsam darauf zu, den beiden absichtlich den Rücken zuwendend, damit die Höhergestellten ihre Meinung unbeobachtet austauschen können.
“Wollen die Comtessa und der Baron mir nun die Häupter offenbaren?”
Von den Danilo nächsten Sitzmöbeln nahm Auricanius das dem Licht zugewandtere, Sarissa hingegen das mehr im Schatten liegende, um neben ihm Platz zu nehmen.
“Ihr habt es wahrscheinlich längst erraten”, antwortete Auricanius, “doch nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es war Thespia, die von den … Parteigänger…innen der Comtessa beim Eindringen in die Albornsburg beobachtet wurde. Das ist nun schon einige Tage her, wie mir auch heute erst …” Er warf einen Blick zur Comtessa. “… berichtet wurde. Die Erzschurkin hat ihr Haupt wahrlich nicht zum ersten Mal wieder erhoben, doch pflegt die Partei der Comtessa sie in solchen Fällen wohl häufiger nur im Auge zu behalten … alter Verbundenheit wegen, wie ich annehmen muss.”
Dass er diesen abwartenden Umgang mit Thespia nicht guthieß, konnte man zwischen den Zeilen heraushören. Sarissa reagierte jedoch nicht auf die kleine Spitze des Barons.
“Interessanterweise wurde sie danach weiter beobachtet … und es kam wohl zu einem Treffen mit einer weiteren Person aus dem Vinsalter Umland, die zum Gefolge des ehemaligen Barons von Ucurino zu zählen ist. Das war den Parteigängerinnen der Comtessa …” Wieder blickte er zu Sarissa. “… gleichwohl nicht umgehend klar, weshalb sie erstmal Nachforschungen anstellten. Ich konnte diese Verbindung zum verurteilten Ketzer jedoch bestätigen, als mir nun heute davon berichtet wurde. Angesichts der inzwischen erfolgten Verhaftung und Klageerhebung gegen den Kroncastellan können wir …” Er sprach wohl wieder nicht nur von seiner eigenen Person. “… bei alledem gerade nicht mehr an Zufälle glauben.”
Nachdem er seine Ausführungen offensichtlich erstmal für beendet hielt, sah er noch einmal zur Comtessa. Diese machte allerdings keine Anstalten, ergänzende Erklärungen abzugeben.
Danilo, anfänglich noch gerade mit beiden knöchernen Pranken auf den Gehstock gestützt, erbleichte zusehends, und der Rücken beugte sich, während feinste enge Schrift, Papierstapel, Pergamentrollen und ein Aktenverschluss in einer sehr dunklen Kammer durch seinen Geist fegten. Er straffte sich und bat mit krächzender Stimme erneut um Tee oder etwas näher Greifbares zu trinken, vor allem um Zeit zu gewinnen, seine rasenden Gedanken zu sortieren, was schrecklicherweise gelang.
In diesem Moment läutete es auch schon wieder von außerhalb des Saals. Auricanius erhob sich, ging zur bekannten Saaltür und nahm dort ein kleines Tablett entgegen. Darauf befand sich der erbetene Tee, von dem der Geweihte dann auch eine Tasse vor seinem älteren Gast abstellte.
Dieser lehnte den Silberknauf an die Lehne und entnahm mit zitternden Fingern dem Wams ein winziges Etui und diesem eine Pille, die er sich in die Wange schob, alles wieder verstaute, das Dargebotene mit beiden Händen umfasste und trank.
Wieder unter sich antwortete er: “Mir sind nicht alle Zusammenhänge geläufig und über manches habe ich Schweigen geschworen. Ihr vermutet recht, dass ich Kenntnis habe von den Tätigkeiten Alessandros und - so mutmaße ich jedenfalls - auch Simis. Keine Dinge, die man innerhalb einer famiglia wie der meinen im Rat bespricht. Wenn nun die amtsanmaßende Mörderin - und wer weiß, was noch ...” Er blickte von Auricanius zu Sarissa und zurück. “... und die göttervergessenen Ketzer zu einem Bund gehören oder ein Bündnis geschlossen haben und - ich betone - es sich nicht um eine Parallelität, sondern um eine Kausalität handelt, dann könnte im schlimmsten Falle ein Teil der Kronanwaltschaft zum - in dubio mitius - Instrument dieser Machenschaften geworden sein.”
Er trank von dem dampfenden Tee.
