Briefspiel:Lilienratswahl 1046 BF/Kanzler
| ||||||||||
Die Kandidaten
Zur Wahl stellten sich die Ratsmitglieder Rahjane Vistelli und Khadan II. Degano.
Rede von Rahjane Vistelli
"Verehrte Mitglieder des Lilienrats,
geschätzte Damen und Herren,
ich habe mir vorgenommen, heute nicht lang um die Sache herumzureden. Also sage ich gleich am Anfang, ich will dieses Amt, ich will Kanzlerin von Sewamund werden. Nicht irgendwann, nicht vielleicht, nicht, wenn es niemanden Besseren gibt, sondern jetzt.
Ich weiß, man soll so etwas eigentlich eleganter sagen, bescheidener. Man soll lächeln und murmeln, man stünde „mit Demut zur Verfügung“ und werde „im Dienst der Stadt“ selbstverständlich jedes Votum hinnehmen. Nun, natürlich werde ich jedes Votum hinnehmen. Was bliebe mir anderes übrig?
Aber Demut ist heute nicht der Grund, warum ich hier stehe, Ehrgeiz ist es. Pflicht auch. Vielleicht, wenn ich ganz offen bin, ein klein wenig Müdigkeit darüber, immer wieder zuzusehen, wie andere ein Amt nach dem anderen an sich ziehen.
Ich bin hier, um gewählt zu werden.
Denn die Kanzlerin leitet die städtische Kanzlei. Sie steht der Stadtverwaltung vor. Sie führt nicht einfach nur Protokoll, sondern sie sorgt dafür, dass aus Beschlüssen Wirklichkeit wird. Sie siegelt die Entscheidungen des Lilienrats mit dem Stadtsiegel. Und sie ernennt Holzherr, Siegelherr und Matrikelherr.
Das ist kein Amt für Menschen, die nur Titel hübsch finden, das ist kein Amt für Leute, die glauben, Verwaltung sei etwas, das sich von selbst erledigt, solange nur irgendwer gut genug aussieht, um daneben zu stehen.
Die Kanzlei ist das Gedächtnis der Stadt, ihr Takt, ihre Gewohnheit, ihre Ordnung. Manchmal, wenn wir ehrlich sind, ihr letzter Schutz davor, dass aus großen Worten schlampige Wirklichkeit wird.
Und ich, ja, ich bin gut in Ordnung.
Es ist wahr. Ich vergesse Dinge selten. Ich höre zu, wenn andere abschweifen. Ich merke mir, wer was beschlossen haben wollte und später so tut, als habe er nie davon gehört. Ich erkenne meist den Unterschied zwischen Irrtum, Nachlässigkeit und sehr hübsch verpackter Lüge.
Ich habe genug Sitzungen des Rates erlebt, um zu wissen, dass das gebraucht wird.
Verwaltung ist nicht nur Tinte und Pergament, Verwaltung ist auch saubere Handschrift. Wer die Kanzlei führt, entscheidet darüber, was geordnet läuft, was liegenbleibt, was richtig erfasst, was versiegelt und was so unklar gehalten wird, dass am Ende niemand verantwortlich sein möchte.
Ich mag Verantwortung. Vielleicht mehr, als klug ist, vielleicht mehr, als man mir zutraut.
Doch wissen Sie, was ich nicht gut finde? Die kleine heuchlerische Gewohnheit, so zu tun, als seien Ämter immer nur Lasten, die uns zufällig zufallen. Als sei nicht jeder hier auf seine Weise eitel. Als wollten nicht fast alle von uns gesehen, gehört und bestätigt werden.
Ich bin fleißig genug, um das Amt auszufüllen. Eine Kanzlerin braucht nicht nur Anstand, nicht nur Überblick, nicht nur eine schöne Stimme und ruhige Hände beim Siegeln, obwohl das nicht schadet.
Sie braucht Disziplin, sie braucht den Willen, Akten, Register, Weisungen und Verwaltungsabläufe nicht als leider notwendiges Beiwerk zu behandeln, sondern als das, was sie sind: das Geflecht, das eine Stadt zusammenhält, wenn die Begeisterung längst weitergezogen ist.
Der Holzherr muss von jemandem ernannt werden, der versteht, was Holz eigentlich ist. Der Siegelherr muss begreifen, dass ein Siegel Vertrauen bedeutet. Der Matrikelherr muss wissen, dass Listen, Register und Einträge nicht langweilig sind, sondern die Art, wie eine Stadt sich selbst erinnert, wen sie hat, was sie schuldet und worauf sie Anspruch erhebt.
Ich weiß das, weil ich hinschaue. Und weil ich, im Unterschied zu manch anderem, nicht glaube, dass die eigentliche Arbeit immer unter mir wäre, solange der Auftritt stimmt.
Wobei ich natürlich weiß, dass ein guter Auftritt hilft, ich bin ja nicht blind. Aber darunter bin ich etwas Peinliches: gewissenhaft.
Ja, wirklich. Ich lese Dinge. Ganz. Sogar die langen Texte.
Ich markiere mir Stellen, ich stelle Rückfragen, ich denke an Fristen, ich merke, wenn was fehlt.
Wenn Sie mich wählen, bekommen Sie keine schläfrige Hüterin von Akten, sie bekommen keine blasse Verwalterin, die beim Siegeln schon wieder halb entschwindet. Sie bekommen eine Kanzlerin, die Beschlüsse kennt, Verwaltung führt, Ernennungen nicht leichtfertig vergibt und jeden im Blick behält, der glaubt, zwischen zwei Registern unbemerkt verschwinden zu können.
Ich werde dieses Amt nicht nur tragen, ich werde es ausfüllen. Bis zum Rand.
Wählen Sie mich zur Kanzlerin von Sewamund."
Rede von Khadan II. Degano
[...]
Ergebnis
[...]