Briefspiel:Lilienratswahl 1046 BF/Kämmerer
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Die Kandidaten
Zur Wahl stellten sich die Ratsherrinnen Maralita Cortesinio und Tsaida Tribêc.
Rede von Maralita Cortesinio
Verehrte Mitglieder des Lilienrats,
geschätzte Damen und Herren,
und all jene, die bei dem Wort Geld entweder blass werden oder heimlich schneller atmen, ich will ehrlich zu Ihnen sein.
Das ist bei Kämmererreden nicht immer üblich, ich weiß. Meist spricht man dort mit ehrfürchtiger Miene über Heller, als seien sie fromme Reliquien, und über Kassenbücher, als lägen darin die Gebote der Zwölfe selbst.
Ich nicht, ich sage es lieber klar:
Ich will Kämmerin werden.
Ich will es nicht, weil ich Geld unangenehm finde, ich will es, weil ich Geld ernst nehme, weil ich weiß, was es vermag, weil ich weiß, was es verrät, weil ich weiß, dass eine Stadt ohne kluge Hand in ihrer Kasse sehr rasch zu einer schönen Ruine wird.
Manche unter Ihnen werden nun vielleicht denken: Ach, Maralita Cortesinio. Natürlich will sie an die Stadtkasse. Diese Frau liebt Gold doch mehr als gute Sitten.
Nun, erstens halte ich gute Sitten für etwas überschätzt, solange sie unprofitabel sind, und zweitens, ja, ich liebe Gold.
Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe es nicht, weil es glänzt, ich liebe es, weil es Macht besitzt.
Gold baut keine Deiche von selbst, aber ohne Gold bleiben Deiche ein Wunsch. Gold bezahlt keine Marktbüttel aus Tugend, aber ohne Gold lassen sich Tugend und Ordnung auf dem Markt erstaunlich schwer durchsetzen. Gold entscheidet nicht alles, aber ohne Gold entscheidet in einer Stadt bald nur der Zufall, und ich habe den Zufall nie für einen guten Verwalter gehalten.
Sie kennen den Spruch: Neue Besen kehren besser.
Ich weiß, man sagt ihn gern, wenn man jemanden loswerden will, der schon zu lange auf demselben Stuhl sitzt. Heute sage ich ihn, weil er wahr ist.
Denn bei allem schuldigen Respekt vor langjähriger Amtsführung, eine Kasse, die lange von denselben Händen geöffnet und geschlossen wird, entwickelt eigene Gewohnheiten. Gewohnheiten sind gefährlich, sie machen träge, machen blind. Sie machen aus jeder alten Reihenfolge plötzlich eine gesetzte Ordnung, selbst wenn sie längst schon Staub ansammelt.
Wenn man lange genug auf einem Schlüsselbund sitzt, hält man das Klimpern irgendwann für Regierungskunst. Aber ich halte es ja für eine liebenswürdige Eigentümlichkeit dieses Rates, dass man Stillstand gern mit Tugend verwechselt, sobald er nur genügend Jahre gedauert hat. Gewiss, man kann sich zugutehalten, sich nichts zuschulden kommen gelassen zu haben. Das ist ordentlich. ehrenwert, beruhigend. Aber es ist noch lange kein Beweis dafür, dass man die Stadt voranbringt. Man kann einen Schrank jahrzehntelang verschlossen halten und trotzdem vergessen, dass sich darin Motten eingenistet haben.
Ich dagegen komme mit frischem Blick. Und nein, ehe hier jemand süffisant lächelt: frisch heißt nicht unerfahren.
Ich habe in Brabak gelebt. Wer in Brabak gelernt hat zu wirtschaften, der lernt es nicht in samtgefütterten Truhen und bei stets wohlgefüllten Speichern. In Brabak lernt man, wie man aus wenig mehr macht, wie man den letzten brauchbaren Heller nicht beklagt, sondern einsetzt, wie man zwischen wertlos, wertvoll und lediglich teuer unterscheidet.
In Brabak, meine Damen und Herren, können die meisten Menschen es sich nicht leisten, Geld zu verachten. Dort lernt man, dass Reichtum nicht daraus entsteht, dass man Münzen ehrfürchtig betrachtet, sondern dass man sie bewegt.
Genau das ist der Punkt: Sewamund braucht keine Kämmerin, die Geld bloß hortet wie eine satte Spinne in ihrer dunklen Ecke, Sewamund braucht eine Kämmerin, die den Geldfluss lenkt.
Steuern, Geldstrafen, Kurtaxen, Zölle aus Stadt und Umland, all das fließt in die Kasse, doch entscheidend ist nicht nur, dass es hineinfließt, entscheidend ist, dass es vollständig, geordnet und gewinnbringend hineinfließt.
Ich werde hinschauen, wo Geld versickert, ich werde fragen, wo Abgaben schlampig erhoben werden, ich werde wissen wollen, wo der Markt mehr tragen könnte, wenn man ihn klüger führte.
Und ich werde nicht davor zurückschrecken, Leuten auf die Finger zu sehen, die sich allzu sicher waren, nie gefragt zu werden.