“Darf ich davon ausgehen, dass der Leumund Eurer Parteigängerinnen nicht offenbart werden kann?”, wendete er seine abschließende, eher rhetorische Frage an die Comtessa.
Sarissa zog bei der ‘Frage’ eine Augenbraue hoch, sah dann aber wieder Auricanius an.
“Sie werden eher nicht als Zeuginnen vor einem Krongericht erscheinen”, erwiderte der Geweihte. “Wie überhaupt dieses mir von meiner … entfernten … Kusine offenbarte Wissen sich in einem Prozess wahrscheinlich schlecht wird nutzen lassen. Aber darum geht es uns natürlich auch gar nicht. Cavalliere Verian ist nicht unser Alliierter, sein weiteres Schicksal in dieser Sache vielleicht nur eine Randnotiz.”
Auricanius nippte selbst an einem weiteren Tee.
“Unser Interesse an der ganzen Rechtsangelegenheit ist allein dem Verdacht geschuldet, dass unsere erklärten Feinde darin involviert sein könnten. Und wir wollen … müssen wissen, warum. Deshalb haben wir euch eingeladen. Weil wir glauben, dass uns eine Vereitelung, vielleicht auch nur Verzögerung des so überragend schnell aus dem Himmel gefallenen Prozesses Gelegenheit geben könnte, Hintergründe aufzudecken und zu verstehen.”
Er machte eine weitere kurze Pause.
“Euer Sohn hat mir schon bei meinem Ketzereiprozess gegen Baron Sumudan damals unerdenkliche Dienste geleistet. Doch ihn direkt im Prozess in Stellung zu bringen, könnte mehr als gefährlich sein, ganz unabhängig von seiner juristischen Expertise. Meine Kusine Istirde, die letzte Priora iuris, befindet sich derzeit auch in der Hauptstadt, doch sie offen zu involvieren dürfte die Gegenseite nur noch schneller Verdacht schöpfen lassen, dass ihr jemand auf der Spur ist. Selbst der Bruder der Comtessa …”
Auricanius sah zu Sarissa.
“… darf sich dahingehend nicht offen als am Ausgang des Prozesses interessiert zeigen, obwohl er in gewisse Nachforschungen bereits eingeweiht wurde. Es kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass in der ganzen Sache noch hinter dem Kronanwalt möglicherweise auch Interessen anderer Mitglieder des Kronrats berührt werden. Und in dieser - gerade auch rhetorisch so angespannten - Zeit sollten wir wissen, in welches Wespennest wir stoßen, bevor wir es tun.”
Der praiosgeweihte Baron atmete erstmal tief durch und hoffte, sein Gegenüber mit all diesen Verwicklungen nicht schon zu sehr verwirrt - oder schlimmer noch: verängstigt - zu haben.
Danilo seufzte und stellte den Tee auf das Beistelltischchen.
“Verstehe. Und da seid Ihr auf mich verfallen, einen für seine langatmigen Vorträge und Berichtserfüllungsbitten und Revisionsanträge - übrigens zu Unrecht aus dem repertorio verschwunden - Ihr ahnt nicht einmal, wie erfolgreich das Einschläfern und Zermürben der Gegenseite sein kann … Ecco, auf mich also verfallen, den bekannten Redekünstler mittelmäßiger Reputatio, mit den geringsten Verbindungen in die Metropole und - entbehrlich.”
Mahnend hob er den langen, dürren Zeigefinger, als der Hochgeweihte in die kleine gestellte Pause erwidern wollte.
“No, no. Leugnet nicht, Signore. Auch nicht aus Mitleid oder Höflichkeit. Lauscht dem alten Falken mit dem mausrigen Gefieder. Ihr wisst die Klaviatur des Cembalo gewisslich zu spielen und wisst genau, dass …” Er hob den Finger etwas höher. “... meine Eitelkeit, gegen den Kronanwalt anzutreten, …” Der mittlere Finger, noch krümmer als der erste, gesellte sich hinzu. “... und meine Göttertreue …” Er ließ ergeben die Hand sinken. “... mich zwingen, unserer Sache zu Diensten zu sein.”
Er wechselte in einen sinnierenden Tonfall.
