Briefspiel:Vespa crabro/Der Morgen eines Pagen
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Der Morgen eines Pagen
In den Obergeschossen des Gebäudes, am frühen Morgen des 11. Firun 1046 BF
Autoren: León de Vivar und Rondrastein
Der Knabe Rondrigo gähnte herzhaft. Er war immer noch müde. Rondraseidank hatte er heute Morgen keinen Tafeldienst, sondern konnte ausschlafen. Solche Tage waren selten im Gefolge Seiner Hochgeboren, des Barons von Montarena, der die Unsitte pflegte, sich bereits gemeinsam mit oder gar noch vor dem Herrn Praios zu erheben und von seinem Gefolge ähnliche Mühsal zu verlangen. Rondrigo hatte immer mal einen Praiosgeweihten befragen wollen, was von derlei Hybris zu halten sei, aber zum Einen waren Praioten im Umfeld des Hauses Salsavûr so häufig wie Zwerge im Kloster der Santa Catalina und zum Anderen fürchtete Rondrigo den Zorn seines Herrn, der weitaus derischer war als der des Götterfürsten.
Er richtete sich auf seinem Lager auf und blickte sich in der Dachkammer um. Das andere Bett war leer. Wo war Calvert? Hatte Hochgeboren ihn bereits zum Schwertunterricht verdonnert? Ihm sollte es recht sein. Vor dem etwas tumben, aber niederhöllisch starken 19-Jährigen musste man sich fast noch mehr in Acht nehmen als vor dem Baron - insbesondere, wenn man selbst lediglich ein vorlauter zwölfjähriger Page war.
Es war Rondrigos Glück, dass dieses Wolfsrudel, das die Familia di Salsavûr war, so viele und noch andere Mitglieder hatte. Arn, der Zweitgeborene seines Herrn, zum Beispiel, mit dem er einige Zeit gemeinsam auf Quellstein unterrichtet wurde und den er vermisste. Salkya, die Tochter Lorians, mit der er nun gemeinsam den Unterricht durchstand. Onkel Timor, der stets gute Laune verbreitete. Und seine fast gleichaltrigen Basen Cinzia und Leonore, die ihn immer wegen seines Puniner Akzents neckten, mit denen er sich aber sonst blendend verstand.
Cinzia und Leonore! Sie waren ja hier! Auf Wulfenblut! Vielleicht konnten sie gemeinsam etwas unternehmen, ehe der Dienst rief? Aufspringen, sich waschen und in Schuhe und Pagengewand zu schlüpfen war eins.
Noch während er sich den Gürtel band, eilte er bereits die Treppe in das erste Obergeschoss hinunter. Das Lärmen weiter unten überhörte er gewissenhaft. ‘Warum stehen alle Türen offen?’, wunderte er sich, als er auf dem Flur der Herrschaften an einem großen dunklen Klumpen in roter Farbe ankam. Er blickte nach links, er blickte nach rechts. Noch mehr rote Farbe. Sein Körper begriff schneller als sein Geist. Und da würgte es ihn im Hals, ihn schwindelte, Halt suchend griff seine Linke nach dem Türstock, die Rechte zuckte zurück und in vollendeter Cortezia neigte sich Rondrigo de Vivar y Salsavûr nach vorne, um dem toten Mercenario ins Gesicht zu speien.
Kurz nachdem sich der Junge übergeben hatte, waren sich schnell nähernde, schwere Schritte im Treppenhaus zu vernehmen. Nicht lange danach tauchte eine bullige Gestalt mit blanker Klinge im Treppenaufgang auf und schaute sich um.
Er erblickte den jungen Vivar, mit den Händen auf die Knie gestützt und schwer keuchend. Aus seinem Munde troff sein Mageninhalt. Mit einem Anflug von Panik im bleichen Gesicht blickte der hübsche Page dem bulligen Leutnanten der Eisenwölfe entgegen. „Dom…, Dom Julfo!”, wies er mit zitternder Hand in die offen stehenden Zimmer hinein. „Sie sind… sie sind tot. Sie sind alle tot! Wer…?”
Julfo betrachtete den jungen Vivar kurz. Ehe sein Blick der Hand des Jungen folgte. Einen Augenblick betrachtete er die Szene, die sich ihm bot, bevor er seinen Blick wieder dem Jungen zuwandte. Dabei versuchte er, seine Miene möglichst ausdruckslos erscheinen zu lassen. „Ja”, war die knappe Antwort, die Rondrigo erhielt. Seine Antwort war vielleicht hart, aber weswegen sollte er den Jungen anlügen oder etwas beschönigen? Es war wie es war und schwer übersehbar, was hier geschehen war. Allerdings sollte er es nicht länger als notwendig mitansehen. „Komm mit, Rondrigo”, mit diesen Worten trat er näher an den Knaben heran und seine Linke legte sich um dessen Schultern. „Wir bringen dich zur Baronin!”
Die Frage des Jungen ließ er unbeantwortet, da er die Antwort darauf selbst nicht kannte. Er zog den jungen Almadaner mit sich, als er weiter den Gang entlang schritt, um zum Raum seines Barons zu kommen.