Denn glauben Sie mir: Zwischen einer gut geführten Kasse und einer ausgeweideten Kasse liegt oft nur der Unterschied zwischen einer wachen Frau und einer schläfrigen.
Zur Kämmerin gehören die Marktbüttel, und ich sage Ihnen ganz offen: Ich halte viel von Märkten und von Ordnung, aber nur in dieser Reihenfolge. Ein Markt soll leben, lärmen, locken, feilschen, verführen, er soll nach Pfeffer, Fisch, Tinte, Stoff und ehrlicher Gier riechen, aber er soll dabei nicht verkommen.
Darum werde ich nur Leute einsetzen, denen ich mein Vertrauen ausspreche.
Einen Gastherrn, der nicht jeden Wirt für einen Heiligen hält, aber auch nicht jeden Schankraum wie eine Räuberhöhle behandelt. Einen Marktherrn, der Handel versteht und nicht glaubt, ein Markt gedeihe am besten unter drei Lagen Vorschrift. Und einen Anführer der Marktbüttel, der Präsenz zeigt, statt nur als Zierde mit steifem Stab herumzustehen.
Ordnung ist wichtig, aber Ordnung, die Handel erstickt, ist Armut in Uniform.
Da wir schon bei Armut sind: Lassen Sie mich eine kleine Ungehörigkeit sagen. Ich mag das.
Viele Leute reden über Geld, als wäre es unanständig, als müsste man erröten, wenn man zugibt, dass eine Stadt Wohlstand braucht, als sei Gewinn etwas, das im Dunkeln stattfindet und nicht nach Parfum riechen dürfe. Ich halte das für kindisch.
Reichtum ist nichts Schändliches. Gier ist gut. Schändlich ist es nur, wenn andere Städte reicher werden, weil in der eigenen Stadt schlecht gewirtschaftet wird.
Ein guter Kämmerer muss Macht verstehen, er muss wissen, wer zahlt, wer drückt, wer verzögert, wer sich arm stellt, wer sich freikauft, wer prahlt und wer betrügt. Er muss Menschen lesen können wie Kontobücher. Er darf keine Scheu davor haben, den Preis von Dingen und von Menschen korrekt einzuschätzen.
Ich verspreche Ihnen:
Unter mir wird die Kasse Sewamunds nicht einschlafen.
Unter mir wird der Markt nicht schlampig beaufsichtigt.
Unter mir wird Geld nicht nur verwaltet, sondern beherrscht.
Und ich sage es noch deutlicher: Ich will keine Kämmerin sein, die sich dafür loben lässt, dass unter ihr alles geblieben ist, wie es gestern war. Ich will die Frau sein, unter der Sewamund merkt, dass eine volle Kasse nicht bloß beruhigt, sondern begehrt, bewegt und vergrößert werden kann.
Am Ende, meine Damen und Herren, ist eine Stadt nicht reich, wenn sie nur viel besitzt. Sie ist reich, wenn sie aus dem, was sie besitzt, Macht, Sicherheit und Zukunft macht.
Genau das kann ich.
Darum bitte ich um Ihre Stimme.
Rede von Tsaida Tribêc
Verehrte Mitglieder des Lilienrats,
geschätzte Damen und Herren,
keine Sorge, ich werde Sie nicht mit Zahlen erschlagen. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich Ihnen Abschriften aus den Kassenbüchern austeilen lassen, und Sie hätten die nächsten Minuten weit schweigsamer verbracht.
Nein. Ich möchte vier Einträge loswerden:
Erster Eintrag: Vertrauen.
Ihr kennt mich. Selbst wenn Ihr mich nicht mögt, kennt Ihr mich zumeist wenigstens lange genug, um zu wissen, dass ich meine Arbeit tue. Seit vielen Jahren bin ich Kämmerin dieser Stadt, seit vielen Jahren beaufsichtige ich die Börse und die Kasse Sewamunds, in die Steuern, Geldstrafen, Kurtaxen und Zölle fließen und aus der bezahlt wird, was die Stadt zusammenhält: Wachen, Bauten, Instandsetzungen, Vorräte, Verpflichtungen, Notwendigkeiten.
In all diesen Jahren hat man mir vieles nachsagen können, dass ich streng bin, dass ich zuweilen genau nachfrage, dass ich manche Rechnungen länger ansehe als Gesichter, dass ich bei Ausgaben selten in Verzückung gerate, aber eines hat man mir nicht nachsagen können, dass ich mir an Sewamunds Geld auch nur einen Heller habe zuschulden kommen lassen. Keine verschwundene Münze, kein seltsam leichter Beutel, kein Zoll, der im Nirgendwo versickerte, keine Geldstrafe, die aus Versehen in die falsche Truhe fiel.
Ihr wisst, dass durch meine Hände viele Schlüssel gingen, aber nie einer, den ich nicht haben durfte. Das führt zu meinem
Zweiten Eintrag: Versuchung.