“Das Consortium hat doch bei diesen d'Antara Schiffe bestellt. Diese Kleinigkeit kann die Tür zum Interesse Urbasis öffnen, denn eine Insolvenz dieser Werft wäre ja nicht in unserem Interesse. Ja, ja, das klingt für die Harmlosen doch ganz überzeugend. Ich werde den Raloff, den Secretarius, mitnehmen, um es glaubhafter zu machen. Im eigenen Interesse als Nebenpartei oder als Verteidigung? Ich denke, als Verteidigung ist überzeugender. Zu viel Augenmerk darf hingegen nicht auf Urbasi fallen, falls der Tollkühne sich doch als Verräter entpuppt. Denn auch dies ist eine possibilità. Was also erhofft und erbittet Ihr von mir, Hochwürden, Comtessa?”
Er nahm mit beiden Händen die Tasse wieder an sich und trank in kleinen Zügen.
Auricanius sah Sarissa für einen Moment an, bevor er sich an Danilo wandte.
“Wir erhoffen uns, dass ihr … natürlich vor allem wegen eurer hervorragenden Reputatio …” Er nickte dem Älteren anerkennend zu. “… den Kroncastellan überzeugen könnt, die Verteidigung für ihn zu übernehmen. Er mag misstrauisch sein, aus welchem Grund ihr dies tut, doch mögliche Argumente dafür habt ihr soeben schon genannt … und sollte ihn dies nicht überzeugen, könntet ihr euch natürlich auch einen Gefallen für die Zukunft erbeten, vom Patriziat Urbasis an den Vertreter der Krone vor den eigenen Toren gewissermaßen …”
Er machte wieder eine kurze Pause.
“Sollte der Cavalliere dieses Angebot annehmen, wäret ihr wahrscheinlich auch in allerbester Lage, seine eigene Verstrickung in diese Geschichte zu beurteilen. Um keine possibilità …” Der Geweihte griff bewusst Danilos Formulierung auf. “… in dieser schon jetzt Wellen schlagenden Affäre außer Acht zu lassen.”
Auricanius räusperte sich betont.
“Natürlich erwarten wir nicht, dass ihr ein etwaiges Mandantenverhältnis darüber missachtet. Ihr seid zuvorderst Advocat … und wisst, was ich meine.”
“Ihr würdet euch mit eurem Sohn schon verständigen können, hoffen wir”, ergänzte die Comtessa plötzlich, nur um ihre Worte sogleich wieder rar zu machen.
Auricanius nickte zustimmend.
“Darüber hinaus hoffen wir, dass gerade eure unbefleckte Reputatio etwaiges Misstrauen der Gegenseite gar nicht erst wird aufkommen lassen. Dass der Kroncastellan sich für diesen Prozess, der letztlich über sein Leben und Andenken entscheiden kann, an einen Juristen eures Formats wendet, sollte doch für durchaus plausibel gehalten werden können.”
Der Praios-Geweihte nickte dem Älteren dabei nochmal respektvoll zu.
Danilo, gelegentlichen Schmeicheleien durchaus zugänglich, bedachte die Worte, allen Inhalt, der beiden mit einem langsamen Nicken.
“Ein etwaiges Quid pro quo mit ihm sollte sich hingegen in responsiblem Rahmen bewegen. Der Kroncastellan soll festgesetzt sein. Auf der Albornsburg selbst? Das wäre keine lange Reise. Ich bitte die Deraccinis um Übermittlung und lasse die Banca Depesche nach Efferdas senden. Oder verfügt Ihr über andere Informationen?”
Die Tasse wurde geleert und fand ihren Platz zitternd auf dem Tischchen.
“Soweit wir wissen, ist der Kroncastellan direkt zu seinem Familiensitz Valbeno ins Vinsalter Umland gebracht worden, wo er unter Hausarrest steht”, antwortete Auricanius mit einem leichten Seufzen. Dass zur Kontaktaufnahme mit ihm eine nicht zu vernachlässigende Reise unternommen werden musste, zumal eine sehr spontane, ließ er unausgesprochen, obschon er ein wenig fürchtete, dass dies an der Bereitschaft Danilos, sich überhaupt auf das Unterfangen einzulassen, noch etwas ändern könnte. Er hoffte sehr, dass vor allem die Aussicht auf einen Prozess gegen den Kronanwalt am Ende verlockend genug war.
“Valbeno? War der Stammsitz der di Cerranos nicht Cerrano? Vinsalter Umland?”
Danilo runzelte die Falten noch weiter, im bunten Licht tanzenden Staub betrachtend. Müde blickte er auf.