Darüber will ich offen sprechen. Es ist kein Geheimnis, dass ich mit Baron Irion befreundet war, vielleicht inniger, als es politisch klug war. Nun gut. Ich mochte ihn. Tsa bewahre mich vor einem Alter, in dem das nicht angebracht gewesen wäre, ungeachtet seiner späteren Taten. Das wäre kein Zeichen von Weisheit, sondern ein trauriger Verlust an Lebensfreude.
Aber, weder ein schönes Lächeln noch ein wohlgeschnittener Wamsrock, weder Freundschaft noch Zuneigung haben mir je die Hand an Sewamunds Kasse geführt.
Ich konnte einem Freund ein Ohr leihen, ich konnte ein Glas einschenken, ich konnte, bei günstiger Stimmung, sogar mehr Nachsicht im Ton schenken.
Aber niemals die Stadtkasse. Das halte ich für die eigentliche Probe einer Kämmerin: Nicht, wie sie mit Feinden umgeht, sondern ob sie selbst Freunden Grenzen setzt. Wer einem Freund kein Geld schenkt, das ihm nicht gehört, der wird einem Fremden erst recht nichts nachwerfen.
Lasst mich also über Geld sprechen.
Dritter Eintrag: Einnahmen und Ausgaben
Die Kämmerin beaufsichtigt nicht irgendeine Truhe in einem dunklen Zimmer, sie wacht über den Kreislauf der Stadt, Steuern, Zölle, Kurtaxen, Geldstrafen, Einnahmen aus Markt und Handel, Ausgaben für Schutz, Ordnung, Bau, Versorgung und Verwaltung.
Das klingt nach viel Arbeit. Und ja, das ist es auch. Aber eine Stadt bezahlt Deiche nicht mit Begeisterung, sie flickt ihre Mauern nicht mit schönen Worten und Marktbüttel arbeiten, soweit ich weiß, nur höchst ungern für Dankbarkeit allein.
Eine Stadt muss sich erneuern können, sie muss an der rechten Stelle investieren können, sie muss im rechten Augenblick ausgeben können, ohne später zu darben.
Darum erlauben Sie mir diesen Satz: Ein Stadtsäckel ist wie ein gutes Mieder. Zieht man ihn zu locker, fällt alles auseinander, schnürt man ihn zu fest, bekommt niemand mehr Luft.
Eine gute Kämmerin muss wissen, wann sie fester ziehen muss und wann sie lockern darf, ohne dass der Auftritt entgleist.
Ich weiß, wann man sparen muss. Ich weiß, wann Aufschub teuer wird. Ich weiß, wann eine neue Abgabe nötig ist und wann sie der Stadt mehr schadet als nützt. Und ich weiß vor allem, dass Geld nicht dazu da ist, die Eitelkeit einzelner zu füttern, sondern das Gemeinwesen zu tragen.
Vierter Eintrag: Ordnung
Die Kämmerin zählt nicht nur Geld. Sie sorgt auch dafür, dass es ankommt, bewacht und ordentlich erhoben wird. Darum befehligt sie die Marktbüttel, darum ernennt sie Gastherr, Marktherr und den Korporal der Marktbüttel.
Das sind keine Nebenrollen, das sind die Hände, Augen und Stiefel des Amtes. Der Gastherr muss wissen, wie man Einnahmen aus Ausschank und Herberge beaufsichtigt, ohne jedes Wirtshaus wie eine Räuberhöhle zu behandeln. Der Marktherr muss Maß, Waage, Zoll und Handel im Blick behalten, ohne den Markt mit Kleinlichkeit abzuwürgen. Und der Korporal der Marktbüttel muss Ordnung durchsetzen, ohne aus einem schiefen Karrenrad einen Notfall zu machen.
Ich werde diese Ämter nicht nach Gefälligkeit vergeben. Nicht nach Lautstärke. Nicht nach Familiennamen allein. Sondern nach Tauglichkeit.
Darin zeigt sich der Unterschied zwischen einer ehrbaren Kämmerin und einer schlechten:
Die eine sammelt Münzen, die andere baut ein zuverlässiges Gefüge.
Ich kenne Sewamund gut genug, um zu wissen, wer für solche Aufgaben taugt und wer sich nur gern mit Schlüsselbund und Befehlsstimme sehen würde.
Meine Damen und Herren,
ich möchte Ihnen heute keine schillernde Zukunft verkaufen, ich verspreche Ihnen keine goldenen Brunnen und keine Wunder, sondern etwas Schlichtes, und, wie ich finde, etwas Wertvolleres: Bewährung.
Ihr kennt mich, Ihr kennt mein Wesen, Ihr kennt meine Strenge, meinen Blick, meine Geduld und gelegentlich auch meine Ungeduld.
Ihr wisst, dass ich nicht jedem gefalle, aber Ihr wisst auch, dass ich der Stadt gedient habe, ohne mich an ihr zu bedienen.
Darum bitte ich Sie um Ihre Stimme.
Ergebnis
Tsaida Tribêc: / / / / / / / / / / / / / (14)
Damit ist Tsaida Tribêc in das Amt gewählt.