“In der Sommerhitze eine Eilfahrt? Von wenigstens zwei, eher drei Tagen? Comtessa, Signore, ist Euch mein Alter gewahr? Was nütze ich Euch dem Dunklen näher als dem Leben? No. Wir werden Depesche senden und rappresentanti sprechen lassen, um eine angemessene Zusammenkunft zu erreichen. In frühestens hesindegefälligen sechs Tagen kann ich in diesem Valbeno sein, auch ein kurzer Aufenthalt in Vinsalt selbst ist von Notwendigkeit. Die Tage um Santa Valiana werden für die Vorbereitung reichen müssen. Das Schreiben zur legitimen Erwiderung, die Benennung und Informationen der Leumundszeugen, all dies muss in die Wege geleitet werden. In meiner Depesche werde ich dem Tollkühnen raten, nicht selbst zu erwidern und seine Treuen zu unterrichten, sich bereit zu halten. Mehr kann ich nicht bieten”, fasste er sachlich, ohne Bedauern zusammen.
“Gibt es Freunde des Angeklagten hier, die als Begleitung in Frage kommen?”
Er legte die Hände auf den Knien zusammen.
Auricanius blickte Danilo etwas unglücklich an, ob der diesem nun aufgebürdeten Strapazen wohl vor allem.
“Die di Cerranos haben ihren Sitz in Valbeno, was aber nur ein neuer Name für Cerrano ist, wie es scheint.”
Er machte eine kurze Pause.
“Über gute Beziehungen zur Familie des Kroncastellans scheint hier in der Fürstlichen Gemeinde ansonsten vor allem die Familie Solivino zu verfügen. Vielleicht wollt ihr euch da erkundigen, ob euch jemand begleiten mag. Ich kann aber auch mit Monsignore Rahjalin sprechen, wenn euch das helfen sollte. Ein Begleiter, ein Leumund gewissermaßen, aus der Familie Solivino könnte gerade dem Castellan gegenüber tatsächlich noch zusätzlich hilfreich sein. An diese Möglichkeit hatte ich bisher nicht einmal gedacht.”
Er nickte dem Älteren anerkennend zu.
“Ich würde auch meine Angehörigen und Delegierten in der Hauptstadt instruieren, euch bei Bedarf behilflich zu sein, obschon eine nicht allzu öffentliche Kontaktaufnahme da wohl angemessen wäre, um die Gegenseite nicht zu alarmieren. Die Comtessa …” Er blickte wieder zu Sarissa. “… hat weitere … Parteigängerinnen in Vinsalt platziert, die allerdings ihren eigenen Nachforschungen nachgehen werden, wie ich gehört habe.”
Sarissa ließ sich dazu nur zu einem bestätigenden Nicken hinreißen.
“Habt ihr eventuell Bedarf an guten Kutschpferden, Signor?”, sprach Auricanius Danilo wieder direkt an. “Ob meiner doch allzu regelmäßigen Reisen verfüge ich inzwischen über mehrere gute Gespanne, glaube ich. Und ich kann mir innerhalb von ein oder zwei Tagen ein weiteres aus Urbet bringen lassen.”
Danilo folgte dem Blickwechsel zwischen den beiden und erwiderte: “Habt Dank für die Angebote, doch Eure Pferde und Eure Kutsche zu nutzen, würde dem Sinn der Verborgenheit direkter Interessen Eurerseits zuwiderlaufen, fürchte ich. Die Solivino wiederum verfügen über entsprechende Equipagen. Wenn Ihr mit dem Patriarchen Kontakt zu derartiger Unterstützung sowie zur Eruierung eines Leumunds aufnehmen wolltet, wäre dies Eurem Anliegen hilfreich. Den Leumund wünsche ich in der Folge selbst einzuladen und vorzubereiten. Vor Gericht habe ich sie allzu oft mehr Schaden als Nutzen bringen sehen.”
Er richtete sich wieder etwas gerade auf.
“Ich erkenne Euer ‘urgente’ als wohlberechtigt an, Signore, Comtessa”, neigte er das Haupt leicht zu beiden. "Hingegen ist an diesem Tische eines noch unangesprochen: das quid pro quo zwischen uns. Denn ein nicht unerheblicher Gefallen bleibt es trotz Eitelkeit und Treue. Und nicht ohne pericolo für meine Familie, will ich betonen.”
“Ich werde mit Monsignor Rahjalin sprechen”, erwiderte Auricanius, “da er mir näher steht. Aber er wird das Ohr seines Bruders, des Priores, haben, denke ich.”
Er sah dabei kurz zum Fenster hinaus, zum unmittelbar benachbarten Rahja-Tempel wohl.
“Was die Gefahr angeht, die ihr ansprecht, will ich indes nichts beschönigen. Ihr seid hier absolut im Recht, auch in eurer Einschätzung, dass dies ein überaus großer Gefallen ist, den wir von euch erbitten.”
Der Praios-Geweihte räusperte sich kurz, was der Comtessa erlaubte, an seiner Stelle sehr direkt zu fragen: “Habt ihr eine Möglichkeit im Sinn, wie wir uns dafür revanchieren können, Signor?”
Das Erwägen war kurz.
“Ich bürge vor den Göttern für die Ehrenhaftigkeit meines Neffen und trete den - in Euren Worten - großen Gefallen an ihn und seine Linie ab. Er wird den Hintergrund nicht erfahren und nicht in mich dringen, sondern sich in ähnlich schwerwiegendem Falle von gemeinsamen, nicht widerstreitenden Interessen an Euch, Signore, oder Eure Kinder wenden können. Für mich selbst erbitte ich Geringeres: eine Unterredung mit Euch, Comtessa, sub rosa.”
Er ließ seine Worte im Raum stehen; griff sodann mit bebender Hand nach dem Silberknauf und stützte sich auf den Stock, um sich aufzurichten. Die Knochen knackten hörbar. Doch als er die Rechte erst gen Alveran hob, sein Herz berührte und diese dem Turaniter entgegenstreckte, war sein Blick von jahrhundertealter Ehre erfüllt, wie man sie nicht in einem Leben erlernen konnte.
Der Baron erhob sich mit dem einstigen Priore iuris Urbasis, reichte ihm die Hand und bekräftigte: “So sei es.”
Er sah kurz zur Comtessa, die sich als letzte erhob, und fuhr dann fort: “Wenn ihr erlaubt, Signor, Comtessa, werde ich direkt erste Vorbereitungen in die Wege leiten.”
Er verbeugte sich vor den beiden und verließ den Saal.
“Wohlan, Signor, sprecht”, forderte Sarissa Danilo dann ohne weitere Umschweife auf.
Danilo räusperte sich einmal, richtete seine Worte dann aber mit leicht gestärkter Stimme an die Comtessa. Er schaute ihr wieder unverwandt in die Augen. Hier ergab sich eine Gelegenheit, eine Möglichkeit, die Pein seiner Seele auszubrennen.
“Comtessa Sarissa, ich bin ein alter Mann, famiglia, cività und verità verpflichtet. Ich sehe der Zukunft aller drei frohen Mutes entgegen, doch Kümmernisse der Vergangenheit beschweren mein schwaches Herz. Die politischen Andeutungen des Praetors, sie reichen nicht. Die genannten Namen, sie dräuen in der Gegenwart, doch waren sie auch allzu sehr bekannt in einer Zeit, die Signore Auricanius anfangs ansprach. Falls Ihr Kenntnis habt von den Umständen des Todes meiner geliebten Schwester, so bitte ich Euch als einfacher Mann, löst meinen Schmerz - wenn nicht hier und heute oder aus Vorsicht, so doch mit dem Versprechen, es einst meinem Sohne zu offenbaren.”
Sarissa sah Danilo für einen Moment fragend an, erinnerte sich dann aber an ein Detail, das ihr Auricanius noch vor der an den älteren Signor ergangenen Einladung mit als Argument für seine Einbindung genannt hatte.
“Ihr meint den Tod der Monsignora Ingerimms?”, vergewisserte sie sich mehr der Form halber. Als sie Danilo nicken sah, fuhr sie fort. “Ich kann euch keine letztendliche Gewissheit zu ihren Todesumständen geben, Signor, so sehr ich es auch wollte.”
Sie verharrte für einen Moment, als müsse sie etwaige Vor- und Nachteile ihrer nächsten Enthüllung abwägen, sprach dann aber weiter …
“Was ich euch sagen kann, Signor, ist, dass die vom rechten Pfad Abgekommene, deren Spur wir nun wieder aufgenommen haben, damals jedenfalls in dieser Stadt in mehr Ereignisse als nur die sogenannte Feuernacht verwickelt war. Es gelang ihr damals eine alte Schwester, eine Vorgängerin meiner selbst, zu täuschen und für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ihre Scharade täuschte damals selbst die Kirchen. Und sie hatte ein Interesse an Geheimnissen, die möglicherweise noch immer tief unter dieser Stadt begraben liegen.”
Danilo erbleichte, als sein Verstand die Bruchstücke, denen er seit über zehn Götterläufen folgte, zusammensetzte …